Spieltrieb - Zeh, Juli

Juli Zeh 

Spieltrieb

Roman

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Spieltrieb

Tief im Westen der Republik in unseren Tagen, an einem Bonner Gymnasium, entwickelt sich die atemberaubende Geschichte einer obsessiven Abhängigkeit zwischen einer Schülerin und einem Schüler, Ada und Alev, aus der sich erst die Bereitschaft, dann derZwang zu Taten ergibt, die alle Grenzen der Moral, des menschlichen Mitgefühls und des vorhersehbaren Verhaltens überschreiten. Die beiden jungen Menschen wählen sich ihren Lehrer Smutek als Ziel einer ausgeklügelten Erpressung. Es beginnt ein perfides Spiel.
Ganz ruhig fängt das an: Ada, überaus selbstbewußte Schülerin, vierzehn Jahre alt, kommt neu an ein Gymnasium namens Ernst-Bloch, wo der Alltag sie nicht fordert und die Lehrer meist schwache Gegner beim intellektuellen Kräftemessen sind. Anfangs erregt Ada auf Ernst-Bloch wenig Aufmerksamkeit. Das soll sich ändern im Fortgang dieses Romans.


Produktinformation

  • Verlag: BTB BEI GOLDMANN
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 565 S.
  • Seitenzahl: 576
  • btb Bd.73369
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 120mm x 42mm
  • Gewicht: 488g
  • ISBN-13: 9783442733699
  • ISBN-10: 3442733693
  • Best.Nr.: 14112561
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Die Welt ist aus den Fugen. Gut und Böse - wer kann da noch unterscheiden? Juli Zeh jedenfalls erklärt die Frage zu einer rein strukturellen Problematik. Und wenn es dieses Gut und Böse nicht mehr gibt, wenn Regeln nicht mehr gelten - dann gibt es immer noch den Spieltrieb. Der jedenfalls beherrscht die 15-jährige Außenseiterin Ada und ihren Mitschüler, den Halb-Ägypter Alev. In mintiösen Schritten baut Zeh das Schachbrett auf, auf dem die beiden ihre Figuren, i. e. andere Menschen per Manipulation hin und her schieben, den aus Polen geflohenen Lehrer Smutek zum Sex vor der Kamera zwingen und mit Nietzsche argumentieren. Und Juli Zeh wäre nicht sie selbst, wenn dieses Spiel nicht zur politischen Metapher geraten würde. Zwischen der konsequenten Bezeichnung von Kleidung als "Außenhülle", dem Vergleich der Sprache mit einem gigantischen Spucknapf und dem Bild einer Ambulanz, die die Löcher in der Ordnung zu flicken hat, lauert die Wahrheit: spätestens seit 9/11 sind Moral passé und Kollateralschäden die notwendigen Nebenerscheinungen. Juli Zehs Ernst-Bloch-Gymnasium ist der Globus. Und auf dem gilt als einzige Spielregel das Überleben. Aber mit Spaß dabei. (bl)

"Mit Spieltrieb steht fest: Hier ist ein fulminantes Talent am Werk."

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 24.12.2004

Im Literatur-Leistungskurs
Mädchen ohne Eigenschaften: Juli Zehs zweiter Roman

Juli Zeh ist die Autorin des Augenblicks. Die 1974 geborene Schriftstellerin hat seit dem Erfolg ihres Debütromans "Adler und Engel" (2001) die nach der Popliteraturbaisse vakante Planstelle des Fräuleinwunderfräuleins eingenommen und sich als Stimme der jüngeren Generation etabliert. Durch ihre parallel zur Literatenlaufbahn verfolgte Juristenausbildung gilt sie als natürliche Mittlerin zwischen Poesie und Wirklichkeit und daher als ideale Kandidatin für Schriftstellerumfragen über Gott und die Welt. Kaum ein aktuelles Thema, zu dem sie nicht eine Meinung hat und kundtun darf: sei es der Krieg in Bosnien (über den sie einen Reisebericht verfaßte), die Inflation der Ich-Perspektive (sie selbst schreibt mutig auktorial), das Jammern der Ostdeutschen (sie selbst stammt aus Bonn), die Pornographisierung der Kunst (ihre Romanhelden stehen wirklich nicht auf Sex) oder das Verschwinden der politisch engagierten Literatur (mit einer wichtigen, leicht zu erratenden Ausnahme).

Mit ihrem neuen Roman "Spieltrieb" trifft sie abermals den Puls der Zeit: Eine …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Wie kann sich eine nicht unbegabte Autorin nur so eklatant in der Schublade vergreifen und glauben, einfach aus dem Handgelenk mit etwas Rechtsphilosophie Musil und Dostojewski aktualisieren und zugleich eine neue Ära der Geistesgeschichte einläuten zu können", fragt Rezensent Richard Kämmerlings nach der Lektüre dieses Romans. Es geht darin um eine Schüler-Lehrer-Tragödie: Zwei Gymnasiasten, "selbsternannte 'Urenkel der Nihilisten'" terrorisieren und erpressen einen Lehrer - ein Motiv gibt es nicht, "die Vernichtung einer Existenz ist purer Selbstzweck". Damit ist Juli Zeh zwar auf der Höhe der Zeit, aber Kämmerlings ist trotzdem genervt. Die "ausufernde Handlungsfülle", die literarischen Anspielungen, die "chronische Verwendung schiefer Metaphern", all das erweckt in ihm keine Sympathie für einen groß angelegten, wenn auch vielleicht gescheiterten Versuch. Er hat nur das Gefühl, den Roman einer überambitionierten Klassenstreberin gelesen zu haben.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Es ist erstaunlich, es ist bewundernswert, wie die gerade mal dreißig Jahre alte Schriftstellerin auf sämtlichen Pferden einer durchtrainierten Sprache und eines hoch gebildeten Scharfsinns ihre Geschichte über 500 Seiten durchs Ziel jagt, eine Geschichte, wie sie ungemütlicher nicht sein kann. (...) Geschult an Musil treibt sie ein selbstreflexives ironisches Spiel, das in scharfem Tempo und auf hoher Frequenz bis an die Risikogrenze geht. (...) Ihre Sätze ragen heraus aus der braven Deutschleistungsprosa, die man in allen Verlagsprogrammen findet. (...) Juli Zehs SPIELTRIEB ist ein Schülerroman, den alle Schüler und Lehrer lesen sollten. Er enthält aber keine Gebrauchsanweisung für Klassenkonferenzen, sondern zeichnet mit Witz und Verstand ein helles Bild unseres dunklen Zeitalters."
Ulrich Greiner, Die Zeit
Zeit-Bestenliste Platz 1

"Juli Zehs Roman ist in einer erschreckend genauen, an Robert Musil geschulten Sprache geschrieben. Und macht überwältigend bildhaft, mit szenischem Witz und psychologischem Feingefühl glaubhaft, wie harmlose Schüler zu Terroristen werden können. Mit neuen und unverbrauchten Bildern, die unsere Wahrnehmung und Phantasie bereichern. Wie der ganze Roman."
Mathias Schreiber, Spiegel

"Juli Zeh hat sich mit ihrem zweiten Roman als eigenwillige, sprachversierte Schriftstellerin profiliert. Sie verblüfft die Literaturszene mit scharfsinniger Prosa. Den SPIELTRIEB wird man so schnell nicht los."
Susanne Kunckel, Welt am Sonntag

"Mit SPIELTRIEB steht fest: hier ist ein fulminantes Talent am Werk. Noch scheint sich dieses Können kaum zwischen zwei Buchdeckel bändigen zu lassen, es operiert in einer Art kontrollierter Maßlosigkeit und berauscht sich gänzlich unbescheiden am eigenen Vermögen. Beim nächsten, beim übernächsten Roman werden wir vielleicht den Konstruktionen dieser Autorin schon nicht mehr so atemlos hinterherhinken."
Brigitte Helbling, Berliner Zeitung

"Vor allem ist Juli Zeh zeitgenössisch. Das sollte uns für sie einnehmen. Denn ihr jüngster Roman tut es auch. SPIELTRIEB ist ein Internatsroman, ein Bedeutungsmassiv am Fuße des Siebengebirges, ein Hauptstadtroman ohne Hauptstadt, ein rachenschwarzer Bonn-Bonbon."
Hauke Hückstädt, Frankfurter Rundschau

"Man kommt nicht umhin, Zeh zu bewundern für die Schärfe ihrer Diktion. Zeh gehört nicht zu jenen Jungliteraten, die von Menschen erzählen, denen belanglose Dinge widerfahren, und die irgendwie nicht recht wissen, wie sie sich dabei fühlen. Zehs Sprache ist klar, ihre Urteile deutlich. Der Roman ist gespickt mit faszinierenden Beobachtungen. Eine intelligente, lohnende Lektüre."
Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse

"Der kühne Ansatz der Geschichte und die stets packende Form ihrer Umsetzung verdeutlichen, dass Juli Zeh schon nach drei Büchern zu den aufregendsten Erzählerinnen deutscher Sprache gehört."
Thomas Kraft, Stuttgarter Zeitung

"SPIELTRIEB ist ein Buch, das die vor allem moralische Verwirrung der Welt auf einen Schulkörper projiziert, an dem Politik und Gesellschaft, Staat und Terror diskutiert werden. Ein Gedankenroman, der mutig genug ist, die Leerstellen der Gegenwart der Zukunft fragend entgegenzuhalten. Juli Zeh ist eine wohltuende Ausnahme."
Matthias Dell, Freitag
Juli Zeh wurde in Bonn geboren und studierte Jura in Passau und Leipzig, wo sie 1998 ihr Erstes Staatsexamen machte. Ebenfalls in Leipzig studierte sie von 1996 bis 2000 am Deutschen Literaturinstitut (DLL), an das sie später als Dozentin zurückgekehrt ist. Nach ihrem Diplom am DLL folgte 2003 das Zweite Staatsexamen. Zahlreiche Auslandsaufenthalte u.a. für die UN in New York und Krakau und vor allem in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina haben ihre Arbeiten geprägt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Bücherpreis, dem Rauriser Literaturpreis, dem Hölderlin-Förderpreis, dem Ernst-Toller-Preis und dem Solothurner Literaturpreis.

Ihr erster Roman ADLER UND ENGEL erschien 2001. Ihr Roman SPIELTRIEB wurde 2006 am Hamburger Schauspielhaus für die Bühne dramatisiert. ALLES AUF DEM RASEN versammelt ihre Essays zu Gesellschaft, Politik, Recht und Literatur, die in großen deutschen Zeitungen und Magazinen erschienen sind. 2007 erschien ihr Roman SCHILF, 2009 CORPUS DELICTI.

2010 wurde Juli Zeh an der Universität Saarbrücken zum Dr. jur. promoviert. In ihrer Dissertation DAS ÜBERGANGSRECHT beschäftig sie sich mit der Rechtsetzungstätigkeit von Übergangsverwaltungen am Beispiel von UNMIK im Kosovo und dem OHR in Bosnien-Herzegowina. Insgesamt wurde ihr Werk bisher in 35 Sprachen übersetzt. Zusammen mit Ilija Trojanow schrieb sie ANGRIFF AUF DIE FREIHEIT, das 2009 bei Hanser erschien. Zuletzt erschienen in der edition Körber ihr neues Sachbuch DIKTATUR DER DEMOKRATEN - WARUM OHNE RECHT KEIN STAAT ZU MACHEN IST und bei Schöffling & Co. ihr neuer Roman NULLZEIT.

Leseprobe zu "Spieltrieb" von Juli Zeh

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Leseprobe zu "Spieltrieb" von Juli Zeh

Exordium. Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren

Was, wenn die Urenkel der Nihilisten längst ausgezogen wären aus dem staubigen Devotionalienladen, den wir unsere Weltanschauung nennen? Wenn sie die halb leergeräumten Lagerhallen der Wertigkeiten und Wichtigkeiten, des Nützlichen und Notwendigen, Echten und Rechten verlassen hätten, um auf Wildwechseln in den Dschungel zurückzukehren, dorthin, wo wir sie nicht mehr sehen, geschweige denn erreichen können? Was, wenn ihnen Bibel, Grundgesetz und Strafrecht nie mehr gegolten hätten als Anleitung und Regelbuch zu einem Gesellschaftsspiel? Wenn sie Politik, Liebe und Ökonomie als Wettkampf begriffen? Wenn 'das Gute' für sie maximierte Effizienz bei minimiertem Verlustrisiko wäre, 'das Schlechte' hingegen nichts als ein suboptimales Resultat? Wenn wir ihre Gründe nicht mehr verstünden, weil es keine gibt?

Woher nähmen wir dann noch das Recht zu beurteilen, zu verurteilen, und vor allem - wen? Den Verlierer des Spiels - oder den Sieger? Der Richter müsste zum Schiedsrichter werden. Mit jedem Versuch, Erlerntes anzuwenden und Recht in Gerechtigkeit zu übersetzen, würde er sich der letztverbliebenen Todsünde schuldig machen: Der Heuchelei.

Alles das habe ich in die Entscheidungsgründe eines Urteils geschrieben. Es wurde der Geschäftsstelle übergeben, es wurde den Parteien förmlich zugestellt. Ich kann die Gerichtsferien nutzen, um meine Gedanken zu ordnen. Ich kann den Tatbestand aufschreiben, nicht in der verkürzten Form, die ein Urteil verlangt, sondern so, wie er sich wirklich zugetragen haben muss.

Wenn ich mich aber entscheide, von Geschehnissen zu sprechen, an denen ich selbst nicht beteiligt war, deren Protagonisten ich kaum kenne und über die ich nur aus beruflichen Gründen Bescheid wissen muss, komme ich um die Frage nicht herum, wer die Geschichte erzählen soll. Ein Ich, der Weltgeist, die Gerechtigkeit, das multiple 'Wir' aus phantasierendem Autor und seinen Figuren, das der Realität des Erzählens am nächsten kommt? Nichts davon gefällt mir. Es wäre unnatürlich wie die erzwungene Erwiderung auf eine Frage, die sich schlichtweg nicht beantworten lässt. Wer ist schon 'Ich'? Wer 'Wir'? Das Problem beschäftigt die Menschheit seit Tausenden von Jahren. Ein Computer, der es lösen wollte, sähe sich gezwungen, eine Gleichung zu bilden, die gegen unendlich geht. Wer bist du?, bedeutet für ihn: Wie viele Anwendungen laufen in dieser Sekunde in deinem Innern? - Wenn er darauf antwortete mit der Zahl X, so fügte der Vorgang des Antwortens der Summe einen weiteren Prozess hinzu, so dass sie lauten müsste: X plus eins, und seine Antwort wäre falsch. Würde er dies erkennen und versuchen, sich zu korrigieren, und sagte: X plus eins, so wäre die Summe bereits X plus zwei, und so ginge es weiter, und der Computer stürzte ab, zerschellend an der liegenden Acht, unfähig zu sagen, wer er sei. Der Mensch unterscheidet sich vom Rechner durch die Fähigkeit zur Schlamperei, durch seine Begabung, ein Problem zu übergehen, wenn er instinktiv erkennt, dass er es mit der Unendlichkeit aufzunehmen hätte. Während der Computer abstürzt, schüttelt der Mensch den Kopf, lacht oder weint und geht weiter seines Weges. Mal wieder ein Problem, das man am saubersten löst, indem man es vergisst. Ich lasse offen, wer ich bin. Ich bitte um Verständnis und entschuldige mich für entstandene Unannehmlichkeiten.

Wenigstens das Wetter erfüllt die Erwartungen. Es ist für die Jahreszeit weder zu warm noch zu kalt, was im Monat August in dieser Stadt nur eins bedeuten kann: Es ist heiß und feucht. Väterchen Rhein schwitzt seine flusshaften Sekrete aus, die Köln-Bonner-Bucht sammelt sie und kocht sie ein zu schwerem Mus, das auf Häusern, Autodächern, Rücken und Gedanken lastet. Was gäben wir für einen kleinen Wind, einen frischen Hauch, der den Rhein hinaufgeklettert kommt, von Norden her, Erleichterung bringend, eine Ahnung von Meer! Nichts wird kommen. Das Luftmus füllt den Menschen Lungen und Köpfe wie feuchter Sand. Abkühlung wird der einsetzende Nieselregen bringen, irgendwann im September, wenn ich zurück muss auf meine Dienststelle, um auszuprobieren, ob es nach dem letzten Urteil noch weitere geben kann.

Mein Arbeitszimmer im ersten Stock geht direkt auf die Straße. In einem Fußmarsch von dreißig Minuten könnte ich die asphaltierte Rheinpromenade erreichen, um mich selbst die Unterlegenheit eines einfachen Fußgängers gegenüber Radfahren, Joggern, Inline-Skatern und Hundebesitzern spüren zu lassen. Ich könnte zu den verlassenen Botschafterresidenzen hinaufsehen, die ihrerseits aus leeren Fenstern über den Fluss schauen. Ich könnte die Villa Kahn besuchen, die verspielt ein französisches Schloss kopiert, oder das Gelände einer der zahlreichen Bonner Internatsschulen umrunden, deren Grundstück, vollgestellt mit Gründerzeitbauten und ausgepolstert mit einem Park, bis fast ans Wasser reicht. Täglich könnte ich diese Orte ohne Mühe aufsuchen, und es gäbe doch nichts zu sehen. Stattdessen schaue ich aus dem Fenster.

Haus und Straße werden durch einen geräumigen Vorgarten voneinander getrennt, dessen schmiedeeisernes Gitter ganz zugewachsen ist vom Rhododendron, der seine fleischigen Blätter wie Gefangenenfinger durch die Stäbe streckt, um den Passanten bettelnd auf die Schultern zu fassen. Über die Spitzen des Gitterzauns hinweg sehe ich auf die Fahrbahn und warte darauf, dass etwas aus der Reihe springen möge, seitwärts rutschen, die Fahrtrichtung verlassen, sich drehen. Ein schwerer, abrupt gebremster Lastwagen zum Beispiel, der dann mit schrägem Leib zum Stehen käme, ein Rad auf dem Bordstein, dicht vor einer Laterne, als wollte er das Hinterbein heben, während sich vor seiner Schnauze eine dunkle Wolke Fußgänger wie Fliegen versammelte. Etwas läge reglos und unförmig auf dem Asphalt. Ein Haufen alter Mäntel vielleicht, die nicht mehr in den Altkleidercontainer gepasst haben? Auch ohne genaues Hinsehen wüsste ich es besser. Das Herannahen der Rettungssirene machte den Vorfall zu einem technischen Problem. Mit schnellen Stichen vernähte kreisendes Blaulicht das Loch in der Ordnung, aufgerissen durch das außerplanmäßige Versterben eines Artgenossen; ein Loch, über das die aufgelaufene Menschenmenge sich beugte, um einen entsetzten Blick in das darunter liegende Chaos zu werfen. Die Menge würde zurückgedrängt. Die Heckklappe des Rettungswagens schlüge zu. Der Tag ruckte, stöhnte und setzte sich von neuem in Bewegung. Ein Mensch würde fehlen, für immer. Vielleicht einer meiner Angeklagten. Vielleicht meine Zeugin. Einer meiner drei fast Freigesprochenen. Aber ich bin sicher, sie alle halten sich nicht in der Stadt auf, nicht einmal im Land. Zwischen den Instanzen unternimmt man gern einen Ausflug.

Die Staatsanwaltschaft hat Rechtsmittel eingelegt. Mein Urteil wird aufsteigen zu den höheren Instanzen. Dieser Fall sollte es bis nach Karlsruhe schaffen. Er enthält die Aufforderung, das Versagen des Rechts offiziell zur Kenntnis zu nehmen, weil die Würde des Menschen es verlangt. Über dem Bundesverfassungsgericht, sagen wir Juristen, sei nur noch der blaue Himmel.

Der blaue Himmel ist zum farbigen Pappdeckel einer Spielesammlung geworden. Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht - erst recht.

Von Prinzessinnen und Marionetten und

der Möglichkeit, sich mit wenigen Worten

Respekt zu verschaffen

Ada war ein junges Mädchen und nicht schön. In jenem Augenblick, den der Scheinwerfer dieser Erzählung ins Licht taucht, war sie vierzehn Jahre alt, blond und kräftig gebaut. Ihr Mund war breit, die Handgelenke stark. Über der Nase lag ein löchriger Teppich aus Sommersprossen und wusste bei passender Beleuchtung ein paar Notlügen von gepflückten Wildblumen und Kinderspielen im hohen Gras an den Mann zu bringen. In Wahrheit sah Ada älter aus, als sie war. Ihre Brust war stark entwickelt.

Im Sommer 2002 wurde sie in die zehnte Klasse des Ernst-Bloch-Gymnasiums zu Bonn eingeschult, nachdem sie aus einem Grund, der sich in Kürze im Rahmen einer musikalischen Rückblende offenbaren wird, ihre alte Schule hatte verlassen müssen. Auf Ernst-Bloch erregte sie zu Anfang wenig Aufmerksamkeit.

In allen Klassen ab der siebenten gab es samt- und seidenweiche Mädchen, deren Geburt durch langsam anschwellende Musik begleitet worden war wie das hochfahrende Windowsbetriebssystem von seiner Begrüßungsouvertüre. Sie kamen als Miniaturprinzessinnen zur Welt, erreichten bereits in der Unterstufe das erste, fohlenhafte Stadium der Vollendung und wuchsen gleichmäßig in die Frau hinein, die sie einmal werden sollten. Ihre Entwicklung vollzog sich routiniert und fehlerlos, als hätten sie die Aufgabe des Älterwerdens schon etliche Male zuvor bewältigt. Jene Pubertätsprofis unterschieden sich auf den ersten Blick von den Dilettanten. Sie hatten das gepflegte, schulterlange Haar erwachsener Frauen, trugen ihre Hüfthosen, breiten Gürtel und knappen Hemdchen mit wohltemperierter Lässigkeit und ließen glatte Kinderhaut und aufgeworfene Kindermünder zu Mädchenhaut und Mädchenmündern werden, ohne dass Pickel, Schweißausbrüche oder Wachstumslaunen zu irgendeinem Zeitpunkt die Harmonie ihrer Erscheinungen gestört hätten. Die Aura hochnäsiger Sauberkeit, die sie umgab, ließ sich weder von Regengüssen noch von feuchter Sommerhitze beeindrucken. Alles zierte die Prinzessinnen, nasse Haare, rote Nasen und selbst die Staubschicht, die sich im Sportunterricht beim Sprung in die alte Sandgrube über alle Körper legte.

Weil sie daran gewöhnt waren, alles umsonst zu bekommen, besaßen diese menschlichen Rehkitze keinen Ehrgeiz. Männliche Mitschüler bemühten sich um sie, auch jene, zu denen eine Freundin mit Innenleben besser gepasst hätte. Manche betrieben leichten Sport oder lasen leichte Literatur. Ihre Schulnoten waren mittelmäßig; als Lieblingsfächer nannten sie Deutsch oder Kunst und Biologie, ohne erklären zu können, was ihnen daran gefalle. Während der Oberstufenjahre standen sie bereits im Zenit des Lebens. Sie besaßen die stärkste Ausstrahlung, empfingen ein Höchstmaß an Bestätigung und erlebten Tag für Tag eine Art farblosen Wohlbefindens, um nicht zu sagen: Glück. Nach dem Abitur würde es gemächlich abwärts gehen. Erfreulicherweise war ihnen der Spannungsbogen ihrer persönlichen Geschichte egal. Vielleicht ahnten sie etwas. Vielleicht rührte von jener Ahnung der melancholische Hauch, der ihren anmutigen Bewegungen etwas Träges, der Trägheit etwas Tragisches und der Tragik besondere Anmut verlieh.

Mit dieser Beschreibung sind alle Eigenschaften genannt, die Ada nicht anhafteten. Sie war das Gegenteil einer Prinzessin, sofern Prinzessinnen ein Gegenteil besitzen. Seit Ada im Alter von zwölf Jahren auf den Gedanken verfallen war, dass Sinnsuche nichts als ein Abfallprodukt der menschlichen Denkfähigkeit sei, galt sie als hochbegabt und schwer erziehbar. Als ihr neuer Klassenlehrer sie aufforderte, sich den anderen Schülern vorzustellen, nannte sie ihren Vornamen und wusste sonst nichts zu berichten. Er bat um ein paar persönliche Sätze, um irgendeine Aussage, die Gültigkeit für sie besitze, und verstand ihr Lachen nicht.

Der Schulwechsel bedeute einen Glücksfall für sie, sagte Ada schließlich, sie habe sich auf Ernst-Bloch gefreut. Damals hätten ihre Eltern eine Einschulung auf dem teuren Privatgymnasium nicht erlaubt.

Sie wusste 'damals' auf eine Art zu sagen, die nach lang zurückliegenden Epochen klang.

"Und was", fragte eine Prinzessin mit spiraligen Locken, "ist an Ernst-Bloch das Besondere?"

"Mir war so, als sei dies ein Ort für wirklich kluge, wirklich kaputte, wirklich kategorische Menschen."

Einige johlten Zustimmung, andere schnitten Gesichter. Die Prinzessinnen lehnten sich zurück und zogen mit beiden Händen das lange Haar hinter den Rücken hervor, um es über die Stuhllehne zu werfen. Ada hatte sich wirklich auf Ernst-Bloch gefreut. Die Schule stand in privater Trägerschaft und gewährte auch jenen verlorenen Geschöpfen, die sich hartnäckig gegen eine Teilnahme an der Kaffeefahrt namens 'glückliche Kindheit' zur Wehr setzten, eine letzte Chance auf Hochschulreife. Vorausgesetzt, ihre Eltern konnten es sich leisten.

'Mir war so, als sei.' Danach sprach Ada wenig im Jahr 2002. Im Unterricht meldete sie sich nie. Wurde sie aufgerufen, begann sie ihre Sätze nicht mit 'Meiner Meinung nach' oder 'Ich glaube'. Sie sagte: 'Das ist Unsinn.' Oder: 'Es gibt nur eine Lesart für diese Stelle.' Oder: 'Es ist unerheblich, wer was und wie viel gewusst hat.'

Diesen Stil behielt sie auch Höfi gegenüber bei. Höfi hatte sich einen Ruf als Bluthund erworben, der Dummheit auf hundert Meter gegen den Wind roch und gnadenlos verfolgte. Aus Misanthropie hatte er sich gegen eine akademische Karriere und für die Schullaufbahn entschieden. Seine Sympathie verhielt sich aufsteigend proportional zum Intelligenzquotienten eines Gegenübers. Wie alle frei kreisenden Felsbrocken im Universum besaß auch er einen warmen, flüssigen Kern, den er jedoch mit allen Mitteln der Ratio zu verteidigen wusste. Höfi vertrat die empirisch belegte Auffassung, dass selbst Sahne hart werde, wenn man sie lange genug schlage. Die Prinzessinnen hassten ihn. Er betrachtete sie niemals anders als mit ironisch verzogener Unterlippe.

Seit Anfang des neuen Schuljahres zeigte ihm sein träger Röntgenblick in jeder Geschichtsstunde bei der 10 b ein neues Kuckuckskind, das starrköpfig in einem quirligen Nest bunter Jungvögel hockte. Eines Tages im September, draußen ging ein feiner Nieselregen nieder, baute er seine quasimodisch verwachsene Gestalt vor Ada auf, die am rechtshinteren Winkel der u-förmigen Tischformation saß, griff nach einem Kugelschreiber und richtete ihn wie ein Messer auf ihre Nasenspitze.

Er schätze Meinungsstärke, verkündete Höfi, aber es gebe auf alles im Leben mindestens zwei mögliche Perspektiven, von der keine absolute Geltung beanspruchen könne. Das solle sie sich mit diesem Stift hinter die Ohren schreiben und den Mund erst wieder aufmachen, wenn sie es begriffen habe. Ende der Durchsage.

Ada nahm ihm den Stift aus der Hand und passte ihn exakt in die Position ein, an der er zwischen Heft und Buch gelegen hatte. Dabei erwiderte sie geradeaus Höfis Blick, sah ihm aber nicht in die Augen, sondern fixierte jene kleine Stelle auf seiner Stirn, die nach glattem Durchmarsch einer Pistolenkugel sofortigen und sicheren Tod versprach.

"Sind Sie verheiratet?"

"Gewiss", sagte Höfi, während die Stille im Raum ein totalitäres Ausmaß erreichte.

"Lieben Sie Ihre Gemahlin?"

"Gewiss. Sogar sehr."

"Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dass Sie diese Frau ebenso gut hassen könnten?"

"Nein."

Ada senkte den Blick von Höfis Stirn auf ihre vernarbten Fingerspitzen. Im Unterricht vertrieb sie sich die Zeit, indem sie die Haut rund um die Fingernägel vom Fleisch kratzte und in schmalen Streifen bis zur Mitte der Finger abzog.

"Wenn das so ist", sagte sie leise, "hören Sie auf mit dem Quatsch von zwei möglichen Sichtweisen auf alle Dinge."

Höfi öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er nickte, als hätte er eine im Grunde nebensächliche, aber unverzichtbare und seit längerem erwartete Information erhalten, und setzte seinen Unterricht fort. Vierundzwanzig Stunden später wussten alle siebenhundertzweiundvierzig Schüler auf Ernst-Bloch, dass eine von ihnen gegenüber Höfi das letzte Wort behalten hatte. Es hieß, Höfi habe zum ersten Mal in seiner langjährigen Tätigkeit als tyrannischer Geschichtslehrer einen ebenbürtigen Gegner gewittert.

Ada konnte seit ihrem vierten Lebensjahr lesen und schreiben; sie hatte es sich mit Hilfe einer Buchstaben-Bild-Tabelle selber beigebracht. Mit fünf erreichten die Finger der rechten Hand mühelos das linke Ohr, wenn Ada den rechten Arm oben über den Kopf legte. Deshalb wurde sie vorzeitig eingeschult und erhielt das Amt der Jüngsten auf Lebenszeit. In der dritten Klasse war ein Junge der Auffassung gewesen, ein Kleinkind wie Ada könne keine Schulhofbande führen, und erlitt daraufhin eine leichte Nierenquetschung wegen eines Stiefeltritts. Ada hatte sich auf ihren quadratischen Ledertornister gestellt, um ihn im Rücken zu erwischen. Während der folgenden Wochen verbrachte sie die Vormittage in einem verglasten Nebenraum des Klassenzimmers, wo sie die Aufgaben der jeweiligen Schulstunde in Minutenschnelle löste und danach blassbunte Tiefseefische malte, im schwarzen Wasser, viele tausend Meter unter dem Meer.

Ernst-Bloch bewirtete so viele Sitzengebliebene mit Unterricht und einer letzten Chance, dass Ada für ein Gespräch mit Gleichaltrigen die Flure der unteren Mittelstufe hätte besuchen müssen. Da ihr schon die Schüler der höchsten Klassen infantil erschienen, verspürte sie nicht das geringste Bedürfnis danach. Keine Freunde finden konnte sie auch in der eigenen Jahrgangsstufe.

Die Pausen verbrachte sie auf dem Raucherhof, wo sie mit kunsthandwerklicher Präzision im Stehen Zigaretten drehte. Sie hielt sich am Rand einer immer gleichen Gruppe von Schülern verschiedener Klassen auf, stand einen halben Schritt außerhalb des Kreises, achtete darauf, dass sie von breit geplusterten Daunenjacken den Blicken des Aufsichtspersonals entzogen wurde, und hörte den Gesprächen zu. Jedes Mal, wenn sie an der Zigarette zog, schielte sie unter gesenkten Lidern auf die papierfressende Glut. Meist trug sie zu ihrer ausgewaschenen Jeans, deren fransig getretene Hosenbeine hinter den Fersen übers Pflaster schleiften, eine Jacke gleichen Materials, jedoch von dunklerem Farbton, was einem ästhetischen Verbrechen gleichkam. Kopf und Brüste, die ein Stück zu groß waren für Adas stabilen, aber kleingewachsenen Körper, hatten ihr, gemeinsam mit der Tatsache, dass sie selten sprach, den Spitznamen 'Marionette' eingetragen. Kaum jemand kannte ihren richtigen Namen, aber jeder wusste, dass sie Höfi mit wenigen Worten in die Schranken gewiesen hatte. Man ließ sie in Ruhe. Gelegentlich mischte sie sich grob ins Gespräch. Was für eine Rolle spielt es, ob Amelie das gewollt hat. Wenn wirklich jemand den Fahrradkeller für eine Party bräuchte, würde er ihn bekommen. Selbstverständlich wird Schröder wiedergewählt.Die scheißt auf alles. Knapper ließ sich die Persönlichkeit der Neuen nicht in Worte fassen. Anerkennung schwang in dieser Wendung mit und wenig Sympathie. Man wusste nicht recht. Die Prinzessinnen aller Stufen hielten sich von ihr fern und sortierten sich auf dem Raucherhof so lange um, bis keine von ihnen Ada im Rücken hatte. Genau wie auf ihrer alten Schule stand Ada umgeben von einem Haufen Leute, die sie nicht das Geringste angingen, und spürte genau, dass alles beim Alten geblieben war. Es war albern gewesen, etwas anderes zu erwarten.

Kundenbewertungen zu "Spieltrieb" von "Juli Zeh"

3 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.7 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
***** ausgezeichnet
 
(2)
***** sehr gut
 
(1)
***** gut
***** weniger gut
***** schlecht
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Bewertung von DisposableTeen aus Bayern am 11.05.2012 ***** ausgezeichnet
Juli Zeh's Spieltrieb ist nicht nur ein außerordentlicher Roman, sondern in seiner besonderen Art und Weise auch die Sorte von Literatur, die man bahnbrechend nennt. Neben Bezügen auf Nietzsche/Nihilismus und Querverweise auf Werke wie "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil, werden immer wieder aktuelle und historische Anspielungen in die Handlung mit eingebunden. Auf eine gewisse Art erscheint der Roman so beinahe politisch. Viel mehr geht es jedoch um Werte und Normen oder genauer um deren Verlust in einer Welt, die als berechnend und falsch erscheint. Das überrascht es nur wenig das Pragmatismus und Indifferenz die zentralen Heiligtümer der Charaktere sind.
Soweit ist das richtig, doch für mich persönlich ist das Buch von Juli Zeh mehr. Es liegt in der Interpretation eines jeden Lesers, doch für mich erscheint es so, als würde die Autorin ihre kühnen, beinahe abgebrühten Aussagen und Handlungen mit dem Ende des Buches zu wiederlegen. So gelingt es ihr klar darzustellen, was ihr am Herzen liegt - auf das Banalste reduziert nämlich die Hinterfragung des Sinns in einem jeden Daseins - schürt mit dem Ausgang und der Wandlung der Protagonisting auch Hoffnung ohne dabei auch nur eine Sekunde kitschig zu erscheinen.

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Bewertung von mama aus Bad Berka am 08.09.2010 ***** sehr gut
Was passiert, wenn alle Werte und Moralvorstellungen ausgeschaltet werden? ist es zu verantworten, einen Roman, der eine solche Situation als Vorausssetzung verwendet, im Deutschunterricht zu lesen? Ja, sobald diese Gesellschaftsstudie, die Jeden mit Interesse an philosophischen Themen anspricht, in der Art von Juli Zehs Roman "Spieltrieb" geschrieben wird. Detailverliebt und sprachlich meisterhaft erzählt die Autorin die Geschichte von Ada und Alev, zwei hochintelligenten, aber skrupellosen Schülern, die ihren Lehrer, den polnischen Einwanderer Smutek, erpressen. Sie zeigt, wie schnell Werteverfall gerade in unserer heutigen Zeit geschehen kann.
Mit den Einflüssen der Philosophen Nietzsche und Bloch als auch der Spieltheorie erzählt sie eine Geschichte, die durch Sex, Gewalt und Verrat geprägt ist. Niemand kann mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden, Hass und Liebe spielen keine Rolle mehr, die nächsten Schritte des Gegners sind nicht vorhersehbar. Der Roman zeigt wunderbare Bilder, aber auch grausame Abgründe auf. Für mich war es nicht ganz einfach, Juli Zehs Intention zu verstehen, da sie den Leser auffordert, die sprachlich schon überfüllten Zeilen des Buches durch eigene Aussagen zu ergänzen. Das macht es so zwar nicht unbedingt zur leichten Lektüre, aber dennoch zu einer lesenswerten Geschichte, die durchweg mit Überraschungen gespickt ist.

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Bewertung von Anna N. aus Langenwetzendorf am 23.06.2007 ***** ausgezeichnet
"Gefesselt und empört verfolgt man das perfide Spiel von Ada und Alev und hofft vergeblich, dass sich dieser entfesselten Unmoral doch noch etwas entgegenstellt. Ein Roman, der einen so schnell nicht loslässt." (Hamburger Morgenpost, plan 7)

Ada, scharfsinnig und hochintelligent, so sehr, dass sie schon mit 5 eingeschult wurde, kommt nach einem Schulverweis auf das Ernst- Bloch- Gymnasium in Bonn. Immer schon war sie eine Außenseiterin, und das soll sich auch jetzt nicht ändern.
Ihre Mitschüler hält sie für dumm und kindisch, daher knüpft sie nur vereinzelt Kontakte.
In der Schule und in der Leichtathletik bringt sie nur exzellente Leistungen, der Alltag fordert sie nicht, und die Lehrer sind meist schwache Gegner bei intellektuellen Kräftemessen.
So vergeht ein Jahr, bis der 18 jährige, ebenfalls hochintelligente, Alev, halb-Ägypter, Viertel-Franzose, aufgewachsen in Deutschland, Österreich, Irak, den Vereinigten Staaten und Bosnien-Herzegowina, in ihre Klasse wechselt.
In ihm scheint Ada einen Seelenverwandten gefunden zu haben.
Zwischen Ada und Alev entwickelt sich eine Beziehung, die von Selbstreflektion, klarer Rollenverteilung und strategisch spielerischem Handeln gekennzeichnet ist.
Beide sind sie überzeugt von der Nichtexistenz von Werten und Autoritäten. Sie selbst nennen sich die Urenkel der Nihilisten.
Ihr Lebenssinn besteht darin, andere durch ihren Scharfsinn zu demütigen und bloßzustellen.
Alevs Idee, die Anwendbarkeit der Spieltheorie zu prüfen, gibt den Anstoß zu einer Interaktion, die den sehr engagierten und beliebten polnischen Sportlehrer in den Mittelpunkt des Geschehens rückt.
Dieser wird von Ada nach Alevs Spielregeln zu sexuellen Handlungen verführt, von Alev gefilmt und schließlich mit dem Material erpresst.
Hauptziel ist aber keineswegs die Erpressung von Geld oder anderen Vorteilen, sondern sie wollen vielmehr sehen, wie das Spiel weiterverläuft und die Berechenbarkeit des Einzelnen untersuchen.
Viel zu spät bemerkt Ada, dass auch sie nur eine Spielfigur von Alev ist. Am Ende siegt die Gerechtigkeit...

Das Buch ist erst für Schüler ab der 9. Klasse zu empfehlen, denn die Thematik ist erst ab diesem Alter ansprechend, zudem werden viele philosophische Aspekte diskutiert, die zum Teil nicht einfach zu lesen sind.
Mich persönlich hat erstaunt, wie reif Ada schon mit 14 Jahren ist und welche Gedanken sie sich gemacht hat.
So wirklich kann man sich zwar mit keiner der Figuren identifizieren und es ist nur zu hoffen, dass es im wirklichen leben nicht solche Jugendlichen gibt.
„Spieltrieb“ ist sehr interessant, gebannt verfolgt man das Geschehen, fragt sich, was als nächstes passiert und wird immer wieder überrascht.
Die Geschichte regt auch zum Nachdenken an. Wie kann es dazu kommen, dass Schüler so etwas tun?
Juli Zeh hat einen für unsere Zeit einzigartigen Sprachstil. Sie verwendet viele sprachliche Bilder und rhetorische Mittel und trotzdem versteht man immer was sie meint.

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