Leseprobe zu "Tiefer gelegt" von Janet Evanovich
Nur weil ich weiß, wie ich einem Typen das Öl ablassen kann, will ich noch lange nicht den Rest meines Lebens auf dem Rücken liegen und seinen Unterbau anstarren. Das ist für mich abgehakt. Okay, mein Vater besitzt eine Werkstatt. Und okay, ich bin ein Naturtalent im Frisieren, wenn es um einen Vergaser geht. Aber im Leben jeder jungen Frau kommt der Augenblick, an dem sie ihren Overall gegen ein Paar High Heels von Manolo Blahnik eintauschen muss. Nicht, dass ich mir viele Manolos leisten könnte, aber es ist ein Ziel, stimmt's?
Ich heiße Alexandra Barnaby, und ich arbeitete erst während meiner gesamten High-School-Zeit und später in allen College-Sommerferien in der Werkstatt meines Vaters im gutbürgerlichen Canton-District von Baltimore. Es ist keine große, schicke Werkstatt, aber sie trägt sich, und mein Dad hat den Ruf, ehrlich und zuverlässig zu sein.
Als ich zwölf war, brachte mein Dad mir bei, wie man mit einem Autogenbrenner umgeht. Als ich damit schweißen konnte, überließ er mir ein paar Ersatzteile und unseren ausgemusterten Rasenmäher, daraus baute ich mir einen Gokart zusammen. Mit sechzehn begann ich, einen zehn Jahre alten verschrotteten Chevy umzubauen. Ich tunte ihn zu einer Rennmaschine. Damit fuhr ich zwei Jahre lang bei verschiedenen Rennen rund um Baltimore mit.
"Da ist sie wieder, Leute", höre ich heute noch den Sprecher rufen. "Barney Barnaby. Die Nummer sechzehn, der Schrecken von Baltimore County. Sie nähert sich der Nummer acht. Jetzt zieht sie nach innen. Moment, ich sehe Flammen aus der Nummer sechzehn schlagen. Jetzt verschwindet alles im Qualm. Sieht aus, als hätte sie den nächsten Motor verheizt. Gut, dass sie bei ihrem Dad in der Werkstatt arbeitet."
Ich konnte also Autos bauen und Autos fahren. Aber wie man sie fuhr, ohne dass man sie dabei verheizte, blieb mir ein Rätsel.
"Barney", sagte mein Dad oft, "ich könnte schwören, dass du diese Motoren nur ruinierst, damit du sie hinterher wieder zusammensetzen kannst."
Möglicherweise unterbewusst. Mit dem Gehirn ist das so eine Sache. Dafür wusste ich genau, dass mein Bewusstsein es hasste, wenn ich verlor. Und ich verlor wesentlich öfter, als dass ich gewann. Also fuhr ich zwei Jahre lang Rennen und packte dann wieder ein.
Mein kleiner Bruder Wild Bill fuhr ebenfalls. Ihm war es egal, ob er gewann oder verlor. Er fuhr Rennen, weil er gern im Kreis raste und sich mit den anderen Jungs im Weitpinkeln messen wollte. Bill wurde in seinem letzten Schuljahr gleichzeitig zum Beliebtesten seines Jahrgangs und zum Abgänger mit den schlechtesten Zukunftsaussichten gewählt.
Die Erwartungen, die seine Mitschüler in Bills Karriere setzten, spiegelten seine Lebensphilosophie wider. Wenn arbeiten Spaß machte, würde es Vergnügen heißen. Ich war immer ein ernstes Kind gewesen, während Bill immer gewusst hatte, wo die Post abging. Vor zwei Jahren hatte Bill Good-bye Baltimore und Hello Miami gesagt. Es zog ihn in die träge Sonnenhitze, ans offene Meer, zu den Bikini-Girls.
Vor zwei Tagen verschwand Bill vom Antlitz der Erde. Und zwar, während ich mit ihm redete. Sein Anruf hatte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen.
"Barney", brüllte Bill aus dem Hörer. "Ich muss eine Weile aus Miami verschwinden. Sag Mom, dass es mir gut geht."
Ich fixierte mit zusammengekniffenen Augen den Wecker. Zwei Uhr morgens. Nicht allzu spät für Bill, der gern etwas länger in den Bars von South Beach abhing. Tiefste Nacht für mich, die ich von neun bis fünf arbeitete und abends um zehn Uhr ins Bett fiel.
"Was ist das für ein Krach?", fragte ich. "Ich kann dich kaum verstehen."
"Bootsmotor. Pass auf, macht euch keine Sorgen, wenn ihr nichts von mir hört. Falls ein paar Typen auftauchen und nach mir suchen, dann stell dich dumm. Es sei denn, es ist Sam Hooker. Sam Hooker kannst du ausrichten, dass er meinen Auspuff küssen kann."
"Typen? Was für Typen? Und was soll das heißen, dass ich mich dumm stellen soll?"
"Ich muss Schluss machen. Ich muss... o Scheiße!"
Ich hörte im Hintergrund eine Frau schreien, und dann war die Leitung tot.
In Baltimore herrscht im Januar arktische Kälte. Der Wind peitscht vom Hafen her in die Stadt und schneidet durch die Straßen bis in die Vororte. Jedes Jahr brechen ein paar Schneestürme und mehrere Eisschauer über uns herein, aber vor allem liegt eine graue, trübselige, knochenkrachende Kälte über der Stadt. Inmitten dieser eisigen Trübsal köcheln auf zahllosen Öfen Töpfe voller Chili, fließt das Bier in Strömen, werden Würste in harte Semmeln gestopft und Donuts zu einer Überlebensfrage.
In Miami ist es im Januar heiß, wie ich inzwischen weiß. Ich hatte den Mittagsflug ex Baltimore/Washington International genommen und war am späten Nachmittag in Miami gelandet. Als ich losgezogen war, war ich in eine gesteppte Daunenjacke, einen Burberryschal aus Kaschmirwolle, vliesgepolsterte Stiefel und dicke Lammfellhandschuhe gehüllt. Ideal für Baltimore. Weniger genial für Miami. Direkt nach der Ankunft hatte ich den Schal und die Handschuhe in die mittelgroße Reisetasche gestopft, die über meiner Schulter hing, die Jacke um die Taschenriemen gewickelt und mich auf die Suche nach dem Taxistand gemacht. Der Schweiß durchtränkte meinen Push-up von Victoria's Secret, die Haare klebten mir an der Stirn, und ich schnappte japsend Luft, die nach heißer Suppe schmeckte.
Ich bin inzwischen dreißig. Durchschnittlich groß und durchschnittlich gebaut. Ich habe keinen Supermodel-Body, aber ich sehe okay aus. Mein Haar ist von Natur aus mausbraun, aber seit ich nicht mehr als weiblicher Schmiermaxe arbeite, habe ich angefangen, es zu bleichen. Zur Zeit ist es platinblond und in einem halblangen Fransenschnitt frisiert, den ich bei passender Gelegenheit mit Gel aufpeppen kann. Ich habe blaue Augen, einen Mund, der ein bisschen zu groß für mein Gesicht ist, und eine perfekte Nase, die ich von Grandma Jean geerbt habe.
Als ich neun war, fuhren meine Eltern mit mir und Bill ein paar Tage nach Disney World. Das ist alles, was ich an authentischen Florida-Erfahrungen aufbieten kann. Mein restliches Wissen über Florida beschränkt sich im Wesentlichen auf die Horrorstorys über Ungeziefer von Moms Freundin Elsie Duchen. Elsie überwintert jedes Jahr bei ihrer Tochter in Ocala. Elsie schwört, dass in Florida die Kakerlaken groß wie Kühe sind. Und sie behauptet, sie können fliegen. Ich will eines mal klarstellen: Wenn ich auch nur eine kuhgroße Küchenschabe vorbeifliegen sehe, sitze ich im nächsten Flugzeug nach Hause.
Ich nannte dem Taxifahrer Bills Adresse, plumpste in den
Sitz und ließ Miami an meinem Fenster vorbeiziehen. Zum Auftakt gab es eine lange Betonstraße, die sich in einem verwirrenden Verhau von Kreuzungen und Auffahrten verlor. Die Auffahrten ringelten sich zu breiten Highways empor. Die breiten Highways senkten sich wieder und verloren sich in der Ferne. Nach ein paar Minuten erschien am Horizont, genau vor mir, die Skyline von Miami, und ich hatte das Gefühl, mich auf der Straße ins Zauberland Oz zu befinden. Die Straßenränder waren von Palmen gesäumt. Der Himmel war azurblau. Alle Autos waren sauber. Exotik pur für ein Mädchen aus Baltimore.
Wir rollten über die Causeway Bridge, womit wir Miami hinter uns ließen und nach Miami Beach kamen. In meinem Magen spürte ich ein tiefes Loch, und die Knöchel, mit denen ich meine Tasche umkrampfte, waren weiß. Ich machte mir Sorgen um Bill, und meine Angst wuchs, je näher wir seinem Apartment kamen. Hey, sagte ich mir. Entspann dich. Reiß die Finger von der Reisetasche los. Bill ist nichts passiert. Dem passiert nie etwas. Wie eine Katze landet er immer auf den Füßen. Stimmt schon, er ging nicht ans Telefon. Und er war nicht in der Arbeit erschienen. Kein Grund zur Panik. Hier ging es um Wild Bill. Der setzte nicht immer dieselben Prioritäten wie andere Menschen.Immerhin hatte Bill sogar seine Abschlussfeier an der High School verpasst, weil er auf dem Weg zur Verleihungszeremonie eine verletzte Katze am Straßenrand aufgelesen hatte.
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