Aias, herausragender griechischer Heros vor Troia, metzelt im
Zustand der Raserei Herdenvieh nieder, in dem er seine Gegner zu
erkennen glaubt. Zur Besinnung gekommen, stürzt er sich, beschämt
über den Ehrverlust, in sein Schwert. Die ,Entschuldigung', die
für Aias nur durch Entleibung zu leisten war, entspricht heute etwa
dem medial inszenierten Rückzug aus der politischen Öffentlichkeit,
dem Rücktrittsangebot oder dem Fehlereingeständnis. Offensichtlich
gibt es nach wie vor ein kollektives Bedürfnis nach solchen
stellvertretenden Reinigungsritualen. Anlässe und Reaktionsformen
haben sich zwar gewandelt, das Gefühl der Scham aber ist immer noch
von existenziell-individueller Bedeutung und besitzt eine
öffentlich wirksame Symbolik. Historisch gesehen reicht der Bogen
des Bandes von der (laut Hegel) ,gewissenlosen' griechischen
Antike bis in die ,unverschämte' Gegenwart. Systematisch
betrachtet konfrontieren die unterschiedlichen Kulturkreise
einander in ihren Definitionen und Kompensationen von
Fehlverhalten: vom paganen Griechentum über das christliche
Abendland bis hin zum Islam. Im 20. und 21. Jahrhundert bestimmen
Diskurse der Bewältigung den Umgang mit der Geschichte, mit Fragen
der Kriegsschuld oder des Völkermordes. Kulturelle, nationale,
historische und gender-spezifische Unterschiede prägen die verbalen
Entschuldigungen, das öffentliche und private Verhalten,
Kleidercode und Körpersprache. Während Schamdiskurse dazu dienen,
eigenes Fehlverhalten in der Gemeinschaft zu regulieren oder vor
dem Selbst zu rechtfertigen, funktionieren umgekehrt
Schuldzuschreibungen oder gezielte Beschämungen des anderen als
Herrschaftsinstrumente: prominent etwa in den Bildern von Abu
Ghraib.