Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Rezensent Peer Teuwsen begrüßt es außerordentlich, dass dieser Roman von 1976 nun wieder lieferbar ist, dessen Autor Hermann Burger er als Schweizer Version eines Thomas Bernhard vorstellt. Denn aus Teuwsens Sicht handelt es sich bei dieser "Brandrede gegen die Obrigkeit" nicht nur um ein "präzises Dokument des Wahnsinns", sondern auch um ein beispielloses Stück Schweizer Literatur - ja: eines ihrer "witzigsten und wichtigsten" Bücher. Brandredner, also Protagonist des Romans, sei ein Lehrer, der - in einem leeren Schulhaus gefangen - einen wütenden Monolog gegen seinen Schulinspektor liefere. Dieser sei auch als Hilferuf eines Pädagogen zu lesen - und aus Teuwsens heutiger Sicht sogar als ziemlich prophetischer. Was Burger Buch auch heute noch für den Rezensenten zum Ereignis macht, ist die Tatsache, dass hier jemand sein Anschauungsmaterial für große Literatur in der Enge findet, der er eine "im wahrsten Sinne irrwitzige Sprache" entgegenhält.
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 | Besprechung von 28.02.2009 |
Leben von hinten gelesen ist Nebel
Zwanzig Jahre nach Hermann Burgers Selbstmord erscheint „Schilten”
erneut
Hermann Burger, der sich vor genau zwanzig Jahren, am 28. Februar
1989, das Leben genommen hat, galt als Genie und Enfant terrible:
Kurz vor seinem Tod machte er Schlagzeilen dadurch, dass er vom S.
Fischer-Verlag, der ihm keinen neuen Ferrari als „Dienstwagen” zur
Verfügung stellen wollte, schnell noch zu dem ein paar hundert
Meter weiter liegenden Suhrkamp Verlag wechselte. Die manischen und
die depressiven Phasen zeigten immer heftigere Züge; seinen
Selbstmord nahm er erzählerisch wie essayistisch mehrfach vorweg.
Der Verlag Nagel & Kimche legt jetzt in seiner Kollektion
Schweizer Hauptwerke Hermann Burgers Romandebüt „Schilten” aus dem
Jahr 1976 noch einmal auf, ein ungeheures Meisterstück, eine
sprachliche Vollkommenheitsmaschine, und im Wissen um den weiteren
Fortgang liest man diesen Roman jetzt mit der Erkenntnis: Diese Art
von Schreiben endet tödlich.
Burger, geboren 1942, entstammte der Schweizer Zigarren-Dynastie
Villiger und Burger, einer Familie von Fabrikanten im Aargau, und
seine Literatur scheint dieses Motiv des …
 | Besprechung von 25.05.2009 |
Philosophie des TodesAls Hermann Burgers "Schilten" vor mehr als dreißig Jahren erschien, waren die Reaktionen ambivalent. Einerseits kam man nicht darum herum, dem sprachbesessenen Schriftsteller für seinen Erstling Respekt zu zollen, den skurrilen Erfindungsreichtum zu loben, die überschäumende Imaginationskraft zu bewundern, die verbale Präzisionsarbeit zu preisen. Andererseits wurde diese Anerkennung von kleinlichen Einwürfen und selbstgerechten Mäkeleien relativiert. Verlor sich die obsessive Beschreibungswut nicht in nichtssagenden Details? Kam nicht der Germanist dem Schriftsteller in die Quere? Zwar, so gestand man dem damals vierunddreißigjährigen Burger zu, half die von pulsierendem Rhythmus getragene Sprache über manche Klippe hinweg. Ein Rezensent aber resümierte pikiert: "Ob das genügt?" Es genügt, kann man aus heutiger Sicht und im Vergleich zur übrigen Schweizer Literatur sagen. Hermann Burgers Romandebüt, das Maß an Franz Kafka und Thomas Bernhard nahm, steht immer noch singulär in der deutschsprachigen Literaturlandschaft und überragt Romane von Zeitgenossen an verblüffender Originalität und störrischer Eigenwilligkeit. Jetzt …
"Burgers Romandebüt, das Maß an Franz Kafka und Thomas Bernhard nahm, steht immer noch singulär in der deutschsprachigen Literaturlandschaft und überragt Romane von Zeitgenossen an verblüffender Originalität und störrischer Eigenwilligkeit." Pia Reinacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.09
"Eines der wichtigsten und witzigsten Bücher der Schweizer Literatur." Peer Teuwsen, Die Zeit, 03/09
"Ein Genie, wie es im Buche steht." Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung, 28.02.09
"Hermann Burgers Wortkunststücke leuchten nach wie vor hell wie Magnesiumblitze." Katrin Hillgruber, Frankfurter Rundschau, 28.02.09
"Dieses fulminante Debüt, das nicht mehr greifbar war, ist jetzt in der Reihe Kollektion neu herausgekommen, im Nachwort luzid erläutert von Thomas Strässle." Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung, 26.02.09
"Ein grosser, wuchtiger Roman in gepflegter Neuedition mit vorzüglichem Nachwort." Manfred Papst, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 22.02.09
"Auf der Messerschneide von Wahn und Wirklichkeit tänzelt dieser Brocken von Buch mit einer enormen Leichtigkeit. Und man sieht: Dieser Mann war der größte Schweizer Schriftsteller nach Frischdürrenmatt, der sprachmächtigste überhaupt." Die Welt, 11.07.09
"Ein sehr überzeugendes Nachwort von Thomas Strässle - er widersteht der Verlockung, Burger an Detailversessenheit noch übertreffen zu wollen - erleichtert den Einstieg in den Roman. Das Buch will uns stofflich und sprachlich überwältigen, und wir lassen uns das nach wie vor sehr gerne gefallen. Von Schilten geht noch immer eine einzigartige Faszination aus." Julian Schütt, Weltwoche, 29.01.09
"Kaufen, ausleihen, stehlen! Es gibt eine wunderbar verschrobene Schulmeister- und Friedhofsgeschichte zu entdecken. Ein faszinierendes Buch." Charles Lewinsky, NZZ am Sonntag, 30.05.10
"Was Burger in grandioser Konsequenz und Radikalität beschreibt, ist ein geschlossenes Wahnssystem, das voller Komik ist, voller makabrer Detailversessenheit, voller skurriler Geschichten, die gleichzeitig so lebensnah sind, dass man diesem Armin Schildknecht in alle abgelegenen Winkel seiner horrenden Phantasie folgen muß, lachend, aber oft auch mit Schrecken, weil in diesen Obsessionen so viel Normalität steckt." Hanne Kulessa, Hessischer Rundfunk, 28.02.09
Hermann Burger, geboren 1942 in Burg bei Menziken, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich und arbeitete nach Promotion und Habilitation als Privatdozent für Neuere deutsche Literatur an der ETH Zürich und als Feuilletonredakteur beim Aargauer Tagblatt. Für sein literarisches Werk erhielt er unter anderem 1980 den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, 1983 den Hölderlin-Preis und 1985 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Hermann Burger verstarb 1989.