Leseprobe zu "Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1" von Charlotte Link
Der Junitag verdämmerte in rotgoldenem Abendlicht. Über den blaßblauen Himmel zogen ein paar zerrupfte Wolken, in den Wiesen zirpten Grillen, und die Blätter der Bäume rauschten leise. Die Tannenwälder am Horizont wurden dunkler, die Schatten über den Wiesen länger. Die Stämme der Kiefern leuchteten kastanienfarben.
"Morgen", sagte Maksim, "fahre ich nach Berlin zurück."
Unvermittelt hatte der strahlende Abend seinen Glanz verloren. Felicia Degnelly, die neben Maksim am Ufer eines Baches saß, blickte erschrocken auf. "Morgen? Aber warum denn? Der Sommer hat doch gerade erst angefangen!"
Maksims Antwort war ausweichend. "Ich treffe Freunde. Wichtige Freunde."
"Genossen!" sagte Felicia spöttisch, aber ihr Spott sollte nur verbergen, wie verletzt sie war. Die Genossen kamen vor ihr, vor dem gemeinsamen Sommer auf dem Lande, vor Abenden wie diesem.
Sie sah Maksim von der Seite an und dachte voller Erbitterung: Du weißt ja nicht, was du willst!
Im Innersten aber war ihr klar, daß er es genau wußte. Seine Gedanken waren gefesselt von einer Idee, nicht von ihr. Er sagte nie, was andere Männer sagten, wenn sie mit ihr zusammen waren, etwa: "Du bist sehr hübsch!" oder "Ich glaube, ich könnte mich in dich verlieben!" Nein, von ihm kamen seltsame Worte wie Umsturz, Weltrevolution, Umverteilung des Eigentums, Enteignung der besitzenden Klasse. Daß es eine Welt für ihn gab, zu der sie keinen Zutritt fand und zu der er ihr auch keinen Zutritt erlauben würde, hatte sie schon vor fast zwei Jahren begriffen, am Kaisergeburtstag in Berlin, als sie durch die Straßen gingen und die jubelnden Menschen betrachteten, als in Maksims Gesicht Wut und Zynismus rangen. Plötzlich hatte er etwas vor sich hingemurmelt (später erfuhr sie, daß es ein Zitat von Marx war): "Dieser Mensch ist nur König, weil sich andere Menschen wie Untertanen zu ihm verhalten."
Sie hatte ihn angeschaut. "Was sagst du?"
Auf einmal hatte ein verachtungsvoller, beinahe brutaler Zug um seinen Mund gelegen. "Egal", erwiderte er und musterte geringschätzig ihr schönes Kleid und ihren neuen Hut (beides trug sie seinetwegen), "egal, du wirst es doch nie verstehen. Nie!"
Er hatte recht. Sie verstand ihn nicht. Sie verstand nicht, daß er sich für eine Idee begeistern konnte, während sie sich für das Leben begeisterte. Er wollte die Welt verändern zum Besten der Menschheit, und sie - ja, sie wollte eigentlich nur das Beste für sich selbst. Und sie wollte Maksim Marakow.
Er war der Sohn eines Russen und einer Deutschen, hatte seine Jugend abwechselnd in Petrograd und Berlin verbracht, und alle Sommer auf dem Landsitz von Verwandten bei Insterburg in Ostpreußen, unweit von Lulinn, dem Gut, das Felicias Großeltern gehörte. Er war vier Jahre älter als Felicia, und von Anfang an waren sie wie magisch angezogen aufeinander zugegangen. Beide dunkelhaarig, mit hellen Augen und gleichmäßigen Gesichtszügen, hielten die meisten Leute sie für Geschwister. Kamen sie zusammen, so tauchten sie in eine fremde Welt, und über ihrer Kindheit lag der Zauber geheimer Spiele, die niemand störte. Die Obstgärten von Lulinn, die Wälder und Seen ringsum, die Wiesen waren Szenenbilder ihrer ungeschriebenen Zwei-Mann-Stücke. Irgendwann aber, in irgendeinem Sommer, betraten sie wieder ihre Bühne und erkannten einander kaum mehr. Felicia kam in eleganten Kleidern, trug die Haare aufgesteckt und hatte sich ein etwas gekünsteltes Lachen angewöhnt. Maksim erschien in abgetragenen Anzügen, sah blaß und übernächtigt aus. Beide waren sie erwachsen geworden, aber ihre ersten Schritte auf diesem Weg hatten sie in entgegengesetzte Richtungen getan. Ihre letzte Gemeinsamkeit bezogen sie aus Erinnerungen, aber es sah nicht so aus, als werde es Gemeinsamkeiten in der Zukunft geben. Und auf einmal erkannte Felicia: Ich liebe ihn. Ich werde ihn immer lieben.
Sie liebte diese dunkle, fremde Welt, die sie nicht verstand. Sie liebte seine abweisenden Augen und seine verächtlichen Worte, die er für das etablierte Bürgertum hatte. Sie liebte seine zynischen Bemerkungen über den Kaiser, und sie liebte die lebendige Freude seines Gesichtes, wenn er von der Revolution sprach. Sie liebte das alles - aber sie begriff nicht den Ernst, die Leidenschaft, die dahinterstand. Sie begriff nicht, daß ihre beiden Welten einander ausschlossen.
Sie war achtzehn Jahre alt, hatte ein gesundes Selbstvertrauen, und es wäre ihr nicht im Traum eingefallen, das Kapital zu lesen, nur um über etwas reden zu können, was sie doch nicht berührte.
Sie setzte auf ihre Augen, ihren Mund, ihr glänzendes Haar, auf tiefausgeschnittene Kleider und geheimnisvolle Parfüms.
Sie saßen schweigend, bis die Sonne unterging, und in ihrem Schweigen lag der Abschied von einer Zeit, die fast unmerklich vorbeigegangen war. Schließlich stand Maksim auf, griff Felicias Hand und zog sie neben sich hoch. "Es wird kalt", sagte er, "wir sollten nach Hause gehen."
Sie standen einander dicht gegenüber, Felicia mit einem breitrandigen Hut aus blaulackiertem Stroh auf dem Kopf.
Sie hob ihr Gesicht, öffnete leicht die Lippen, erwartungsvoll, weil es ihr unsinnig schien, einen Moment wie diesen zu vertun. Sekundenlang konnte sie in Maksims Augen etwas von der alten Zärtlichkeit entdecken, dann erlosch sie schon wieder, und mit einem etwas mühsamen Lachen erklärte er: "Nein. Ich mach' dich nicht unglücklich, und mich schon gar nicht."
Was redete er da? Von welchem Unglück sprach er?
"Na, dann nicht", sagte sie schnippisch, "wenn du von nun an wie ein Mönch leben willst, dann tu's doch!"
"Ich will meinen Weg gehen, Felicia. Und du wirst deinen gehen, und ich glaube nicht, daß sich diese Wege jemals kreuzen werden."
"Heißt das, wir sehen einander nie wieder?"
"Wir sehen uns nicht so wieder, wie du dir das vorstellst."
"Warum nicht?"
Mit einer zornigen Bewegung riß Maksim einen Zweig von einem Baum und zerbrach ihn in kleine Stücke. "Wirst du das denn nie verstehen, Felicia?"
"Danke, ich habe längst verstanden. Du mußt ja das internationale Finanzmonopol stürzen, und da bleibt dir natürlich für nichts sonst Zeit. Lieber nächtelang Marx anhimmeln, als einmal ein Mädchen küssen! Ein aufregendes Leben, wirklich. Ich wünsche dir viel Spaß dabei!" Sie drehte sich um und rannte davon. Sie kannte den Weg im Schlaf, und irgendwie gelangte sie über Wurzeln und Äste hinweg, ohne zu stürzen. Natürlich hatte sie erwartet, er werde ihr nachkommen, aber nach einer Weile stellte sie fest, daß er offenbar gar nicht daran dachte. Vor Wut und Verletztheit kamen ihr die Tränen. Erst an der Auffahrt von Lulinn riß sie sich zusammen und trocknete sich das Gesicht.
Das Herrenhaus von Lulinn war zweihundert Jahre zuvor erbaut worden, obwohl die Familie Domberg seit dreihundert Jahren auf diesem Grund und Boden saß. Das erste Haus war eines Nachts in Flammen aufgegangen - eine wahnsinnige Vorfahrin, so hieß es, habe das Feuer aus Eifersucht gelegt -, und das neue war an seiner Stelle aus der Not des Augenblickes heraus recht schmucklos und einfach entstanden: ein großes Gebäude aus grauem Stein, mit vielen Fenstern, Efeu umkletterte es, zu seinen Füßen lag ein blühender Rosengarten, und auf sein Portal führte eine eichengesäumte Allee, an die sich rechts und links weite Koppeln anschlossen, auf denen Trakehner, der Stolz des alten Domberg, grasten. Jetzt lag alles im Dunkeln, in den Eichen ging der Wind, die Pferde bewegten sich als dunkle Schatten wie Elfen über die Wiesen. Felicia blieb stehen und sah sich hoffnungsvoll um. Manchmal kam ein Wagen vorbei, dann brauchte man die lange Allee nicht zu Fuß zu gehen.
Aber diesmal blieb alles still. Mit einem Seufzer wollte sie sich auf den Weg machen, da vernahm sie ein Rascheln im nahen Erlengebüsch. Eine dunkle Gestalt huschte hervor.
"Nicht erschrecken, Fräulein, nicht erschrecken. Ich bin es, Jadzia!"
"Ach Gott, Jadzia, hast du mich erschreckt! Was treibst du dich denn da im Gebüsch herum?"
Jadzia war Dienstmädchen auf Lulinn, eine alte Polin, von der Großvater Domberg immer sagte, man wisse bei ihr nicht, ob sie sich für ihre Herrschaft vierteilen ließe oder sie alle eines Nachts in ihren Betten ermorden würde. Sie ging eigene, geheimnisvolle Wege, manchmal war sie verschwunden, dann tauchte sie unversehens wieder auf. Entweder, so hieß es, war sie Schmugglerin oder Sozialistin - oder beides.
"Ich weiß etwas", sagte sie.
"Was denn?" Es konnte ja immerhin etwas Interessantes sein. Jadzia trat näher. "Den österreichischen Thronfolger haben sie erschossen. Heute, in Sarajewo. Täter soll gewesen sein Serbe!"
Wenn es weiter nichts war! "Ach", sagte Felicia gleichgültig.
"Wird gäbn Krieg", fuhr Jadzia fort, "großer Krieg!"
"Sicher nicht, Jadzia. Warum sollte daraus ein Krieg entstehen?"
Jadzia murmelte etwas auf polnisch. Felicia ging weiter. Sarajewo - wo lag das überhaupt? Sie hatte nie von diesem Ort gehört. Im übrigen war es ihr auch gleichgültig. Sie dachte über Maksim nach und darüber, weshalb sie ihn anderen vorzog. Es war so, daß sie all die netten jungen Männer, die sie sonst kannte, zum Sterben langweilig fand. Sie waren so schrecklich aufmerksam und gut erzogen; sie verstand sie - und verachtete sie. Sie hatten nichts Rätselhaftes an sich und waren damit keine Herausforderung. Gerade danach aber suchte sie. Sie wollte Abenteuer, und in Maksim schien ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu liegen.
Felicias Bruder Johannes wurde an diesem 28. Juni 1914 fünfundzwanzig Jahre alt.
Außerdem wurde er an diesem Tag zum Oberleutnant ernannt. Und sein Urlaub begann.
Am frühen Morgen hatte er gemeinsam mit seinem Freund Phillip Rath das langweilige Garnisonsnest am Rhein, wo seine Kompanie stationiert war, verlassen, um zu dem alljährlichen Familiensommer auf Lulinn zu reisen. Sie machten in Berlin Station; zum einen, um sich auszuruhen, zum anderen, damit Phillip seine Familie, die ebenfalls in Berlin lebte, kurz sehen konnte. Am Abend trafen sie sich bei Johannes, in der augenblicklich leeren Wohnung seiner Eltern in der Schloßstraße. Phillip brachte seine Schwester Linda mit, eine achtzehnjährige puppenhafte Schönheit, die mit Felicia zur Schule gegangen und seit einem halben Jahr mit Johannes verlobt war. Außerdem waren sie in Begleitung eines Mannes, den Johannes nicht kannte: Alex Lombard aus München.
"Unsere Väter waren Geschäftspartner", erklärte Phillip, "daher kennen wir uns etwas. Ich traf Alex vorhin zufällig, und da er nichts vorhatte, habe ich ihn mitgenommen."
Johannes und Alex schüttelten einander die Hände. Unvermittelt dachte Johannes: Ein interessanter Mann. Sicher mindestens zehn Jahre älter als ich.
"Lombard", sagte er stirnrunzelnd, "sind Sie..."
"Die Textilfabrik aus München, ja." Alex grinste. "Die gehört allerdings meinem Vater. Ich bin hin und wieder so wie jetzt sein Handlungsreisender, wenn ich mich nicht gerade in der Rolle des mißratenen Sohnes wohler fühle."
Die vier jungen Leute verbrachten einen vergnügten Abend. Johannes hatte Sekt gekauft, das Grammophon spielte, und durch die geöffnete Balkontür floß warme Nachtluft. Alex machte den Alleinunterhalter. Er konnte urkomische Geschichten erzählen, Menschen, die er in seinem Leben getroffen hatte, treffend parodieren, sich selbst, andere und die Welt als solche so dreist ins Lächerliche ziehen, daß man sich hätte biegen können vor Lachen - wären nicht seine Ironie eine Spur zu beißend, sein Spott ein wenig zu giftig gewesen. Seine Zuhörer schwankten stets zwischen Belustigung und Betroffenheit. Irgend jemand hat dich mal irgendwann sehr verletzt, dachte Johannes, und ich habe auch das Gefühl, du trinkst etwas zuviel.
Seine schicksalhafte Wende nahm der Abend gegen Mitternacht, als die Gäste gerade beschlossen hatten zu gehen und Alex Lombard draußen auf dem Flur plötzlich wie angewurzelt stehenblieb.
"Ach", sagte er, "das habe ich vorhin gar nicht gesehen!"
Es war ein Bild, das seine Aufmerksamkeit fesselte, ein Ölgemälde, das ein junges Mädchen zeigte. Das Mädchen saß auf der Seitenlehne eines Sofas, sehr lässig und wie zufällig. Es trug ein blaßlilafarbenes Kleid, hielt einen weißen Strohhut in den Händen, und am Ausschnitt des Kleides war eine weiße Rose befestigt. Die lockigen, dunkelbraunen Haare fielen bis zur Taille hinab. Das Mädchen entsprach keineswegs dem Schönheitsideal seiner Zeit, das zartere und lieblichere Frauen verlangte, blaß und fein wie zerbrechliches Porzellan. Diese hier jedoch erschien weder lieblich noch zerbrechlich. Sie hatte ein schmales Gesicht mit einer geraden Nase und einem schöngeformten Mund, der sehr zuversichtlich lächelte. Die hohe, weiße Stirn gab dem Gesicht etwas unerwartet Vornehmes.
"Wer ist das?" fragte Alex fasziniert.
"Meine Schwester Felicia", erwiderte Johannes, "mein Onkel Leo hat sie gemalt, und ich glaube, er hat sie sehr gut getroffen."
"Felicia", sagte Alex, und er sprach den Namen, als ließe er ihn auf der Zunge zergehen. Er vertiefte sich wieder in das Bild, unbekümmert um die lächelnden Blicke, die sich Johannes und Phillip zuwarfen. Er konnte sich Felicias Stimme vorstellen, ihre Bewegungen und wie es klingen mußte, wenn sie lachte. In allem, was sie tat, mußten ein Schuß Ironie und eine unbändige Lust am Provozieren mitschwingen, überhaupt kam sie ihm vor wie eine einzige Provokation. Sie war ebenso höhere Tochter wie Femme fatale, und beide Rollen vermochte sie wahrscheinlich recht überzeugend zu spielen. Sie war die Aristokratin mit Hut und Handschuhen und teurem Schmuck, sie war aber auch die Bäuerin, die barfuß am Rande eines staubigen Feldweges kauerte und sich mit einem großen Ahornblatt kühle Abendluft zufächelte.
Doch das eigentliche Rätsel lag in ihren Augen.
Sie waren von einem reinen, hellen Grau, ohne den geringsten Anflug eines mildernden Blaus oder Grüns darin. Kühle Augen, die in vollkommenem Widerspruch zu dem Lächeln des Mundes standen. Eigenartig entrückte Augen, abweisend und herrschsüchtig. Geheimnisvolle Augen, die nichts preisgaben und so aussahen, als ließen sie es nicht zu, daß ihre Besitzerin jemals ganz erforscht und erkannt würde.
Dieses Mädchen gibt sich niemandem ganz, dachte Alex. Er hatte plötzlich das eigenartige Gefühl, in einen Spiegel zu schauen, und scheuchte seine Gedanken hastig fort: So ein Unsinn! Romantisches Gewäsch. Ein ganz normales Mädchen, und der Maler hat sie wohl nicht besonders gemocht und ihr deshalb so kalte Augen gegeben.
"Hübsch", sagte er daher nur beiläufig, "eine hübsche Schwester haben Sie, Herr Oberleutnant!"
"Sie verdreht jedem Mann den Kopf, der ihr über den Weg läuft", entgegnete Johannes, "aber anstatt endlich zur Ruhe zu kommen und zu heiraten, hängt sie ihr Herz an einen fanatischen Sozialisten, der für sie nur Verachtung übrig hat."
"Paßt", sagte Alex, "Frauen wie sie ertragen es nicht, angebetet zu werden."
Sie hatten unterdessen die Wohnung verlassen und standen im Treppenhaus mit seinen breiten Stufen und roten Läufern. Linda und Johannes hielten einander bei den Händen und konnten sich nicht trennen, während sich Alex und Phillip in ein Gespräch über deutschen und französischen Wein vertieften. In der Wohnung im Erdgeschoß ging die Tür auf, und der alte Amtsgerichtsrat, der dort wohnte, streckte den Kopf hinaus. Er war sehr einsam und lag ständig auf der Lauer, um jemanden der Familie Degnelly zu erwischen und in ein Gespräch zu verwickeln. Jetzt, zu dieser mitternächtlichen Stunde, glühten seine Augen begeistert.
"Haben Sie schon gehört, was passiert ist?" fragte er.
Johannes, der ein schlechtes Gewissen wegen der lauten Grammophonmusik hatte, lächelte verbindlicher als sonst. "Nein. Was ist denn geschehen?" Wahrscheinlich hatte die Nachbarskatze Junge bekommen oder etwas ähnlich Welterschütterndes war geschehen.
"Auf das österreichische Thronfolgerpaar wurde ein Attentat verübt. In Sarajewo. Sie sind beide tot. Der Täter kam wohl aus dem serbischen Untergrund."
Johannes ließ Lindas Hand los. Phillip und Alex verstummten.
"Was?" fragte Johannes schließlich.
"Jaja. Alle Extrablätter verkünden es. Erzherzog Franz Ferdinand ist tot!"
"Aber das ist ja..." Für einen Moment standen sie alle wie versteinert. Dann murmelte Phillip: "Der nächste Krieg wird von irgendeiner ganz lächerlichen Angelegenheit auf dem Balkan ausgelöst werden."
"Was?"
"Bismarck. Bismarck hat das mal gesagt."
Alex grinste. "Die lächerliche Angelegenheit auf dem Balkan. Ja, Freunde, ich schätze, das ist sie. Dann gute Nacht."
Er setzte seinen Hut auf und ging pfeifend die Treppe hinunter, während hinter ihm lebhaftes Stimmengewirr einsetzte.
"Bei den Serben und Kroaten hat es schon zu lange gebrodelt. Österreich wird sich diese Provokation nicht gefallen lassen."
"Dann hängen wir mit drin. Deutschland hat ein Bündnis mit Österreich. Andererseits weiß kein Mensch, ob die serbische Regierung beteiligt war, und wegen eines Attentäters..."
"Mein Vater sagt immer, wenn ein Krieg ausbricht, dann an der französischen Grenze, weil die Franzosen Elsaß-Lothringen in Wahrheit noch nicht aufgegeben haben."
"Da hat er sicher recht, Linda."
"Was meint ihr, werden die Österreicher..."
"Könntest du dir vorstellen zu sterben?" fragte Christian unvermittelt. Sein Freund Jorias, der vor sich hingedöst hatte, schrak auf. "Was meinst du?"
"Na ja, ich habe gerade darüber nachgedacht. Wenn es Krieg gibt und wenn er lange genug dauert, dann werden wir bestimmt auch noch eingezogen. Nächstes Jahr machen wir unser Fähnrichexamen, und dann wären wir schon soweit. Es ist auf einmal... so eine verrückte Vorstellung!"
Jorias nickte langsam. Die Lokomotive stieß einen schrillen Pfiff aus, dumpf rumpelten die Räder über die Geleise. Die beiden Jungen sahen zum Fenster hinaus, aber es war schon tief in der Sommernacht, und sie konnten nur das Spiegelbild ihres schwach erleuchteten Abteils sehen.
"Jetzt dauert es nicht mehr lange bis Insterburg", sagte Christian, und in seiner Stimme klang aufgeregte Freude. Er war Felicia Degnellys jüngerer Bruder, gerade sechzehn geworden, und er gehörte zu denen, auf die das Reich mit Stolz blickte: Er war ein Kadett. Er durchlief jenen Weg, auf dem Kinder bereits zu Soldaten gemacht und im Sinne bester preußischer Traditionen erzogen wurden, gedrillt bis zum Umfallen, gebildet wie kleine Professoren, infiziert aber vor allem mit einer heiligen Liebe zum Kaiser, zum Vaterland - und zum Tod.Christian und sein Freund Jorias, der keine Eltern mehr hatte und daher in das Familienleben der Degnelly-Familie mit einbezogen war, hatten erst vor kurzem das Vorkorps in Köslin verlassen und bereiteten sich in der Hauptkadettenanstalt Lichterfelde auf ihr Fähnrichexamen vor. Sie trugen graue Uniformen mit engen, steifen Kragen, blütenweiße Handschuhe und voller Stolz die weißen Schulterklappen der HKA.
Leseprobe zu "Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1" von Charlotte Link
Der Junitag verdämmerte in rotgoldenem Abendlicht. Über den blaßblauen Himmel zogen ein paar zerrupfte Wolken, in den Wiesen zirpten Grillen, und die Blätter der Bäume rauschten leise. Die Tannenwälder am Horizont wurden dunkler, die Schatten über den Wiesen länger. Die Stämme der Kiefern leuchteten kastanienfarben.
"Morgen", sagte Maksim, "fahre ich nach Berlin zurück."
Unvermittelt hatte der strahlende Abend seinen Glanz verloren. Felicia Degnelly, die neben Maksim am Ufer eines Baches saß, blickte erschrocken auf. "Morgen? Aber warum denn? Der Sommer hat doch gerade erst angefangen!"
Maksims Antwort war ausweichend. "Ich treffe Freunde. Wichtige Freunde."
"Genossen!" sagte Felicia spöttisch, aber ihr Spott sollte nur verbergen, wie verletzt sie war. Die Genossen kamen vor ihr, vor dem gemeinsamen Sommer auf dem Lande, vor Abenden wie diesem.
Sie sah Maksim von der Seite an und dachte voller Erbitterung: Du weißt ja nicht, was du willst!
Im Innersten aber war ihr klar, daß er es genau wußte. Seine Gedanken waren gefesselt von einer Idee, nicht von ihr. Er sagte nie, was andere Männer sagten, wenn sie mit ihr zusammen waren, etwa: "Du bist sehr hübsch!" oder "Ich glaube, ich könnte mich in dich verlieben!" Nein, von ihm kamen seltsame Worte wie Umsturz, Weltrevolution, Umverteilung des Eigentums, Enteignung der besitzenden Klasse. Daß es eine Welt für ihn gab, zu der sie keinen Zutritt fand und zu der er ihr auch keinen Zutritt erlauben würde, hatte sie schon vor fast zwei Jahren begriffen, am Kaisergeburtstag in Berlin, als sie durch die Straßen gingen und die jubelnden Menschen betrachteten, als in Maksims Gesicht Wut und Zynismus rangen. Plötzlich hatte er etwas vor sich hingemurmelt (später erfuhr sie, daß es ein Zitat von Marx war): "Dieser Mensch ist nur König, weil sich andere Menschen wie Untertanen zu ihm verhalten."
Sie hatte ihn angeschaut. "Was sagst du?"
Auf einmal hatte ein verachtungsvoller, beinahe brutaler Zug um seinen Mund gelegen. "Egal", erwiderte er und musterte geringschätzig ihr schönes Kleid und ihren neuen Hut (beides trug sie seinetwegen), "egal, du wirst es doch nie verstehen. Nie!"
Er hatte recht. Sie verstand ihn nicht. Sie verstand nicht, daß er sich für eine Idee begeistern konnte, während sie sich für das Leben begeisterte. Er wollte die Welt verändern zum Besten der Menschheit, und sie - ja, sie wollte eigentlich nur das Beste für sich selbst. Und sie wollte Maksim Marakow.
Er war der Sohn eines Russen und einer Deutschen, hatte seine Jugend abwechselnd in Petrograd und Berlin verbracht, und alle Sommer auf dem Landsitz von Verwandten bei Insterburg in Ostpreußen, unweit von Lulinn, dem Gut, das Felicias Großeltern gehörte. Er war vier Jahre älter als Felicia, und von Anfang an waren sie wie magisch angezogen aufeinander zugegangen. Beide dunkelhaarig, mit hellen Augen und gleichmäßigen Gesichtszügen, hielten die meisten Leute sie für Geschwister. Kamen sie zusammen, so tauchten sie in eine fremde Welt, und über ihrer Kindheit lag der Zauber geheimer Spiele, die niemand störte. Die Obstgärten von Lulinn, die Wälder und Seen ringsum, die Wiesen waren Szenenbilder ihrer ungeschriebenen Zwei-Mann-Stücke. Irgendwann aber, in irgendeinem Sommer, betraten sie wieder ihre Bühne und erkannten einander kaum mehr. Felicia kam in eleganten Kleidern, trug die Haare aufgesteckt und hatte sich ein etwas gekünsteltes Lachen angewöhnt. Maksim erschien in abgetragenen Anzügen, sah blaß und übernächtig aus. Beide waren sie erwachsen geworden, aber ihre ersten Schritte auf diesem Weg hatten sie in entgegengesetzte Richtungen getan. Ihre letzte Gemeinsamkeit bezogen sie aus Erinnerungen, aber es sah nicht so aus, als werde es Gemeinsamkeiten in der Zukunft geben. Und auf einmal erkannte Felicia: Ich liebe ihn. Ich werde ihn immer lieben.
Sie liebte diese dunkle, fremde Welt, die sie nicht verstand. Sie liebte seine abweisenden Augen und seine verä
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