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Bewertung von R.E.R. am 09.08.2011 ***** sehr gut
Ein Nobelpreisträger gilt als Vorbild. Ein Mensch der auf einem bestimmten Gebiet etwas so außergewöhnliches geleistet hat, das er mit dieser Auszeichnung geehrt wird, muss etwas ganz besonders sein. Ein Muster an Integrität und Seriosität. Der gelebte Inbegriff des Genius. Ein Ideal dem nachzueifern als nobles Ziel gilt. Ian McEwan entzaubert in seinem Buch “Solar” diesen Mythos und lässt den Leser nicht nur vor Erleichterung auflachen.

Michael Beard hat als junger Physiker in den 1970er Jahren den Nobelpreis für ein Theorem erhalten, dass die Interaktion zwischen Materie und elektromagnetischer Strahlung erklärt, also die Nutzung der Sonne als Energiequelle beschreibt. Jetzt ist er über fünfzig und ruht sich seit fast dreißig Jahren auf diesen Lorbeeren aus. Gerade scheitert seine fünfte Ehe. Diesmal nicht an einem seiner zahlreichen Seitensprünge, sondern weil seine Frau den Spieß umdreht und er der Betrogene ist. Bevor er sich versieht ist er in einen Strudel privater Katastrophen geraten, die ihn auch beruflich ruinieren können.

Ian McEwan hat mit “Solar” zwei Bereiche verbunden. Er thematisiert die drohende Klima Katastrophe und lässt seinen Protagonisten Wege suchen und finden diese zu verhindern. Gleichzeitig führt er dieses wichtige Thema ad absurdum, weil er die persönlichen Befindlichkeiten der Hauptfigur stets wichtiger nimmt. Was ist schon das Schicksal des Planeten Erde gegen die Midlife Crisis eines alternden, übergewichtigen, genusssüchtigen Mannes!

Der Roman beginnt im Jahr 2000. Beard steht einem Londoner Institut vor, dass Wege zur Nutzung erneuerbarer Energien finden und nutzbar realisieren soll. Er ist umgeben von jungen, motivierten Wissenschaftlern die eine solche Fülle guter Ideen entwickeln, das man eigentlich nur auswählen müsste. Allein, das alternde Genie hat keine Lust bzw. andere Sorgen. Die Methoden seine Frau zurückzugewinnen sind grotesk. Man stelle sich einen Nobelpreisträger vor, der nackt auf Händen und Füße rückwärts die Treppe hinuntersteigt und sich dann mit einer Stimme im Radio unterhält um seiner Frau zu signalisieren er sei ebenfalls nicht allein. Das derselbe Mann der fatalistischen Meinung ist, “dass es der Welt egal sein konnte, ob Bush oder Gore, Tweedledum oder Tweedledee, in den ersten vier oder acht Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts Präsident der Vereinigten Staaten war” verwundert nicht.

Der Autor läuft in diesem Roman zur altbekannten erzählerischen Hochform auf. Beard ist auf einer Expedition in der Arktis um sich vor Ort vom Schmelzen der Gletscher zu überzeugen. Die Schilderung seiner ersten Begegnung mit dem ewigen Eis ist eine Abfolge derart skurriler Missgeschicke, dass einem vor Lachen die Luft wegbleibt während man mit schmerzverzerrtem Gesicht die körperliche Pein selber zu spüren scheint. Nur soviel: Bei Minus dreißig Grad in eine Gletscherspalte zu urinieren sollte man tunlichst unterlassen.

An anderen Stellen überzeugen die ironische Spitzfindigkeiten. “Beard beeindruckte auch die Recherchearbeit, der Fleiß, mit dem diese rastlosen Zeitungsfritzen binnen weniger Tage tief in die dunklen Regionen, die Slums seines überbevölkerten Privatlebens eingedrungen waren und dem älteren Bruder seiner dritten Frau, einem nahezu taubstummen Einsiedler, der Beard noch nie ausstehen konnte und der ohne Telefon an einem Feldweg auf einer menschenleeren Halbinsel im Nordwesten von Bruny Island vor der Küste Tasmaniens lebte, im Handumdrehen ein buntes Bouquet boshafter Bemerkungen entlockt hatte.

In Zeitsprüngen folgen wir der Hauptperson in die Jahre 2005 und 2009. Am Ende erinnert die Biographie Beards sehr an Heinrich den Achten von England. Auch dieser ein gichtgeplagter, aufgeschwemmter Fettkloß der ständig Frauen loswerden musste. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen liest sich der Roman sehr gut. Er ist intelligent formuliert, wandlungsreich konzipiert, durchaus lehrreich was die Fakten zum Klima betrifft und von einer bizarren Komik.

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Bewertung von Max aus Penzberg am 14.10.2010 ***** sehr gut
Ian McEwan wird allgemein bescheinigt, dass er mit seinem neuen Roman "Solar" als einer der ersten Großen das Thema Klimawandel literarisch verarbeitet.
Ich finde eher, dass es ein bitterböser Roman über die Machenschaften im Wissenschaftsbetrieb ist, die wesentlich eitler ist, als man sich das von außen vielleicht vorstellt. Wenn zwei Superhirne auf Podiumsdiskussionen aufeinander treffen, kann es offenbar schon mal sein, dass man sich gegenseitig demontiert, nur um als Sieger die Arena zu verlassen, nicht der Sache wegen.
Die Hauptfigur Micheal Beard ist sicher kein Sympathieträger, aber für diesen süffigen "Wissenschafts"roman hervorragend gezeichnet.
Streckenweise ein bisschen viel theoretische Physik, die man als Laie aber nicht bis ins kleinste Detail verstehen muss.

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Bewertung von MaWiOr aus Halle am 17.09.2010 ***** ausgezeichnet
Michael Beard ist Professor der Physik. Er gehört zu jener Sorte Mann, die auf gewisse schöne Frauen irgendwie anziehend wirkt. Dabei ist der 53jährige nicht besonders attraktiv, sondern übergewichtig, ein Säufer und Kettenraucher.

Der Frauenheld hat bereits vier gescheiterte Ehen und zig Affären hinter sich. Auch die fünfte Beziehung ist keine Musterehe, denn seine Frau tut es ihm gleich und hat ein Verhältnis mit einem anderen, natürlich attraktiveren Mann.

Erfolgreicher war da Beards Berufskarriere. Bereits als junger Wissenschaftler von knapp dreißig Jahren erhielt er für seine Forschungen auf dem Gebiet der Quantenphysik den Nobelpreis. In den letzten Jahren verwaltet er jedoch nur noch seine wissenschaftlichen Pfründe und ruht sich auf seinen Lorbeeren aus.

Jetzt wartet eigentlich noch einmal eine berufliche Herausforderung auf Beard, denn er wird wissenschaftlicher Leiter eines Forschungszentrums, dass alternative Energiequellen entwickeln soll, um so einen Beitrag gegen die Klimaerwärmung zu leisten. Doch Beard leitet mehr schlecht als recht. Während seine jüngeren Mitarbeiter voller Ideen und Tatkraft stecken, ist er auf Dienstreisen unterwegs und hält überall schöne Reden.

Als jedoch ein jüngerer Assistent stirbt, der die theoretischen Grundlagen für die künstliche Photosynthese konzipiert hat, gelangt er in den Besitz von dessen Aufzeichnungen, die ihn praktisch über Nacht zum Aktivisten der Umweltbewegung machen. Doch der „Weltretter“ Beard versucht, daraus privaten Nutzen zu schlagen, was zunächst auch zu gelingen scheint. In seiner selbstzerstörerischen Art gerät aber sein Leben schließlich völlig aus den Fugen.

Der britischer Schriftsteller Ian McEwan hat mit „Solar“ ein aktuelles Thema unserer Gesellschaft aufgegriffen. Gekonnt verknüpft er naturwissenschaftliche und politische Frage-stellungen mit einer Charakterstudie. Es ist der erste große Roman über den Klimawandel aus der Feder eines renommierten Schriftstellers. Zugleich ist das Buch aber auch eine bitterböse Satire sowie eine gnadenlose Abrechnung mit der Politik und dem Wissenschaftsbetrieb - und natürlich auch mit einer gewissen Sorte Mann und dessen allzu menschlichen Schwächen.

Manfred Orlick

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