Leseprobe zu "Schöner wird's nicht" von David Sedaris
Meine Freundin Patsy erzählte mir eine Geschichte. "Ich bin also im Kino", sagte sie, "und ich habe meinen Mantel über meinen Sitz ausgebreitet, und dann kommt da so ein Typ ..." An dieser Stelle unterbrach ich sie, weil ich den Tick mit dem Mantel noch nie verstanden habe. Wenn ich ins Kino gehe, habe ich meinen entweder gefaltet auf dem Schoß oder ich lege ihn über die Armlehne, aber Patsy breitet ihren jedes Mal über den Sitz, als ob ihm kalt wäre und sie sich unmöglich im Kino amüsieren kann, während der Sitz friert.
"Warum machst du das?", fragte ich. Sie sah mich verwundert an und sagte: "Bazillen, Dummkopf. Alle möglichen Leute haben ihre Köpfe an das Polster gelehnt. Kriegst du da keine Gänsehaut?" Ich musste zugeben, dass ich noch nie darüber nachgedacht hatte.
"Du legst dich im Hotel ja auch nicht einfach auf die Tagesdecke auf dem Bett, oder?", fragte sie. Und wieder dachte ich: Warum nicht? Ich stecke sie mir vielleicht nicht in den Mund, aber sich darauf ausstrecken und ein paar Anrufe erledigen - das mache ich ständig.
"Aber du wischst doch vorher den Hörer ab."
"Äh, nein."
"Also, das ist ja . gefährlich", sagte sie. Eine ähnliche Situation hatte ich mit meiner Schwester Lisa in einem Supermarkt erlebt, als mir auffiel, dass sie den Einkaufswagen mit den Ellbogen vor sich her schob. "Hast du was?", fragte ich.
"Ach so", sagte sie. "Fass nie den Griff des Wagens mit bloßen Händen an. Darauf wimmelt es von Bazillen."
Ist das typisch amerikanisch oder denken die Leute überall so? In Paris sah ich einmal im Supermarkt um die Ecke einen Mann, der seinen Papagei zum Einkaufen mitgenommen hatte. Der Vogel war so groß wie ein halbwüchsiger Adler und hockte auf der Stange des Einkaufswagens.
"Siehst du", sagte Lisa. "Wer weiß, was für eine Krallenkrankheit das Tier vielleicht hat."
Das stimmte zwar, aber nicht jeder schleppt einen Papagei mit in den Supermarkt. In meinem ganzen Einkaufsleben war dies der erste exotische Vogel, der mir an der Fleischtheke begegnete.
Meine einzige Vorsichtsmaßnahme besteht darin, alle Klamotten aus dem Secondhandladen zu waschen, seit ich mir einmal durch eine gebrauchte Jeans Filzläuse geholt habe. Ich war damals Mitte zwanzig und hätte mich bis auf die Knochen wund gekratzt, wenn mich nicht ein Freund in die Apotheke geschleppt hätte, wo man mir ein Mittel namens Quell in die Hand drückte. Nachdem ich mich damit eingerieben hatte, kämmte ich mir mit einem speziellen Nissenkamm durchs Schamhaar und staunte nicht schlecht: das also waren die Biester, die sich seit Wochen von meinem Fleisch ernährten. Ich glaube, Patsy hat genau das Bild vor Augen, wenn sie den Sitz im Kino sieht, oder Lisa, wenn sie einen Einkaufswagen schiebt.
Doch ist das alles nichts gegen das, was Hugh erlebt hat. Als er acht Jahre alt war und im Kongo lebte, entdeckte er eines Tages einen roten Fleck auf seinem Bein; nichts Dramatisches, nur ein kleiner Pips, den er für einen Mückenstich hielt. Am nächsten Tag juckte der Fleck noch mehr, und wieder einen Tag später sah er plötzlich, wie ein Wurm aus seinem Bein kroch.
Einige Wochen danach passierte Ma Hamrick, so nenne ich Hughs Mutter Joan, das Gleiche, und obwohl der Wurm etwas kürzer war, dürfte das Erlebnis ungleich traumatischer gewesen sein. Wenn ich ein Kind wäre und etwas aus dem Bein meiner Mutter kriechen sähe, würde ich zum nächsten Waisenhaus gehen und mich auf die Adoptionsliste setzen. Ich würde alle Fotos von ihr verbrennen, alles vernichten, was von ihr stammt, und ganz von vorn anfangen, so sehr ekelte mich. Ein Dad kann meinetwegen Parasiten am ganzen Körper haben, was soll's, aber bei der eigenen Mutter oder sonst irgendeiner Frau ist es unverzeihlich.
"Also, das ist ganz schön chauvinistisch, findest du nicht?", sagte Ma Hamrick. Sie war über die Weihnachtstage zu Besuch in Paris, ebenso Lisa und ihr Mann Bob. Alle hatten ihre Geschenke ausgepackt, und Ma sammelte das Geschenkpapier vom Boden ein und strich es mit den Händen glatt.
"Es war bloß ein Guineawurm, das kam ständig vor." Sie sah zur Küche rüber, wo Hugh irgendetwas mit einer Gans anstellte. "Liebling, wo soll ich das Papier hin tun?"
"Verbrenn es", sagte Hugh.
"Oh, aber es ist tadellos. Meinst du nicht, dass ihr es noch mal gebrauchen könnt?"
"Verbrenn es", wiederholte Hugh.
"Wie war das mit dem Wurm?", fragte Lisa. Sie lag unter einer Decke auf der Couch, noch leicht benommen von ihrem Mittagsschlaf.
"Joan hatte einen Wurm, der bei ihr im Bein lebte", sagte ich. Ma Hamrick warf einen Bogen Geschenkpapier ins Feuer und sagte: "Also, leben würde ich das nicht nennen."
"Aber er war in Ihrem Bein?", fragte Lisa, und ich sah, wie die Rädchen in ihrem Kopf arbeiteten: War ich schon mal unmittelbar nach dieser Frau auf der Toilette? Habe ich eine Kaffeetasse von ihr in der Hand gehabt oder von ihrem Teller gegessen? Wann kann ich einen Test machen lassen? Sind die Krankenhäuser an Weihnachten geöffnet oder muss ich bis morgen warten?
"Es ist schon viele Jahre er", sagte Joan.
"Wie viele genau?", fragte Lisa.
"Ich weiß gar nicht mehr - 1968 vielleicht."
Meine Schwester nickte wie jemand, der gerade Zahlen im Kopf addiert. "Okay", sagte sie, und ich bereute es, überhaupt damit angefangen zu haben. Sie sah Ma Hamrick nicht an, sondern durch sie hindurch, als könnte sie mit einem Röntgenblick das blanke Knochengerüst sehen und dazwischen das Gewimmel der tausend Würmer, die ihren Wirt 1968 nicht verlassen hatten. Mir war es anfangs genauso gegangen, aber nach etwa fünfzehn Jahren hatte ich mich daran gewöhnt und jetzt sehe ich einfach nur Ma Hamrick. Ma Hamrick beim Bügeln, Ma Hamrick beim Spülen, Ma Hamrick beim Entsorgen des Mülls. Sie will ein angenehmer Gast sein und sucht ständig nach irgendeiner Aufgabe."Kann ich vielleicht ...?", fragt sie, und noch bevor sie zu Ende geredet hat, platze ich heraus, aber sicher, kein Problem.
Leseprobe zu "Schöner wird's nicht" von David Sedaris
Meine Freundin Patsy erzählte mir eine Geschichte. "Ich bin also im Kino", sagte sie, "und ich habe meinen Mantel über meinen Sitz ausgebreitet, und dann kommt da so ein Typ ..." An dieser Stelle unterbrach ich sie, weil ich den Tick mit dem Mantel noch nie verstanden habe. Wenn ich ins Kino gehe, habe ich meinen entweder gefaltet auf dem Schoß oder ich lege ihn über die Armlehne, aber Patsy breitet ihren jedes Mal über den Sitz, als ob ihm kalt wäre und sie sich unmöglich im Kino amüsieren kann, während der Sitz friert.
"Warum machst du das?", fragte ich. Sie sah mich verwundert an und sagte: "Bazillen, Dummkopf. Alle möglichen Leute haben ihre Köpfe an das Polster gelehnt. Kriegst du da keine Gänsehaut?" Ich musste zugeben, dass ich noch nie darüber nachgedacht hatte.
"Du legst dich im Hotel ja auch nicht einfach auf die Tagesdecke auf dem Bett, oder?", fragte sie. Und wieder dachte ich: Warum nicht? Ich stecke sie mir vielleicht nicht in den Mund, aber sich darauf ausstrecken und ein paar Anrufe erledigen - das mache ich ständig.
"Aber du wischst doch vorher den Hörer ab."
"Äh, nein."
"Also, das ist ja . gefährlich", sagte sie. Eine ähnliche Situation hatte ich mit meiner Schwester Lisa in einem Supermarkt erlebt, als mir auffiel, dass sie den Einkaufswagen mit den Ellbogen vor sich her schob. "Hast du was?", fragte ich.
"Ach so", sagte sie. "Fass nie den Griff des Wagens mit bloßen Händen an. Darauf wimmelt es von Bazillen."
Ist das typisch amerikanisch oder denken die Leute überall so? In Paris sah ich einmal im Supermarkt um die Ecke einen Mann, der seinen Papagei zum Einkaufen mitgenommen hatte. Der Vogel war so groß wie ein halbwüchsiger Adler und hockte auf der Stange des Einkaufswagens.
"Siehst du", sagte Lisa. "Wer weiß, was für eine Krallenkrankheit das Tier vielleicht hat."
Das stimmte zwar, aber nicht jeder schleppt einen Papagei mit in den Supermarkt. In meinem ganzen Einkaufsleben war dies der erste exotische Vogel, der mir an der Fleischtheke begegnete.
Meine einzige Vorsichtsmaßnahme besteht darin, alle Klamotten aus dem Secondhandladen zu waschen, seit ich mir einmal durch eine gebrauchte Jeans Filzläuse geholt habe. Ich war damals Mitte zwanzig und hätte mich bis auf die Knochen wund gekratzt, wenn mich nicht ein Freund in die Apotheke geschleppt hätte, wo man mir ein Mittel namens Quell in die Hand drückte. Nachdem ich mich damit eingerieben hatte, kämmte ich mir mit einem speziellen Nissenkamm durchs Schamhaar und staunte nicht schlecht: das also waren die Biester, die sich seit Wochen von meinem Fleisch ernährten. Ich glaube, Patsy hat genau das Bild vor Augen, wenn sie den Sitz im Kino sieht, oder Lisa, wenn sie einen Einkaufswagen schiebt.
Doch ist das alles nichts gegen das, was Hugh erlebt hat. Als er acht Jahre alt war und im Kongo lebte, entdeckte er eines Tages einen roten Fleck auf seinem Bein; nichts Dramatisches, nur ein kleiner Pips, den er für einen Mückenstich hielt. Am nächsten Tag juckte der Fleck noch mehr, und wieder einen Tag später sah er plötzlich, wie ein Wurm aus seinem Bein kroch.
Einige Wochen danach passierte Ma Hamrick, so nenne ich Hughs Mutter Joan, das Gleiche, und obwohl der Wurm etwas kürzer war, dürfte das Erlebnis ungleich traumatischer gewesen sein. Wenn ich ein Kind wäre und etwas aus dem Bein meiner Mutter kriechen sähe, würde ich zum nächsten Waisenhaus gehen und mich auf die Adoptionsliste setzen. Ich würde alle Fotos von ihr verbrennen, alles vernichten, was von ihr stammt, und ganz von vorn anfangen, so sehr ekelte mich. Ein Dad kann meinetwegen Parasiten am ganzen Körper haben, was soll's, aber bei der eigenen Mutter oder sonst irgendeiner Frau ist es unverzeihlich.
"Also, das ist ganz schön chauvinistisch, findest du nicht?", sagte Ma Hamrick. Sie war über die Weihnachtstage zu Besuch in Paris, ebenso Lisa und ihr Mann Bob. Alle hatten ihre Geschenke ausgepackt, und Ma sammelte das Geschenkpapier vom Boden ein und strich es mit den Händen glatt.
"Es war bloß ein Guineawurm, das kam ständig vor." Sie sah zur Küche rüber, wo Hugh irgendetwas mit einer Gans anstellte. "Liebling, wo soll ich das Papier hin tun?"
"Verbrenn es", sagte Hugh.
"Oh, aber es ist tadellos. Meinst du nicht, dass ihr es noch mal gebrauchen könnt?"
"Verbrenn es", wiederholte Hugh.
"Wie war das mit dem Wurm?", fragte Lisa. Sie lag unter einer Decke auf der Couch, noch leicht benommen von ihrem Mittagsschlaf.
"Joan hatte einen Wurm, der bei ihr im Bein lebte", sagte ich. Ma Hamrick warf einen Bogen Geschenkpapier ins Feuer und sagte: "Also, leben würde ich das nicht nennen."
"Aber er war in Ihrem Bein?", fragte Lisa, und ich sah, wie die Rädchen in ihrem Kopf arbeiteten: War ich schon mal unmittelbar nach dieser Frau auf der Toilette? Habe ich eine Kaffeetasse von ihr in der Hand gehabt oder von ihrem Teller gegessen? Wann kann ich einen Test machen lassen? Sind die Krankenhäuser an Weihnachten geöffnet oder muss ich bis morgen warten?
"Es ist schon viele Jahre er", sagte Joan.
"Wie viele genau?", fragte Lisa.
"Ich weiß gar nicht mehr - 1968 vielleicht."
Meine Schwester nickte wie jemand, der gerade Zahlen im Kopf addiert. "Okay", sagte sie, und ich bereute es, überhaupt damit angefangen zu haben. Sie sah Ma Hamrick nicht an, sondern durch sie hindurch, als könnte sie mit einem Röntgenblick das blanke Knochengerüst sehen und dazwischen das Gewimmel der tausend Würmer, die ihren Wirt 1968 nicht verlassen hatten. Mir war es anfangs genauso gegangen, aber nach etwa fünfzehn Jahren hatte ich mich daran gewöhnt und jetzt sehe ich einfach nur Ma Hamrick. Ma Hamrick beim Bügeln, Ma Hamrick beim Spülen, Ma Hamrick beim Entsorgen des Mülls. Sie will ein angenehmer Gast sein und sucht ständig nach irgendeiner Aufgabe."Kann ich vielleicht ...?", fragt sie, und noch bevor sie zu Ende geredet hat, platze ich heraus, aber sicher, kein Problem.