Submarino - Bengtsson, Jonas T.
Videoclip

Jonas T. Bengtsson 

Submarino

Tropen. Roman

Aus d. Dän. v. Günther Frauenlob
Gebundenes Buch
 
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**** sehr gut
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Submarino

Zwei Brüder kämpfen sich durch ein Leben aus Drogen, Gewalt und Einsamkeit. Als die Mutter stirbt, begegnen sie sich nach langer Zeit wieder und fassen Hoffnung. Aber schon bald holt das Leben sie wieder ein."Submarino" ist packender, kompromissloser Realismus. Wer dieses Buch liest, wird ein anderer Mensch. Der Roman wird derzeit von Thomas Vinterberg ("Das Fest") verfilmt.

Nick ist Bodybuilder und Ex-Knacki und haust in einem heruntergekommenen Wohnheim am Stadtrand Kopenhagens. Er trainiert hart und trinkt viel. Die nächtlichen Albträume vertreibt er mit lieblosem Gelegenheitssex. Sein älterer Bruder ist alleinerziehender Vater und Heroin-Junkie. Er lebt in ständiger Angst, seinen Sohn zu verlieren oder die Drogen aufgeben zu müssen. Als ihre Mutter stirbt, begegnen sie sich nach langer Zeit wieder und beschließen einen Neuanfang. Doch bald holt das Leben sie ein ...

Submarino: Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird.

"Jonas T. Bengtsson schreibt so gut, dass es weh tut." Ekstra Bladet


Produktinformation

  • Verlag: Klett-Cotta
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 383 S.
  • Seitenzahl: 383
  • Tropen bei Klett-Cotta
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 150mm x 30mm
  • Gewicht: 530g
  • ISBN-13: 9783608501056
  • ISBN-10: 3608501053
  • Best.Nr.: 26373494
"Jonas T. Bengtsson schreibt so gut, dass es weh tut." (Ekstra Bladet)
Jonas T. Bengtsson, geboren 1976, lebt in Kopenhagen.

Leseprobe zu "Submarino" von Jonas T. Bengtsson

Für Youssef

Submarino: Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird.

IVAN

1

Das Fitnesscenter liegt im ersten Stock eines alten Fabrikgebäudes. Die Tür geht auf, er kommt die Treppe herunter und sieht sich mit abwesendem Blick um. Nichts auf der Welt kann diesen Mann jemals aus der Ruhe bringen. Er ist groß, hat dicke Muskeln und sehr wenig Fett. Durch sein weißes Netzhemd sieht man die Tätowierung, die fast seinen ganzen Oberkörper bedeckt. Ein Spinnennetz, das sich am Hals bis in seine kurzen blonden Haare emporzieht. Er kratzt sich die Tätowierung im Nacken, bleibt neben mir stehen und blickt zu Boden. "Was?", fragt er. Nicht, wo oder wie sollen wir es erledigen, sondern bloß: was. Er blickt nicht auf. Beim Stoff gibt es nur die Welt der Dealer. Und die führen sich auf, wie sie wollen. Er ist Dealer, ich bin Kunde. Verschwunden ist die Höflichkeit von vorhin, als wir im Umkleideraum Kontakt aufgenommen haben. Jetzt zählt nur noch, dass er das hat, was ich haben will. Ich deute mit der Hand an, dass er mir folgen soll. Er geht hinter mir und ich höre, wie er auf den Boden spuckt. Wir gehen um das Gebäude herum. Die Tür der Fabrikhalle steht offen. Das Licht fällt durch die dreckigen Fenster. Auf dem Boden stehen die großen verdreckten Maschinen, die zurückgelassen worden sind, und rostiges Eisen. "Willst du jetzt was kaufen?" Dann entdeckt er Kamal hinter der Tür. Neben Kamal steht einer der Ringer aus dem Center oben. Der Typ mit der Tätowierung wirft mir einen Blick zu. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf Kamal. Will etwas sagen, als Kamal das Wort ergreift. "Bei mir wird nichts verkauft." Der Tätowierte nickt langsam und fährt mit der Hand in seine Sporttasche. Kamal macht einen Schritt nach vorn und tritt ihm in den Bauch. Der Typ klappt zusammen und geht zu Boden. Kamal hebt die Tasche auf und wirft sie dem Ringer zu. Sammi, auch so ein muskulöser Typ, der sich mit Steroiden auskennt. Er sieht furchteinflößend aus, aber ich weiß, dass er nur für die Optik dabei ist. Kamal war nordischer Meister im Thaiboxen. Er hat seinen Titel ein paar Jahre lang verteidigt und dann den Spaß an der Sache verloren. Ich kenne niemanden, der so schnell ist. Kamal ist wieder total ruhig. "Du sollst hier nicht dealen, ist das klar? So einfach ist das." Er spricht, als frage er jemanden nach Zucker für seinen Kaffee. Kamal weiß ganz genau, dass in seinem Studio Steroide genommen werden. Man sieht das den Leuten an, ihren Muskeln und manchmal auch ihren Augen, wenn sie sie nicht mehr unter Kontrolle haben. Es wurden schon Leute rausgeschmissen, die wegen nichts und wieder nichts Amok gelaufen sind. Weil sie nicht sofort ihre Gewichte kriegten, stand ihnen plötzlich Schaum vor dem Mund. Kamal weiß, wer etwas nimmt, wer etwas verkauft und was. Er muss es irgendwann akzeptieren, so ist das einfach. Schließlich kriegt er sogar etwas Provision, weil er die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Aber das heißt noch lange nicht, dass er dem ganzen Markt Tür und Tor öffnet. Der Tätowierte erhebt sich vom Betonboden. Er nickt langsam, hat verstanden. "Dann sehen wir dich hier nicht mehr?" "Nein, ist in Ordnung, nein ..." Der Typ kratzt sich über die kurzen Stoppeln und streichelt die Spinne in seinem Nacken. "Kann ich jetzt gehen?"

"Nein." "Nein?" "Ich muss sicher sein, dass du das wirklich kapiert hast." Kamal geht langsam auf den Mann zu. Der Ringer rührt sich nicht, sondern bleibt neben der Tür stehen. Ich nicke ihm im Vorbeigehen zu. "Wir sehen uns." Das Sonnenlicht sticht. Ich durchwühle meine Taschen und krame eine zerkratzte Sonnenbrille heraus. Ich kann die ersten Schläge aus der Fabrikhalle hören. Das dumpfe Klatschen, das von den Wänden des leeren Raums zurückhallt.

Ich gehe in den Supermarkt an der Hochbahn, gebe die leeren Flaschen zurück und schlendere dann nach hinten zum Bier. Ich nehme fünf Flaschen. Nach dem Bezahlen verschwinden sie in der Tasche, das Handtuch dar über, schön vorsichtig, damit nichts klirrt.In einem Imbiss kaufe ich zwei Schawarma. Hinter mir wird laut gelacht. Wo gehen wir hin? Was machen wir? Junge Leute in Trainingsanzügen und mit Silberketten, zu allem bereit.Sie bemerken mich nicht. Ich wohne schon so lange hier, dass ich keine Schatten mehr werfe.Ich esse und blättere eine alte Zeitung durch. Ein junger Pakistani, frischgebackener Vater und Kioskbesitzer, ist in Amager Opfer eines Säureangriffs geworden. Ich kaufe mir noch ein Schawarma und würge es hinunter. Hunger habe ich selten, eigentlich fast nie.Dann gehe ich zurück in die Pension. Der Rückweg ist immer länger.Die Muskeln sind dann müde und schwer. Ein gutes Gefühl, als hätte ich etwas getan.

Jeden Tag sehe ich dieselben Menschen.Die dicke Frau mit dem perfekten Makeup, die immer wirkt, als hätte sie gerade in diesem Moment eine Gehirnblutung bekommen, starrt vor sich hin. Mit leeren Augen und einer selbstrauchenden Zigarette zwischen den Fingern oder im Mundwinkel. Manchmal begegne ich ihr, wenn sie in Bewegung ist und ihre vielen Kilos über die Straße schleppt. Doch heute steht sie.

Die Pension ist ein roter, rechteckiger Backsteinblock, schon von weitem erkennbar. Eigentlich ist das gar keine Pension, sondern ein Wohnheim, ein Wohn-Asyl. Eine vor übergehende Bleibe für alle, die sonst nirgendwo hinkönnen. Ein Asyl. Eigentlich ein positives Wort. Ein Asyl zum Wohnen. Vor übergehend. Alles hier ist kurzlebig. Auch die Einrichtung. Kein Ort, um lange zu bleiben. Ausgelegt für eine möglichst geringe Anzahl Menschen auf dem Weg zu einem anderen Ort. Die Zimmer haben möglichst wenig Quadratmeter, die Betten möglichst wenig Komfort und die Küchen nur zwei Kochplatten und einen Kühlschrank. Ich wohne jetzt seit anderthalb Jahren hier. Laufe die Treppe hoch und trage die Tasche mit ausgestrecktem Arm, damit die Flaschen nicht klirren. Schleiche über den Flur und schließe meine Tür auf. So leise ich kann. Ich nehme das Bier aus der Tasche und eine Schachtel Zigaretten aus der Stange, die unter dem Bett liegt. Ich habe sie aus dem Kofferraum eines Autos gekauft. Kamal stand damals grinsend daneben; er hatte recht gehabt, der Verkäufer machte mir wirklich einen "special price". Ein Däne, Mitte dreißig mit beginnender Glatze. Ein kleiner, gedrungener Kerl, der gut in eine Bar gepasst hätte. Sein Wagen stand auf dem Kiesplatz vor dem Studio, mit laufendem Motor, den Kofferraum voller polnischer Zigaretten.

Ich sitze im Fensterrahmen und trinke lauwarmes Bier. Habe elf rote Autos gezählt, sieben Alkoholiker, vier Junkies und zwei Fahrräder mit Kindersitz. Dann kommt er, der Höhepunkt des Abends.

Mit seinem Kinderwagen. Ein lächerlicher Anblick. In engen Leopardenleggings und einer Jacke aus falschem Pelz. So lächerlich, dass man erst zu lachen aufhört, wenn er hinten im Garten bei den Mülltonnen ein Kind gefickt hat. Aber er ist doch harmlos. Ein Weihnachtsmann, ein Maskottchen. Er tut nichts, lasst ihn in Frieden. Keiner von uns ist harmlos. Einige haben nur nicht mehr die Chance, anderen zu schaden. Dafür braucht es Vertrauen. Dafür braucht es Antrieb. Dafür braucht es Möglichkeiten. Und so wie er jetzt da draußen rumläuft, alt und verwirrt wie ein abgehalfterter Zirkusclown, sind seine Möglichkeiten zweifellos begrenzt. Er ist ein Obdachloser mit einem Obdach, einer jener Glücklichen, die einen Platz zugewiesen bekamen, als die Stadt noch etwas zuweisen konnte. Er sammelt Müll. Manchmal ist er nur zwanzig Minuten weg, manchmal viele Stunden, das hängt davon ab, wie weit er laufen muss, um einen guten Fang zu machen. Ich habe ihn schon mit zerbeulten Vogelkäfigen gesehen, mit Gartenzwergen ohne Kopf, Sonnenschirmen, Regenschirmen, Schuhen, alten Zeitungen und ausgestopften Tieren, denen die Füllung aus dem Bauch hing. Ich habe Lust, ihm etwas nachzubrüllen, weil er so verrückt aussieht, weil es Grenzen gibt, wie verrückt man sich anstellen darf, und sogar Rennpferde erschossen werden, wenn sie sich die Beine gebrochen haben. Doch unser Zirkusclown versucht gerade, eine kaputte Kloschüssel in seinem Kinderwagen wegzuschaffen. Das weiße Porzellan ist herausgebrochen worden und an den Rändern klebt noch alter Zement. Die Klobrille fehlt und das Wasser aus dem Becken ist über die Seite des Kinderwagens gelaufen. Er verschwindet nach drinnen.

2

Als ich verurteilt wurde, kam es mir vor, als wäre ich gerade irgendwie aufgewacht. Ich wusste genau, was geschehen war, aber es fühlte sich an, als hätte es nichts mit mir zu tun.Der Typ, den ich in die Mangel genommen hatte, hieß Jon. Das habe ich während des Verfahrens gehört. Er war ein paar Jahre jünger als ich. Sie wollten wissen, warum ich ihn geschlagen hätte. Ob er mich angemotzt und irgendwie herausgefordert habe. Wie meine Version des Tathergangs laute. Ich sagte ihnen, ich könne mich nicht erinnern.Als die Polizei mich holte, lehnte ich an einem Baum und schlief. Dann saß ich mit schmerzenden Fingerknöcheln im Streifenwagen, bis ich in der Zelle weiterschlief. Gut.

Ana hatte Schluss gemacht. Eine ganze Woche lange schmeckte ich kein Salz. Was ich auch aß, überall fehlte Salz. Total. Als würde man Watte oder Sägemehl essen. Ich trank viel, damals. Manchmal allein, dann schrie ich mich selbst an. Manchmal in der Stadt.

Sie zeigten mir Bilder von Jon. Bilder davon, was ich mit ihm gemacht hatte. Ein junger Mann mit überraschend wenig Zähnen im Gesicht und überall Blut. Während des Verfahrens redete er leise, er brachte kaum einen Laut aus seinem mit Stahldraht zusammengehaltenen Kiefer. Er sagte, dass er bis jetzt nur Suppe essen könne und dafür den Kopf in den Nacken legen und alles einschlürfen müsse. Sein Auge zuckte, wenn er mich ansah. Als ich schuldig gesprochen wurde, lächelte er mit seinen neuen, weißen Zähnen, doch als er hörte, dass ich bloß 18 Monate bekam, wurde das Zucken an seinem Auge stärker.

3

Ich wache früh auf, weil draußen auf dem Flur eine Tür schlägt.Liege auf dem Rücken und beobachte, wie das Licht ins Zimmer fällt, wie es die Decke erhellt, sehe die kleinen Risse, die sie wie Strichedurchziehen. Das Haus muss gearbeitet haben. Ich habe das bis jetzt nicht bemerkt. Habe gedacht, dass ich auf alles geachtet hätte. Dieses Zimmer ist so klein, so unendlich winzig. Geht man hin ein, fühlt es sich an, als würde man einen Mantel überstreifen.Wenn ich im Halbschlaf hier liege, kann ich seinem Gesicht kaum ausweichen. Seinem winzigen Kopf, den Augen, die sich umsehen und die meinen suchen.Ein kleines Gesicht mit großen Augen. Die blaue Decke in der Wiege.Und es ist fast unmöglich, nicht auch sie zu sehen.Einen halben Schritt vor mir auf der Straße. Das Klackern ihrer Absätze.Sie dreht sich zu mir um. Lächelt sie?Ja, das ist ganz sicher ein Lächeln.

Ich lege die leeren Flaschen oben auf das Handtuch in meiner Sporttasche, decke sie mit der Trainingshose ab und ziehe den Reißverschluss zu. Schließe meine Zimmertür ab. Die Wände des Flurs sind hellgrün und fleckig, auf dem Boden liegt dunkelgrüner Nadelfilz. Aus einem der anderen Zimmer höre ich einen Fernseher, lautes, künstliches Lachen.Ich bin dicht bei der Treppe, als Tove die Tür mit dem Fuß aufdrückt. Sie sieht mich an und hustet in ihre Hand. Es ist Toves Asyl. Es gehört ihr nicht, sie verwaltet es nur. Trotzdem lässt sie keinen Zweifel daran aufkommen, wer hier das Sagen hat. Sie ist Mitte 60. Die roten Flecken auf ihrem Gesicht könnten ein kräftiges Ekzem sein, dochwer hier wohnt, weiß, dass es Krebs ist. Kommt man ihr nah genug, kann man dem süßlichen Gestank der toten Haut nicht ausweichen.Ich lächle sie an, sie reagiert überhaupt nicht darauf. Ich denke, sie sollte ein Nudelholz in der Hand halten, ein schweres Bügeleisen,irgendeine Requisite aus dem vorigen Jahrhundert."Haben Sie diesen Krach gemacht?"Ich glaube nicht, dass sie die Flaschen in meiner Tasche gehört haben kann."Da hat einer einen Fernseher laufen ..." "Nein, gestern, letzte Nacht. Ich bin immer wieder aufgewacht. Jemand hat laut geredet und gelacht." "Ich nicht." "Nein, das hab ich mir schon gedacht. Haben Sie eine Ahnung, wer das gewesen sein kann? Vielleicht die Nummer sieben?" "Ich schlafe ziemlich fest, ich ..." "Aber lassen Sie es mich wissen, wenn Sie mal etwas hören."Ich gehe und trage die Tasche mit ausgestrecktem Arm, um keinen Krach zu machen.

Es ist ein warmer, schwüler Sommertag. Vor kurzem hat es geregnet und die Wolken sind grau. Ich gehe von Bispebjerg aus in Richtung Stadt. Unterwegs treffen mich immer wieder einzelne Sonnenstrahlen.

Ernst sagt, dass ich müde aussehe. Er befestigt Gewichte an der Stange.Ernst ist Mitte fünfzig und trägt einen Gewichthebergürtel. Seine Beinmuskulatur hat sich abgebaut, aber sein Oberkörper ist gewaltig. Er trägt eine dicke, viereckige Brille und sein Adamsapfel ist so großwie ein Tennisball.Er sagt: "Nick, du musst dich mal ausschlafen und anständig essen,sonst wächst du nicht. Iss und schlaf."Ernst sollte keine Ratschläge geben. Vor allem keine gesundheitlichen.

Er hat ein großes Herz. Nicht, weil er so freundlich ist und sich immer Sorgen um andere macht. Sondern weil er wirklich ein Herz hat, das seine ganze Brust ausfüllt. Er war einer der Bodybuilding-Pioniere. Anfang der 70er. Noch vor dem Schwarzenegger-Film Pumping Iron . Er nahm an Treffen und Wettbewerben teil, stemmte schwere, sehr schwere Gewichte und stopfte so viele Steroide in sich hin ein, wie er bekommen konnte. Damals nahm man die noch nicht in zeitlich genau abgestimmten, kleinen Dosen, sondern immer gleich alles. Außerdem war es zu der Zeit ja beinahe legal. Ernst hat richtige Zitzen und einen Hängebauch. Nicht, weil er so dick ist, sondern weil seine Bauchmuskeln kaputt sind. Ernst wird irgendwann daran sterben, er hat ein großes Herz und kein Geld für teure Operationen. Aber er trainiert noch immer hart, damit er etwas zu tun hat und damit sein Körper nicht vollends aus dem Leim geht. Steroide nimmt er keine mehr, schon eine Kopfschmerztablette könnte ihn umbringen. Ich sehe ihm nie zu, wenn er pumpt, ich will ihn nicht auf der Bank sterben sehen. Er sagt: "Schlaf, Nick. Du schläfst nicht. Das sehe ich dir an. Du schläfst nicht."

Ich kaufe Bier. Esse Schawarma. Gehe zurück in mein Asyl. Jeden Tag sehe ich dieselben Menschen.

Die Säufer vor dem Kiosk. Den Rücken an die rote Backsteinmauer gelehnt. Immer dieselben. Nur der Grönländer ist heute nicht hier. Aber die Frau ohne kleinen Finger. Die beiden früheren Handwerker, der eine mit der Maurermütze und der andere mit dem Hund, der immer frei herumläuft und an leeren Flaschen schnuppert. Er heißt Grundtvig. So hat er ihn einmal gerufen. Ich habe versucht, ein Muster zu finden. Ich sehe sie jeden Tag und wollte ausrechnen, wann der Grönländer dabei ist und ob die Frau ohne kleinen Finger gleichzeitig mit dem Hund oder dem Mann mit der Maurermütze da ist. Ich habe nie dar über nachgedacht, ob sie vielleicht etwas Besseres zu tun haben oder vor anderen Kiosken abhängen. Auf bestimmten Bänken. Für mich war das wie eine Gleichung. Chaostheorie. Ich beschäftigte meinen Kopf damit, bis mir klar wurde, dass ich das niemals herausfinden würde, selbst wenn es ein Muster gäbe.

Als ich die Treppe im Wohnheim nach oben gehe, trage ich die Tasche mit ausgestrecktem Arm.Tove bleibt mir erspart, jetzt laufen die Fernsehserien, und die lässtsie sich nicht entgehen. Vielleicht bügelt sie dabei, sie bügelt ziemlichoft. Raucht, sieht fern und bügelt.Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und will ihn gerade umdrehen, lasse es dann aber bleiben. Die Tür am Ende des Ganges. "Kristian Madsen" steht auf einem kleinen Namensschild, das er selbst angebracht hat. Es ist das Knallen dieser Tür, das mich jeden Morgen weckt; seine Schritte auf dem Flur.Ich klopfe an. Klopfe, so laut wie möglich, ohne dass Tove es hört und auf den Flur kommt."Er kommt immer erst spät nach Hause."Sofies Stimme hinter mir. Ich habe nicht gehört, wie sich ihre Tür geöffnet hat."Wann?" "Keine Ahnung, spät halt." "Du achtest auf die Schritte auf dem Flur, nicht wahr?"Sie schweigt und lächelt."Kennst du alle?" "Nicht alle ..."Sie lächelt breiter."Willst du mit reinkommen, Nick?"Sofie ist ein paar Jahre älter als ich, Anfang dreißig. Man sieht ihr das aber nicht an, sie ist sehr dünn, hat kleine, feste Brüste unter dem Sommerkleid, ohne BH . Ihr Haar ist schulterlang, fast schwarz.

Ich gehe die fünf Schritte bis in ihr Zimmer. Sie sieht über den Flur, versichert sich, dass Tove nicht guckt, und schließt die Tür. Sofies Zimmer sieht genauso aus wie meines, die gleichen 12- 13 Quadratmeter, nur spiegelverkehrt. Trotzdem wirkt es vollkommen anders. Sie hat Bilder an den Wänden, gerahmte Plakate mit Wasserlilien und badenden Kindern. Eine dunkelrote Decke auf einem kleinen Esstisch. Auf dem Bett liegen kleine Kissen und eine Fransendecke. Dar über Kinderzeichnungen, die sie mit Tesafilm angeklebt hat. "Hast du Lust auf ein Glas Weißwein?" Lächelnd nimmt sie zwei Gläser und holt eine mit Alufolie verschlossene Flasche aus dem Kühlschrank. Gießt mir ein und lächelt weiter. Ich nehme das Glas und setze mich in den Plüschsessel neben dem Bett. Mache den Fernseher an. Sie nimmt auf dem Bett Platz und fährt mit den Fingern über meine Haarstoppeln. "Wolltest du sie nicht wachsen lassen? Ich glaube, das würde dir wirklich stehen ..." Dann zieht sie ihre Hand weg. Sie kennt mich gut. Trinkt einen Schluck und blickt zu Boden. "Sie sagen, dass ich Tobias jetzt bald sehen darf ... vielleicht ..." Er muss jetzt fünf Jahre alt sein. Ihr Mann hat das Sorgerecht bekommen. Sofie darf sich nicht mehr um ihren Sohn kümmern. Sie hat irgendeine Polizeiauflage, nach der ich sie nicht fragen will. Sie streckt mir das Glas entgegen und wir stoßen an. Sitzen eine Weile da, ohne etwas zu sagen, und trinken. Dann stellt sie ihr Glas weg, steht auf, streicht das Kleid glatt und kniet sich vor mir hin. Ich brauche ihr mit dem Reißverschluss nicht zu helfen. Schalte auf einen anderen Fernsehkanal um. Morgen soll es Sonne geben, vielleicht ein paar Schauer. Ich trinke einen Schluck Weißwein, lege meine Hände in ihren Nacken.

Sie hustet, bekommt Tränen in die Augen, sieht zu mir hoch und versucht zu lächeln. Mit roten Augen."Ich habe mich bloß verschluckt." Dann macht sie weiter. Ich schalte noch einmal um, finde ein Quiz. Zünde mir eine Zigarettean und asche in eine halbleere Kaffeetasse. Nachdem ich gekommen bin, geht sie ins Bad, spuckt ein paarmal aus und wäscht sich den Mund aus. Dann umarmt sie mich und sagt: "Komm bald wieder."

Videoclip zu "Submarino"

Kundenbewertungen zu "Submarino" von "Jonas T. Bengtsson"

22 Kundenbewertungen (Durchschnitt 3.6 von 5 Sterne bei 22 Bewertungen **** sehr gut)
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Bewertung von Toebi aus Beckum am 24.02.2012 ***** schlecht
Das war seit langem mal wieder ein Buch, das ich abgebrochen habe. Ich habe normalerweise einen langen Geduldsfaden und gebe nicht so schnell auf, aber in diesem Fall war meine Geduld bei Seite 30 beendet.
Der Schreibstil hat mich nicht überzeugen können. Kurze, knappe Sätze und je nach Situationsbeschreibung hat man das Gefühl, dass sie einem um die Ohren geschlagen werden.
Das Leben zweier Brüder am Abgrund. Kahl und nüchtern und mit wenig Details wird aus beiden Perspektiven (denen der Brüder selbst) das Leben beschrieben. Ich bin definitiv nicht in die Geschichte reingekommen, mir war der Schreibstil zu leer.

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Bewertung von Julz aus Hildesheim am 01.03.2010 ***** gut
Das Thema dieses Buches ist nicht eines, was ich wirklich gerne lese, aber sprachlich erinnernt mich der Autor an die deutsche Trümmerliteratur. Natürlich ist die Trümmerliteratur auf einen Zeitraum begrenzt, aber so wie bei der genannten Literatur, bedient sich der Autor einer Sprache, die dieser sehr ähnlich ist.

Die Sätze sind sehr einfach gehalten, verfügen nur über wenige Wörter und sind doch fast schmucklos. Das würde ich jedoch nicht als einen negativen Punkt ansehen, sondern als einen positiven, da das perfekt zu dem Inhalt des Buches passt. Das Leben der Brüder ist nicht einfach, triste, brutal. So ist auch die Sprache.

Durch die Wiederholungen betont der Autor die Wichtigkeit der betroffenen Textpassagen.

Alles in allem kann gesagt werden, dass dieser Roman sprachlich und inhaltlich sehr gelungen ist.

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Bewertung von charlotte_30 aus Dresden am 13.11.2009 ***** sehr gut
Der Roman von Bengtsson ist realistisch, benutzt keine Metaphern um die Wirklichkeit zu verschönern. Zwei biographische Erzählungen bilden den Plot des Romans. Der Ich-Erzähler dokumentiert das Leben der Brüder, wobei dieser im ersten Kapitel in die Rolle von Nick schlüpft und im zweiten Teil in dessen Bruder, der vom Autor keinen Namen bekommt.

Beide Brüder durchlebten eine Kindheit mit traumatischen Erfahrungen, das Trauma der Kindheit verfolgt sie und verbindet sie: der Tod des kleinen Bruders. Ihr Leben, welches durch den Autor fixiert wurden ist, ist geformt von Drogen, Gewalt und Einsamkeit. Sie sind nicht in der Lage einen Haltepunkt in ihrem Leben zufinden.

Martin, der Neffe von Nick, gibt seinen Bruder zwar Halt, doch ist er nicht in der Lage von seiner Sucht loszukommen. Er verschafft sich und Martin gegen Ende des Romans ein normales Leben, dieses ist jedoch nur möglich indem er Drogen verkauft. Martin könnte eine Zukunft besitzen doch die äußeren Umstände werden es verhindern.

Der Schreibstil, der inneren Monologe und der dokumentarischen Aufarbeitung eines Tages durchzieht den ganzen Roman. Die Darstellung des Milieu, indem die Brüder leben, gleicht der naturalistischen Schreibweise. Damit kommt es zu einer Verschmelzung des Naturalismus und des expressionistischen Großstadtromans. Der Roman setzt keine Wertung und keine Kritik, diese wird dem Leser überlassen, denn dieser Roman kann nicht nur gelesen werden.

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Bewertung von Bücherwürmchen aus Bayern am 03.10.2009 ***** ausgezeichnet
Charakteristisch für die Schreibweise von Bengtsson sind kurze Sätze, manchmal auf den ersten Blick zusammenhanglos hingeworfene Gedanken, lakonisch geschilderte Dramen, die dadurch umso realistischer und eindringlicher wirken. Insgesamt vermittelt schon alleine diese Sprache einen Eindruck von den Leben der beiden Brüder, um die es geht: Der Überlebenskampf schon in der Kindheit, Aggressionen, ein Sich-Treiben¿Lassen und das Streben danach, ein guter Mensch zu sein, ein guter Vater, einem gewissen Ehrenkodex zu folgen, nicht nur haltlos und fremdbestimmt zu sein, einfach durchs Leben zu kommen. Dieses Buch ist definitiv keine leichte Sommerlektüre, das man so nebenbei konsumieren und unberührt wieder weglegen kann. Wer aber bereit ist, sich auf die schonungslose Schilderungen chancenloser Leben einzulassen, wird ein grandioses Buch entdecken.

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Bewertung von sabatayn76 am 22.09.2009 ***** ausgezeichnet
Inhalt:
Jonas T. Bengtsson erzählt die Geschichte zweier Brüder - Nick ist Alkoholiker, Ex-Knacki und Bodybuilder, sein Bruder alleinerziehender Vater des fünfjährigen Martin und Junkie. Die Kindheit der Geschwister war geprägt von Heimaufenthalten, einer alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter, zahlreichen Entbehrungen und dem frühen Tod eines weiteren Bruders. Nick und sein Bruder teilen ähnliche Kindheitserlebnisse, zeigen jedoch unterschiedliche Bewältigungsstrategien - der eine löst innere Spannungen mit Gewalt und Alkohol, der andere mit Heroin. Die Gemeinsamkeit ist, dass ihr Leben an sich wertlos erscheint, dass sie jedoch durch einen anderen Menschen einen Lebensmittelpunkt, einen Sinn finden. Für Nick ist das Ivan, der Bruder seiner Ex-Freundin, um den er sich kümmert, für seinen Bruder ist es sein Sohn Martin.

Mein Eindruck:
In kurzen und prägnanten Sätzen führt Bengtsson den Leser in seine Geschichte ein. Einen wirklichen roten Faden gibt es nicht, vielmehr erlebt man den Alltag der beiden Brüder. Die Sprache ist häufig brutal und erbarmungslos, beschönigt nichts und zeigt dem Leser somit glaubhaft und authentisch die Welt der Protagonisten.
"Submarino" ist die Bezeichnung für eine Foltermethode. Und wie der Gefolterte beinahe erstickt, so kämpfen die Protagonisten täglich ums nackte Überleben, und so fehlt auch dem Leser oft die Luft zum Atmen angesichts der düsteren Kulisse und der menschlichen Tragödien.

Mein Resümee:
Jeder braucht einen Fokus, einen Sinn, für den sich das (Über-) Leben lohnt. "Submarino" zeigt schonungslos, dass man auch (oder gerade) am Abgrund des Lebens eine Aufgabe benötigt, die einem Tag für Tag eine Richtung vorgibt. "Submarino" ist ein niederschmetternder Abriss des Alltags sozial gestrandeter Existenzen, nimmt einem den Atem, schockiert, entsetzt, macht betroffen und zeigt, dass delinquentes Verhalten eine oftmals nachvollziehbare Ursache hat, dass eine Bewertung in gut - böse, schwarz - weiß und moralisch - unmoralisch zu simpel und nicht ausreichend ist, um der Komplexität des Lebens gerecht zu werden.

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Bewertung von Smaz am 01.09.2009 ***** weniger gut
Puh, das war schwere Kost. Das geht zwar schon aus der Beschreibung, dem Titel und der Leseprobe hervor, trotzdem hatte ich nicht mit so einem extremen Buch gerechnet. Die Charaktere durchleben keine besonders spannenden Szenen, dennoch reizt hier das Unbekannte - die andere Lebensweise und die ungewohnten Tagesabläufe zu verfolgen stellte sich als interessanter als gedacht heraus.

Auch wenn mich die Brutalität und Gewalt, wie sie vor allem im ersten Teil beschrieben wird, sehr abgeschreckt hat, hatte es doch auch gute Stellen. Sehr gestört an der ganzen Sache hat mich jedoch, dass der jeweilige Ich-Erzähler verwirrende Gedanken hat, Szenen und Beschreibungen der Abläufe aber stets mit einer solchen Distanz beschrieben sind als wäre der Ich-Erzähler in diesem Moment ein Außenstehender. Das passt irgendwie nicht zusammen: Die extreme Handlung und dazu eine komplett ruhige Erzählweise.

Interessant fand ich die Entwicklung der Charaktere und der Beziehungen zu ihren jeweiligen Freunden und Familienmitgliedern. Die Rückblicke, die nach und nach immer mehr das Bild der Brüder komplettieren, sind auch gut geschrieben und vor allem gut platziert. Man erfährt erst am Ende den wirklichen Zusammenhang, kann aber vorher schon vieles erahnen. Das Ende an sich war für mich ziemlich unspektakulär, hatte ich mir doch völlig anders vorgestellt.

Der Schreibstil ist wirklich nicht gerade einfach zu lesen, die Sätze sind grundsätzlich knapp und kurz gehalten. Manchmal verwirren die kurzen Kommentare und Gedanken sehr, dabei treten häufig völlig unwichtige Details in den Vordergrund.

Insgesamt fand ich das Buch in Ordnung, der erste Teil war schon ein Stückchen heftiger als der zweite. Man gewöhnt sich aber auch ein wenig an den Schreib- und Erzählstil. Auch handlungsmäßig war der zweite Teil interessanter, also sollte man das Buch nicht nach dem ersten Teil weglegen.

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Bewertung von a.schmalzbauer aus Sünching am 30.08.2009 ***** sehr gut
Zwei Brüder, Nick ein Schläger und Ex-Knacki, sein Bruder, Junkie, Dealer und alleinerziehender Vater. Beide versuchen das Leben auf ihre Art zu meistern. Nick trainiert in einem Fitnessstudio, wohnt in einem Wohnheim und verbringt seine restliche Zeit mit Bier trinken. Oder mit Sophie, seiner Nachbarin, die sich um seine anderen Bedürfnisse kümmert. Sein Bruder hat einen kleinen Sohn, um den er sich kümmert. Sehr liebevoll. Allerdings hat er auch immer Angst, das er ihm, wegen seiner Heroinsucht, weggenommen wird. Er wird zum Dealer, um mehr Zeit und Geld für seinen Sohn zu haben.

Jonas T. Bengtsson zeichnet ein beklemmendes Bild von Mitgliedern unserer Gesellschaft, die an den Rand gedrängt und chancenlos sind. Die schon in ihrer Kindheit einen Weg vorgezeichnet bekommen haben, dem sie nicht entrinnen können. Er schreibt in einer klaren, harten, schonungslosen Sprache, die einem manchmal denken lässt, muss das so sein? Aber vielleicht würden wir "privilegierten" Leser es sonst auch gar nicht verstehen? Vielleicht könnten wir uns diese Welt, dieses Leben, sonst nicht einmal ansatzweise vorstellen.

Eine hoffnungslose Geschichte, ohne Illusionen, voller Aggressionen. Der Leser wird schonungslos mitgenommen in eine Welt, welche die wenigsten kennen dürften. Vielleicht nicht so spannend wie ein Krimi, aber auf jeden Fall so schockierend. Eine Geschichte die einen nachdenken lässt. Vor allem darüber, wie gut es einem geht.

Ein Buch, dessen Inhalt man nicht so schnell vergessen wird. Für mich eine Entdeckung.

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Bewertung von redfox aus Sachsen am 23.08.2009 ***** weniger gut
Zwei Brüder - ganz unten
Dieses Buch ist harte Kost!
Zwei Brüder, ganz unten, erzählen Ihre Lebensgeschichte, die am Ende wieder zusammenführt. Harte abgehackte Sätze, meist nur die Realität nüchtern erzählt ohne ein Warum zu erklären. Oft erkennt man nicht, ob es Realität ist oder doch Drogenrausch.
Dieses Buch ist sicher literarisch wertvoll - aber überhaupt nichts für mich. Denn wenn ich lese - also sozusagen meine tägliche Dosis Rausch zu mir nehme - möchte ich dem Alltag entfliehen. Endweder mit Fantasy-Geschichten, Thrillern, wo man sich schön gruseln kann, oder netten lustigen Storys. Aber diese nüchterne harte Geschichte ohne Lichtblick und Wunder zieht mich einfach nur noch mehr runter, als dass sie mich entspannt.
Also ein absolutes No-Go für meine Bücherschrank und mein Gemüt.

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Bewertung von stjerneskud aus Stuttgart am 18.08.2009 ***** ausgezeichnet
Geht unter die Haut

Nick wohnt nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in einem Wohnheim, das nur als vorübergehende Bleibe dienen soll. Sein Leben kann er nicht in normale Bahnen lenken. Stattdessen verbringt er viel Zeit in einem Fitnessstudio, treibt sich in der Stadt herum und trinkt. Sein älterer Bruder ist alleinerziehender Vater eines vierjährigen Jungen und Heroinabhängig. Er schwankt zwischen seiner Sucht und seinem Sohn ein normales Leben bieten zu können, wie es die anderen Kinder im Kindergarten führen. Allerdings ist da dieses berühmtberüchtigte Stolpersteinchen, das sie zu Fall bringt.

Den Erstlingsroman von Jonas T. Bengtsson habe ich nicht gelesen, aber dieser hier hat mich gepackt und obwohl ich ihn schon vor einiger Zeit aus den Händen gelegt habe, bewegt und berührt er mich immer noch und wird mich so schnell auch nicht loslassen. „Submarino“ ist wirklich lesenswert.

Ich bin nicht immer ein Freund der Ich-Form, aber hier passt sie und die Geschichte der beiden Brüder hätte ansonsten nicht so ergreifend und schonungslos erzählt werden können. Vorallem dürfen Beide ihre Geschichte erzählen und der eine wird nicht von dem anderen übergangen. Der Schreibstil mag anfangs gewöhnungsbedürftig sein, aber vermutlich wird nur dadurch diese Intensität erreicht und man selber in den Bann der Geschichte gezogen. Es fühlt sich so an, als ob man selber dabei wäre, ganz nah an den Geschehnissen dran und sie miterlebt. Ich habe schon lang nichts mehr gelesen, daß mir so unter die Haut ging. Erst nach und nach offenbart sich einem die ganze Geschichte, aber manches bleibt einem nach wie vor unverständlich. Leider erfährt man nichts über den Vater der Brüder und die näheren Umstände, wieso sie in unterschiedlichen Heimen untergebracht waren.

Es ist kein Buch für Zwischendurch und für Schnellleser und wenn man das nächste Mal in der Stadt ist, wird man mit dieser Geschichte im Hinterkopf mit einem ganz anderen Blickwinkel durch die Straßen gehen. Insbesondere bei einem Aufenthalt im Stadtteil Nørrebro oder in einem Hotel, das in einer Seitenstraße der Istedgade liegt. Den Roman kann man gut und gerne noch ein zweites oder drittes Mal lesen.

Empfehlenswert für alle Kopenhagen-Fans und für diejenigen, die in Lebensschilderungen eintauchen wollen, mit denen sie ansonsten nicht in Berührung kommen.

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Bewertung von melange aus Bonn am 17.08.2009 ***** sehr gut
Wahrlich keine meiner üblichen Urlaubslektüren, trotzdem hat Submarino mich gefesselt.

Zur Story: Zwei Brüder, ohne Vater, dafür mit alkohol- und tablettensüchtiger Mutter aufgewachsen, lernen früh sich auf der Straße zu behaupten. Der eine landet in einer Notunterkunft, der andere beim Rauschgift. Beide versuchen ihr Leben dadurch in den Griff zu bekommen, dass sie sich um noch Schwächere kümmern. Beide scheitern bei dem Versuch.

Zur Aufmachung: Kalte Farben bestimmen das Cover, dazu ist ein wohlgeformter, aber gesichtloser Männerkörper zu sehen. Eine perfekte Abbildung des Inhalts - eine desinteressierte, kalte Umwelt, die - wenn überhaupt - nur den äußeren Schein wahrnimmt, jedoch keinesfalls hinter die Fassade blickt.

Inhaltliche Gliederung: Zwischen Prolog und Epilog befinden sich die beiden Hauptkapitel, die sich jeweils mit einem der beiden Brüder näher befassen. Diese beiden Kapitel tragen die Namen der Figuren, denen die Hauptsorge der Brüder gilt: Ivan, der kleine Bruder der Exfreundin von Nikolai und Martin, der Sohn des zweiten, namenlosen Bruders.

Mein Eindruck: In schnörkellosen Sätzen und kurzen Kapiteln schildert Bengtsson meisterhaft den Fall zweier Brüder, die vom Schicksal keine Chance bekommen haben. Früh von einer überforderten Mutter vernachlässigt, versuchen beide, ihren nächsten Bezugspersonen ein besserer Freund bzw. ein besserer Vater zu sein und gehen dafür in einem Fall nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Was mir besonders gefiel, war, dass beide Hauptfiguren schemenhaft blieben - wie die Leute, denen man zwar auf der Straße begegnet, die man aber nicht wirklich wahrnimmt und teilweise nur zu gerne übersieht - Penner, Junkies, Obdachlose, Bettler. Die Nebenpersonen des Romans hingegen waren klarer gezeichnet, - sie erstanden vor dem geistigen Auge des Lesers. Im Gegensatz zur Konturlosigkeit des Aussehens waren die Beweggründe für das Handeln der Beiden um so klarer. Selbst wenn alte Frauen überfallen wurden, um die Heroinsucht zu finanzieren oder eine Leiche verschwinden musste - alles erschien mir logisch, selbst mit einer ganz und gar bürgerlichen Einstellung, die ich im Normalfall zu Kapitalverbrechen habe. Das ist ein Verdienst von Bengtsson, der es versteht, einem Leser auch ihm zuwider gehende Handlungsweisen zu erklären.

Mein Fazit: Dieses Buch ist hartes Brot, das ich nicht unbedingt einem depressiven Freund empfehlen würde, aber wenn man sich auf eine nicht einfache Geschichte einlassen kann, ist Submarino eine gute Wahl.

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