Simon Wiesenthal - Segev, Tom
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Tom Segev 

Simon Wiesenthal

Die Biographie

Übersetzung: Lemke, Markus
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Simon Wiesenthal

Tom Segev erzählt das Leben des Simon Wiesenthal Vom Tag seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen an machte Simon Wiesenthal (1908 - 2005) es sich zur Lebensaufgabe, NS-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu bringen. Fünf Jahre nach seinem Tod legt nun der bekannte Historiker und Journalist Tom Segev die erste aus Originalquellen erarbeitete Biographie dieser Jahrhundertgestalt vor, enthüllt zahlreiche bisher unbekannte Tatsachen und erzählt eindrucksvoll das Leben des "Nazi-Jägers", der selbst auch zeitlebens ein Verfolgter blieb.

Als Simon Wiesenthal im Alter von 97 Jahren in Wien starb, betrauerte die Welt einen unermüdlichen Kämpfer gegen das Böse. Hollywood verklärte ihn als Helden, gleichwohl hatte er zeit seines Lebens auch Ablehnung und Anfeindungen erfahren, viele sahen in ihm einen unversöhnlichen Störenfried. Er entfachte die Phantasie von Menschen auf der ganzen Welt, fesselte und beängstigte sie, belastete ihr Gewissen und verlieh ihnen doch einen tröstlichen Glauben an das Gute.Anhand von zahlreichen Briefen, Geheimdienstdossiers und anderen, bislang unbekannten Quellen zeichnet Tom Segev die faszinierende Biographie Simon Wiesenthals nach: Die höchst lebendige und spannende Lebensgeschichte eines überaus mutigen Mannes, der eine Reihe atemberaubender Aktionen initiierte und dabei fast ganz auf sich gestellt arbeitete, in einer kleinen Wohnung zwischen hohen Stapeln alter Zeitungen und vergilbter Karteikarten.


Produktinformation

  • Verlag: Siedler
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 574 S., . 25 Fotos u. Illustr. auf Taf.
  • Seitenzahl: 576
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm x 135mm x 49mm
  • Gewicht: 953g
  • ISBN-13: 9783886808588
  • ISBN-10: 3886808580
  • Best.Nr.: 29500896

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Ausgezeichnet findet Petra Steinberger die Biografie über den ebenso widersprüchlichen wie nach Gerechtigkeit strebenden "Humanisten und kosmopolitischen Versöhner" Simon Wiesenthal, die aus der versierten Feder des israelischen Historikers Tom Segev stammt. Segev hat sich dafür durch 300.000 Papiere aus dem Nachlass Wiesenthals gearbeitet und ein Leben nachgezeichnet, das mit der Erfahrung ein Holocaust-Überlebender zu sein in zwei Teile zerfällt. Wiesenthals unermüdliche, lebenslängliche Suche nach Nazi-Verbrechern führt Segev auf ein Gefühl der Sühne gegenüber den Toten zurück. Auch die schon lange gehegte Vermutung, dass Wiesenthal bei seiner Arbeit vom israelischen Geheimdienst unterstützt wurde, kann er verifizieren. Trotz der menschlichen Schwächen, die Simon Wiesenthal auch ausgezeichnet haben, steht Segev fest an seiner Seite und zollt ihm "Wohlwollen und Respekt" für seine mutige und einsame Haltung den Holocaust nicht nur als eine "jüdische, sondern eine menschliche Tragödie" zu begreifen, so Steinberger.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.10.2010

Der Mann, der nicht vergessen wollte
Simon Wiesenthal war eigen, er war mutig, anmaßend und bescheiden. Er arbeitete in einem kleinen, staubigen Büro in Wien und pflegte von dort
gute Kontakte zum isralischen Geheimdienst Mossad. Tom Segevs Biographie zeigt einen komplizierten Menschen  Von Petra Steinberger
Was entscheidet, ob jemand auf sein Leben zurückblicken und sagen kann, er habe Glück gehabt, er habe ein gutes, ein erfolgreiches Leben geführt? Oder ob er zurückschaut und es für ein verlorenes Leben hält? Wenn es sich um einen umstrittenen und andererseits verehrten Menschen handelt wie Simon Wiesenthal, dann hängt viel davon ab, wer sich der biographischen Sache annimmt und welche Sicht er sich zu eigen macht. Denn Simon Wiesenthal hat wohl niemanden wirklich an sich und seine Gefühle herangelassen – vielleicht nicht einmal sich selbst.
Simon Wiesenthals Leben wurde vom Holocaust geprägt. Als er im Mai 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit wurde, war er 44 Jahre alt. Die Erfahrung war eines. Entscheidend ist, welche Konsequenzen Wiesenthal daraus gezogen hat. Sein Erleben hat ihn zu dem Mann gemacht, der mehr als die …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 02.10.2010

Wer war der bessere Österreicher?

Tom Segev geht wie ein Detektiv jeder Spur über Simon Wiesenthal nach und legt das geheimnisumwitterte Wirken des Eichmann- und Stangl-Jägers frei.

Von Klaus-Dietmar Henke

Die allermeisten Holocaust-Verbrecher haben sich nicht für ihre Taten verantworten müssen. Es hätten aber mehr sein können, wenn Politik und Justiz in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Untergang des "Dritten Reiches" ein wenig mehr Verfolgungseifer an den Tag gelegt hätten. Das weiß man zwar seit langem, doch wird das weithin konsensuelle Verschleppen und Vertuschen selten so klar erkennbar wie in dieser Lebensbeschreibung. Sie zeigt nämlich, wie tief schon ein einziger entschlossener Mann in die deutsche Mordgeschichte mit ihren Zehntausenden von Tätern vorzudringen vermochte.

Simon Wiesenthal (1908-2005), österreichischer Staatsbürger galizisch-jüdischer Abstammung, der fast seine ganze Familie in den Vernichtungslagern verlor und 1945 in Mauthausen befreit wurde, dürfte sich mit etwa 3000 NS-Verbrechern befasst und ungefähr ein Drittel davon zur Anklage gebracht haben. Die Zahl der tatsächlich Verurteilten lasse …

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»Segev hat dieser Jahrhundertfigur ein differenziertes, vielschichtiges und lebhaftes Denkmal gesetzt.«
Tom Segev ist Historiker, Journalist und schreibt als Kolumnist für "Ha'aretz". Er wurde bekannt mit seinen Büchern zur israelischen Geschichte. Auszeichnung mit dem National Jewish Book Award für "Es war einmal ein Palästina", das auch von der "New York Times" zu den neun besten Büchern des Jahres 2000 gezählt wurde. Der Autor lebt in Jerusalem.

Leseprobe zu "Simon Wiesenthal" von Tom Segev

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Leseprobe zu "Simon Wiesenthal" von Tom Segev

Der gläserne Sarg Eine solche Beerdigung hatte es noch nicht gegeben: Noch nie waren in einem Grab die sterblichen Überreste so vieler Menschen beigesetzt worden. Ihre letzte Reise begann in Tel Aviv, am 26. Juni 1949. Das Grauen, das die große Synagoge umgab, war beinahe nicht zu ertragen, und immer wieder erhoben sich hysterische Schreie aus der Menschenmenge, die sich um das Gebäude drängte. Die Zeitungen meldeten, es hätten sich dort Zehntausende versammelt, und schilderten herzzerreißende Szenen. Menschen brüllten "Vater, Mutter", und viele wurden ohnmächtig. Auch kleine Kinder waren in der Menge auszumachen.

Im Hauptsaal der Synagoge stand ein gläserner Sarg von eineinhalb Metern Länge aufgebockt, in dem sich dreißig Porzellantiegel befanden, gestreift in weiß und blau. Sie enthielten, so hieß es in den Zeitungsberichten, die Überreste der Asche von zweihunderttausend im Holocaust ermordeten Juden. Der Bürgermeister war zugegen und mit ihm Gemeindevorsteher und Rabbiner. Reden wurden gehalten und Gebete gesprochen, ehe der Sarg auf ein Polizeifahrzeug verladen wurde, um ihn durch einige Straßen der Stadt zu fahren. Der Wagen hatte Mühe, sich seinen Weg durch die Menge zu bahnen. Überall dort, wo der Sarg vorüberrollte, schlossen Menschen ihre Geschäfte und Werkstätten, bildeten auf den Bürgersteigen ein Spalier und verfolgten die Fahrt in stillem Entsetzen.

Als erste Station war Rechovot auserkoren worden, der Wohnsitz von Staatspräsident Chaim Weizmann. In den Schulen der kleinen Stadt fiel der Unterricht aus, und den Schülern wurde aufgetragen, sich den Sarg anzuschauen. Weizmann, ein gebrechlicher und fast blinder Greis, sprach nur einige wenige Worte. Anschließend wurde der Sarg hinauf nach Jerusalem gefahren und am Stadteingang abermals von Tausenden schluchzender Menschen erwartet. Einige von ihnen hatten Seifenpackungen mitgebracht. Sie glaubten irrtümlicherweise, die Seife sei aus den Leichen von Juden hergestellt, und wollten die Seifenstücke zusammen mit dem gläsernen Sarg in der Erde von Sanhedria beisetzen lassen, zwischen den Gräbern, die dort vor zweitausend Jahren in den Fels gehauen worden waren.

Der Mann, der verantwortlich für dieses historische Ereignis zeichnete, war Simon Wiesenthal, damals 41 Jahre alt. Vom Tag seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen in Österreich an hatte Wiesenthal im benachbarten Linz gelebt und sich mit der Jagd auf NS-Verbrecher befasst. Die Asche der Ermordeten war auf sein Betreiben hin in Konzentrationslagern und anderen Internierungsstätten überall in Österreich gesammelt worden. "Durch diesen Sarg", schrieb Wiesenthal später, "blickten meine Freunde aus dem Ghetto zu mir herab, aus dem Konzentrationslager, die zu Tode gepeitscht oder in den elektrischen Stacheldraht gejagt wurden; ich sah, wie sie in die Gaskammer abgeführt wurden, ich sah sie um ihr nacktes Leben flehen."1 Wiesenthal kannte zu jenem Zeitpunkt bereits einige Israelis, doch nur wenige kannten ihn. Auch Israel Rokach, der Bürgermeister von Tel Aviv, wusste nicht, wer Wiesenthal war, als sich dieser, auf Jiddisch, einige Monate zuvor an ihn gewandt hatte. Doch offenbar ließ sich Rokach von Wiesenthals resolutem Stil beeindrucken. Sein Vorstoß kam fast schon einer Order gleich, war nicht Frage, Bitte oder Vorschlag: Der Jüdische KZ-Verband in Österreich habe "beschlossen", die Asche der Märtyrer nach Israel zu überführen, und er, Wiesenthal, habe "sich entschieden", die Stadtführung von Tel Aviv mit ihrem Empfang zu ehren. Eine Ablehnung kam nicht in Frage, und Rokach antwortete, Tel Aviv werde die Urnen mit einem "Schauder der Heiligkeit" empfangen; eine Ahnung, wie mit den Urnen zu verfahren sein würde, hatte er nicht.

Die Vernichtung der Juden verfolgte viele der Bewohner des Landes, der Schmerz peinigte sie, und bereits 1946 hatte man Asche beigesetzt, die aus einem Vernichtungslager in Polen gerettet worden war. Doch 1949 wusste noch niemand mit Gewissheit, welches der angemessene Weg sein würde, sechs Millionen Tote zu betrauern, und wie deren Andenken zu verewigen wäre. Das Gesetz zur Verfolgung von NS-Verbrechern und deren Helfern wurde erst ein Jahr später verabschiedet; der staatliche Holocaust-Gedenktag wurde zwei Jahre später eingeführt und das Gesetz zur Errichtung der Nationalen Erinnerungsstätte Yad Vashem erst fünf Jahre später ratifiziert.

Als Wiesenthal in Israel eintraf, umgab den Holocaust dort noch großes Schweigen: Eltern erzählten ihren Kindern nicht, was sie durchgemacht hatten, und Kinder wagten es nicht, danach zu fragen. Holocaust-Überlebende, Exilanten jenes "anderen Planeten", wie sie selbst die Konzentrationslager zu beschreiben pflegten, weckten Furcht und Abscheu, Scham und Schuldgefühle. Es war nicht leicht, mit ihnen zu leben: Wie sollte man mit ihnen in einem Haus wohnen, wie mit ihnen zusammen arbeiten; wie ging man mit ihnen ans Meer oder ins Kino, verliebte sich in sie und vermählte sich mit ihnen, wie nahm man ihre Kinder in der Klasse auf? Wohl kaum eine andere Gesellschaft hatte eine schwerere, schmerzhaftere Konfrontation mit, wie man später sagen sollte, dem "Anderen" zu bestehen.

Viele der Israelis, die schon vor dem Weltkrieg ins Land gekommen oder hier sogar geboren waren, neigten dazu, den Opfern des Holocausts und den Überlebenden mit Hochmut zu begegnen, da sie diese mit der allgemein verachteten jüdischen Existenz im "Exil" identifizierten, dem absoluten Gegenstück zum Leben des "neuen Hebräers", den sie im Lande Israel, im Geiste der zionistischen Vision, zu erschaffen strebten. Es war allgemein üblich, die Holocaust-Opfer dafür zu verurteilen, dass sie nicht früher schon nach Palästina emigriert waren, anstatt in ihren Herkunftsländern zu verharren und untätig darauf zu warten, dass man sie ermordete. Auch verachtete man sie für ihre angebliche Schwäche, da die meisten von ihnen nicht gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatten, sondern in den Tod gegangen waren wie, so das geflügelte Wort jener Tage, "Vieh zur Schlachtbank". Viele der Holocaust-Opfer fanden in Israel kein Gehör, kein Mitleid und keine Bereitschaft zuzuhören; oftmals schenkte man ihnen keinen Glauben, wenn sie über ihr Schicksal erzählten.

Die Überlebenden jedoch hatten den Israelis etwas zu sagen. Mehr als einmal nur fragten sie sie, warum die zionistische Bewegung nicht größere Anstrengungen unternommen hatte, sie aus den Händen der Nationalsozialisten zu retten. Diese Frage beinhaltete eine schreckliche Anschuldigung. Die Führer der zionistischen Bewegung hatten Schwierigkeiten, ihr offenkundiges Untätigbleiben zu erklären. Doch die Frage, was sie hätten tun können, ging einher mit einer noch beschämenderen Frage - in welchem Maße hatte man sich überhaupt für das Schicksal der europäischen Juden interessiert? Viele Holocaust-Überlebende waren fassungslos, nach dem Krieg feststellen zu müssen, dass die Juden in Amerika und in Palästina die meiste Zeit des Krieges in relativer Sorglosigkeit verbracht hatten. Die Meldungen über die Vernichtung der Juden in Europa hatten sie nicht allzu sehr beschäftigt und ihren Alltag nicht durcheinandergebracht.

Wiesenthal erzählte einmal, wie ihm, unmittelbar nach Kriegsende, jüdische Zeitungen aus Amerika und auch aus der jüdischen Gemeinde in Palästina in die Hände gefallen seien, die im Sommer 1943 gedruckt worden waren, zu einem Zeitpunkt mithin, als er selbst Häftling im Konzentrationslager gewesen war. "Und was ich las, war schrecklich deprimierend für mich", schrieb er. Denn die Zeitungen berichteten über den ganz normalen Alltag eines Gemeindelebens, mit Politik, wirtschaftlichem Gedeihen, Kultur, Unterhaltung und Familienfeiern. Nur hier und dort fand Wiesenthal Meldungen über den Mord an den Juden in Polen, in der Regel gestützt auf Berichte der BBC. In den Zeitungen aus Palästina fand er große Aufmacher über Araber, die einen Kibbuz angegriffen und zwei Kühe getötet hatten. Ein Bericht über die Vorgänge in Polen aus dem Munde eines Flüchtlings, der es nach Palästina geschafft hatte, musste sich mit Seite 7 begnügen. "Und so begann ich mich zu fragen, ob wir noch ein Volk, noch dasselbe Volk sind", schrieb er.

Im Jahr 1946 besuchte Wiesenthal den in Basel stattfindenden Zionisten- kongress, den ersten nach dem Holocaust, und dort ging ihm der Gedanke durch den Kopf, die Köpfe der Zionistischen Bewegung gehörten vor ein Gericht gestellt, ähnlich wie der Führungsriege des NS-Regimes zur selben Zeit in Nürnberg der Prozess gemacht wurde. "Ich schaute mir jene, die unsere >Führung< gewesen waren und so wenig unternommen hatten, um Juden zu retten, genau an", erzählte Wiesenthal später. "Jeder von ihnen hatte sich auf den anderen verlassen. Da sagte ich zu meinem Freund, was ich offen zu sagen nicht wagte: Wir könnten auch einen Nürnberger Prozess gebrauchen, um all jene anzuklagen, die ihre Pflicht nicht erfüllt haben, uns gegenüber, unseren Familien und dem jüdischen Volk."2 Wiesenthal meinte unter anderem David Ben-Gurion, den späteren israelischen Ministerpräsidenten. Indem er die Asche der Ermordeten zur letzten Ruhe nach Jerusalem brachte, verlangte Wiesenthal von den Israelis, sich endlich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, so wie er dies später von allen anderen Staaten der Weltgemeinschaft forderte.

Diejenigen Institutionen und Verwaltungsbeamten, die in die Organisation der Beisetzung involviert wurden, tendierten nicht selten dazu, die ganze Angelegenheit als Ärgernis zu betrachten. Doch Wiesenthal ließ ihnen keine Ruhe. Als Erstes schrieb er an Yad Vashem, in diesen Tagen noch lediglich ein privater Verein, der seine Aktivitäten aus einer Dreizimmerwohnung koordinierte und Schwierigkeiten hatte, die Miete zu zahlen. "Wir bedauern zutiefst, dass es unserer Unternehmung noch nicht gegeben ist, diese heilige Sendgabe zu übernehmen", schrieb die Organisation an Wiesenthal, der sich daraufhin an die Stadtverwaltung von Tel Aviv wandte. Die Führung von Yad Vashem erklärte sich, wohl oder übel, einverstanden mit diesem Schritt, änderte jedoch schnell ihre Meinung und verlangte, den gläsernen Sarg in Jerusalem beizusetzen. Wiesenthal stimmte auch dem zu: "Wir sind überzeugt, dass es uns aus staatlichen und nationalen Gründen in der gegenwärtigen Phase obliegt, alles zu tun, um in Jerusalem jedwede Sache und jedwedes Anliegen zu konzentrieren, welche die Verbundenheit der Diaspora unseres Volkes mit dem Staat Israel versinnbildlichen", schrieb er, wie üblich für ihn im Plural.

Nun galt es zu entscheiden, wer das Projekt finanzieren sollte. Wiesenthal sicherte Tel Avivs Bürgermeister Rokach zu, die Organisation, in deren Namen er spreche, würde alle durch den Transport anfallenden Kosten tragen, bat jedoch darum, man möge sein Flugticket und das eines Begleiters bezahlen, ebenso wie die Kosten eines zehntägigen Aufenthalts. Yad Vashem antwortete umgehend, man habe kein Geld. Die Frage mündete in eine sich hinziehende Korrespondenz, über die weitere 18 Monate verstrichen. Es war dies ein dramatisches, schicksalhaftes und vor allem blutiges Jahr: Zwischen Wiesenthals erstem Brief an Yad Vashem vom Januar 1948 und dem letztendlichen Datum der Beisetzung tobte im Land ein Krieg, an dessen Ende der Staat Israel erstand. Wiesenthal, der ein begeisterter Briefmarkensammler war, hatte jetzt eine Idee: Die israelische Post sollte Briefmarken zum Gedenken an den Holocaust in Umlauf bringen, deren Einnahmen für die Finanzierung der Erinnerungsarbeit zur Verfügung gestellt werden sollten.

Doch nicht allein die ungeklärte Frage der Finanzierung verzögerte sein Projekt. Der junge Staat bedurfte zunächst einmal der Aura des Heldentums: So waren einige der Beamten, die mit dem Thema befasst waren, der Ansicht, ehe aus Österreich die Asche der Holocaust-Opfer ins Land gebracht würde, gälte es, aus Wien den Sarg Theodor Herzls zu überführen, des Begründers der zionistischen Bewegung. Denn Herzl symbolisierte einen Triumph, der Holocaust hingegen die vernichtende Niederlage. Und so wurde verfahren. Zudem entbrannte eine Diskussion, welche Rolle der Staat bei der Beisetzung der Asche der im Holocaust Ermordeten haben sollte und welche das Ober- rabbinat, ein Echo mithin der Dauerfehde zwischen Säkularen und Religiösen. Woraus wiederum die Frage erwuchs, ob die Urnen, die Wiesenthal drängte, im jüdischen Staat beizusetzen, tatsächlich nur die Asche von Juden enthielten - oder vielleicht auch die von Nichtjuden.

Am Ende riss Wiesenthals Geduldsfaden: Er telegrafierte an Yad Vashem, er befände sich auf dem Weg nach Rom. Dort würde er eine italienische Passagiermaschine nehmen und führe die Asche mit sich. Man möge bitte alles Erforderliche vorbereiten. Erst jetzt setzten die Verantwortlichen von Yad Vashem ein Komitee ein, das, in aller Eile, die Zeremonie organisierte, wobei wechselseitige Anschuldigungen zwischen den Vertretern der verschiedenen Institutionen laut wurden, die wiederum ihren Weg in die Presse fanden. Es drohte ein Skandal, doch im buchstäblich letzten Augenblick konnte der Präsident der Knesset, des israelischen Parlaments, dem Protokoll eine amtliche Traueranzeige des Staates diktieren, so dass die Zeitungen dem Ereignis eine breite Berichterstattung widmeten.3 Es war Wiesenthals erster Besuch in Israel. Er kam mit einem polnischen Pass ins Land. Man empfing ihn mit allen Ehren und belastete ihn nicht mit Fragen, die sich eigentlich hätten aufdrängen müssen: Wo genau war die Asche gesammelt worden, wie ließ sich mit Gewissheit sagen, dass dies die Asche der Opfer war, und wie habe er, Wiesenthal, feststellen können, dass die Zahl der in österreichischen Konzentrationslagern ermordeten Juden 200 000 betrüge? Eine Zeitung war offenbar der Ansicht, dies genüge nicht, und schrieb, es handele sich um 250 000 Opfer. Insgesamt zeigten sich sämtliche Zeitungen geneigt, die Tatsache zu übergehen, dass es sich hierbei um symbolische Mengen an Asche handeln musste, und beschrieben die Urnen, als enthielten sie tatsächlich die gesamte Asche Hunderttausender Ermordeter.4 Wiesenthal war sehr aufgewühlt. "Ich ging hinter diesen Urnen", schrieb er später, "und dachte an meine Familie, an meine Verwandten, ich dachte an meine Kollegen und an meine zahlreichen Kameraden, die die Zeit des Grauens mit ihrem Leben bezahlten. Ich blickte zum Sarg hinauf und sah das Gesicht meiner Mutter. Ich sah sie so wie damals, da ich mich von ihr verabschiedete, an jenem bitteren und flüchtigen Tag, als ich morgens das Haus zur Zwangsarbeit außerhalb des Ghettos verließ und nicht wusste, dass ich sie bei meiner Rückkehr am Abend nicht wiedersehen würde."5 Die Bestattung der Asche der Holocaust-Opfer sollte nur der erste Schritt eines weitaus ehrgeizigeren Plans sein: Wiesenthal hoffte, zum Andenken an die Ermordeten einen Monumentalbau zu errichten oder, in seiner Diktion, ein Mausoleum. Denn vor dem Krieg hatte Wiesenthal Architektur studiert. Jetzt entwarf er eine Gedenkstätte und schlug vor, diese in einem der Waldstücke in der Umgebung von Jerusalem zu errichten, wohin dann auch die Urnen mit der Asche von Sanhedria überstellt werden sollten. Er zeichnete eine Art riesige, Marmor gedeckte Bühne, auf der zwei gigantische Türme thronen sollten, eine exakte Kopie des Eingangstors im Lager Mauthausen, mit einer steinernen Kuppel, unter der sich eine kreisrunde Erinnerungshalle mit schwarzem Granitfußboden befinden sollte.

Es war das erste Mal, dass er sich an eine Unternehmung von derartiger Größenordnung machte. Er strahlte Tatkraft, Selbstsicherheit und innere Überzeugung aus. Schon zum damaligen Zeitpunkt entdeckte er an sich eine offenbar angeborene Begabung für Öffentlichkeitsarbeit. Ehe er nach Israel reiste, verschickte Wiesenthal Informationen über das Mausoleumsprojekt an eine lange Reihe jüdischer Persönlichkeiten und Organisationen in verschiedenen Ländern. Das Projekt sollte auch die Auflösung der jüdischen Lager für die "Displaced Persons" in Österreich markieren, deren Insassen vor der Auswanderung nach Israel standen. Viele sicherten zu, ihm helfen zu wollen. Als Wiesenthal im April 1952 Ausfertigungen der Pläne an Ben-Gurion schickte, behauptete er daher: "Wir sind in der Lage, die hierzu erforderliche Geldsumme innerhalb von zwei Jahren zu akquirieren." Vom Büro des Ministerpräsidenten wiederum wurde ihm generös mitgeteilt, man habe den Vorschlag an Yad Vashem weitergeleitet.6 Wiesenthal verlangte nicht, zum leitenden Architekten des Projektes ernannt zu werden, hoffte aber wahrscheinlich, dass es dazu kommen würde. Wäre sein Vorschlag tatsächlich angenommen worden, ist es gut möglich, dass er in Israel ansässig geworden wäre und sich der Architektur gewidmet hätte, anstatt in Österreich zu bleiben. Die "Halle der Erinnerung", die später auf dem Komplex von Yad Vashem in Jerusalem erbaut werden sollte, erinnert in einigen Punkten tatsächlich an die Erinnerungshalle, die Wiesenthal entworfen hatte. Ein kleiner Teil der Asche, die Wiesenthal zur Beisetzung in Sanhedria überführt hatte, wurde hernach in die "Halle der Erinnerung" verbracht, doch Wiesenthal selbst war nicht an deren Planung beteiligt. Er sollte sich nie wieder mit Architektur befassen.

Das Drama des Simon Wiesenthal liegt in einigen hundert Aktenordnern verborgen, die gut und gerne 300 000 Blatt Papier umfassen, Briefe, die er erhielt, und vor allem Kopien von Briefen, welche er in den sechzig Jahren seiner Arbeit als "Nazi-Jäger" verfasste. Die erste von ihm angelegte Akte beginnt im Jahr 1945 und zeigte seine Gestalt als wandelndes Skelett, mit einem Körpergewicht von nur 44 Kilogramm, soeben dem Konzentrationslager Mauthausen entronnen, ohne Hoffnung und Ziel. In einem Aktenordner aus den achtziger Jahren befindet sich ein handschriftlicher Zettel: "Darling Simon, gib auf Dich acht und bleibe glücklich. Ich liebe und wir alle brauchen Dich. Elizabeth Taylor."7 Als unermüdlicher Kämpfer gegen das Böse und zentrale Gestalt im Kampf für die Menschenrechte gelang es Wiesenthal, sich zu einer Person der Zeitgeschichte zu machen, die weltweite Verehrung erfuhr. Hollywood vereinnahmte ihn als einen Helden der Kultur, und Dutzende von Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Mehrere amerikanische Präsidenten luden ihn ins Weiße Haus ein. Wiesenthal verstand es, jeden Augenblick dieses Ruhmes zu genießen, doch als er einmal äußerte, Präsident Jimmy Carter brauche ihn mehr als er Carter, lag er richtig damit. Einer der Mitarbeiter des Wiesenthal-Centers in Los Angeles hat es einmal auf die Formel gebracht, würde es ihn nicht geben, hätte man ihn erfinden müssen, denn Menschen auf der ganzen Welt, Juden wie Nichtjuden gleichermaßen, bedürften seiner als Symbol und Quell der Hoffnung.

Er entfachte ihre Phantasie, faszinierte sie, fesselte und beängstigte sie, belastete ihr Gewissen und verlieh ihnen einen tröstlichen Glauben an das Gute - ein Jude, der es auf sich genommen hatte, dafür zu sorgen, dass auch der letzte Nationalsozialist nicht sorglos und als freier Mann sterben sollte, da er, der Jude Wiesenthal, ihn jagen, finden und alles in seiner Macht Stehende tun würde, um ihn vor Gericht zu stellen und seiner Strafe zuzuführen. Damit die Gerechtigkeit obsiegte.

Ein Romantiker wie Don Quichotte mit dem Image eines James Bond und einem überlebensgroßen Ego, einer Neigung zu Phantastereien und einer unbändigen Schwäche für anzügliche, auf Jiddisch erzählte Witze, war Wiesenthal zugleich auch ein überaus mutiger Mann, der eine Reihe atemberaubender Aktionen initiierte. Doch im Gegensatz zu dem Mythos, der sich um ihn rankte, koordinierte er niemals eine global tätige Verfolgungsorganisation, sondern arbeitete, fast ganz auf sich gestellt, in einer kleinen Wohnung zwischen hohen Stapeln alter Zeitungen und mit der Zeit gelb gewordener Karteikarten. Das war das Dokumentationszentrum, das Wiesenthal in Wien errichtet hatte. Nicht weit entfernt davon stand im Zweiten Weltkrieg am Morzinplatz das ehemalige Luxushotel "Metropol", in dem die Nationalsozialisten die Leitstelle der Gestapo untergebracht hatten.

An einer Wand seines Büros hing eine große Karte mit den Namen von Hunderten von Konzentrations- und Vernichtungslagern in ganz Europa; in einigen von ihnen war Wiesenthal selbst inhaftiert gewesen. Er nutzte historische Dokumente, städtische Einwohnermeldelisten und sogar Telefonbücher, um daraus persönliche Angaben über NS-Verbrecher zusammenzutragen und Anhaltspunkte für deren möglichen Aufenthaltsort zu finden. Dies war sein Lebensziel. Zuweilen begab er sich auch auf kleine Rechercheaktionen, entlockte schwatzhaften Nachbarn und Kneipenwirten Informationen, horchte gesprächige Briefträger, Kellner und Friseure aus. Einer seiner Bekannten hat ihn mal mit dem gewitzten Inspektor Clouseau in dem Film "Der rosarote Panther" verglichen.

Sein Glaube an das liberale Rechtssystem machte ihn, ebenso wie sein kommunikatives Können und sein Glaube an Amerika, zu einem Vertreter des 20. Jahrhunderts schlechthin. Dabei entwickelte er eine weit gefasste, humanistische Auffassung in Bezug auf den Holocaust. Im Gegensatz zu der in Israel und innerhalb des jüdischen Establishments in den USA gepflegten Erinnerung an den Holocaust tendierte Wiesenthal dazu, im Mord an den Juden ein Verbrechen gegen die gesamte Menschheit zu sehen, und setzte diesen in Verbindung zu den Verbrechen der Nationalsozialisten gegen andere Gruppierungen, darunter die unheilbar Kranken, die Zigeuner, Homosexuellen und "Zeugen Jehovas". Der Holocaust war in seinen Augen nicht nur eine jüdische, sondern eine menschliche Tragödie. Nicht selten benötigte er viel Mut, um diese Auffassung zu vertreten.

Wiesenthals Humanismus war tief in seiner Lebensgeschichte verankert: Er war ein Kosmopolit, lebte sein ganzes Leben lang in mehr als nur einem Identitätskreis. Geboren wurde er in den jüdischen Identitätskreis, lebte als Erwachsener unter einer österreichischen Identität, stand mit einem Bein jedoch auch in der israelischen und amerikanischen Identität.

Ein ganzes Zimmer seiner Büroräume war Aktenordnern vorbehalten, in denen Drohbriefe und antisemitische Schmähungen abgeheftet waren. Wiesenthal pflegte diese Ordner mit dem Buchstaben M zu markieren, für Meschugge. Einmal erhielt er etwa einen Brief, der "An die Judensau, Österreich" adressiert war. Wiesenthal rief den Postminister an, um zu fragen, wie um alles in der Welt der Postbote gewusst habe, dass der Brief für ihn bestimmt sei. Er wusste es einfach. Immer wussten sie es. Dennoch hatte Wiesenthal sich entschieden, in Österreich zu leben und sein Schicksal mit diesem Land zu verknüpfen. Zu erklären, warum er dies tat, fällt nicht leicht.

Er war an Versuchen beteiligt, Hunderte von NS-Verbrechern zu verfolgen und vor Gericht zu bringen, wirkte an der Verurteilung Dutzender Täter mit. Seine Bemühungen, NS-Verbrecher ausfindig zu machen und Beweismaterial gegen sie zusammenzutragen, waren bemerkenswert, vor allen Dingen vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit aller an den Gräueltaten der Nationalsozialisten Beteiligten ohne Strafe davongekommen ist. Die Täter fügten sich nach dem Untergang des Dritten Reiches ins Alltagsleben ihrer Gemeinden in Deutschland, Österreich und anderen Ländern und mussten nie Rechenschaft über ihre Taten ablegen. Einige machten sogar Karriere in Politik, Verwaltung, Justiz, dem Bildungswesen oder der Wirtschaft. "Die Nazis haben den Krieg verloren, wir haben die Nachkriegszeit verloren", pflegte Wiesenthal zu sagen.8 Dazu kam es nicht nur, weil Deutsche und Österreicher die Verbrecher mit erheblicher Nachsicht behandelten, sondern auch wegen des Kalten Krieges. Mehrfach musste Wiesenthal realisieren, dass die Täter, die er ausfindig gemacht hatte und vor Gericht bringen wollte, als Agenten im Dienst der Vereinigten Staaten und anderer Staaten beschäftigt waren, in mindestens einem Fall auch von Israel.

Im Jahr 1953 informierte Wiesenthal die israelischen Behörden, er habe herausgefunden, dass Adolf Eichmann, einer der größten NS-Verbrecher, sich in Argentinien versteckt halte. Sieben Jahre später schließlich entsandte Israel Geheimagenten nach Buenos Aires, die Eichmann entführten und nach Jerusalem brachten. Dort wurde er vor Gericht gestellt und schließlich hingerichtet. Wiesenthals Part in diesem Fall trug ihm die Aura eines Helden ein, als habe er Eichmann eigenhändig festgenommen. Einige Israelis haben ihm dies nie verziehen, ja einer von ihnen hat Wiesenthal einmal mit einem Trittbrettfahrer verglichen, der sich einfach auf den Fahrersitz geschwungen habe. Andere verglichen ihn mit dem legendären Lügenbaron Münchhausen.9 De facto jedoch stand Wiesenthal über Jahre im Dienste des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Wiesenthal starb im September 2005, im Alter von 97 Jahren. Seine Tochter Paulinka Kreisberg erhielt eine wahre Flut von Beileidsbekundungen aus der ganzen Welt. Unter den Kondolierenden befanden sich die niederländische Königin Beatrix und der jordanische König Abdallah, Laura und George W. Bush, Präsidenten und Regierungschefs, Parlamentsabgeordnete und Stadtoberhäupter aus zahlreichen Staaten. Der amerikanische Senat verabschiedete eine Trauerannonce.

Irgendjemand schickte auch im Namen von Muhammad Ali, dem zur Legende gewordenen Boxer, eine Beileidsbekundung. Vielleicht aufgrund des Drucks, den Wiesenthal seinerzeit, immer und immer wieder, auf die Stadtverwaltung Berlins ausgeübt hatte, bis diese endlich, allem Anschein nach höchst unwillig, nachgab und eine Straße nach Jesse Owens benannte, dem schwarzen Sprinter, der 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teilgenommen und Hitlers Sportler besiegt hatte. "Der Staat Israel, das jüdische Volk und die ganze Menschheit stehen tief in Simon Wiesenthals Schuld, der sein Leben darauf verwandt hat zu gewährleisten, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten sich nicht wiederholen und die Hände der Mörder nicht reingewaschen werden", schrieb Ministerpräsident Ariel Sharon zum Tod Wiesenthals.

Mehr als alles andere jedoch berührten Wiesenthals Tochter die Briefe, die sie von unzähligen Privatpersonen erhielt, darunter Hunderte von Angehörigen der "zweiten Generation", von Kindern von Holocaust-Überlebenden. Das Erbe des Holocausts war ein zentrales Element ihrer Identitätsbildung. Viele von ihnen empfanden tiefe Identifikation mit Wiesenthal. So schrieb etwa Esthi Cohen, eine gebürtige Israeli, an Wiesenthals Tochter: "Als ich sechs Jahre alt war, habe ich immer meine Schuhe vor dem Bett bereitgestellt, damit ich, wenn die Nazis in der Nacht kämen, wenigstens Schuhe hätte, nicht wie die Mutter im Todesmarsch aus den Konzentrationslagern, am Ende des 2. Weltkriegs." Dem Beileidsschreiben fügte sie eine Kopie ihres israelischen Personalausweises bei: Auf den Ausweis hatte sie einen gelben Davidstern geklebt.

"Ich wollte, dass Sie wissen, wie Ihr Vater, sein Andenken möge gesegnet sein, mein Leben beeinflusst hat", schrieb Liat Sitro, eine 64-jährige Israeli, und fügte hinzu, der Tag, an dem sie im Radio von Eichmanns Festnahme gehört habe, sei der größte Tag in ihrem Leben gewesen, da sie an jenem Tag zum ersten Mal, seit sie begonnen hatte, sich für den Holocaust zu interessieren, wieder Glauben daran gefasst habe, dass es Gerechtigkeit auf der Welt gebe.10 Einmal erzählte Wiesenthal, im Konzentrationslager Janowska im Ghetto von Lwow (Lemberg) in der Ukraine habe er zu einer Gruppe von Häftlingen gehört, die gezwungen worden seien, eine große Grube auszuheben. "Wir wussten, dass sie sich bald mit Leichen füllen würde", erzählte er. "Die Opfer kamen schon anmarschiert. Frauen und Mädchen. Da fing ich den verzweifelten Blick eines der Mädchen auf. >Vergiss uns nicht!<, sagte mir dieser Blick." Kurz nach seiner Befreiung malte sich Wiesenthal eine Begegnung mit den Opfern des Holocausts aus, im Himmel, und er schwor sich, ihnen nur jene fünf Worte zu sagen, die mit den Jahren zu seinem persönlichen Erkennungszeichen werden sollten: "Ich habe euch nicht vergessen."11 Mehr als alles andere verdient Wiesenthal tatsächlich Anerkennung für seinen Beitrag zur Erinnerungskultur: Sein ganzes Leben lang behielt er die Toten in Erinnerung und kämpfte gegen die Leugnung ihres Todes an - so wie er selbst gegen den Tod gekämpft und das Leben geheiligt hatte. Je mehr Jahre vergingen und - ironischerweise - je geringer die faktischen Aussichten wurden, NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen, desto mehr wurde der Holocaust, die Shoah, zu dem universalen Code schlechthin für das absolute Böse, zu einem Warnzeichen für jedes Volk und jeden Menschen. Dies ist in großem Maße den Anstrengungen Simon Wiesenthals zu verdanken, der in dieser Hinsicht mehr als irgendjemand sonst getan hat. Doch auch auf dem Höhepunkt seiner Popularität als "Nazi-Jäger" und als humanistische Autorität ist Wiesenthal ein einsamer Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang verfolgt von Schreckenserinnerungen. Er war ein tragischer Held, der sich stets in das Mysterium seiner Lebensgeschichte hüllte. Es fällt nicht leicht, seine Geheimnisse zu dechiffrieren.

Während er hinter dem gläsernen Sarg herschritt, dachte Wiesenthal nicht nur an die Millionen ermordeter Opfer, sondern auch an die Mörder. "Ich dachte an Eichmann", schrieb er später. "Er wird wahrscheinlich von diesem Begräbnis hören oder in einer Zeitung lesen. Er wird eine teuflische Freude verspüren. [...] Jetzt sah ich diese Massen, jetzt sah ich dieses weinende Gesicht Tel Avivs und Jerusalems und sagte mir: Diese Menschen müssen noch den Tag erleben, an dem Eichmann, der Mörder ihrer Familien, ins jüdische Land gebracht wird."12 Ein Satz, der sich als richtig und zugleich nicht richtig erweisen sollte, wie so vieles, was Wiesenthal geschrieben hat.

KAPITEL 1 "Eichmann ist meine Leidenschaft"

1. Zwischen Rache und Recht Adolf Eichmann war der ranghöchste NS-Beamte, der schon vor dem Krieg mit den Führern der jüdischen Öffentlichkeit gesprochen hatte, erst in Berlin und dann auch in Wien und Prag. Er arbeitete anfangs im Sicherheitsdienst der NSDAP und später im Reichssicherheitshauptamt. In seiner Funktion sprach Eichmann auch mit einigen Vertretern der zionistischen Bewegung. Zweck dieser Kontakte war es, die Auswanderung der Juden aus Deutschland und aus einigen der von den Deutschen besetzten Gebiete zu regeln. Ab 1941 organisierte Eichmann die Deportation der europäischen Juden, zunächst in die Ghettos und danach zu ihrer systematischen Vernichtung in die Todeslager.

Im Januar 1942 war Eichmann bei einer Konferenz wichtiger Regierungsbehörden und Parteidienststellen zugegen, deren Teilnehmer die Organisation und den Ablauf der Vernichtung erörterten. Die Zusammenkunft fand am Berliner Wannsee statt. Eichmann gehörte nicht zu denen, die die Vernichtungspolitik festlegten. Doch er führte sie aus. Er gehörte zu jenen NS- Mördern, die in der Regel an ihrem Schreibtisch arbeiteten, unternahm jedoch auch mehrfach Inspektionsreisen vor Ort. In seinen Erinnerungen etwa hat er einen Zwischenfall beschrieben, der sich bei Minsk ereignete: Eichmann sah eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm, und er behautete, er wollte der Frau das Baby entreißen, um es zu retten, doch irgendjemand schoss diensteifrig und tötete den Säugling. Reste seines Gehirns spritzten auf Eichmanns Ledermantel; sein Fahrer half ihm, diese abzuwischen.1 Die Juden, die keinen ranghöheren Nationalsozialisten als ihn kannten, sahen in ihm einen von zwei Adolfs, die den Holocaust verübt hatten - Eichmann und Hitler.

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