Schmutzige Havanna Trilogie - Gutierrez, Pedro J.

Pedro J. Gutierrez 

Schmutzige Havanna Trilogie

Roman. Aus d. Span. v. Harald Riemann

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Schmutzige Havanna Trilogie

"Ich übte mich darin, nichts ernst zu nehmen. Ein Mann darf viele kleine Fehler machen. Und es spielt keine Rolle. Wenn die Fehler aber groß sind und auf seinem Leben lasten, bleibt ihm nur noch übrig, sich nicht ernst zu nehmen. Nur so muss er nicht leiden. Anhaltendes Leiden kann tödlich sein."
Havanna in den 90er Jahren, eine Stadt am Rande des Abgrunds. Es gibt weder Seife noch Wasser, noch Essen, noch Arbeit, noch Geld. Der Erzähler Pedro Juan, arbeitsloser Journalist Anfang vierzig und Alter Ego des Autors, lebt wie alle vom Nichts: vom Hunger, vom Zeittotschlagen, von Gelegenheitsjobs, die kein Geld einbringen, von Rum, Zigaretten und vom Vögeln. Vor allem von Letzterem. Denn wenn es in Castros Stadt noch etwas im Überfluss gibt, sind es herrliche, schamlose und selbstbewusste Frauen. Pedro Juan Gutiérrez beschreibt in bunten Farben die Nachtseite der Revolution. "Schmutzige Havanna Trilogie" ist ein Roman über das nackte Leben: drastisch, abstoßend und anziehend, und schön - wie der Anblick vom Dachbalkon des Erzählers auf die Uferpromenade des Malecón, wo bröckelnde Häuserzeilen im Abendlicht baden.


Produktinformation

  • Verlag: Hoffmann & Campe
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 413 S.
  • Seitenzahl: 413
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 137mm x 40mm
  • Gewicht: 566g
  • ISBN-13: 9783455025439
  • ISBN-10: 3455025439
  • Best.Nr.: 10299888
"Gutierrez' Bücher feiern ein Fest des Lebens, Dionysos in der Gosse." (Matthias Matussek, DER SPIEGEL)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.04.2002

Symphonie der Sauereien
Pedro Juan Gutiérrez und die schmutzige Wahrheit über Havanna

Havanna stinkt. Daß das Leuchten der einstmals für ihre Luxushotels und Casinos berühmten Inselmetropole längst vergangen ist, dürfte auch auf dieser Seite des Atlantiks bekannt sein, seit bröckelige kubanische Fassaden die Zuschauermassen in die Kinosäle lockte. Viel verdankt der morbid-ruinöse Zauber von Filmen wie "Buena Vista Social Club" jedoch dem Umstand, daß sich Gerüche nicht auf Zelluloid bannen lassen. In der Tropenschwüle jenseits der Leinwand blasen die Abfallberge vor den kolonialen Portalen zum Angriff auf den Würgreflex.

Auch Papier ist in der Regel duftneutral. Dennoch bereitet der kubanische Erzähler, Dichter und Journalist Pedro Juan Gutiérrez mit seinem ersten Roman "Schmutzige Havanna Trilogie" jeglicher Art von touristischen Träumen ein böses Erwachen. Denn Centro Habana, Heimat von Pedro Juan, dem literarischen Alter ego Gutiérrez', spottet allen Klischees vom karibischen Paradies. Dieses Viertel, das nach Schweiß, Müll, Sperma und Exkrementen riecht, in dem Halbwüchsige zum Zweck der Erbschleicherei mit …

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Kuba in der Krise. Fidel Castros karibischer Vorzeige-Staat versinkt im wirtschaftlichen Chaos. Entsetzlicher Mangel bestimmt den Alltag der Menschen der Insel. Weder Seife noch Nahrung geschweige denn Geld gibt es in Havanna. Und zu tun gibt es sowieso nichts. So streunt auch das Alter Ego des Autors durch die halbverfallenen Straßen und frönt der einzigen Beschäftigung, die den Cubanos geblieben zu sein scheint: dem Sex. Der Maler, Bildhauer, Dichter und Journalist Gutiérrez schickt den Leser auf eine ziemlich perverse Tour durch seine Heimatstadt. Hart an der Grenze zur Pornografie schildert er die überschäumende Freude am Sex seiner Landsleute in geradezu surrealer Drastik. Kein Buch für Zartbesaitete, aber ein Einblick in die Abgründe menschlichen Seins, gleichermaßen abstoßend und faszinierend. (www.parship.de)

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Georg Sütterlin ist nicht so recht glücklich mit diesem Buch, das bereits 1998 in Spanien "Furore" machte und jetzt auf Deutsch vorliegt. Der Band, der aus einzelnen Geschichten besteht, die aus der Perspektive eines arbeitslosen Journalisten geschildert werden, überzeugt ihn dort am meisten, wo er, durchaus an der sozialistischen Wirklichkeit orientiert, über die "brutalisierte Unterschicht" Kubas erzählt. Das Macho-Gehabe der Hauptfigur dagegen geht ihm sehr auf die Nerven. Er findet die Betonung seiner Härte und die permanente Selbstinszenierung als "einfacher Mann der Tropen" ziemlich "uninteressant". Die Sexualprotzerei schließlich, mit der sich der Protagonist penetrant in Szene setzt, ist für den Leser eine "harte Probe", so Sütterlin abgestoßen. Er fragt sich, was der Autor damit erreichen will, wenn er diese "mechanisch-aggressive" Sexualität in überdeutlich "kruder" Sprache schildert und findet, dass das Buch dadurch "zunehmend Schlagseite" bekommt, auch wenn der Autor damit nach eigenen Angaben ein "gewisses Machotum lächerlich" machen will, wie Sütterlin mitteilt. Die Schilderungen der "demoralisierten, verelendeten Bevölkerung" der Altstadt Havannas aber findet er durchaus "überzeugend", und er sieht in ihnen entgegen der erklärten Absicht des Autors einen "vernichtenden" politischen Kommentar über das sozialistische Kuba enthalten.

© Perlentaucher Medien GmbH
Pedro Juan Gutiérrez, geb. 1950 in Cuba, beginnt mit 11 Jahren als Eis- und Zigarettenverkäufer, ist später fünf Jahre Soldat, arbeitet als Schwimm- und Kajaklehrer, als Zuckerrohrschneider und Landarbeiter, als Bauinstallateur und technischer Zeichner. Gutiérrez ist Maler, Bildhauer, Dichter und Journalist. Der Autor mehrerer Romane lebt in Havanna.

Leseprobe zu "Schmutzige Havanna Trilogie" von Pedro J. Gutierrez

Neues in meinem Leben
Heute früh steckte im Briefkasten eine rosa Karte von Mark Pawson aus London. In großer Schrift stand darauf in Englisch: »Am 5. Juni 1993 hat irgend so ein Mistkerl das Vorderrad meines Fahrrads geklaut.« Das war jetzt ein Jahr her, und er ärgerte sich immer noch darüber. Mir fiel der kleine Club in der Nähe von Marks Wohnung ein, wo Rodolfo jede Nacht einen Strip hinlegte und sehr erotisch tanzte, während ich mit Bongos, Kastagnetten, kehligem Gesang und was mir sonst noch so einfiel eine gewagte Musik aus tropischen Klängen improvisierte. Wir hatten viel Spaß, bekamen jede Menge Freibier und 25 Pfund pro Nacht bezahlt. Schade, dass es nicht von Dauer war. Aber Rodolfo war als schwarzer Tänzer sehr gefragt und ging nach Liverpool, um modernen Tanz zu unterrichten. Ich blieb ohne Geld zurück und wohnte bei Mark, bis ich mich langweilte und zurückkam.
Seitdem bemühte ich mich, nichts mehr ernst zu nehmen. Ein Mann darf viele kleine Fehler machen. Das spielt keine Rolle. Wenn die Fehler aber groß sind und auf seinem Leben lasten, bleibt ihm nur noch, sich nicht ernst zu nehmen. Nur so muss er nicht leiden. Anhaltendes Leiden kann tödlich sein.
Ich heftete die Karte hinter die Tür, legte eine Kassette mit Armstrongs »Snake Rag« ein, und schon war mir leichter ums Herz und ich hörte auf zu grübeln. Bei Musik kann ich nicht denken. Und Jazz muntert mich erst recht auf, und ich muss dann tanzen, einfach so für mich. Ich trank eine Tasse Tee zum Frühstück, ging aufs Klo, las ein paar homosexuelle Gedichte von Allen Ginsberg und dann mit Verwunderung »Sphincter« und »Personals ad«.
I hope my good old asshole holds out. Aber mir blieb nicht viel Zeit, mich zu wundern, denn zwei Freunde von mir kamen, zwei sehr junge, um mich zu fragen, wie ich die Idee fand, mit einem Floß von San Antonio Richtung Catoche aufs Meer hinauszufahren, oder ob es nicht besser wäre, nach Norden Richtung Miami aufzubrechen. Es waren die Tage des Exodus im Sommer 94. Eine Freundin hatte mir am Vortag telefonisch mitgeteilt: »Alle Männer und jungen Leute hauen ab. Das wird uns Frauen ganz schön zu schaffen machen.« Ganz so war´s dann doch nicht. Es blieben viele da, die so weit nicht weg leben konnten, trotz allem.
Also, ich bin ein bisschen auf dem Golf herumgeschippert und weiß, dass er eine Falle ist. Mit der Landkarte in der Hand überredete ich sie, nicht nach Mexiko abzuhauen. Und dann ging ich mit ihnen, um mir das große Floß für sechs Leute anzusehen. Es bestand aus Holzplanken, die mit Stricken über drei Flugzeugreifen geschnürt waren.
Es sollte noch mit Taschenlampen, Kompass und bengalischen Lichtern ausgerüstet werden. Ich wünschte ihnen Glück und schwang mich aufs Fahrrad, um ein bisschen rumzufahren. Ich kaufte ein paar Stücke Melone und fuhr zu meiner Ex-Frau. Wir sind jetzt gute Freunde. So ist es besser für uns beide. Sie war nicht zu Hause. Ich aß ein bisschen Melone und ließ den Rest da. Ich hinterlasse gerne Spuren. Ich stellte die übrigen Stücke in den Kühlschrank und brach dann rasch auf. Zwei Jahre lang war ich in dem Haus glücklich gewesen. Es tat mir nicht gut, hier alleine zu sein.
In der Nähe wohnte Margarita. Wir hatten uns eine ganze Weile nicht gesehen. Als ich kam, wusch sie gerade ihre Wäsche und schwitzte. Sie freute sich, mich zu sehen, und wollte gleich unter die Dusche. Wir sind ein heimliches Liebespaar - irgendwie muss ich es ja nennen - seit fast zwanzig Jahren, und wenn wir uns sehen, vögeln wir erst und unterhalten uns dann ganz entspannt. Also ließ ich sie nicht unter die Dusche. Ich zog sie aus und ließ meine Zunge über ihren ganzen Körper gleiten.
Sie tat dasselbe: Sie zog mich aus und ließ ihre Zunge über meinen ganzen Körper gleiten. Vom Radfahren und von der vielen Sonne war auch ich ganz verschwitzt. Sie sah erholter aus, war etwas dicker geworden, nicht mehr nur Haut und Knochen. Ihre Schenkel waren wieder fest und rund, trotz ihrer sechsundvierzig Jahre.
Schwarze sind so, alles Fasern und Muskeln und ganz wenig Fett und reine Haut ohne Mitesser. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, und nachdem ich ein bisschen mit ihr gespielt hatte und sie schon dreimal gekommen war, steckte ich ihn ihr in den Arsch, ganz sachte, angefeuchtet von ihrer Möse. Stück für Stück, etwas vor und wieder zurück, und rieb ihr dabei mit der Hand die Klitoris. Es tat ihr furchtbar weh, aber dann konnte sie nicht genug bekommen. Sie biss ins Kissen, streckte mir aber den Arsch entgegen und flehte, ihn ganz reinzustecken. Diese Frau ist herrlich.
Keine andere kommt in Fahrt wie sie. Eine ganze Weile blieben wir so vereinigt. Als ich ihn wieder rauszog, war er mit Scheiße verschmiert, und sie ekelte sich. Ich nicht. Mein Sinn fürs Groteske war schon immer sehr ausgeprägt und stets hellwach. Sex ist nichts für Weichlinge. Sex ist ein Austausch von Flüssigkeiten, Säften, Atem und strengen Gerüchen, Urin, Samen, Scheiße, Schweiß, Mikroben, Bakterien. Oder es ist kein richtiger Sex.

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