Die ersten im Heidedorf Bargfeld entstandenen Erzählungen Arno
Schmidts zeigen einen Erzähler mit völlig verändertem Lebensgefühl.
Kein Zugvogel mehr, unruhe- und liebegetrieben, Wunschzielen
nachschweifend. An die Stelle von Flüchtlings-Unterschlupf,
Refugium im Moorversteck, Verwandtenquartier oder wohlberechnetem
Einnisten bei Zufallsbekannten tritt das kleine Eigenhaus auf dem
Lande, gegen Eindringlinge abwehrend umzäunt, Seßhaftigkeit
sichernd. Statt des freien Sturms der Liebe die Anmutungen
nüchternen Ehestands, mit dem ausgleichenden Korrelat männlicher
Kumpanei. Die volle Hingabe der Person heruntergestuft zur
Teilnahme am ironisch-distanzierten Rollenspiel sich wiederholender
Alltage. Nicht zufällig daher nach >Kaff< eine sprachliche
Umkehr. Kein gewalttätig gesprengter Steinbruch für Wortmetze:
unter geglätteter Oberfläche eine hochgradig elaborierte Prosa der
Spiegelreflexe aus verschiedenen Schichten. Verhaltensvorfälle in
Haus, Garten, Studio unmerklich stilisiert zu einem
psychoanalytischen Park »dahinter« - vom doppeldeutigen »Grasmähen«
der maskulinen »Sense« bis zum ehelichen Beschlafen des
Blechkarawan mit hinterem Zugang. Ein zweiter Park unterschwelliger
Determinationen, in den der erste wie in einen Überzug
eingearbeitet ist. Dessen Bedeutung bleibt funktionell, Ziel der
Erzählung ist immer die »manifeste Oberflächenbehandlung«, die ihre
markante psychologische Grundierung erhält. Mit der Absicht nicht
zuletzt, der Sprachform die Doppelqualität als Instanzenmodell zu
vermitteln, eine Vorstufe zum Instanzenspiel der Typoskriptbücher.
Die Oberflächenbehandlung selbst führt indes unbelastet eine
Bargfelder Komödie wechselnder Auftritte vor: Das Holzsägen mit der
geliehenen Kreissäge (>Kühe in Halbtrauer<); der
Freibadbesuch mit der Story vom abseitigen Waldbad
(>Windmühlen<); die Familientour zum vieldeutigen roten Mast
(>Großer Kain<); Bildhauerei für Denkmalsschweife in der
Dreikünstler-Werkstatt (>Schwänze<); das hinreißende
Selbstinterview des Einsiedlers Schmidt (>Piporakemes<).
Arno Schmidt, geboren am 18. Januar 1914 in Hamburg, starb am 3. Juni 1979 in Celle. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft arbeitete er als Übersetzer und Schriftsteller. Seit 1949 veröffentlichte Schmidt zahlreiche Erzählungen, literarische Radio-Essays und eine umfangreiche Fouque-Biographie (1958). Seit "Zettels Traum" (1970) erschienen seine Prosawerke in großformatigen Typoskriptbänden. Arno Schmidt erhielt den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main