Produktbeschreibung zu Sibirische Erziehung
Anschaulich und direkt, stolz und nicht ohne Selbstironie erzählt
Nicolai Lilin, Abkömmling der sibirischen Urki, eines
Kriminellenclans, in seinem ersten Roman, einer Abfolge
verblüffender, teils atemberaubender Geschichten, vom Aufwachsen in
Transnistrien, wohin die Urki 1938 auf Stalins Befehl umgesiedelt
wurden, und von der Urki-Erziehung, die aus ihm den lebenden
Widerspruch eines "ehrbaren Kriminellen" machen
sollte.
Die Kinder sammeln ihre Erfahrungen in Kämpfen mit Jugendbanden und
mit der Polizei. Dolche und Molotowcocktails, bald auch Pistolen
kommen zum Einsatz. Vom Straflager sprechen sie wie andere vom
Militärdienst oder den sonstigen Aussichten eines
Erwachsenenlebens.
Die Alten dagegen, die "Großväter", bringen ihnen durch
selbst erlebte und beglaubigte Exempel Freundschaft, Loyalität,
Freigebigkeit und die Pflicht, Kinder, Alte und Behinderte zu
schützen, bei sowie die strengen Urki-Regeln erlaubter
Gewaltanwendung.
Infolge einer Festnahme wird Nicolai rekrutiert und muß auf
russischer Seite an den Kämpfen in Tschetschenien teilnehmen bis
ihm der Absprung gelingt, nach Italien.
Sibirische Erziehung ist Nicolai Lilins erstes Buch, erschienen
2009. Nicht zuletzt durch die enthusiastische Besprechung Roberto
Savianos, Autor des Mafia-Bestsellers Gomorrha, wurde dieser
Bericht von einer faszinierend unwahrscheinlichen Welt des
"ehrbaren Verbrechens" zu einem sensationellen Erfolg.
Produktinformation
- Verlag: Suhrkamp
- 2010
- Ausstattung/Bilder: 2010. 464 S.
- Seitenzahl: 453
- Suhrkamp Taschenbücher Nr.4162
- Best.Nr. des Verlages: 46162
- Deutsch
- Abmessung: 211mm x 130mm x 34mm
- Gewicht: 487g
- ISBN-13: 9783518461624
- ISBN-10: 3518461621
- Best.Nr.: 27937422
"In seinem autobiografischen Roman hat Lilin die schillernden Verbrecheranekdoten seines Großvaters zusammengetragen, sie mit eigenen Erlebnissen vermischt und die Erzählung in seine Kindheit verlegt. So entstand das Porträt einer fiktiven Verbrechertruppe mit sibirischem Ehrenkodex, die im chaotischen Moldawien der Neunziger operiert. Die längst vergangene Welt der Urki wird unter Lilins Feder zu einem kritischen Gegenentwurf zur verkommenen postsowjetischen Konsumgesellschaft. Aus Lilins Roman spricht die Sehnsucht eines jungen Mannes nach verbindlichen Werten in brutalen Zeiten Alle sind sie diesem Erzähler verfallen. Im eingängigen Parlando eines russischen Märchenerzählers plaudert und schreibt Lilin von Mord, Ehre und russischer Teezeremonie."
Stephan Maus stern
 | Besprechung von 21.09.2010 |
Himbeere im KopfNicolai Lilin über eine Kindheit unter DiebenEin beliebter Schlager aus Sowjetzeiten erzählt die Geschichte einer gewissen Murka, die im Schlepptau einer Gangsterbande aus Sibirien ins Verbrecher-Eldorado Odessa kam. Dort wird der Dame ein Techtelmechtel mit einem Staatsdiener zum Verhängnis. Die eigenen Leute blasen ihr daraufhin eine ,Himbeere' - eine Kugel - in den Kopf. Murka gehörte zum Klan der ,Urki', einer seit Jahrhunderten in Russland existierenden legendären Verbrecheraristokratie. Deren Ehrenkodex untersagt jeglichen Kontakt zur Staatsgewalt. Ausgerechnet Stalin, der in den dreißiger und vierziger Jahren Millionen Angehörige von Minderheiten nach Sibirien deportieren ließ, brachte die Urki aus dem Osten ans andere Ende des Reiches, nach Transnistrien.
Diese Deportation markiert, so der 1980 im transnistrischen Bender/Tighina geborene Nicolai Lilin, den Anfang vom Ende des Klans, der über Jahrzehnte mit Raub und Diebstahl, vorzugsweise auf den langen transsibirischen Eisenbahnlinien, sein Auskommen hatte. In seinem autobiographischen literarischen Debüt erzählt der heute in Italien lebende und auf …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Wieso Roberto Saviano ausgerechnet diesen Autor als Mentor begleitet, scheint sich Sabine Berking zu fragen. Vorliegenden Roman über die Gesetze des legendären sibirischen Verbrecherklans der Urki, dem der inzwischen in Italien lebende Autor selber angehörte, über Theorie und Praxis des Verbrechens, findet sie jedenfalls ziemlich schlicht. Sprachlich, aber auch was die Darstellung der Gangster betrifft. Die bedient laut Berking vor allem das guten alte Robin-Hood-Schema: Sie nehmen's den Reichen, um es den Armen zu geben. Das lässt sich Berking nun nicht auf Brot schmieren. Über interessante historische und soziologische Zusammenhänge, etwa über die Blüte der Urki im Stalinismus, erfährt sie hingegen nichts.
© Perlentaucher Medien GmbH
»Spannung und narrative Glaubwürdigkeit des Romans sind Lilins Fähigkeit zu verdanken, die Geschichte seines für die westliche Zivilisation fremden Aufwachsens umfassend, ungeschönt und dadurch überzeugend zu schildern. Mit Selbstironie und aufgebrochen durch die vielen eingeschobenen Anekdoten und niemals plakative Lebensweisheiten ..., die bestimmte kriminelle Regeln ohne falsches Pathos erläutern, erzählt der Autor seinen persönlichen Lebensweg nachvollziehbar und umsichtig, immer auf den mit der Kriminellenwelt unvertrauten Leser Rücksicht nehmend und ihn durch detaillierte Informationen für das Ungewohnte sensibilisierend. Lilin gelingt es, eine für Außenstehende schwer nachvollziehbare Perspektive nahe zu bringen - und (zumindest was Motivationen und Grundprinzipien der Verbrechergemeinschaft angeht) verständlich zu machen.«
»Spannung und narrative Glaubwürdigkeit des Romans sind Lilins Fähigkeit zu verdanken, die Geschichte seines für die westliche Zivilisation fremden Aufwachsens umfassend, ungeschönt und dadurch überzeugend zu schildern. Mit Selbstironie und aufgebrochen durch die vielen eingeschobenen Anekdoten und niemals plakative Lebensweisheiten ..., die bestimmte kriminelle Regeln ohne falsches Pathos erläutern, erzählt der Autor seinen persönlichen Lebensweg nachvollziehbar und umsichtig, immer auf den mit der Kriminellenwelt unvertrauten Leser Rücksicht nehmend und ihn durch detaillierte Informationen für das Ungewohnte sensibilisierend. Lilin gelingt es, eine für Außenstehende schwer nachvollziehbare Perspektive nahe zu bringen - und (zumindest was Motivationen und Grundprinzipien der Verbrechergemeinschaft angeht) verständlich zu machen.«
Nicolai Lilin, geboren 1980 in der Stadt Bender in Transnistrien, kam 2003 nach Italien, ins piemontesische Cuneo, wo er als Tattoo-Künstler lebt.
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