Leseprobe zu "Todesbote" von James Patterson
Ich weiß Dinge, die ich nicht wissen will.
Ein mordender Psychopath hat nichts mit dem klassischen Stereotyp "Der Mörder
ist immer der Gärtner" gemein. Er ist weder ein bewaffneter Räuber, der sein Gewehr auf einen unglückseligen Schnapsladenbesitzer entlädt, noch ein Mann, der in das Büro eines Aktienhändlers stürmt und ihm den Kopf wegpustet, oder ein Ehemann, der seine Frau wegen einer tatsächlichen oder eingebildeten Affäre erwürgt.
Psychopathen werden nicht durch Liebe, Angst, Wut oder Hass angetrieben. Solche Gefühle kennen sie nicht.
Glauben Sie mir: Sie fühlen überhaupt nichts.
Gacy, Bundy, Dahmer, BTK und die anderen Mitglieder der Liga krankhafter Mörder waren völlig unbeteiligt; sie wurden lediglich von sexuellem Verlangen und dem Nervenkitzel angetrieben, den sie beim Morden verspürten. Die Reue, die man in Ted Bundys Augen zu sehen glaubte, nachdem er den Mord an dreißig jungen Frauen gestanden hatte, war das Ergebnis der eigenen Vorstellung. Ein Psychopath unterscheidet sich nämlich von anderen Mördern dadurch, dass ihn alles unberührt lässt - das Leben seiner Opfer genauso wie ihr Tod. Doch Psychopathen können durchaus vorgeben, sich Sorgen zu machen. Sie ahmen menschliche Gefühle nach, um sich unauffällig unter uns zu bewegen und ihre Beute zu ködern. Sich immer näher an sie heranzuschleichen. Nach dem Mord geht es auf zu neuen Taten, zu noch größerer Spannung ohne Grenzen und Tabus. Unaufhaltsam.
Ich habe gehört, dieser Appetit lenke einen Psychopathen ab, weswegen er beim Morden auch mal etwas vermasselt und einen Fehler begeht.
Vielleicht erinnern Sie sich an den Fall, als das Bikinimodel Kim McDaniels von einem Sandstrand auf Hawaii entführt worden war. Lösegeld wurde nie gefordert. Die örtliche Polizei war langsam, arrogant und ahnungslos, es gab keine Zeugen oder Informanten, die Hinweise darauf geben konnten, wer diese schöne, begabte junge Frau entführt hatte.
Damals war ich ein Expolizist, der zum Krimiautor umgesattelt hatte, doch nachdem mein letztes Buch schon kurz nach der Auslieferung auf den Wühltischen gelandet war, tat ich als Autor auf der Ersatzbank das Einzige, was mir noch blieb, wenn ich keine Schundliteratur schreiben wollte.
Ich berichtete für die L. A. Times über Verbrechen, wo, mal anders betrachtet, auch die Anfänge des Autors Michael Connelly für Ruhm und Ehre lagen.
Ich saß am Freitagabend, vierundzwanzig Stunden nach Kims Entführung, an meinem Schreibtisch. Ich ließ mich gerade in einem der üblichen Artikel über tödliche Unfälle mit Fahrerflucht aus, als mein Redakteur, Daniel Aronstein, sich um meine Trennwand schob, "fang" rief und mir ein Ticket nach Maui zuwarf.
Ich war fast vierzig, abgestumpft von den vielen Tatorten, die ich gesehen hatte, und redete mir ein, dass ich genau an der richtigen Stelle saß, um eine Idee für ein Buch zu bekommen, die meinem Leben ein weiteres Mal eine Wende geben würde. Es war eine Lüge, an die ich glaubte, weil sie meine schwindende Hoffnung auf eine bessere Zukunft nährte.
Komisch ist nur, als sich mir die große Idee förmlich aufdrängte, bemerkte ich sie nicht.
Aronsteins Ticket nach Hawaii versprach mir die dringend benötigte Abwechslung. Ich stellte mir einen Fünf-Sterne-Schuppen, Strandbars und halbnackte Mädchen vor, um deren Gunst ich buhlen würde. Und all das auf Kosten der L. A. Times.
Ich schnappte mir das Ticket und flog los zur größten Geschichte meiner Karriere.
Kim McDaniels' Entführung hatte einen Flächenbrand von noch unbestimmter Dauer ausgelöst. Alle Nachrichtensender unseres Planeten berichteten bereits über diese brandheiße Geschichte, als ich mich zu der schnatternden Schar der Reporter an der Polizeiabsperrung vor dem Wailea Princess Hotel gesellte.
Zunächst dachte ich, was alle Journalisten dachten - dass Kim, nachdem sie sich betrunken hatte, von ein paar bösen Jungs abgeschleppt, vergewaltigt, zum Schweigen gebracht und beseitigt worden war. Und auch ich dachte, dass die "vermisste Schönheit" eine Woche oder einen Monat lang die Schlagzeilen beherrschen würde, bis eine bigotte Berühmtheit oder das Ministerium für Heimatschutz die Titelblätter zurückerobern würden.
Doch ich musste mir meine Selbsttäuschung bewahren und meine Ausgaben rechtfertigen, weswegen ich nur zu gern bereit war, über eine gehässige, unwiderstehliche Räuberposse zu berichten.
Indem ich dies tat, und nicht, weil ich es darauf anlegte, wurde ich Teil der Geschichte, ausgewählt von einem schwerwiegend geistesgestörten Mörder, der sich seinerseits an seine Selbsttäuschung klammerte.
Das Buch, das Sie in Händen halten, ist die wahre Geschichte eines versierten, schwer fassbaren Ungeheuers der allerersten Güte, wie man vielleicht sagen könnte. Er nannte sich Henri Benoit. Wie hatte er sich mir gegenüber ausgedrückt? "Jack the Ripper wäre es nicht im Traum eingefallen, so zu töten, wie ich es getan habe."
Seit Monaten halte ich mich an einem abgelegenen Ort auf, um "Henris" Geschichte niederzuschreiben. Wegen der vielen Stromausfälle, die es hier gibt, habe ich mich an eine normale Schreibmaschine gewöhnt.
Wie sich zeigte, brauchte ich das Internet nicht, weil das, was meine Bänder, Aufzeichnungen und Zeitungsausschnitte nicht enthalten, fest in meinem Gehirn eingebrannt ist.
In "Todesbote" geht es um einen beispiellosen Mörder, der den Einsatz in bisher ungekannte Höhen trieb; es geht um einen Mörder, wie es ihn zuvor noch nie gegeben hatte und den es auch nicht so schnell wieder geben wird.
Beim Schreiben allerdings muss ich mir eine gewisse literarische Freiheit gönnen, da ich nicht weiß, was Henri oder seine Opfer dachten.
Aber dies ist kein Grund zur Sorge, überhaupt nicht. Die Tatsachen nämlich hat mir Henri mit eigenen Worten erzählt.
Und die Tatsachen entsprechen der Wahrheit. Und wenn Sie die Wahrheit lesen, werden Sie mehr als schockiert sein. Mir erging es nicht anders.
Benjamin L. Hawkins
Mai 2009
Ein fotogenes Mädchen
Barfuß und in einem blauweiß gestreiften Minikleid erwachte Kim McDaniels durch einen Schlag gegen ihre Hüfte, der einen blauen Fleck hinterlassen würde. Fragen drängten in ihr Bewusstsein, während sie in der Dunkelheit ihre Augen öffnete.
Wo war sie? Was, zum Teufel, war hier los?
Sie fummelte an der Decke herum, die über ihrem Kopf lag, bis sie sie endlich von ihrem Gesicht ziehen konnte. Sie bemerkte mehrere Dinge: Ihre Hände und Füße waren gefesselt, und sie befand sich in einem sehr engen Raum.
"Hey!", beschwerte sie sich, als sie von einem weiteren Stoß durchgeschüttelt wurde.
Leseprobe zu "Todesbote" von James Patterson
"59 (S. 175-176)
Der gut aussehende Herr mit dem weißblonden Haar ging einen mit roten Seidentapeten verkleideten Flur entlang, der in einer zugigen Eingangshalle mündete. Am anderen Ende erhob sich eine steinerne Rezeption aus dem Boden, der Angestellte dahinter empfing den Gast mit einem Lächeln und gesenktem Blick. »Ihre Suite ist für Sie bereit, Mr. Meile. Willkommen im Pradha Han.« »Es ist schön, wieder hier zu sein«, sagte Henri.
Er schob seine Brille auf die Stirn, als er den Kreditkartenbeleg unterschrieb. »Hast du den Golf für mich warm gehalten, Raphee?« »Oh, ja, Sir. Wir möchten unsere werten Gäste nicht enttäuschen.« Henri öffnete die Tür zu einer luxuriösen Suite. Dort zog er sich aus und warf im großzügig eingerichteten Schlafzimmer seine Kleider auf das Doppelbett, über das ein Moskitonetz gespannt war. In einen seidenen Bademantel gehüllt, naschte er von der Schokolade und den getrockneten Mangos, während er BBC World sah, erpicht darauf, den aktuellen Stand der Informationen über die »Mordserie in Hawaii, die die Polizei immer noch in Atem hält« zu erfahren.
Zufrieden dachte er darüber nach, dass dies die Spanner wirklich zufrieden stellen würde, als das Glockenspiel an der Tür die Ankunft seiner speziellen Freunde ankündigte. Aroon und Sakda, schlanke Jungen im zarten Alter von etwas über zehn Jahren mit kurzem Haar und dunkler Haut, verbeugten sich vor dem Mann, den sie als Mr. Paul Meile kannten. Lachend warfen sie ihre Arme um ihn, als er sie mit ihren Namen anredete.
Der Massagetisch stand auf einem einzelnen Balkon mit Blick auf den Strand. Während die Jungen die Laken ausbreiteten und Öle und Lotionen aus ihren Taschen nahmen, stellte Henri seine Videokamera auf und richtete die Linse auf den Tisch. Aroon half Henri aus dem Bademantel, Sadka faltete ein Laken zusammen und legte es über Henris Unterkörper. Schließlich begannen sie mit der Spezialität des Pradha Han Spa, der vierhändigen Massage. Henri seufzte, als die Jungen gleichzeitig über seine verspannten Muskeln strichen, die Hmong-Creme einrieben und den Stress der vergangenen Woche wegmassierten.
Nashornvögel kreischten im Dschungel, die Luft roch nach Jasmin. Genau wegen dieses unvergleichlich köstlichen und sinnlichen Erlebnisses kam er mindestens einmal im Jahr hierher. Die Jungen drehten Henri um und zogen gleichzeitig an seinen Händen, um seine Arme bis zu seinen Fingerspitzen zu dehnen, taten das Gleiche mit seinen Füßen, strichen über seine Stirn, bis er die Augen öffnete und auf Thailändisch fragte: »Aroon, holst du bitte meine Brieftasche von der Kommode?« Als Aroon zurückkehrte, nahm Henri weit mehr Geldscheine heraus als die wenigen hundert Bhat, die er ihnen für die Massage schuldete.
Er wedelte mit dem Geld vor ihren Gesichtern. »Yak ja yoo len game tor mai?«, fragte er. »Möchtet ihr bleiben und noch ein bisschen spielen?« Die Jungen kicherten und halfen dem reichen Mann, sich auf dem Massagetisch aufzusetzen. »Was für Spiele möchtest du spielen, Daddy?«, fragte Sadka. Henri erklärte, woran er dachte. Sie klatschten in die Hände und nickten scheinbar aufgeregt über den bevorstehenden Spaß. Abwechselnd küsste er ihre Handflächen. Wie er diese süßen Jungen liebte. Für ihn war es das reinste Vergnügen, wenn er mit ihnen zusammen war."
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