Leseprobe zu "So soll er sterben" von Ian Rankin
Erster Tag
Montag
1
"Was habe ich hier eigentlich verloren?", sagte Detective Inspector John Rebus. Auch wenn ihm niemand zuhörte.
Knoxland war eine Hochhaussiedlung im Westen von Edinburgh, außerhalb von Rebus' offiziellem Zuständigkeitsgebiet. Er war nur hier, weil die Kollegen im West End unterbesetzt waren und sein Chef nicht wusste, was er mit ihm anfangen sollte. Es war ein verregneter Montagnachmittag, und nichts an diesem Tag ließ für den Rest der Arbeitswoche etwas Gutes ahnen. Rebus' ehemaliges Revier, über acht Jahre lang sein hoch geschätztes Basislager, war Opfer einer Umstrukturierung geworden und verfügte seither nicht mehr über ein CID-Büro, was zur Folge hatte, dass Rebus und seine Kollegen heimatlos geworden waren und man sie auf andere Reviere verteilt hatte. Er war am Gayfield Square gelandet: ein ruhiger Job, wie manche meinten. Gayfield Square lag am Rand der vornehmen New Town, wo hinter den Fassaden aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert alles Mögliche passieren konnte, ohne dass etwas nach draußen drang. Die gefühlte Entfernung zu Knoxland war enorm, größer als die tatsächlichen fünf Kilometer. Hier herrschte eine andere Kultur, es war ein anderes Land.
Man hatte Knoxland in den 1960ern erbaut, wie es schien aus Pappmaché und Balsaholz. Die Wände waren so dünn, dass man seine Nachbarn beim Zehennägelschneiden hören konnte und ihr Abendessen roch. Auf den grauen Betonwänden prangten feuchte Flecken. Zahlreiche Graffiti hatten dem Viertel den Namen "Hard Knox" verliehen. Andere Wandverzierungen empfahlen "Pakis raus", und ein Schriftzug, vermutlich kaum eine Stunde alt, verkündete: "Einer weniger."
Die vereinzelten Geschäfte hatten Metallgitter an Fenstern und Türen, und niemand machte sich die Mühe, sie während der Öffnungszeiten zu entfernen. Das ganze Viertel wirkte isoliert, im Norden und Westen wurde es von Schnellstraßen begrenzt. Wohlmeinende Stadtentwickler hatten Unterführungen graben lassen, die in den ursprünglichen Plänen wahrscheinlich sauber und gut beleuchtet gewesen waren, damit die Leute dort gelegentlich stehen blieben, um mit ihren Nachbarn übers Wetter oder die neuen Vorhänge in Nummer 42 zu plaudern. Im wirklichen Leben jedoch galten sie selbst tagsüber für alle, die nicht völlig lebensmüde waren, als Sperrgebiet. Andauernd hatte es die Polizei mit Fällen von Handtaschendiebstahl oder Straßenraub zu tun.
Vermutlich waren es dieselben wohlmeinenden Stadtentwickler gewesen, die auf die Idee verfielen, die zahlreichen Wohnblocks der Siedlung nach schottischen Schriftstellern zu benennen und das Wort "House" anzuhängen, damit die Leute immer wieder daran erinnert wurden, dass diese Gebäude mit echten Häusern rein gar nichts gemein hatten.
Barrie House.
Stevenson House.
Scott House.
Burns House.
Unaufdringlich wie ein einzelner Salutschuss ragten sie in den Himmel.
Rebus sah sich suchend nach einer Möglichkeit um, seinen halb leeren Kaffeebecher zu entsorgen. Er hatte bei einem Bäcker auf der Gorgie Road Halt gemacht, weil er wusste, dass seine Chancen auf einen halbwegs genießbaren Kaffee kontinuierlich abnahmen, je weiter er sich vom Stadtzentrum entfernte. Keine gute Wahl: Das Gebräu war erst brühend heiß gewesen und kurz darauf lauwarm, was das Fehlen jedweden Aromas nur noch unterstrich. Es gab keine Mülleimer in der Nähe, genau genommen keine Mülleimer weit und breit. Doch Bürgersteig und Grünstreifen boten bereitwillig an, die Aufgabe zu übernehmen. Also leistete Rebus seinen Beitrag zum Müllmosaik, richtete sich auf und vergrub die Hände tief in den Manteltaschen. Er konnte seinen eigenen Atem sehen.
"Ein gefundenes Fressen für die Presse", brummelte jemand. In dem überdachten Verbindungsgang zwischen zwei hohen Wohnblocks liefen ein Dutzend Gestalten herum. Ein schwacher Geruch nach menschlichem oder nichtmenschlichem Urin hing in der Luft. Es gab jede Menge Hunde in dieser Gegend, und der eine oder andere trug sogar ein Halsband. Sie näherten sich schnüffelnd dem Verbindungsgang, bis sie von den Uniformierten verjagt wurden. Der Gang war an beiden Enden mit Absperrband gesichert. Ein paar Jugendliche auf Fahrrädern verrenkten sich den Hals, um einen Blick auf den Tatort zu werfen. Die Männer von der Spurensicherung in weißem Overall mit Kapuze und die Polizeifotografen machten sich gegenseitig den Platz streitig. Neben den Polizeiautos auf der matschigen Spielwiese parkte ein unauffälliger grauer Lieferwagen. Der Fahrer hatte sich bei Rebus beschwert, weil ein paar Halbwüchsige ihm Geld dafür hatten abknöpfen wollen, dass sie auf den Wagen aufpassten.
"Miese Ratten."
In Kürze würde der Fahrer die Leiche zur Obduktion in die Gerichtsmedizin bringen. Aber es war bereits klar, dass es sich um einen gewaltsamen Tod handelte. Etliche Stichwunden, eine davon im Hals. Den Blutspuren nach zu urteilen, war das Opfer drei bis vier Meter vom einen Ende des Verbindungsgangs entfernt angegriffen worden. Wahrscheinlich hatte er zu fliehen versucht, war aber, ehe es ihm gelang, ins Freie zu kommen, von seinem Angreifer endgültig niedergestreckt worden.
"In den Taschen ist bloß ein bisschen Kleingeld, sonst nichts", sagte ein anderer Polizist. "Hoffentlich kennt ihn irgendwer..."
Rebus wusste nicht, wer er war, aber er wusste, was er war: nämlich ein Kriminalfall, ein Teil der Verbrechensstatistik. Außerdem war er Nachrichtenmaterial, und die Journalisten hatten garantiert schon Witterung aufgenommen, so wie das Hunderudel bei einer Treibjagd.
Knoxland war keine beliebte Wohngegend. Hier zogen nur Leute her, denen nichts anderes übrig blieb. In der Vergangenheit hatten die Behörden die Siedlung benutzt, um Leute abzuschieben, für die sich sonst keine Wohnung fand: Junkies und Geistesgestörte. In letzter Zeit waren vermehrt Einwanderer und Asylbewerber in die besonders verwahrlosten Häuserblocks einquartiert worden. Leute, mit denen niemand zu tun haben, geschweige denn sich ernsthaft befassen wollte. Als Rebus sich umsah, wurde ihm klar, dass sich diese armen Menschen wie Mäuse in einem Labyrinth vorkommen mussten. Nur mit dem Unterschied, dass es in Versuchslabors nur wenige feindlich gesinnte Lebewesen gab, sie hier, im wirklichen Leben, hingegen allgegenwärtig waren.
Sie waren mit Messern bewaffnet, trieben ungehindert ihr Unwesen, beherrschten die Straßen.
Und nun hatten sie getötet.
Ein weiteres Auto hielt am Straßenrand, und ein Mann stieg aus. Rebus kannte ihn: Steve Holly, ein Schreiberling in Diensten eines Glasgower Boulevardblatts. Dick und umtriebig, gegeltes, stachelig vom Kopf abstehenden Haar. Ehe er den Wagen abschloss, griff er nach seinem Notebook und klemmte es sich unter den Arm. Er mochte alles Mögliche sein, dieser Steve Holly, naiv war er nicht. Er nickte Rebus zu.
"Haben Sie was für mich?"
Rebus schüttelte den Kopf, woraufhin sich Holly nach einer ergiebigeren Informationsquelle umzusehen begann.
"Wie ich höre, hat man euch aus St. Leonard's rausgeschmissen", sagte er, so als wollte er Konversation machen, den Blick dabei absichtlich nicht auf Rebus gerichtet. "Hat man Sie etwa hierher strafversetzt?"
Rebus ließ sich nicht provozieren, dennoch fuhr Holly genüsslich fort: "Hier zu arbeiten, muss eine echte Strafe sein. Verdammt übles Pflaster, was?"
Holly zündete sich eine Zigarette an, und Rebus wusste, dass er sich im Geist mit dem Artikel beschäftigte, den er nachher schreiben und für den er sich griffige Formulierungen mit ein paar pseudophilosophischen Einsprengseln ausdenken würde.
"Ein Asiate, habe ich gehört", sagte der Reporter schließlich, blies Rauch in die Luft und hielt Rebus die Zigarettenschachtel hin.
"Das steht noch nicht fest."
Rebus' Kommentar war die Bezahlung für die Zigarette. Holly gab ihm Feuer. "Olivfarbene Haut... Könnte von überallher stammen."
"Nur nicht aus Schottland", erklärte Holly lächelnd. "Dürfte also ein Verbrechen aus Fremdenhass sein. War ja zu erwarten, dass so etwas irgendwann auch hier passieren würde."
Rebus wusste, wieso er das "hier" betont hatte: Er meinte "in Edinburgh". In Glasgow hatte es schon mindestens einen Mord aus Fremdenhass gegeben, das Opfer war ein Asylbewerber gewesen, der versucht hatte, in einer der menschenfeindlichen Siedlungen jener Stadt sein Leben zu leben. Erstochen, genau wie das hiesige Opfer, das wenige Meter entfernt fotografiert und nach Spuren abgesucht worden war und nun in einen Leichensack gesteckt wurde. Während dies geschah, herrschte Stille: Man erwies dem Toten einen Moment lang die letzte Ehre, ehe man sich wieder der Aufgabe widmete, den Täter zu fassen. Der Sack wurde auf einen Rollwagen gehoben, der dann unter der Absperrung hindurch und an Rebus und Holly vorbeigeschoben wurde.
"Sind Sie hier der Boss?", fragte Holly leise. Rebus schüttelte erneut den Kopf und beobachtete, wie die Leiche in dem Lieferwagen verschwand.
"Dann geben Sie mir einen Tipp - mit wem könnte ich reden?"
"Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein", sagte Rebus, drehte sich um und ging zu seinem Auto, das zumindest ein gewisses Maß an Sicherheit bot.
Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dachte Detective Sergeant Siobhan Clarke, womit sie meinte, dass sie wenigstens über einen eigenen Schreibtisch verfügte. John Rebus - der einen höheren Rang hatte als sie - war nicht so gut dran. Allerdings hatten weder Glück noch Pech etwas damit zu tun. Sie wusste, dass Rebus es als einen Wink von oben betrachtete: Wir haben für Sie keinen Platz mehr; Sie sollten sich langsam aufs Altenteil zurückziehen. Er hatte Anspruch auf die volle Polizistenpension - Kollegen, jünger als er und mit weniger Dienstjahren, stiegen aus dem Spiel aus und lösten ihre Jetons ein. Ihm war sonnenklar, welche Botschaft ihm seine Vorgesetzten übermitteln wollten. Siobhan wusste es auch, dennoch hatte sie ihm ihren Schreibtisch angeboten. Er hatte natürlich abgelehnt, hatte gemeint, er sei mit jedem verfügbaren Arbeitsplatz zufrieden, woraufhin er nun an dem Tisch neben dem Fotokopierer saß, auf dem Becher, Kaffee und Zucker standen. Der Wasserkocher befand sich auf dem angrenzenden Fensterbrett. Unter dem Tisch wurde ein Karton mit Kopierpapier aufbewahrt, und der Stuhl, der davorstand, besaß eine kaputte Lehne und ächzte laut, wenn man auf ihm Platz nahm. Kein Telefon, noch nicht einmal eine Telefonbuchse. Kein Computer.
"Das ist natürlich nur vorübergehend", hatte Detective Chief Inspector James Macrae erklärt. "Nicht so einfach, Platz für zwei Neuzugänge zu schaffen..."
Rebus hatte mit einem Lächeln und einem Achselzucken reagiert, und Siobhan war klar gewesen, dass er sich hütete, etwas zu sagen: Rebus' spezielle Form von Konfliktmanagement. Erst einmal alles in sich hineinfressen. Das Platzproblem war auch der Grund, dass ihr Tisch zwischen denen der Detective Constables stand. Es gab ein extra Büro für die Detective Sergeants, das sie sich mit der Bürokraft teilten, aber Siobhan oder Rebus passten dort beim besten Willen nicht hinein. Der Detective Inspector hatte übrigens ein eigenes kleines Büro zwischen den beiden anderen. Tja, da lag der Hund begraben: Es gab am Gayfield Square schon einen DI; ein zweiter wurde nicht gebraucht.
Der DI hieß Derek Starr, er war groß, blond und gut aussehend. Dummerweise wusste er Letzteres ganz genau. Er hatte Siobhan einmal zum Mittagessen in seinen Klub eingeladen. Der Klub war fünf Minuten zu Fuß entfernt und hieß The Hallion. Sie hatte nicht zu fragen gewagt, wie viel die Mitgliedschaft kostete. Wie sich herausstellte, hatte Starr auch Rebus dorthin eingeladen.
"Er tut's, weil er's tun kann", hatte Rebus' Zusammenfassung gelautet. Starr war auf dem Weg nach oben, und er wollte es den beiden Neuen deutlich vor Augen führen.
Siobhan war mit ihrem Schreibtisch zufrieden. Sie hatte einen Computer, den Rebus jederzeit benutzen konnte, und ein Telefon. Jenseits des Gangs saß Detective Constable Phyllida Hawes. Sie hatten bei einigen Ermittlungen zusammengearbeitet, obwohl sie verschiedenen Dienststellen angehörten. Siobhan war zehn Jahre jünger, hatte aber einen höheren Dienstgrad. Bisher schien Hawes damit kein Problem gehabt zu haben, und Siobhan hoffte, dass dies auch so blieb. Es gab noch einen DC in dem Büro. Er hieß Colin Tibbet: Mitte zwanzig, vermutete Siobhan, demnach ein paar Jahre jünger als sie. Nettes Lächeln, durch das seine relativ kleinen Zähne zum Vorschein kamen. Hawes hatte schon ein paar scherzhafte Bemerkungen gemacht, dass sie in ihn verschossen sei.
"Ich stehe nicht auf grüne Jungs", hatte Siobhan erwidert.
"Sie haben also eine Vorliebe für reifere Herren?", hatte Hawes grinsend gefragt, den Blick in Richtung des Fotokopierers gewandt.
"Reden Sie keinen Unsinn", hatte Siobhan gesagt, da natürlich Rebus damit gemeint gewesen war. Ein paar Monate zuvor, kurz vor dem Ende der Ermittlungen in einem Fall, hatte Rebus sie plötzlich umarmt und geküsst. Niemand außer ihnen beiden wusste davon, und sie hatten nie ein Wort darüber verloren. Dennoch hing die Sache jedesmal wie ein vertrauter Geruch in der Luft, wenn sie allein waren. Na ja... sie hing über ihr. John Rebus war in dieser Hinsicht schwer durchschaubar.
Phyllida Hawes ging nun zum Fotokopierer und erkundigte sich, wohin DI Rebus verschwunden war.
"Er hat einen Anruf bekommen", antwortete Siobhan. Mehr wusste sie tatsächlich nicht, aber Hawes' Blick verriet, dass sie glaubte, Siobhan würde ihr etwas verschweigen. Tibbet räusperte sich.
"In Knoxland ist jemand umgebracht worden. Die Nachricht ist gerade im Computer aufgetaucht." Er tippte wie zur Bekräftigung an den Bildschirm.
"Hoffentlich nicht der Anfang von einem Bandenkrieg."
Siobhan nickte. Knapp ein Jahr zuvor hatte eine Gang versucht, sich in das Drogengeschäft in dem Viertel zu drängen, woraufhin es zu einer Reihe von Messerstechereien, Entführungen und Vergeltungsaktionen gekommen war. Die Eindringlinge waren Nordiren, angeblich mit Verbindungen zu einer paramilitärischen Organisation. Die meisten von ihnen saßen inzwischen im Gefängnis.
"Das braucht uns doch nicht zu kümmern", meinte Hawes.
"Einer der wenigen Vorteile unseres Standorts... keine Siedlungen wie Knoxland in der Nähe."
Damit hatte sie völlig Recht. Gayfield Square war ein ziemlich typisches Innenstadtrevier: Ladendiebe und Randalierer aus der Princess Street, Betrunkene am Samstag Abend, Einbrüche in der New Town.
"Für Sie ist das hier der reinste Urlaub, oder?", fügte Hawes grinsend hinzu.
"Die Arbeit in St. Leonard's war kein Zuckerschlecken", musste Siobhan einräumen. Als die organisatorischen Veränderungen bekannt wurden, hieß es hinter vorgehaltener Hand, sie werde ins Präsidium umziehen. Sie wusste nicht, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, aber nach einer Woche glaubte sie es. Doch dann hatte Detective Chief Superintendent Gil Templer sie zu sich gebeten, und wenige Minuten später war sie an den Gayfield Square versetzt. Sie versuchte, das nicht als Kränkung zu empfinden, aber genau das war es. Templer selbst hatte nämlich sehr wohl einen Posten im Präsidium erhalten. Andere Kollegen landeten weit draußen in Balerno oder in East Lothian, einige reichten einen Antrag auf Pensionierung ein. Nur Siobhan und Rebus zogen zum Gayfield Square um.
"Ausgerechnet jetzt, wo wir gerade kapiert haben, wie hier der Hase läuft", hatte sich Rebus beschwert, als er den Inhalt seiner Schreibtischschubladen in einen großen Pappkarton leerte. "Doch für Sie hat es ja auch was Positives: Sie können morgens länger schlafen."
Das stimmte, ihre Wohnung lag nur fünf Gehminuten entfernt. Sie brauchte nicht mehr in der Rushhour quer durch die Innenstadt zu fahren. Das war einer der wenigen Vorteile, die ihr einfielen... vielleicht sogar der einzige. Sie waren in St. Leonard's ein echtes Team gewesen, und das Polizeirevier dort hatte sich in einem wesentlich besseren Zustand befunden als das triste Gebäude, in dem sie nun arbeitete. Das CID-Büro war größer und heller gewesen, und hier gab es einen - sie atmete tief durch die Nase ein - einen bestimmten Geruch. Sie konnte ihn nicht genau definieren. Er stammte weder von Körperausdünstungen noch von den Käsesandwiches, die Tibbet sich jeden Tag mitbrachte. Das Gebäude selbst schien ihn abzusondern. Eines Vormittags, als sie allein gewesen war, hatte sie die Nase dicht an Wände und Fußboden gehalten, aber es gab keine erkennbare Quelle des Geruchs. Manchmal verschwand er sogar völlig, nur um dann langsam wieder zurückzukehren. Die Heizkörper? Die Wärmedämmung? Sie hatte aufgehört, nach einer Erklärung zu suchen, und auch mit niemand darüber gesprochen, nicht einmal mit Rebus.
Ihr Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab. "CID", sagte sie.
"Empfang hier. Vor mir steht ein Ehepaar, das mit DS Clarke sprechen möchte."
Siobhan runzelte die Stirn. "Die beiden haben ausdrücklich nach mir gefragt?"
"Ja."
"Wie heißen die Leute?" Sie griff nach Notizblock und Stift.
"Mr. und Mrs. Jardine. Ich soll Ihnen ausrichten, dass sie aus Banehall sind."
Siobhan hörte auf zu schreiben. Sie wusste, wer die beiden waren.
"Sagen Sie ihnen, ich komme gleich."
Sie legte auf und nahm ihre Jacke, die über der Stuhllehne hing.
"Verdrückt sich da etwa noch jemand?", fragte Hawes. "Man könnte meinen, gewisse Leute haben etwas gegen uns, Col." Sie zwinkerte Tibbet zu.
"Besuch für mich", erklärte Siobhan.
"Bringen Sie ihn her", erwiderte Hawes, die Arme weit ausgestreckt. "Je mehr Trubel, desto besser."
"Mal sehen", sagte Siobhan. Als sie hinausging, bearbeitete Hawes erneut eine Taste am Fotokopierer, während Tibbet etwas auf seinem Bildschirm las und dabei geräuschlos die Lippen bewegte. Sie würde die Jardines auf keinen Fall herbringen. Der unterschwellige Geruch, die muffige Atmosphäre und der Ausblick auf den Parkplatz... die Jardines hatten etwas Besseres verdient.Und ich auch, dachte sie unwillkürlich.
Leseprobe zu "So soll er sterben" von Ian Rankin
Montag
»Was habe ich hier eigentlich verloren?«, sagte Detective Inspector John Rebus. Auch wenn ihm niemand zuhörte.
Knoxland war eine Hochhaussiedlung im Westen von Edinburgh, außerhalb von Rebus' offiziellem Zuständigkeitsgebiet. Er war nur hier, weil die Kollegen im West End unterbesetzt waren und sein Chef nicht wusste, was er mit ihm anfangen sollte. Es war ein verregneter Montagnachmittag, und nichts an diesem Tag ließ für den Rest der Arbeitswoche etwas Gutes ahnen.
Rebus' ehemaliges Revier, über acht Jahre lang sein hoch geschätztes Basislager, war Opfer einer Umstrukturierung geworden und verfügte seither nicht mehr über ein CID-Büro, was zur Folge hatte, dass Rebus und seine Kollegen heimatlos geworden waren und man sie auf andere Reviere verteilt hatte. Er war am Gayfield Square gelandet: ein ruhiger Job, wie manche meinten. Gayfield Square lag am Rand der vornehmen New Town, wo hinter den Fassaden aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert alles Mögliche passieren konnte, ohne dass etwas nach draußen drang. Die gefühlte Entfernung zu Knoxland war enorm, größer als die tatsächlichen fünf Kilometer. Hier herrschte eine andere Kultur, es war ein anderes Land.
Man hatte Knoxland in den 1960ern erbaut, wie es schien aus Pappmache und Balsaholz. Die Wände waren so dünn, dass man seine Nachbarn beim Zehennägelschneiden hören konnte und ihr Abendessen roch. Auf den grauen Betonwänden prangten feuchte Flecken. Zahlreiche Graffiti hatten dem Viertel den Namen »Hard Knox« verliehen. Andere Wandverzierungen empfahlen »Pakis raus«, und ein Schriftzug, vermutlich kaum eine Stunde alt, verkündete: »Einer weniger.«
Die vereinzelten Geschäfte hatten Metallgitter an Fenstern und Türen, und niemand machte sich die Mühe, sie während der Öffnungszeiten zu entfernen. Das ganze Viertel wirkte isoliert, im Norden und Westen wurde es von Schnellstraßen begrenzt. Wohlmeinende Stadtentwickler hatten Unterführungen graben lassen, die in den ursprünglichen Plänen wahrscheinlich sauber und gut beleuchtet gewesen waren, damit die Leute dort gelegentlich stehen blieben, um mit ihren Nachbarn übers Wetter oder die neuen Vorhänge in Nummer 42 zu plaudern. Im wirklichen Leben jedoch galten sie selbst tagsüber für alle, die nicht völlig lebensmüde waren, als Sperrgebiet. Andauernd hatte es die Polizei mit Fällen von Handtaschendiebstahl oder Straßenraub zu tun.
Vermutlich waren es dieselben wohlmeinenden Stadtentwickler gewesen, die auf die Idee verfielen, die zahlreichen Wohnblocks der Siedlung nach schottischen Schriftstellern zu benennen und das Wort »House« anzuhängen, damit die Leute immer wieder daran erinnert wurden, dass diese Gebäude mit echten Häusern rein gar nichts gemein hatten.
Barrie House.
Stevenson House.
Scott House.
Burns House.
Unaufdringlich wie ein einzelner Salutschuss ragten sie in den Himmel.
Rebus sah sich suchend nach einer Möglichkeit um, seinen halb leeren Kaffeebecher zu entsorgen. Er hatte bei einem Bäcker auf der Gorgie Road Halt gemacht, weil er wusste, dass seine Chancen auf einen halbwegs genießbaren
Kaffee kontinuierlich abnahmen, je weiter er sich vom Stadtzentrum entfernte. Keine gute Wahl: Das Gebräu war erst brühend heiß gewesen und kurz darauf lauwarm, was das Fehlen jedweden Aromas nur noch unterstrich. Es gab keine Mülleimer in der Nähe, genau genommen keine Mülleimer weit und breit. Doch Bürgersteig und Grünstreifen boten bereitwillig an, die Aufgabe zu übernehmen. Also leistete Rebus seinen Beitrag zum Müllmosaik, richtete sich auf und vergrub die Hände tief in den Manteltaschen. Er konnte seinen eigenen Atem sehen.
»Ein gefundenes Fressen für die Presse«, brummelte jemand. In dem überdachten Verbindungsgang zwischen zwei hohen Wohnblocks liefen ein Dutzend Gestalten herum. Ein schwacher Geruch nach menschlichem oder nichtmenschlischem Urin hing in der Luft. Es gab jede Menge Hunde in dieser Gegend, und der eine oder andere trug sogar ein Halsband. Sie näherten sich schnüffelnd dem Verbindungsgang, bis sie von den Uniformierten verjagt wurden. Der Gang war an beiden Enden mit Absperrband gesichert. Ein paar Jugendliche auf Fahrrädern verrenkten sich den Hals, um einen Blick auf den Tatort zu werfen. Die Männer von der Spurensicherung in weißem Overall mit Kapuze und die Polizeifotografen machten sich gegenseitig den Platz streitig. Neben den Polizeiautos auf der matschigen Spielwiese parkte ein unauffälliger grauer Lieferwagen. Der Fahrer hatte sich bei Rebus beschwert, weil ein paar Halbwüchsige ihm Geld dafür hatten abknöpfen wollen, dass sie auf den Wagen aufpassten.
»Miese Ratten.«
In Kürze würde der Fahrer die Leiche zur Obduktion in die Gerichtsmedizin bringen. Aber es war bereits klar, dass es sich um einen gewaltsamen Tod handelte. Etliche Stichwunden, eine davon im Hals. Den Blutspuren nach zu urteilen, war das Opfer drei bis vier Meter vom einen Ende des
Verbindungsgangs entfernt angegriffen worden. Wahrscheinlich hatte er zu fliehen versucht, war aber, ehe es ihm gelang, ins Freie zu kommen, von seinem Angreifer endgültig niedergestreckt worden.
»In den Taschen ist bloß ein bisschen Kleingeld, sonst nichts«, sagte ein anderer Polizist. »Hoffentlich kennt ihn irgendwer...«
Rebus wusste nicht, wer er war, aber er wusste, was er war: nämlich ein Kriminalfall, ein Teil der Verbrechensstatistik. Außerdem war er Nachrichtenmaterial, und die Journalisten hatten garantiert schon Witterung aufgenommen, so wie das Hunderudel bei einer Treibjagd. Knoxland war keine beliebte Wohngegend. Hier zogen nur Leute her, denen nichts anderes übrig blieb. In der Vergangenheit hatten die Behörden die Siedlung benutzt, um Leute abzuschieben, für die sich sonst keine Wohnung fand: Junkies und Geistesgestörte. In letzter Zeit waren vermehrt Einwanderer und Asylbewerber in die besonders verwahrlosten Häuserblocks einquartiert worden. Leute, mit denen niemand zu tun haben, geschweige denn sich ernsthaft befassen wollte. Als Rebus sich umsah, wurde ihm klar, dass sich diese armen Menschen wie Mäuse in einem Labyrinth vorkommen mussten. Nur mit dem Unterschied, dass es in Versuchslabors nur wenige feindlich gesinnte Lebewesen gab, sie hier, im wirklichen Leben, hingegen allgegenwärtig waren.
Sie waren mit Messern bewaffnet, trieben ungehindert ihr Unwesen, beherrschten die Straßen.
Und nun hatten sie getötet.
Ein weiteres Auto hielt am Straßenrand, und ein Mann stieg aus. Rebus kannte ihn: Steve Holly, ein Schreiberling in Diensten eines Glasgower Boulevardblatts. Dick und umtriebig, gegeltes, stachelig vom Kopf abstehenden Haar. Ehe er den Wagen abschloss, griff er nach seinem Notebook und klemmte es sich unter den Arm. Er mochte alles Mögliche sein, dieser Steve Holly, naiv war er nicht. Er nickte Rebus zu.
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