Spektrum - Lukianenko, Sergej

Sergej Lukianenko 

Spektrum

Roman. Deutsche Erstausgabe

Aus d. Russ. v. Erik Simon
Broschiertes Buch
 
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Spektrum

Als die Menschen eines Tages ein von Außerirdischen installiertes Teleportationssystem entdecken, beginnt für Privatdetektiv Martin Dugin das Abenteuer seines Lebens: Denn dieses System ermöglicht es, in Sekunden die Abgründe zwischen den Planeten der Galaxis zu überwinden. Eine perfekte Möglichkeit also für jene, die den Zuständen auf der Erde entfliehen wollen - aus welchen Gründen auch immer ...Vom Autor der Bestseller 'Wächter der Nacht' und 'Wächter des Tages' - das mehrfach preisgekrönte Science-Fiction-Meisterwerk. Ein atemberaubender Trip durch die Galaxis, mit dem Sergej Lukianenko seinen Ruhm als bester russischer Fantastik-Autor der Gegenwart begründete.


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 701 S.
  • Seitenzahl: 701
  • Heyne Bücher Nr.52233
  • Deutsch
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 705g
  • ISBN-13: 9783453522336
  • ISBN-10: 3453522338
  • Best.Nr.: 20847650
"Sie kennen Sergej Lukianenko nicht? Dann sollten Sie ihn kennenlernen! Er ist einer der populärsten russischen Autoren der Gegenwart. Und einer der besten!" New York Times
Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte in Alma-Ata Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Er ist der populärste russische Fantasy- und Science Fiction-Autor der Gegenwart, seine Romane und Erzählungen wurden mehrfach preisgekrönt. Gemeinsam mit Regisseur Timur Bekmambetov schrieb Lukianenko auch das Drehbuch für die Verfilmung von "Wächter der Nacht".

Leseprobe zu "Spektrum"

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Leseprobe zu "Spektrum" von Sergej Lukianenko

Prolog

Jeder empfindet seit den Tagen Alexander Sergejewitsch Puschkins den Besuch bei seinen alten Verwandten nicht nur als eine unerlässliche Pflicht, sondern sieht darin auch ein Gebot für einen wohlerzogenen Menschen, und Martin hegte nicht die Absicht, selbiges zu ignorieren. Indes bewegte ihn nicht allein Höflichkeit, nein, er freute sich aufrichtig darauf, seinen Onkel wiederzusehen, mit ihm in der Küche bei einer Tasse Kaffee zusammenzusitzen und über ein belangloses, unwichtiges Thema zu plaudern oder - ganz im Gegenteil - mit ihm jene philosophischen Probleme zu erörtern, deren Lösung die Menschheit bislang noch nicht zu finden vermocht hatte. Zudem bestachen diese regelmäßigen Besuche durch eine weitere kleine menschliche Freude: Inzwischen sprach man Martin bei manch geselligem Beisammensein mit dem Vatersnamen an, was ihm gründlich zuwider war. Wie sollte sich ein Russe aber auch für eine dermaßen unglückliche Kombination wie Martin Igorjewitsch erwärmen können? Sein Onkel hingegen nannte ihn nie beim Vatersnamen und beabsichtigte dies gewiss auch in Zukunft nicht zu tun. In gehobener Stimmung nannte er Martin liebevoll Mart, in schlechter - die bei ihm freilich nur selten anzutreffen war - griff er gallig zu Eden. Vor gut dreißig Jahren musste es zwischen dem Onkel und dem Vater Martins einen erbitterten Familienzwist um den Vornamen gegeben haben. Der Onkel selbst, obzwar ein eingefleischter Junggeselle, der auf alle Fragen nach Kindern barsch "Da versteh ich nichts von" antwortete, hielt es für geboten, allumfassend am Leben seines Lieblingsneffen teilzuhaben. Auf diesem Schlachtfeld hatte er letzten Endes nur einen Kampf verloren, nämlich den um den Namen. In allen übrigen Fragen vermochte er sich durchzusetzen. Mitunter fühlte Martin sich ihm deswegen von ganzem Herzen zu Dank verpflichtet, zum Beispiel, wenn er daran dachte, wie der Onkel sämtliche Pläne durchkreuzt hatte, ihn von klein auf Klavierstunden nehmen zu lassen, oder wie er für ihn eine Lanze gebrochen hatte, damit seine Eltern einem mehrtägigen Ausflug oder einem Trip per Anhalter mit Freunden nach Petersburg zustimmten. Alle Versuche seitens seiner Eltern, einen Disput vom Zaun zu brechen, hatte der Onkel mit einem finsteren Blick und der Frage quittiert: "Wollt ihr einen Mann oder einen Schlagersänger aus ihm machen?" Schlager verachtete sein Onkel abgrundtief, von allen Sängern ließ er einzig Kobson und Leontjew gelten, und auch die nur mit dem entschuldigenden Zusatz: "Wegen der Stimme und des Charakters."

Bei aller Strenge des Charakters ließ der Onkel jedoch auch kleine menschliche Schwächen erkennen, welche insbesondere in den letzten zehn Jahren, da auf der gesamten Erde das Leben Kapriolen schlug, ins Auge sprangen. In ihm erwachten bislang schlummernde kulinarische Neigungen, und während er zuvor eine ganze Woche von Rührei und billigem Bier leben konnte, brachte er nunmehr halbe Tage am Herd zu, und abends lud er sich Freunde ein oder ging selbst zu Freunden. Martin genoss diese Schwäche, aufgrund derer sich die Besuche noch angenehmer gestalteten. Für den heutigen Abend suchte Martin, nachdem er seinen Onkel angerufen und in Erfahrung gebracht hatte, dass dieser zum Abendessen eine Ente Vajdahunyad auftische, ein Geschäft nahe der Metro auf, um dort kritisch den Wein auszuwählen. Selbstverständlich musste zu diesem Mahl ungarischer Rebensaft kredenzt werden. Mochten Ästheten und Patrioten spöttisch lächeln, sobald sie etwas von "ungarischem Wein" hörten, mochten die einen auf den süßlichen Sauternes und den herben Wein aus Tavel schwören, die anderen darüber streiten, wie viele Puttonyos aus Tokaj im Wein aus Massandra oder im ungarischen Tokajer verarbeitet waren. Martin hingegen vertrat seit geraumer Zeit die Überzeugung, jedes Essen verlange nach einem speziellen, der Geographie und Geschichte geschuldetem Akkompagnement. Zu Kartoffeln und leicht gesalzenen Heringen kann man sich nichts Besseres als russischen Wodka einfallen lassen, zu Basturma, diesen pikanten Fleischspießen, passt vollmundiger armenischer Kognak (obgleich die großherzige kaukasische Seele auch Wodka dazu gestattet), zarte Austern komplementiert leichter, gekühlter Weißwein aus Frankreich, zu fettigen und schwer im Magen liegenden Würstchen gehört tschechisches oder bayerisches Bier.

Insofern schwankte Martin bei der Wahl des Weins nicht. Er stellte sich in der kleinen Schlange an - vor ihm palaverten nur zwei nörgelige Rentnerinnen, die umständlich ein Stückchen spanischen Jamóns auswählten, "möglichst kräftigen", und es geschnitten haben wollten, und zwar recht dünn - und wandte sich dann an die junge, müde Verkäuferin. Er kaufte je eine Flasche Weißwein vom Balaton und Rotwein aus Eger und plauderte, da hinter ihm niemand drängte, ein Weilchen mit der Frau. Sie machte einen netten und klugen Eindruck, studierte und jobbte abends in diesem Geschäft, damit sie im Sommer eine Reise durch Europa machen konnte. Binnen einer Minute erfasste Martin mit untrüglichem Instinkt, dass die junge Frau sich zwar angeregt mit ihm unterhielt, auch an einer Fortsetzung des Gesprächs Gefallen fände, an einer weiteren Bekanntschaft jedoch nicht interessiert war, da sie bereits einen trefflichen und treuen Freund hatte. Somit blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr einen Gruß zu entbieten und zu gehen, leise mit den Flaschen klirrend, die in Wellpappe eingeschlagen waren und in einer soliden Plastiktüte steckten.

Draußen war es angenehm. Über Moskau hatte sich der Abend gelegt, der erste richtige laue Sommerabend nach einem langen kühlen Winter. Dass es sich obendrein um einen Freitagabend handelte, steigerte sein Wohlbefinden zusätzlich. Der Strom der Autos, in denen die der Datscha entgegenfiebernden Stadtbewohner saßen, war verebbt. Stille senkte sich herab. Einige Jugendliche, übers Wochenende in der Stadt geblieben, sausten mit ihren Rollern über die Gehsteige, im Park an der Metro baute gerade eine kleine Jazzband ihre Instrumente auf, während die ersten Rentner bereits auf den Bänken Platz nahmen, um der Musik zu lauschen, einen kleinen Schwatz zu halten und zu tanzen. Das alte achtstöckige Haus, in dem Martins Onkel wohnte, lag in der Nähe, weshalb Martin nicht den Fußweg zu nehmen brauchte, sondern quer durch den alten verwilderten Garten schlendern konnte. Beinah hätte er dabei ein verliebtes Pärchen aufgeschreckt, das sich auf einer Bank umarmte. Zum Glück hörte er das heiße Flüstern jedoch noch rechtzeitig, um sodann mucksmäuschenstill an ihnen vorbei zu schleichen, die Tüte mit den Flaschen an sich gepresst, damit sie nicht schepperten.

Punktgenau zur vereinbarten Zeit traf Martin ein. Sein Onkel öffnete ihm die Tür mit wenigen brummigen Lauten, die als Begrüßung herhalten mussten, und stürzte wieder in die Küche, um die Ente aus dem Ofen zu nehmen. In treuer Gewohnheit schlüpfte Martin in die Gästepantoffeln in Einheitsgröße und ging ins Wohnzimmer. Sein Onkel lebte in aller Bescheidenheit in einer winzigen Zweizimmerwohnung, trug sich jedoch nicht mit Umzugsplänen, was er damit begründete, dass es mit seinen siebenundsechzig Jahren noch zu früh sei, um an den Friedhof zu denken, aber schon zu spät, um ein neues Heim zu suchen. Im Schlafzimmer, das auch als Arbeitszimmer diente, reihten sich entlang der Wände uralte Bücherregale, in denen sich nicht minder alte Bücher fanden, wohingegen das Wohnzimmer modern daherkam, stellenweise sogar mit einem modischen High-Tech-Stil aufwartete, mit zahlreichen Regalen aus vernickelten Röhren und Panzerglas, einer raffinierten Apparatur, die Bilder und Töne produzierte, sowie den Effektheischenden französischen Waterfall-Standlautsprechern aus Glas, die Experten wegen des Fehlens von Nebengeräuschen im Gehäuse schätzten. Während Martin auf seinen Onkel wartete, stöberte er in den CDs, wählte Beethoven in der Interpretation von Emil Gilels, legte das Jackett ab und machte es sich am Tisch bequem.

Sein Onkel ließ nicht lange auf sich warten. Schon in der nächsten Minute erschien er mit einer prächtigen, auf einem metallenen Tablett thronenden Ente im Wohnzimmer, die zischelte, köstlich duftete und sich gegen Krautwickel im Miniaturformat schmiegte, die sich ihrerseits ein Bad im Entenfett gönnten. Beim Anblick der Ente raffte Martin sich auf, öffnete die Flasche, schalt sich dafür, nicht eher gekommen zu sein, empfahl es sich doch, Wein eine halbe Stunde atmen zu lassen, damit er sich vom Geruch des Korkens befreite und sein ganzes Bouquet entfaltete. Der Onkel zollte dem Wein indes auch so Beifall. Hernach überließen sie sich ganz den kulinarischen Genüssen, in selbige nur beiläufig Bemerkungen einflechtend, welche, wiewohl wenig fundiert, für einander nahestehende Menschen ein gewisses Interesse bargen. Über Martins Eltern, die nun bereits den zweiten Monat an den sonnigen Stränden Kubas zubrachten, über Martins jüngeren Bruder, diesen Hallodri, der - kaum ein Studium abgeschlossen - bereits das nächste aufgenommen hatte, mit der Begründung, der Beruf eines Juristen habe ihn enttäuscht, wohingegen er ihren eingeschworenen Feinden, den Journalisten, nunmehr eine mit Worten nicht zu fassende Sympathie entgegenbrächte. Auch über den Onkel sprachen die beiden, über seine kranke Leber, der das heutige Mahl ganz gewiss nicht behagen würde. Über die Mühsal mit der Neuberechnung der Rente, die den seit der onkelschen Kindheit gehegten Plan, einmal nach Madagaskar zu fahren, vorerst zunichte machte. Voller Genugtuung registrierte Martin im Laufe des Gesprächs, dass der Onkel seinen munteren Geist nicht eingebüßt hatte, auf sich achtete, ja, es sich sogar angelegen sein ließ, zum heutigen Abendessen eine Krawatte zu tragen, was bei einem Junggesellen einer Heldentat gleichkam. Schließlich pirschte sich Martins Onkel an seinen Neffen heran, um diesen zu dessen Arbeit zu befragen, sehr behutsam und taktvoll, in der Hoffnung, ihn zu überrumpeln und somit zum Sprechen zu bewegen. Martin zeigte sich indes auf der Hut, flüchtete sich in allgemeine Phrasen, antwortete weder mit ja noch mit nein, fiel nicht auf übermäßiges Lob oder Anspielungen herein, weshalb sein Onkel nach einer Weile zerknirscht aufgab und sich einzig auf die Ente konzentrierte.

In dem Moment ließ sich von draußen ein leises, die Pathétique dennoch überlagerndes Dröhnen vernehmen. Tief über den Häusern strich im Landeanflug eine fliegende Untertasse dahin. Begeistert jubelten Kinder. Bei einem Auto sprang die Alarmanlage an, worauf eine halbe Minute lang ein ohrenbetäubendes Trillern losheulte.

So banal dieser Vorfall auch sein mochte, zog er doch umgehend einen Wechsel des Gesprächsthemas nach sich. Das Tischgespräch kreiste nun um ernsthaftere, den Staat betreffende Dinge. Der Onkel erläuterte seinen Standpunkt zu Außerirdischen, den Martin, wiewohl er ihn seit Langem kannte, regelmäßig zu hören kriegte.

Zu behaupten, Martin scheue dieses Thema, träfe die Sache nicht. Er hatte einfach seine eigene Meinung dazu und nicht die Absicht, sich mit seinem Onkel zu streiten. Insofern igelte er sich den Rest des Abends ein, lauschte dem Monolog des Onkels und verspürte, als er sich endlich zum Aufbruch durchrang, sogar eine gewisse Erleichterung. Zupass kam ihm dabei der triftige Grund, den er vorweisen konnte: Morgen brach er zu einer 'Geschäftsreise' auf, von der er nicht einmal ahnte, wie lange sie dauern würde.

1

Der Regen erreichte Martin auf der Spitze des Hügels. So tief, wie die Wolken hingen, vermeinte er, er bräuchte lediglich hochzuspringen und könnte sich sodann mit der Hand etwas von der feuchten grauen Watte klauben. Die ersten Regentropfen klatschten, kleine Staubfontänen aufwirbelnd, auf den Pfad. Einen Moment lang verstummte alles - dann zog der Regen wie eine undurchdringliche Mauer heran.

Unverzüglich verwandelte sich der Pfad in eine jener Rinnen, wie man sie aus Aquaparks kennt. Schmutzig schäumten die Pfützen auf. Kaltes Wasser plätscherte über seine Füße, die Wolken brauten sich immer tiefer zusammen - und Martin fand sich endgültig im Regen wieder, im grauen Dunst, im Herzen eines tosenden Gewitters. Stockfinster wurde es. Die ersten Minuten hielt das wasserfeste Material seiner Jacke noch stand, dann drang die Nässe bis auf die Haut durch. Die Hosen klebten ihm an den Beinen, über die Zunge seiner Schuhe flutete Wasser in die Schuhe.

Er marschierte weiter, den Regen verfluchend, der an dreihundert Tagen im Jahr fiel, und auch das Dickicht pikender Gebüsche, die den Pfad zwangen, sich entgegen dem gesunden Menschenverstand über den Hügel zu schlängeln, seine Arbeit sowie sich selbst. Der Pfad weichte unter seinen Schritten auf, was es ihm zunehmend erschwerte, das Gleichgewicht zu halten. Schon ging Martin nicht mehr, sondern schlitterte, balancierte und drohte doch, jeden Moment hinzufallen. Der Karabiner verschmolz mit seinem Rücken, wurde merklich schwerer, bei jedem Schritt hafteten sich ein paar Pfund Dreck an seine Sohlen. Selbst in seinem Innern schien sich alles aufzulösen: Es schwabbelte in seiner Nase, gluckerte in seiner Kehle, die Muskeln erschlafften zu feuchter Watte, sogar seine Gedanken verwässerten, flossen ihm davon.

Über alles hätte sich Martin jetzt gefreut, über ein aus dem Gebüsch herausspringendes wildes Tier, über Blitzschlag und Donnergrollen, ja, selbst über ein unvermutetes Hindernis, das ihn zwang zu rennen, etwas zu erklimmen, zu springen oder zu kriechen. In dem grauen Regen gab es indes nichts außer blubberndem Morast, feuchten pikenden Zweigen und dichtem grauen Nebel. So blieb ihm nichts übrig als weiterzugehen, in monotonem Schritt und ohne innezuhalten, eins geworden mit dem anhaltenden Wolkenbruch.

Das zarte Licht über der Station sah er, kaum dass er die Kuppe des Hügels überwunden hatte. Vielleicht hatte sich ein Sonnenschimmer in den Regen gestohlen, vielleicht hingen die Wolken nicht mehr so tief, denn durch die schrägen grauen Regenstrahlen hindurch blinkte vor ihm nun der Leuchtturm. Ein roter Blitz, ein grüner Blitz, eine Pause, bei der es sich jedoch eigentlich um einen Lichtblitz im ultravioletten Bereich handelte. Hernach folgte grellweißes Licht, blendend und betörend wie ein Lichtbogen. Martin beschleunigte den Schritt. Trotz allem war er nicht vom Weg abgekommen.

Eine Stunde später erreichte er die Station. Das aus Steinblöcken errichtete zweigeschossige Haus nahm sich in dieser Gegend aus Hügeln und Sümpfen keinesfalls fremd aus. Die mit schweren purpurroten Gardinen verhangenen Fenster schienen lediglich bedachtsam gesetzte Farbflecken zu sein, die den grauen Hintergrund nur um so stärker hervortreten ließen. Das Leuchtfeuer an der Spitze des hohen Steinturms schickte sein Licht in großer Höhe aus. Er erinnerte an ein Minarett oder an einen kleinen Leuchtturm für Schiffe irgendwo am Ende der Welt.

Auf der Veranda saß, den Blick fest auf den sich nähernden Martin gerichtet, in einem Schaukelstuhl aus Korb der Leuchtturmwärter und hiesige Muezzin in einer Person, ein mit glänzendem schwarzen Fell bewachsenes Wesen von anderthalb Metern Größe. Das Kopffell unterschied sich in keiner Weise von dem Fell, das seinen Körper bedeckte, sondern wuchs um die großen traurigen Augen und den dicklippigen Mund herum bloß spärlicher und kürzer. Bekleidet war das Wesen nur mit knielangen Shorts.

"Sei gegrüßt, Schließer", meinte Martin, wobei er vor der zum Haus hinaufführenden Treppe, die aus drei flacheren Stufen bestand, stehen blieb.

"Sei gegrüßt, Wanderer", entgegnete der Schließer, indem er die Pfeife aus dem Mund nahm. Er hatte eine angenehme tiefe Stimme, die, wiewohl männlich, einer gewissen weiblichen Weichheit und Zärtlichkeit nicht entbehrte. Zudem färbte sie ein leichter Akzent, der indes so flüchtig war, dass er schon nach wenigen Sekunden nicht mehr im Ohr schmerzte. "Tritt ein und ruh dich aus."

Nun durfte Martin die Treppe hinaufsteigen. Als er die Sohlen an den Kanten der Stufen abrieb, fielen Klumpen schweren matschigen Drecks von den Schuhen. Sodann betrat er die Veranda. Neben dem Schließer stand ein weiterer Sessel, auf dem Tisch warteten eine Karaffe mit fahlgelbem Wein und zwei Gläser. Das durfte als indirekte Einladung verstanden werden, zumal die Schließer niemals auf ein sofortiges Gespräch drangen.

"Ich möchte nach Hause", sagte Martin, während er im Sessel Platz nahm. "So schnell wie möglich."

Der Schließer nahm einen Zug aus seiner Pfeife. Sogar der Geruch des Tabaks dünkte Martin heimelig, irdisch. Aus irgendeinem Grund hatten sich die Schließer zuallererst die menschlichen Laster angeeignet. Sie mochten Wein, und allein die Idee, Tabak zu rauchen, hatte sie verzückt.

"Einsam ist es hier und traurig", bemerkte der Schließer. Die rituelle Floskel klang erstaunlich aufrichtig, vermochte man sich doch nur mit Mühe einen Ort vorzustellen, der einsamer und trauriger als dieser graue, kalte Sumpfplanet gewesen wäre. "Sprich mit mir, Wanderer."

"Vor zwei Tagen bin ich auf diese Welt gekommen", hob Martin an, als habe der Schließer ihre erste Begegnung bereits vergessen. Doch hatte ihn damals wirklich derselbe Schließer empfangen? "Ich kam nicht, weil mich nach neuen Eindrücken oder Abenteuern dürstete. Ein Mensch, der auf dem Planeten Erde lebt, hat ein schreckliches, ein sinnloses Verbrechen begangen. Im betrunkenen Zustand hat er sich alldem überlassen, was in seiner Seele schlecht ist. Ich weiß nicht, ob er schon lange auf seine Frau eifersüchtig war, und ich weiß nicht, ob er Grund dazu hatte ... Doch an jenem Abend mündete ihr Streit in eine Tragödie. Er hat seine Frau getötet. Von seiner eigenen Tat entsetzt, flüchtete er sich anschließend durch das Große Tor."

In seinem Schaukelstuhl wippend nickte der Schließer.

"Die Verwandten der armen Frau haben beschlossen, den Mörder zu bestrafen", fuhr Martin nach einer Pause fort. "Sie haben mich angeheuert und gebeten, ihn zu finden. Zu finden und zurückzubringen. Ich bin ihm gefolgt und dabei auf diese Welt gelangt ..."

"Im Universum gibt es sehr viele Welten", bemerkte der Schließer, während er seine Pfeife ausklopfte. "Und auf vielen Welten können Menschen leben. Wie vermochtest du in Erfahrung zu bringen, welchen Weg er eingeschlagen hat?"

"Das war schwierig", gestand Martin. "Ich musste mir ein genaues Bild von dem Menschen machen, mich in ihn hineinversetzen, seine Träume und Ängste durchleben, denken wie er. Menschen wählen ihren Weg häufig nicht bewusst. Bisweilen verlockt sie ein schöner Ortsname, eine ungewöhnliche Kombination von Lauten, ein innerer Impuls ... Mitunter irre ich mich, doch in diesem Fall war mir das Glück bereits beim ersten Versuch hold."

Mit einem Nicken nahm der Schließer die Erklärung zur Kenntnis.

"Ich habe den Flüchtling gefunden", berichtete Martin weiter. "Da er jedoch mit der Verfolgung gerechnet hatte, konnte ich ihn nicht zur Umkehr zwingen. Manchmal hilft ein Gespräch, nach dem ein Mensch sich dazu durchringt, zurückzukehren und die Strafe auf sich zu nehmen, die in unserer Welt vorgesehen ist. Doch dieser Mann wollte nicht umkehren.

Leseprobe zu "Spektrum" von Sergej Lukianenko

Eins (S. 13-14)

Der Regen erreichte Martin auf der Spitze des Hügels. So tief, wie die Wolken hingen, vermeinte er, er bräuchte lediglich hochzuspringen und könnte sich sodann mit der Hand etwas von der feuchten grauen Watte klauben. Die ersten Regentropfen klatschten, kleine Staubfontänen aufwirbelnd, auf den Pfad. Einen Moment lang verstummte alles – dann zog der Regen wie eine undurchdringliche Mauer heran.

Unverzüglich verwandelte sich der Pfad in eine jener Rinnen, wie man sie aus Aquaparks kennt. Schmutzig schäumten die Pfützen auf. Kaltes Wasser plätscherte über seine Füße, die Wolken brauten sich immer tiefer zusammen – und Martin fand sich endgültig im Regen wieder, im grauen Dunst, im Herzen eines tosenden Gewitters. Stockfinster wurde es. Die ersten Minuten hielt das wasserfeste Material seiner Jacke noch stand, dann drang die Nässe bis auf die Haut durch. Die Hosen klebten ihm an den Beinen, über die Zunge seiner Schuhe flutete Wasser in die Schuhe.

Er marschierte weiter, den Regen verfluchend, der an dreihundert Tagen im Jahr fiel, und auch das Dickicht pikender Gebüsche, die den Pfad zwangen, sich entgegen dem gesunden Menschenverstand über den Hügel zu schlängeln, seine Arbeit sowie sich selbst. Der Pfad weichte unter seinen Schritten auf, was es ihm zunehmend erschwerte, das Gleichgewicht zu halten. Schon ging Martin nicht mehr, sondern schlitterte, balan cierte und drohte doch, jeden Moment hinzufallen. Der Karabiner verschmolz mit seinem Rücken, wurde merklich schwerer, bei jedem Schritt hafteten sich ein paar Pfund Dreck an seine Sohlen. Selbst in seinem Innern schien sich alles aufzulösen: Es schwabbelte in seiner Nase, gluckerte in seiner Kehle, die Muskeln erschlafften zu feuchter Watte, sogar seine Gedanken verwässerten, flossen ihm davon.

Über alles hätte sich Martin jetzt gefreut, über ein aus dem Gebüsch herausspringendes wildes Tier, über Blitzschlag und Donnergrollen, ja, selbst über ein unvermutetes Hindernis, das ihn zwang zu rennen, etwas zu erklimmen, zu springen oder zu kriechen. In dem grauen Regen gab es indes nichts außer blubberndem Morast, feuchten pikenden Zweigen und dichtem grauen Nebel. So blieb ihm nichts übrig als weiterzugehen, in monotonem Schritt und ohne innezuhalten, eins geworden mit dem anhaltenden Wolkenbruch.

Das zarte Licht über der Station sah er, kaum dass er die Kuppe des Hügels überwunden hatte. Vielleicht hatte sich ein Sonnenschimmer in den Regen gestohlen, vielleicht hingen die Wolken nicht mehr so tief, denn durch die schrägen grauen Regenstrahlen hindurch blinkte vor ihm nun der Leuchtturm. Ein roter Blitz, ein grüner Blitz, eine Pause, bei der es sich jedoch eigentlich um einen Lichtblitz im ultravioletten Bereich handelte. Hernach folgte grellweißes Licht, blendend und betörend wie ein Lichtbogen. Martin beschleunigte den Schritt. Trotz allem war er nicht vom Weg abgekommen.

Eine Stunde später erreichte er die Station. Das aus Steinblöcken errichtete zweigeschossige Haus nahm sich in dieser Gegend aus Hügeln und Sümpfen keinesfalls fremd aus. Die mit schweren purpurroten Gardinen verhangenen Fenster schienen lediglich bedachtsam gesetzte Farbflecken zu sein, die den grauen Hintergrund nur umso stärker hervortreten ließen. Das Leuchtfeuer an der Spitze des hohen Steinturms schickte sein Licht in großer Höhe aus.

Kundenbewertungen zu "Spektrum" von "Sergej Lukianenko"

3 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen ***** sehr gut)
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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 10.02.2009 ***** sehr gut
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Bewertung von Sabrina Schott aus Lüchow (Wendland) am 29.01.2008 ***** sehr gut
Ein sehr gutes Buch. Die Story ist fesselnd und gut durchdacht. Russische Sience-Fiction vom allerfeinsten! Das einzige, was mich ein bisschen gestört hat sind die Stellen an denen die Hauptfigur den "Schließern" Geschichten erzählt um durch die Tore reisen zu können.

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Bewertung von Sebastian am 10.10.2007 ***** sehr gut
Interessantes Buch mit einer sehr fesselnden Story. Tolle Since-Fiction, nicht nur lesenswert für Lukjanenko-Fans. die Charaktere werden eindrücklich und mittels eines sehr umfangreichen Wortschatzes geschildert.

Die der Story zugrunde liegenden Gedanken und Ansichtsweisen sind für einen Since-Fiction Roman sehr philosophisch.
Teilweise ist es beim Lesen nicht leicht, den Gedanken, welche sich die Charaktere (und der Autor) über das Leben im allgemeinen und den Verstand im speziellen machen zu folgen (was natürlich auch an meiner Einstellungen und Ansichtsweise zu diesen Fragen liegen kann).

Alles in allem ein sehr interessantes Buch.

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