Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1 - Link, Charlotte

Charlotte Link 

Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1

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Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1

Sommer 1914: In Europa gärt es, doch auf dem Familiengut der Degnellys in Ostpreußen scheint noch Zeit zu sein für Idylle und Plänkeleien und für den Traum von der großen Liebe. Ein Traum, der die achtzehnjährige Felicia durch eine harte Zeit begleiten wird, in der alteTraditionen und Beziehungen untergehen und einer gar nicht mehr vornehmen Realität weichen. Charlotte Link gelang mit "Sturmzeit" die faszinierende Geschichte einer ungewöhnlichen Frau in einer bewegten Zeit. Ein großer Frauenroman.


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 1989
  • Ausstattung/Bilder: 1991 530 S.
  • ISBN-13: 9783442410668
  • ISBN-10: 3442410665
  • Best.Nr.: 04220456
Eine der ganz großen Erzählerinnen der Gegenwart! Journal für die Frau

"Eine der ganz großen Erzählerinnen der Gegenwart!"
Charlotte Link, geboren 1963 in Frankfurt/Main, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre psychologischen Spannungsromane, zuletzt "Das andere Kind", sind internationale Bestseller. Allein in Deutschland wurden bislang rund 15 Millionen ihrer Bücher verkauft; sie sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die TV-Verfilmungen, u. a. "Das Haus der Schwestern" und "Die Rosenzüchterin", werden vom ZDF mit jeweils sehr hohen Einschaltquoten ausgestrahlt. Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt/Main.

Leseprobe zu "Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1" von Charlotte Link

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Leseprobe zu "Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1" von Charlotte Link

Der Junitag verdämmerte in rotgoldenem Abendlicht. Über den blaßblauen Himmel zogen ein paar zerrupfte Wolken, in den Wiesen zirpten Grillen, und die Blätter der Bäume rauschten leise. Die Tannenwälder am Horizont wurden dunkler, die Schatten über den Wiesen länger. Die Stämme der Kiefern leuchteten kastanienfarben.

"Morgen", sagte Maksim, "fahre ich nach Berlin zurück."

Unvermittelt hatte der strahlende Abend seinen Glanz verloren. Felicia Degnelly, die neben Maksim am Ufer eines Baches saß, blickte erschrocken auf. "Morgen? Aber warum denn? Der Sommer hat doch gerade erst angefangen!"

Maksims Antwort war ausweichend. "Ich treffe Freunde. Wichtige Freunde."

"Genossen!" sagte Felicia spöttisch, aber ihr Spott sollte nur verbergen, wie verletzt sie war. Die Genossen kamen vor ihr, vor dem gemeinsamen Sommer auf dem Lande, vor Abenden wie diesem.

Sie sah Maksim von der Seite an und dachte voller Erbitterung: Du weißt ja nicht, was du willst!

Im Innersten aber war ihr klar, daß er es genau wußte. Seine Gedanken waren gefesselt von einer Idee, nicht von ihr. Er sagte nie, was andere Männer sagten, wenn sie mit ihr zusammen waren, etwa: "Du bist sehr hübsch!" oder "Ich glaube, ich könnte mich in dich verlieben!" Nein, von ihm kamen seltsame Worte wie Umsturz, Weltrevolution, Umverteilung des Eigentums, Enteignung der besitzenden Klasse. Daß es eine Welt für ihn gab, zu der sie keinen Zutritt fand und zu der er ihr auch keinen Zutritt erlauben würde, hatte sie schon vor fast zwei Jahren begriffen, am Kaisergeburtstag in Berlin, als sie durch die Straßen gingen und die jubelnden Menschen betrachteten, als in Maksims Gesicht Wut und Zynismus rangen. Plötzlich hatte er etwas vor sich hingemurmelt (später erfuhr sie, daß es ein Zitat von Marx war): "Dieser Mensch ist nur König, weil sich andere Menschen wie Untertanen zu ihm verhalten."

Sie hatte ihn angeschaut. "Was sagst du?"

Auf einmal hatte ein verachtungsvoller, beinahe brutaler Zug um seinen Mund gelegen. "Egal", erwiderte er und musterte geringschätzig ihr schönes Kleid und ihren neuen Hut (beides trug sie seinetwegen), "egal, du wirst es doch nie verstehen. Nie!"

Er hatte recht. Sie verstand ihn nicht. Sie verstand nicht, daß er sich für eine Idee begeistern konnte, während sie sich für das Leben begeisterte. Er wollte die Welt verändern zum Besten der Menschheit, und sie - ja, sie wollte eigentlich nur das Beste für sich selbst. Und sie wollte Maksim Marakow.

Er war der Sohn eines Russen und einer Deutschen, hatte seine Jugend abwechselnd in Petrograd und Berlin verbracht, und alle Sommer auf dem Landsitz von Verwandten bei Insterburg in Ostpreußen, unweit von Lulinn, dem Gut, das Felicias Großeltern gehörte. Er war vier Jahre älter als Felicia, und von Anfang an waren sie wie magisch angezogen aufeinander zugegangen. Beide dunkelhaarig, mit hellen Augen und gleichmäßigen Gesichtszügen, hielten die meisten Leute sie für Geschwister. Kamen sie zusammen, so tauchten sie in eine fremde Welt, und über ihrer Kindheit lag der Zauber geheimer Spiele, die niemand störte. Die Obstgärten von Lulinn, die Wälder und Seen ringsum, die Wiesen waren Szenenbilder ihrer ungeschriebenen Zwei-Mann-Stücke. Irgendwann aber, in irgendeinem Sommer, betraten sie wieder ihre Bühne und erkannten einander kaum mehr. Felicia kam in eleganten Kleidern, trug die Haare aufgesteckt und hatte sich ein etwas gekünsteltes Lachen angewöhnt. Maksim erschien in abgetragenen Anzügen, sah blaß und übernächtigt aus. Beide waren sie erwachsen geworden, aber ihre ersten Schritte auf diesem Weg hatten sie in entgegengesetzte Richtungen getan. Ihre letzte Gemeinsamkeit bezogen sie aus Erinnerungen, aber es sah nicht so aus, als werde es Gemeinsamkeiten in der Zukunft geben. Und auf einmal erkannte Felicia: Ich liebe ihn. Ich werde ihn immer lieben.

Sie liebte diese dunkle, fremde Welt, die sie nicht verstand. Sie liebte seine abweisenden Augen und seine verächtlichen Worte, die er für das etablierte Bürgertum hatte. Sie liebte seine zynischen Bemerkungen über den Kaiser, und sie liebte die lebendige Freude seines Gesichtes, wenn er von der Revolution sprach. Sie liebte das alles - aber sie begriff nicht den Ernst, die Leidenschaft, die dahinterstand. Sie begriff nicht, daß ihre beiden Welten einander ausschlossen.

Sie war achtzehn Jahre alt, hatte ein gesundes Selbstvertrauen, und es wäre ihr nicht im Traum eingefallen, das Kapital zu lesen, nur um über etwas reden zu können, was sie doch nicht berührte.

Sie setzte auf ihre Augen, ihren Mund, ihr glänzendes Haar, auf tiefausgeschnittene Kleider und geheimnisvolle Parfüms.

Sie saßen schweigend, bis die Sonne unterging, und in ihrem Schweigen lag der Abschied von einer Zeit, die fast unmerklich vorbeigegangen war. Schließlich stand Maksim auf, griff Felicias Hand und zog sie neben sich hoch. "Es wird kalt", sagte er, "wir sollten nach Hause gehen."

Sie standen einander dicht gegenüber, Felicia mit einem breitrandigen Hut aus blaulackiertem Stroh auf dem Kopf.

Sie hob ihr Gesicht, öffnete leicht die Lippen, erwartungsvoll, weil es ihr unsinnig schien, einen Moment wie diesen zu vertun. Sekundenlang konnte sie in Maksims Augen etwas von der alten Zärtlichkeit entdecken, dann erlosch sie schon wieder, und mit einem etwas mühsamen Lachen erklärte er: "Nein. Ich mach' dich nicht unglücklich, und mich schon gar nicht."

Was redete er da? Von welchem Unglück sprach er?

"Na, dann nicht", sagte sie schnippisch, "wenn du von nun an wie ein Mönch leben willst, dann tu's doch!"

"Ich will meinen Weg gehen, Felicia. Und du wirst deinen gehen, und ich glaube nicht, daß sich diese Wege jemals kreuzen werden."

"Heißt das, wir sehen einander nie wieder?"

"Wir sehen uns nicht so wieder, wie du dir das vorstellst."

"Warum nicht?"

Mit einer zornigen Bewegung riß Maksim einen Zweig von einem Baum und zerbrach ihn in kleine Stücke. "Wirst du das denn nie verstehen, Felicia?"

"Danke, ich habe längst verstanden. Du mußt ja das internationale Finanzmonopol stürzen, und da bleibt dir natürlich für nichts sonst Zeit. Lieber nächtelang Marx anhimmeln, als einmal ein Mädchen küssen! Ein aufregendes Leben, wirklich. Ich wünsche dir viel Spaß dabei!" Sie drehte sich um und rannte davon. Sie kannte den Weg im Schlaf, und irgendwie gelangte sie über Wurzeln und Äste hinweg, ohne zu stürzen. Natürlich hatte sie erwartet, er werde ihr nachkommen, aber nach einer Weile stellte sie fest, daß er offenbar gar nicht daran dachte. Vor Wut und Verletztheit kamen ihr die Tränen. Erst an der Auffahrt von Lulinn riß sie sich zusammen und trocknete sich das Gesicht.

Das Herrenhaus von Lulinn war zweihundert Jahre zuvor erbaut worden, obwohl die Familie Domberg seit dreihundert Jahren auf diesem Grund und Boden saß. Das erste Haus war eines Nachts in Flammen aufgegangen - eine wahnsinnige Vorfahrin, so hieß es, habe das Feuer aus Eifersucht gelegt -, und das neue war an seiner Stelle aus der Not des Augenblickes heraus recht schmucklos und einfach entstanden: ein großes Gebäude aus grauem Stein, mit vielen Fenstern, Efeu umkletterte es, zu seinen Füßen lag ein blühender Rosengarten, und auf sein Portal führte eine eichengesäumte Allee, an die sich rechts und links weite Koppeln anschlossen, auf denen Trakehner, der Stolz des alten Domberg, grasten. Jetzt lag alles im Dunkeln, in den Eichen ging der Wind, die Pferde bewegten sich als dunkle Schatten wie Elfen über die Wiesen. Felicia blieb stehen und sah sich hoffnungsvoll um. Manchmal kam ein Wagen vorbei, dann brauchte man die lange Allee nicht zu Fuß zu gehen.

Aber diesmal blieb alles still. Mit einem Seufzer wollte sie sich auf den Weg machen, da vernahm sie ein Rascheln im nahen Erlengebüsch. Eine dunkle Gestalt huschte hervor.

"Nicht erschrecken, Fräulein, nicht erschrecken. Ich bin es, Jadzia!"

"Ach Gott, Jadzia, hast du mich erschreckt! Was treibst du dich denn da im Gebüsch herum?"

Jadzia war Dienstmädchen auf Lulinn, eine alte Polin, von der Großvater Domberg immer sagte, man wisse bei ihr nicht, ob sie sich für ihre Herrschaft vierteilen ließe oder sie alle eines Nachts in ihren Betten ermorden würde. Sie ging eigene, geheimnisvolle Wege, manchmal war sie verschwunden, dann tauchte sie unversehens wieder auf. Entweder, so hieß es, war sie Schmugglerin oder Sozialistin - oder beides.

"Ich weiß etwas", sagte sie.

"Was denn?" Es konnte ja immerhin etwas Interessantes sein. Jadzia trat näher. "Den österreichischen Thronfolger haben sie erschossen. Heute, in Sarajewo. Täter soll gewesen sein Serbe!"

Wenn es weiter nichts war! "Ach", sagte Felicia gleichgültig.

"Wird gäbn Krieg", fuhr Jadzia fort, "großer Krieg!"

"Sicher nicht, Jadzia. Warum sollte daraus ein Krieg entstehen?"

Jadzia murmelte etwas auf polnisch. Felicia ging weiter. Sarajewo - wo lag das überhaupt? Sie hatte nie von diesem Ort gehört. Im übrigen war es ihr auch gleichgültig. Sie dachte über Maksim nach und darüber, weshalb sie ihn anderen vorzog. Es war so, daß sie all die netten jungen Männer, die sie sonst kannte, zum Sterben langweilig fand. Sie waren so schrecklich aufmerksam und gut erzogen; sie verstand sie - und verachtete sie. Sie hatten nichts Rätselhaftes an sich und waren damit keine Herausforderung. Gerade danach aber suchte sie. Sie wollte Abenteuer, und in Maksim schien ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu liegen.

Felicias Bruder Johannes wurde an diesem 28. Juni 1914 fünfundzwanzig Jahre alt.

Außerdem wurde er an diesem Tag zum Oberleutnant ernannt. Und sein Urlaub begann.

Am frühen Morgen hatte er gemeinsam mit seinem Freund Phillip Rath das langweilige Garnisonsnest am Rhein, wo seine Kompanie stationiert war, verlassen, um zu dem alljährlichen Familiensommer auf Lulinn zu reisen. Sie machten in Berlin Station; zum einen, um sich auszuruhen, zum anderen, damit Phillip seine Familie, die ebenfalls in Berlin lebte, kurz sehen konnte. Am Abend trafen sie sich bei Johannes, in der augenblicklich leeren Wohnung seiner Eltern in der Schloßstraße. Phillip brachte seine Schwester Linda mit, eine achtzehnjährige puppenhafte Schönheit, die mit Felicia zur Schule gegangen und seit einem halben Jahr mit Johannes verlobt war. Außerdem waren sie in Begleitung eines Mannes, den Johannes nicht kannte: Alex Lombard aus München.

"Unsere Väter waren Geschäftspartner", erklärte Phillip, "daher kennen wir uns etwas. Ich traf Alex vorhin zufällig, und da er nichts vorhatte, habe ich ihn mitgenommen."

Johannes und Alex schüttelten einander die Hände. Unvermittelt dachte Johannes: Ein interessanter Mann. Sicher mindestens zehn Jahre älter als ich.

"Lombard", sagte er stirnrunzelnd, "sind Sie..."

"Die Textilfabrik aus München, ja." Alex grinste. "Die gehört allerdings meinem Vater. Ich bin hin und wieder so wie jetzt sein Handlungsreisender, wenn ich mich nicht gerade in der Rolle des mißratenen Sohnes wohler fühle."

Die vier jungen Leute verbrachten einen vergnügten Abend. Johannes hatte Sekt gekauft, das Grammophon spielte, und durch die geöffnete Balkontür floß warme Nachtluft. Alex machte den Alleinunterhalter. Er konnte urkomische Geschichten erzählen, Menschen, die er in seinem Leben getroffen hatte, treffend parodieren, sich selbst, andere und die Welt als solche so dreist ins Lächerliche ziehen, daß man sich hätte biegen können vor Lachen - wären nicht seine Ironie eine Spur zu beißend, sein Spott ein wenig zu giftig gewesen. Seine Zuhörer schwankten stets zwischen Belustigung und Betroffenheit. Irgend jemand hat dich mal irgendwann sehr verletzt, dachte Johannes, und ich habe auch das Gefühl, du trinkst etwas zuviel.

Seine schicksalhafte Wende nahm der Abend gegen Mitternacht, als die Gäste gerade beschlossen hatten zu gehen und Alex Lombard draußen auf dem Flur plötzlich wie angewurzelt stehenblieb.

"Ach", sagte er, "das habe ich vorhin gar nicht gesehen!"

Es war ein Bild, das seine Aufmerksamkeit fesselte, ein Ölgemälde, das ein junges Mädchen zeigte. Das Mädchen saß auf der Seitenlehne eines Sofas, sehr lässig und wie zufällig. Es trug ein blaßlilafarbenes Kleid, hielt einen weißen Strohhut in den Händen, und am Ausschnitt des Kleides war eine weiße Rose befestigt. Die lockigen, dunkelbraunen Haare fielen bis zur Taille hinab. Das Mädchen entsprach keineswegs dem Schönheitsideal seiner Zeit, das zartere und lieblichere Frauen verlangte, blaß und fein wie zerbrechliches Porzellan. Diese hier jedoch erschien weder lieblich noch zerbrechlich. Sie hatte ein schmales Gesicht mit einer geraden Nase und einem schöngeformten Mund, der sehr zuversichtlich lächelte. Die hohe, weiße Stirn gab dem Gesicht etwas unerwartet Vornehmes.

"Wer ist das?" fragte Alex fasziniert.

"Meine Schwester Felicia", erwiderte Johannes, "mein Onkel Leo hat sie gemalt, und ich glaube, er hat sie sehr gut getroffen."

"Felicia", sagte Alex, und er sprach den Namen, als ließe er ihn auf der Zunge zergehen. Er vertiefte sich wieder in das Bild, unbekümmert um die lächelnden Blicke, die sich Johannes und Phillip zuwarfen. Er konnte sich Felicias Stimme vorstellen, ihre Bewegungen und wie es klingen mußte, wenn sie lachte. In allem, was sie tat, mußten ein Schuß Ironie und eine unbändige Lust am Provozieren mitschwingen, überhaupt kam sie ihm vor wie eine einzige Provokation. Sie war ebenso höhere Tochter wie Femme fatale, und beide Rollen vermochte sie wahrscheinlich recht überzeugend zu spielen. Sie war die Aristokratin mit Hut und Handschuhen und teurem Schmuck, sie war aber auch die Bäuerin, die barfuß am Rande eines staubigen Feldweges kauerte und sich mit einem großen Ahornblatt kühle Abendluft zufächelte.

Doch das eigentliche Rätsel lag in ihren Augen.

Sie waren von einem reinen, hellen Grau, ohne den geringsten Anflug eines mildernden Blaus oder Grüns darin. Kühle Augen, die in vollkommenem Widerspruch zu dem Lächeln des Mundes standen. Eigenartig entrückte Augen, abweisend und herrschsüchtig. Geheimnisvolle Augen, die nichts preisgaben und so aussahen, als ließen sie es nicht zu, daß ihre Besitzerin jemals ganz erforscht und erkannt würde.

Dieses Mädchen gibt sich niemandem ganz, dachte Alex. Er hatte plötzlich das eigenartige Gefühl, in einen Spiegel zu schauen, und scheuchte seine Gedanken hastig fort: So ein Unsinn! Romantisches Gewäsch. Ein ganz normales Mädchen, und der Maler hat sie wohl nicht besonders gemocht und ihr deshalb so kalte Augen gegeben.

"Hübsch", sagte er daher nur beiläufig, "eine hübsche Schwester haben Sie, Herr Oberleutnant!"

"Sie verdreht jedem Mann den Kopf, der ihr über den Weg läuft", entgegnete Johannes, "aber anstatt endlich zur Ruhe zu kommen und zu heiraten, hängt sie ihr Herz an einen fanatischen Sozialisten, der für sie nur Verachtung übrig hat."

"Paßt", sagte Alex, "Frauen wie sie ertragen es nicht, angebetet zu werden."

Sie hatten unterdessen die Wohnung verlassen und standen im Treppenhaus mit seinen breiten Stufen und roten Läufern. Linda und Johannes hielten einander bei den Händen und konnten sich nicht trennen, während sich Alex und Phillip in ein Gespräch über deutschen und französischen Wein vertieften. In der Wohnung im Erdgeschoß ging die Tür auf, und der alte Amtsgerichtsrat, der dort wohnte, streckte den Kopf hinaus. Er war sehr einsam und lag ständig auf der Lauer, um jemanden der Familie Degnelly zu erwischen und in ein Gespräch zu verwickeln. Jetzt, zu dieser mitternächtlichen Stunde, glühten seine Augen begeistert.

"Haben Sie schon gehört, was passiert ist?" fragte er.

Johannes, der ein schlechtes Gewissen wegen der lauten Grammophonmusik hatte, lächelte verbindlicher als sonst. "Nein. Was ist denn geschehen?" Wahrscheinlich hatte die Nachbarskatze Junge bekommen oder etwas ähnlich Welterschütterndes war geschehen.

"Auf das österreichische Thronfolgerpaar wurde ein Attentat verübt. In Sarajewo. Sie sind beide tot. Der Täter kam wohl aus dem serbischen Untergrund."

Johannes ließ Lindas Hand los. Phillip und Alex verstummten.

"Was?" fragte Johannes schließlich.

"Jaja. Alle Extrablätter verkünden es. Erzherzog Franz Ferdinand ist tot!"

"Aber das ist ja..." Für einen Moment standen sie alle wie versteinert. Dann murmelte Phillip: "Der nächste Krieg wird von irgendeiner ganz lächerlichen Angelegenheit auf dem Balkan ausgelöst werden."

"Was?"

"Bismarck. Bismarck hat das mal gesagt."

Alex grinste. "Die lächerliche Angelegenheit auf dem Balkan. Ja, Freunde, ich schätze, das ist sie. Dann gute Nacht."

Er setzte seinen Hut auf und ging pfeifend die Treppe hinunter, während hinter ihm lebhaftes Stimmengewirr einsetzte.

"Bei den Serben und Kroaten hat es schon zu lange gebrodelt. Österreich wird sich diese Provokation nicht gefallen lassen."

"Dann hängen wir mit drin. Deutschland hat ein Bündnis mit Österreich. Andererseits weiß kein Mensch, ob die serbische Regierung beteiligt war, und wegen eines Attentäters..."

"Mein Vater sagt immer, wenn ein Krieg ausbricht, dann an der französischen Grenze, weil die Franzosen Elsaß-Lothringen in Wahrheit noch nicht aufgegeben haben."

"Da hat er sicher recht, Linda."

"Was meint ihr, werden die Österreicher..."

"Könntest du dir vorstellen zu sterben?" fragte Christian unvermittelt. Sein Freund Jorias, der vor sich hingedöst hatte, schrak auf. "Was meinst du?"

"Na ja, ich habe gerade darüber nachgedacht. Wenn es Krieg gibt und wenn er lange genug dauert, dann werden wir bestimmt auch noch eingezogen. Nächstes Jahr machen wir unser Fähnrichexamen, und dann wären wir schon soweit. Es ist auf einmal... so eine verrückte Vorstellung!"

Jorias nickte langsam. Die Lokomotive stieß einen schrillen Pfiff aus, dumpf rumpelten die Räder über die Geleise. Die beiden Jungen sahen zum Fenster hinaus, aber es war schon tief in der Sommernacht, und sie konnten nur das Spiegelbild ihres schwach erleuchteten Abteils sehen.

"Jetzt dauert es nicht mehr lange bis Insterburg", sagte Christian, und in seiner Stimme klang aufgeregte Freude. Er war Felicia Degnellys jüngerer Bruder, gerade sechzehn geworden, und er gehörte zu denen, auf die das Reich mit Stolz blickte: Er war ein Kadett. Er durchlief jenen Weg, auf dem Kinder bereits zu Soldaten gemacht und im Sinne bester preußischer Traditionen erzogen wurden, gedrillt bis zum Umfallen, gebildet wie kleine Professoren, infiziert aber vor allem mit einer heiligen Liebe zum Kaiser, zum Vaterland - und zum Tod.Christian und sein Freund Jorias, der keine Eltern mehr hatte und daher in das Familienleben der Degnelly-Familie mit einbezogen war, hatten erst vor kurzem das Vorkorps in Köslin verlassen und bereiteten sich in der Hauptkadettenanstalt Lichterfelde auf ihr Fähnrichexamen vor. Sie trugen graue Uniformen mit engen, steifen Kragen, blütenweiße Handschuhe und voller Stolz die weißen Schulterklappen der HKA.

Leseprobe zu "Sturmzeit / Sturmzeit Bd.1" von Charlotte Link

Der Junitag verdämmerte in rotgoldenem Abendlicht. Über den blaßblauen Himmel zogen ein paar zerrupfte Wolken, in den Wiesen zirpten Grillen, und die Blätter der Bäume rauschten leise. Die Tannenwälder am Horizont wurden dunkler, die Schatten über den Wiesen länger. Die Stämme der Kiefern leuchteten kastanienfarben.
"Morgen", sagte Maksim, "fahre ich nach Berlin zurück."
Unvermittelt hatte der strahlende Abend seinen Glanz verloren. Felicia Degnelly, die neben Maksim am Ufer eines Baches saß, blickte erschrocken auf. "Morgen? Aber warum denn? Der Sommer hat doch gerade erst angefangen!"
Maksims Antwort war ausweichend. "Ich treffe Freunde. Wichtige Freunde."
"Genossen!" sagte Felicia spöttisch, aber ihr Spott sollte nur verbergen, wie verletzt sie war. Die Genossen kamen vor ihr, vor dem gemeinsamen Sommer auf dem Lande, vor Abenden wie diesem.
Sie sah Maksim von der Seite an und dachte voller Erbitterung: Du weißt ja nicht, was du willst!
Im Innersten aber war ihr klar, daß er es genau wußte. Seine Gedanken waren gefesselt von einer Idee, nicht von ihr. Er sagte nie, was andere Männer sagten, wenn sie mit ihr zusammen waren, etwa: "Du bist sehr hübsch!" oder "Ich glaube, ich könnte mich in dich verlieben!" Nein, von ihm kamen seltsame Worte wie Umsturz, Weltrevolution, Umverteilung des Eigentums, Enteignung der besitzenden Klasse. Daß es eine Welt für ihn gab, zu der sie keinen Zutritt fand und zu der er ihr auch keinen Zutritt erlauben würde, hatte sie schon vor fast zwei Jahren begriffen, am Kaisergeburtstag in Berlin, als sie durch die Straßen gingen und die jubelnden Menschen betrachteten, als in Maksims Gesicht Wut und Zynismus rangen. Plötzlich hatte er etwas vor sich hingemurmelt (später erfuhr sie, daß es ein Zitat von Marx war): "Dieser Mensch ist nur König, weil sich andere Menschen wie Untertanen zu ihm verhalten."
Sie hatte ihn angeschaut. "Was sagst du?"
Auf einmal hatte ein verachtungsvoller, beinahe brutaler Zug um seinen Mund gelegen. "Egal", erwiderte er und musterte geringschätzig ihr schönes Kleid und ihren neuen Hut (beides trug sie seinetwegen), "egal, du wirst es doch nie verstehen. Nie!"
Er hatte recht. Sie verstand ihn nicht. Sie verstand nicht, daß er sich für eine Idee begeistern konnte, während sie sich für das Leben begeisterte. Er wollte die Welt verändern zum Besten der Menschheit, und sie - ja, sie wollte eigentlich nur das Beste für sich selbst. Und sie wollte Maksim Marakow.
Er war der Sohn eines Russen und einer Deutschen, hatte seine Jugend abwechselnd in Petrograd und Berlin verbracht, und alle Sommer auf dem Landsitz von Verwandten bei Insterburg in Ostpreußen, unweit von Lulinn, dem Gut, das Felicias Großeltern gehörte. Er war vier Jahre älter als Felicia, und von Anfang an waren sie wie magisch angezogen aufeinander zugegangen. Beide dunkelhaarig, mit hellen Augen und gleichmäßigen Gesichtszügen, hielten die meisten Leute sie für Geschwister. Kamen sie zusammen, so tauchten sie in eine fremde Welt, und über ihrer Kindheit lag der Zauber geheimer Spiele, die niemand störte. Die Obstgärten von Lulinn, die Wälder und Seen ringsum, die Wiesen waren Szenenbilder ihrer ungeschriebenen Zwei-Mann-Stücke. Irgendwann aber, in irgendeinem Sommer, betraten sie wieder ihre Bühne und erkannten einander kaum mehr. Felicia kam in eleganten Kleidern, trug die Haare aufgesteckt und hatte sich ein etwas gekünsteltes Lachen angewöhnt. Maksim erschien in abgetragenen Anzügen, sah blaß und übernächtig aus. Beide waren sie erwachsen geworden, aber ihre ersten Schritte auf diesem Weg hatten sie in entgegengesetzte Richtungen getan. Ihre letzte Gemeinsamkeit bezogen sie aus Erinnerungen, aber es sah nicht so aus, als werde es Gemeinsamkeiten in der Zukunft geben. Und auf einmal erkannte Felicia: Ich liebe ihn. Ich werde ihn immer lieben.
Sie liebte diese dunkle, fremde Welt, die sie nicht verstand. Sie liebte seine abweisenden Augen und seine verä

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13 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.9 von 5 Sterne bei 13 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von JED aus Berlin am 13.06.2011 ***** ausgezeichnet
"Sturmzeit" von Charlotte Link ist ein Buch, das genau das im Titel trägt, was man beim Lesen fühlt: eine Sturmzeit. Atemlos, spannend, grandios bis zum Schluss! Ich war hin und weg! Und habe die letzten Tage nur noch eins: gelesen!

Das Buch hat mir meine SchwieMa in die Hand gedrückt und ich Unwissende dachte erst, Charlotte Link ist so eine Schreiberin wie Rosamunde Pilcher.

Aber weit gefehlt! Die Heldin des Buches ist eigentlich solch eine Antiheldin, dass sie schon wieder liebenswert ist - da einfach unglaublich menschlich zwischen falschen Männern, Emanzipationsfragen, Drogen, Vernachlässigung ihrer eigenen Kinder etc.

Die Geschichte beginnt 1914 und damit in einem schicksalhaften Jahr. Felicitas Familie hat ein Gut in Ostpreußen und die junge Frau interessiert sich für alles andere als für Politik. Tatsächlich ist sie eine Ich-bezogene, oberflächliche Landadlige, der es vor allem darum geht, mit den Männern zu spielen. Doch den politischen Entwicklungen kann auch sie sich nicht entziehen.

Der Adel geht mit dem Krieg unter und Felicita muss sich neu definieren. In den historischen Wirren findet und verliert sie Menschen und findet sich selbst schließlich im Berlin der 20er Jahre wieder.

Charlotte Link verknüpft die geschichtlichen Entwicklungen bis zu den 30er Jahren mit dem Schcksal einer ganzen Familie, in deren Mittelpunkt Felicita steht. Selten ist mir diese Generation, die beide Kriege erlebt hat, so nahe gebracht worden.

Manchmal erschienen mir einige Figuren zwar etwas zu prophetisch (etwa wenn es um die zunehmende Macht der Nazis geht). Aber insgesamt ist das einfach ein HAMMERBUCH, das mich sogar von Agatha Christie abgelenkt hat :o)))

Der Fortsetzungsband liegt schon auf meinem Nachttisch!

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Bewertung von Micha2911 aus Dorfen am 24.08.2010 ***** ausgezeichnet
Tolle Geschichte. Spannend geschrieben, wie man es von Charlotte Link gewohnt ist. Vor allem, dass die Geschichte sich über drei Bücher hinzieht, ist für Leseratten echt super.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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Bewertung von Grumi aus München am 22.03.2010 ***** ausgezeichnet
Einer meiner Lieblingsbücher, vor vielen Jahren die Trilogie gelesen, einfach GENIAL. Wer die Krimis kennt, sollte die Familiensaga lesen, da ist Charlotte Link sogar noch viel viel besser. Bitte lesen!

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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Bewertung von Mutzeline aus Dresden am 15.06.2009 ***** ausgezeichnet
Wem Die Sturmzeit Triologie so fazinierend und spannend fande wie ich sollte auch umbedingt die Poenichen Triologie von Christine Brückner lesen.

Das sind meiner meinung nach die zwei mit abstand besten Romane über Ostpreußen, die Geschichte zweier Familien vom ersten- über den Zweiten Weltkrieg bis zur Nachkriegszeit.

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Bewertung von Mandy aus Döbern am 20.07.2004 ***** ausgezeichnet
Wieder ein wunderbares Buch von Charlotte Link. Wieder konnte ich es nicht aus der Hand legen und musste unbedingt auch die nachfolgenden Bände lesen. Vor allem die Parallelen zu allen Link-Büchern ist sehr interessant.

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Bewertung von Carmen Böning aus Gleichen am 07.03.2003 ***** ausgezeichnet
Einfach klasse. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Ich habe auch die anderen Bücher "Wilde Lupinen" und "Die Stunde der Erben" gelesen.
Super Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Seite. Historisch und wirklichkeitsnah, als hätte man alles selbst erlebt. Ich habe bisher alle Bücher von Charlotte Link gelesen, und werde selbstverständlich auch alle folgenden Bücher von ihr lesen.
Super-Tipp: "Die Täuschung" und "Die Rosenzüchterin".

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Bewertung von Hannah aus Paderborn am 23.07.2002 ***** ausgezeichnet
Ich habe alle drei Bände schon zweimal gelesen. Was will man mehr dazu sagen?

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Bewertung von Hänsel, Petra aus Rosbach am 30.09.2001 ***** sehr gut
Durch Zufall im Urlaub gelesen. Einfach begeistert. Werden auch die nachfolgenden Bände kaufen.

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Bewertung von E.D. am 08.07.2001 ***** ausgezeichnet
Dieses Buch ist der Beginn einer sehr interessanten Trilogie durch das Leben dreier Generationen. Man sollte die beiden anderen Bände: "Wilde Lupinen" und "Die Stunde der Erben" gleich mitbestellen! Es lohnt sich.

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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 03.06.2001 ***** ausgezeichnet
Dies ist mein 2. Buch von Charlotte Link gewesen, aber sich nicht mein letztes. Es ist phantastisch recherchiert und spannend bis zu letzten Seite. Man mag es nicht aus der Hand legen. Selbstverständlich lese ich die Trilogie nun zu Ende und habe mir bereits Wilde Lupinen und Die Stunde der Erben gekauft. Charlotte Link schreibt einfach klasse.

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gebraucht; gut 1,78 2,20 PayPal, offene Rechnung, Banküberweisung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) MODE ECKE ANDRES / AMTCPOWER Buchhandel 99,6% ansehen
wie neu 1,85 1,40 Banküberweisung buchleopard 97,9% ansehen
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leichte Gebrauchsspuren 1,95 1,20 Banküberweisung uschi makrele 100,0% ansehen
Leseknicke im Einband und Buchrücken, Fi 1,95 1,40 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung biggi-1958 100,0% ansehen
wie neu 1,95 2,40 Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, Banküberweisung Libriko 98,9% ansehen
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Gut 2,00 1,10 Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, offene Rechnung, Banküberweisung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) Gerd Suelmann 100,0% ansehen
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