Leseprobe zu "Sanfter Mond / Die dunklen Wächter Bd.2"
Der Vollmond ist zu meinem Feind geworden.
Ich bin in einer Höhle und bereite mich auf die wichtigste Nacht meines Lebens vor. Vor ein paar Tagen bin ich siebzehn geworden. Heute Nacht wird der Vollmond am Himmel aufsteigen. Das Mondlicht wird mich einhüllen, und ich - Lindsey Lancaster - werde mich verwandeln.
In einen Wolf.
Ich bin eine Gestaltwandlerin und gehöre zu einer Spezies, die seit Jahrtausenden die Fähigkeit besitzt, von der menschlichen zur tierischen Gestalt überzugehen. Das Tier, in das mein Klan sich verwandelt, ist der Wolf.
Solange ich denken kann, habe ich dieser Nacht entgegengefiebert, aber in den vergangenen Wochen habe ich angefangen, ihre Ankunft zu fürchten, weil die Dinge plötzlich äußerst verwirrend und kompliziert wurden. Meine Gefühle spielten plötzlich verrückt. Mein Herz sagte mir etwas völlig anderes als mein Verstand.
Connor und ich sind seit eh und je eng befreundet. Unsere Familien sind in der äußeren Welt ständig zusammen, wo wir so tun, als hätten wir nicht jene unglaubliche Fähigkeit, und vorgeben, wie die Statischen zu sein, wie jene, die keine andere Gestalt annehmen können. Unsere Eltern sind davon überzeugt, dass Connor und ich füreinander bestimmt sind.
Manchmal fürchte ich, dass Connor und ich uns von ihren Träumen für uns anstecken ließen und sie zu unseren Träumen gemacht haben. Eines Abends erklärte Connor mich vor allen anderen zu seiner Gefährtin. Ich war begeistert, dass er derart starke Gefühle für mich hatte, und dachte, dass ich dasselbe für ihn empfand. Unsere Familien feierten. Nach unserer Tradition ließ er sich meinen Namen in keltischer Schrift auf seine linke Schulter tätowieren - was bei uns einer Verlobung entspricht, womit unser Schicksal besiegelt war.
Aber dann kehrte Rafe diesen Sommer nach seinem ersten Collegejahr zurück, und ich begann, ihn auf völlig andere Art und Weise wahrzunehmen. Wenn er spricht, klingt seine tiefe Stimme ein wenig heiser - das ist so sexy. Er redet nicht viel, nur wenn er etwas Wichtiges zu sagen hat, und wenn er redet, kribbeln meine Fingerkuppen. Seine dunklen Augen halten mich gefangen und lassen mein Herz rasen. Und wenn er seinen gefährlichen Blick ein wenig tiefer wandern lässt, möchte ich in seinen Armen zerschmelzen, seinen Mund auf meine Lippen ziehen, um das Verbotene zu schmecken.
Er hat etwas Wildes an sich, liebt das Risiko. Er ist der große, böse Wolf - Entschuldigung für das Wortspiel. Und etwas in ihm ruft nach der Wildheit in mir _ aber diesem Ruf kann ich nicht folgen.
Connor ist mein Schicksal.
Da er zwei Jahre älter ist als ich, hat er seine erste Wandlung schon hinter sich. Heute Nacht wird er mich durch meine führen. Bewusst richte ich meine Gedanken auf Connor: sein blondes Haar, seine blauen Augen, sein schiefes Grinsen, das mich immer zum Lächeln bringt. Er wartet auf mich, um die wichtigste Nacht meines Lebens mit mir zu teilen. Er wird mich stützen, mich durch die Transformation führen und dafür Sorge tragen, dass ich überlebe. Wir werden eine tiefe Bindung von ewiger Dauer eingehen, während wir gemeinsam diese Erfahrung durchleben. So sollte es zumindest sein.
Ich betrachte mein Spiegelbild. Meine Augen sind hellbraun, aber ihre Farbe kann sich mit meiner Stimmung verändern. Heute Abend wirken sie eher blau als grün oder braun. Sie sehen traurig aus, obwohl sich doch in diesem Moment Vorfreude darin spiegeln sollte, jene erwartungsvolle Erregung, die ein Mädchen vor dem Abschlussball fühlt.
Mein weißblondes Haar fällt offen auf meine Schultern. Der weiße Samtumhang, den ich trage, umschmiegt meine nackte Haut, und Nervosität erfasst mich, als mir klar wird, dass mich bald das Mondlicht berühren wird - das Mondlicht und Connor.
Ich wende mich vom Spiegel ab und gehe zum Eingang der Höhle, wo ein Wasserfall unser Refugium vor jenen verbirgt, die nichts von seiner und unserer Existenz wissen. Ich gleite durch den Vorhang aus Wasser und gehe an dem stillen Wasserbecken entlang, in dem sich bald der aufsteigende Mond spiegeln wird.
Ich erspähe Connor, der geduldig auf meine Ankunft wartet. Mit einer schwarzen Robe bekleidet, streckt er die Arme aus, und ich lege meine Hände in seine. Seine Finger - so lang, so ruhig, so beständig - umschließen meine Finger, die mir plötzlich zu zart und zerbrechlich erscheinen für das, was gleich geschehen wird. Als würde er meine Besorgnis ahnen, zieht er mich an sich. Seine Vertrautheit tröstet mich. Er ist der Richtige. Er ist immer der Richtige gewesen.
Seine Lippen streifen meinen Mund. Mein Herzschlag gerät aus dem Rhythmus angesichts der enormen Tragweite dessen, was gleich geschehen wird.
Er hält meine Hand und führt mich auf die Lichtung zum wartenden Mond, zu meinem Schicksal als seine Gefährtin.
Und ich hoffe, dass ich nicht die falsche Entscheidung getroffen habe, denn dann wäre ich dabei, den größten Fehler meines Lebens zu machen.
Angeblich spiegeln Träume unsere verborgenen Ängste und geheimen Wünsche wider, die nach Beachtung lechzen. Mein Traum der vergangenen Nacht war derart lebhaft gewesen, dass er mich noch gegen Abend erschaudern ließ. Ich saß an der Wand im Ratszimmer, wo die Ältesten und die Dunklen Wächter - die Beschützer unserer Gesellschaft - darüber diskutierten, wie unser Überleben am besten gesichert werden könnte. Da ich meine erste Verwandlung noch vor mir hatte, wurde ich als Neuling betrachtet und durfte noch nicht mit den anderen an dem großen runden Tisch sitzen. Das war mir recht, denn auf diese Weise konnte ich meinen Gedanken freien Lauf lassen, ohne dass jemandem auffiel, wie wenig ich bei der Sache war.
In meinem Traum stand ich auf einer Lichtung mit meinem zukünftigen Gefährten, Connor. Wir hielten uns so fest umschlungen, dass wir kaum atmen konnten. Der Vollmond beschien uns wie ein Scheinwerfer.
Dann trieben dunkle Wolken vor den Mond, und alles wurde schwarz. Während ich ihn noch immer in den Armen hielt, spürte ich überdeutlich, wie die Muskeln und Knochen seines Körpers sich gegen mich pressten. Er wurde größer und breiter. Meine Finger griffen in sein Haar, und ich fühlte, wie die Strähnen dicker und länger wurden. Sein Mund war auf meinem, aber seine Lippen waren voller als zuvor. Der Kuss war gieriger als jeder andere, den er mir je gegeben hat. Er ließ mich vom Kopf bis zu den Füßen erglühen - wie eine Kerze, die unter der heißen Flamme dahinschmolz. Ich wusste, ich hätte zurückweichen sollen, aber ich klammerte mich an ihn, als würde ich in einem Meer voller Zweifel ertrinken, wenn ich ihn losließ.
Die drohenden Wolken trieben davon, der Mond tauchte uns wieder in silbriges Licht - aber ich befand mich nicht mehr in Connors Armen. Stattdessen presste ich meinen Körper an Rafe, küsste ihn, sehnte mich nach seiner Berührung _ Die Erinnerung an mein verzweifeltes Verlangen nach Rafe ließ mich unbehaglich auf dem Stuhl herumrutschen. Es war Connor, nach dem ich mich sehnen sollte. Aber ich war in meinem zerwühlten Bettlaken aufgewacht und hatte mich nach Rafes Berührungen verzehrt - selbst wenn sie nur im Traum stattfanden.
Als ich erneut hin und her rutschte, spürte ich einen spitzen Ellbogen zwischen den Rippen.
"Kannst du nicht stillsitzen?", zischte Brittany Reed neben mir. Wie ich wurde auch sie bald siebzehn, und beim nächsten Vollmond würde sie ihre erste Verwandlung erleben.
Ich kannte Brittany seit der Vorschule. Wir waren Freundinnen, aber ich hatte mich ihr nie so nahe gefühlt wie Kayla, die ich erst im letzten Sommer kennen gelernt hatte, als ihre Adoptiveltern sie in den Park brachten, damit sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen konnte. Fast auf Anhieb spürten wir eine tiefe Verbundenheit. Das ganze Jahr über blieben wir über E-Mails, Textnachrichten und Telefonate in Kontakt.
Während der letzten Vollmondphase fand sie heraus, dass sie eine von uns ist und dass Lucas Wilde als der vom Schicksal bestimmte Gefährte zu ihr gehört. Ich kann mir kaum vorstellen, wie beängstigend es sein muss, nur so wenig Vorbereitungszeit zu haben. Wir Gestaltwandler können die erste Transformation nicht kontrollieren. Wenn der Vollmond aufgeht, reagiert unser Körper auf seinen Ruf. Aber jetzt saß Kayla mit den anderen am Tisch.
Zur Sommersonnenwende, dem längsten Tag des Jahres, kommen für gewöhnlich sehr viele von uns zusammen, um unsere Art zu feiern. Aber in diesem Jahr hing ein Schatten über uns, als wir uns in Wolford versammelten, einem Dorf, das tief versteckt in einem riesigen Staatsforst in der Nähe der kanadischen Grenze liegt. Von der einst geschäftigen Kleinstadt war nichts weiter übrig als ein paar kleine Häuser, und das massive, herrenhausartige Gebäude, in dem die Ältesten wohnen, die über uns bestimmen. Während der Feierlichkeiten zur Sommersonnenwende dient das Anwesen für die meisten von uns als Unterkunft.
Wir sind immer eine geheime Gesellschaft gewesen. Wir leben zwar in der gewöhnlichen Welt, offenbaren unsere wahre Identität jedoch nur unter unseresgleichen. Vor Kurzem erfuhren wir jedoch, dass Lucas' älterer Bruder uns verraten hat, indem er jemandem in der äußeren Welt von unserer Existenz erzählte. Darauf waren einige Wissenschaftler, die für ein Pharma-Unternehmen namens Bio-Chrome arbeiten, in den Nationalpark gekommen. Sie wollten einige von uns einfangen, um unsere Art zu erforschen und herauszufinden, was uns zur Transformation befähigt. Ihr Plan war es, diese Fähigkeit zu patentieren, weiterzuentwickeln und finanziellen Nutzen daraus zu ziehen. Aber keiner von uns wollte die Sommerferien damit verbringen, sich analysieren und untersuchen zu lassen.
Obwohl wir keine Spur von den Bio-Chrome-Wissenschaftlern mehr gesehen hatten, seit Lucas und Kayla aus ihren Klauen entkommen konnten, glaubte keiner von uns, dass sie ihr Vorhaben so leicht aufgeben würden. Wir waren alle nervös, weil wir eine drohende Konfrontation spürten - so wie Tiere ein nahendes Gewitter. Die Natur hatte uns für Gefahren sensibilisiert. Aus diesem Grund war es uns nicht wie den Dinosauriern ergangen.
Brittany hatte Recht. Ich musste ruhig bleiben. Ich musste aufhören, an den verrückten Traum zu denken und der Diskussion am Tisch mehr Aufmerksamkeit schenken. Während ich die Gesichter der Gruppe betrachtete, bemerkte ich Rafes Blick. Er beobachtete mich mit einer Eindringlichkeit, die mich fürchten ließ, dass er von meinem beunruhigenden Traum wusste. Seine dunklen Augen blickten herausfordernd und provozierten mich, nicht wegzuschauen, trotz des Risikos, dass man mich erwischte, wie ich ihn anstarrte, statt mich auf die Schutzmaßnahmen gegen Bio-Chrome zu konzentrieren. In diesem Moment konnte ich mir jedoch nicht vorstellen, dass irgendein Wissenschaftler für mich gefährlicher werden könnte als Rafe.
Er schien seine ganze Konzentration auf mich zu richten. Ich konnte seine Blicke fast auf meiner Haut spüren.
Ich wusste, dass ich wegsehen sollte, aber ich wollte diese machtvolle Verbindung nicht aufgeben. Nie zuvor hatte ich etwas derart Intensives empfunden. Die Ränder meines Gesichtsfeldes verschwammen; die Worte, die gesprochen wurden, klangen verzerrt, als wäre ich unter Wasser. Mein Herz schlug abwechselnd schnell und langsam - es war genauso verwirrt wie ich. Ich wollte aufstehen und zu ihm eilen, aber gleichzeitig hätte ich am liebsten die Flucht ergriffen.
Rafe redete nicht viel während dieser Sitzungen - aber er sprach nie besonders viel. Er war Lucas' Stellvertreter und handelte lieber, als zu reden. Er sah immer aus, als hätte er vergessen, sich zu rasieren; ständig war ein sexy Bartschatten auf seinem Kinn. Sein kräftiges, glattes Haar reichte ihm fast bis zu den Schultern und war so schwarz wie eine mondlose Nacht. Die Farbe seiner Augen erinnerte an dunkle Schokolade. Wenn er sich verwandelte, war er wunderschön _ und tödlich.
Im vergangenen Sommer sah ich, wie er einen Berglöwen tötete, während wir ein neues Campinggebiet erkundeten. Der Berglöwe griff an, Rafe verwandelte sich, und ich erlebte hautnah mit, wozu unsere Art fähig ist, wenn sie bedroht wird. Wir sind angriffslustig und tödlich.
Selbst in seiner menschlichen Gestalt ließ Rafes Anblick mich erschauern, durch all die ungezügelte Kraft, die von ihm ausging. Ich wusste nicht, warum er erst vor Kurzem begonnen hatte, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - obwohl das Wort ziehen in diesem Zusammenhang viel zu harmlos war. Keine fünf Sekunden lang gelang es mir, nicht an ihn zu denken, mich nicht zu fragen, wo er sich befand.
Er erregte meine Neugierde mehr als jeder andere Junge, sogar mehr als Connor. Ich wollte wissen, welche Filme er mochte und welche Bücher er las. Ich wollte mir die PlayListe seines iPods anhören und mir seine Lieblingssongs einprägen. Aber am allermeisten wollte ich wissen, wie es sich anfühlte, wenn er seine Arme um mich schlang, wie in meinem Traum. Ich wollte seine heißen Küsse spüren.
"Nur noch zwei Wochen, dann dürfen wir mit den großen Jungs spielen", flüsterte Brittany und brach den Zauber, mit dem mich Rafe gefangen hielt. Gleichzeitig flammten meine Schuldgefühle auf. Hatte sie mitbekommen, wer meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte und welcher "große Junge" mich gefesselt hielt? Oder hatte auch sie die Teilnehmer der Gesprächsrunde studiert in der Hoffiiung, die Aufmerksamkeit eines Jungen zu erregen? Es hieß, dass ein Mädchen die erste Verwandlung nicht überleben konnte, wenn sie sie allein durchstehen musste.
"Hast du keine Angst?", fragte ich. "Ich meine, weil dich bis jetzt noch niemand zu seiner Gefährtin erklärt hat?" Sobald ich die Worte ausgesprochen hatte, bedauerte ich sie. Brittany machte sich bestimmt auch ohne meine schonungslose Frage genug Sorgen.
Aber sie verdrehte nur ihre tiefblauen Augen und warf den Kopf zurück, wobei ihr pechschwarzer Haarzopf nach hinten fiel. "Das ist so mittelalterlich. Warum sollte ich darauf warten, dass irgendein Typ seinen Hintern hochkriegt und sich an mich ranmacht? Wenn ich weiß, wen ich will, sollte ich ihn fragen können. Kann doch nicht schaden, ab und zu das Alpha-Weibchen zu spielen. Schließlich leben wir im einundzwanzigsten Jahrhundert."
"Und wen würdest du fragen - wenn es erlaubt wäre?"
Sie zögerte, und einen kurzen Moment lang dachte ich, sie würde einen Namen nennen, aber dann zuckte sie nur die Achseln, als hätte sie sich noch nicht entschieden. "Jedenfalls keinen, den meine Eltern mir aufzwingen wollen."
Das saß. Sie spielte darauf an, dass Connors und meine Eltern unsere Beziehung gefördert hatten. "Meine Eltern haben Connor nicht ausgewählt."
"Wach auf. Gemeinsame Urlaubsfahrten, Sport, Geburtstagspartys - von klein auf hat euch deine Familie alles zusammen machen lassen."
Die Wahrheit ließ sich nicht bestreiten. Connor war bei all meinen großen Erlebnissen dabei gewesen. Ich hatte Fotos von Connor und mir im Freefall Tower in Disney World, beim Surfen auf Hawaii, beim Skilaufen in Aspen. Die Liste war lang. In den Sommern unserer Kindheit hatten wir uns kreischend und lachend bei Karussellfahrten amüsiert und mit unseren Eltern die Sehenswürdigkeiten unserer jeweiligen Urlaubsorte erkundet. Ich dachte daran, wie einsam ich mich vor zwei Jahren gefühlt hatte, als er seine ersten Sommer- und Winterferien im Nationalforst als Sherpa arbeitete. So bezeichnen wir die Wanderführer, die Touristen zu ihren Zeltplätzen begleiten und dafür sorgen, dass sie nicht zu unseren geheimen Orten vordringen. Im Sommer darauf bewarb ich mich ebenfalls als Sherpa.
"Wir hatten immer viel Spaß miteinander", sagte ich zu Brittany. "Wir passen gut zusammen."
"Ihr passt gut zusammen? Das klingt, als hättest du dir ein paar Schuhe ausgesucht, die zu einem neuen Rock passen. Deinen Gefährten anzunehmen ist wahrscheinlich die wichtigste Entscheidung, die du jemals treffen wirst."
"Warum stellst du meine Wahl infrage?" Und bringst mich gleichzeitig dazu, an meiner Wahl zu zweifeln, dachte ich. Oder hatte der Traum die törichten Zweifel hervorgerufen?
"Weil es Connor gegenüber nicht fair wäre, wenn du ihn nicht wirklich liebst."
"Und was geht dich das Ganze überhaupt an?", gab ich zurück. Sie presste die Lippen aufeinander. Sie lag mir schon seit Beginn des Sommers wegen meiner Beziehung zu Connor in den Ohren und unterstellte mir, keine gute Freundin für ihn zu sein. "O Gott. Bist du etwa in ihn verliebt?"
Bevor sie antworten konnte - falls sie es getan hätte -, drehte sich Lucas Wilde, unser Rudelführer, um und bedachte uns mit einem mahnenden Blick. Wortlos zum Schweigen gebracht, nickte ich ihm entschuldigend zu und konzentrierte mich endlich auf das, was am Tisch besprochen wurde. Nach unserer ersten Transformation würden Brittany und ich die Zahl der Dunklen Wächter auf zwölf erhöhen. Aber Kayla, Lucas, Connor, Rafe, Brittany und ich waren ein Sherpateam. Wir arbeiteten zusammen und begleiteten Wanderer in die Wildnis. Während unserer Arbeit als Wanderführer hatten wir auch die Bio-Chrome Gruppe kennen gelernt und ihre wahren Absichten durchschaut.
"Ich glaube nicht, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt viel ausrichten können", sagte Connor, und es machte mich stolz, dass er keine Angst hatte, das Wort an die drei Ältesten zu richten, die Weisheit und Erfahrung repräsentierten. "Professor Keane und sein Team haben vor zwei Wochen den Wald verlassen. Vielleicht haben sie ihre Suche nach uns mittlerweile aufgegeben."
Professor Keane war der führende Wissenschaftler bei Bio-Chrome und die treibende Kraft hinter dem Vorhaben, unsere Spezies zu studieren. Sein Sohn Mason stand ihm dabei tatkräftig zur Seite.
"Aber wahrscheinlich sind sie dabei, einen neuen Plan auszuhecken. Es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis sie wieder auftauchen", sagte Lucas.
"Das denke ich auch", stimmte Kayla zu.
Lucas schenkte ihr ein liebevolles Lächeln und griff unter dem Tisch nach ihrer Hand. Mit ihrer schulterlangen roten Haarmähne, war sie ohnehin eine auffallende Erscheinung, aber das Strahlen, das Lucas' Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht zauberte, machte sie zu einer atemberaubenden Schönheit.
"Glaubt mir, Mason ist ganz besessen davon, einen von uns zu fangen und nach dem Schlüssel für unsere Wandlungsfähigkeit zu suchen. Sie kommen mit Sicherheit zurück, und deshalb müssen wir bereit sein", fuhr sie fort. "Er wird nicht aufgeben."
Zu Beginn des Sommers hatte Kayla ein wenig Interesse an Mason gezeigt. Natürlich war dieses Interesse rasch verflogen, als sie herausfand, dass sie für Mason nur als Köder diente, um Lucas eine Falle zu stellen. Mittlerweile konnte man sie sich unmöglich mit einem anderen Jungen als Lucas vorstellen.
Der Älteste Wilde, Lucas' Großvater, erhob sich. "Wir bleiben in Alarmbereitschaft. Unser aller Leben hängt vom Mut und Geschick unserer Dunklen Wächter ab. Ich habe vollkommenes Vertrauen in eure Fähigkeit, uns zu beschützen. Aber jetzt ist es Zeit, die Sommersonnenwende zu feiern, für die so viele von uns hierhergekommen sind." Er breitete die Arme aus, als wolle er uns alle umarmen. "Vergesst eure Sorgen, und genießt die Nacht."
"Macht er Witze?", zischte Brittany.
"Ältester Wilde hat Mason und seinen Dad nicht kennen gelernt. Er versteht nicht, wie gefährlich und besessen die beiden sind", erwiderte ich.
"Glaubst du wirklich, dass es möglich ist? Dass man ein Serum herstellen kann, das Lykanthropie auslöst?"
"Ich weiß es nicht. Aber schließlich haben wir kein Virus im Blut. Es ist genetisch. Entweder man hat das Gen, oder man hat es nicht."
"Tja, Pech für die, die's nicht haben", murmelte Brittany.
"Gut, dass wir uns darum keine Sorgen machen müssen. Bald werden wir uns zusammen mit den Dunklen Wächtern verwandeln." Ich stand auf und trat Kayla entgegen, die mit strahlendem Lächeln und einem aufgeregten Leuchten in den hellblauen Augen auf uns zukam.
"Worüber habt ihr beiden hier getratscht? Ich hab mich da drüben total ausgeschlossen gefühlt."
"Nichts Wichtiges", sagte ich.
"Siehst du? Das beweist, dass ich Recht habe", sagte Brittany, wobei sie erneut darauf anspielte, dass ich nicht gründlich genug über die Wahl meines Gefährten nachgedacht hatte. Langsam gingen mir ihre Anschuldigungen auf die Nerven. Warum hörte sie nicht endlich damit auf? Wenn sie ihre Grübeleien über meine Partnerwahl beendete, würde sie vielleicht endlich selbst einen Jungen finden.
"Womit hast du Recht?", fragte Connor, der an meine Seite getreten war. Ich erstarrte und fragte mich, wie er auf Brittanys Anspielungen reagieren würde, wir hätten uns von unseren Eltern verkuppeln lassen.
Aber sie sagte nur: "Nichts von Bedeutung."
Ich entspannte mich. Sie würde ihre Zweifel an meinen Gefühlen für Connor nicht preisgeben. Ich wollte nicht, dass er an meiner Zuneigung zweifelte, weil ich ihn wirklich gern hatte - egal, was Brittany dachte. Connor und ich haben immer gewusst, dass wir zusammengehören.
Lucas trat hinter Kayla, legte den Arm um sie und zog sie an sich, als könnte er es nicht ertragen, sie nicht zu berühren. Warum hatten Connor und ich nicht dieses verrückte Verlangen nach ständigem Gekuschel?
Unsicher schaute ich mich im Raum um und stellte fest, dass Rafe schon fort war. Das überraschte mich nicht, denn wenn wir nicht gerade arbeiteten, Party machten oder zusammen Wache schoben, war er ein Einzelgänger.
"Und wollen wir uns sofort in die Party stürzen?", fragte Lucas.
"Das ist wohl nicht dein Ernst! Für mein erstes Sonnwendfest werde ich mich doch wohl ein bisschen schick machen dürfen", sagte Kayla.
Er musterte sie zärtlich. "Ich finde, du siehst jetzt schon toll aus."
"Bei den Schmeicheleinheiten kann man ja neidisch werden", sagte Brittany neckend.
Ich sah Connor an. "Ich geh mich auch umziehen."
"In Ordnung. Wir sehen uns später."
Wie sehr sich seine Worte von Lucas' Tonfall unterschieden! Sicher lag es daran, dass Lucas und Kayla einander gerade erst gefunden hatten, sagte ich mir, während Connor und ich schon seit Ewigkeiten zusammen waren. Dennoch wünschte ich mir ein bisschen mehr Herzklopfen, wenn wir einander nah waren.
"Ich kann immer noch nicht fassen, wie riesig dieses Gebäude ist", sagte Kayla, als wir durch den Flur zur Eingangshalle gingen, nachdem wir die Jungs im Ratssaal zurückgelassen hatten. Was für mich selbstverständlich war, war neu für sie. Zusammen mit Kayla sah auch ich alles mit anderen Augen.
Alle Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt. Der Steinfußboden war abgetreten und zerkratzt, wo Pfoten über ihn gelaufen waren. Ahnenporträts, sowohl in menschlicher als auch in Wolfsgestalt, zierten die Wände.
"Früher hat der ganze Klan hier gelebt", sagte Brittany. Sie war fasziniert von unserer Geschichte, während ich ihr eher gleichgültig gegenüberstand. "Wir waren autark. Dann kam die Industrialisierung, und wir erkannten, wie viel uns entging, wenn wir uns weiterhin isolierten."
"Also zogen wir hinaus in die große, böse Welt", unterbrach ich sie.
"So schlecht ist sie gar nicht", sagte Brittany.
"Warum müssen wir unsere Existenz dann geheim halten?", fragte Kayla.
"Weil man uns folterte und als Hexen und Dämonen verbrannte, als wir versuchten, uns zu offenbaren", antwortete Brittany.
"Ich weiß, aber das passierte vor langer Zeit", sagte Kayla. "Glaubt ihr nicht, dass die Menschen heutzutage aufgeklärter und toleranter sind?"
"Was sagte dir dein Bauchgefühl, als du von unserer Existenz erfahren hast?", fragte ich.
Sie errötete so stark, dass die blassen Sommersprossen auf ihren Wangen verschwanden. "Ich konnte es kaum glauben. Und als ich herausgefunden habe, dass ich eine von euch bin, war ich, ehrlich gesagt, entsetzt. Aber jetzt, da ich weiß, dass wir keine tollwütigen, bösartigen Werwölfe sind, finde ich es ziemlich cool. Das will ich damit sagen. Wenn man den Leuten verständlich machen könnte, was wir wirklich sind, würden sie uns vielleicht akzeptieren."
"Oder sie würden uns einfangen und erforschen wollen. Wie die von Bio-Chrome."
"Aber wenn alle über uns Bescheid wüssten, würde uns die Regierung beschützen."
"Wir schützen uns selbst", sagte Brittany heftig. "Das haben wir schon immer getan. Und so wird es auch immer bleiben."
"Ich dachte nur, es könnte nicht schaden, ein wenig Hilfe zu bekommen."
"Diese Entscheidung liegt nicht bei uns", warf ich ein, während wir uns der breiten, geschwungenen Treppe näherten, die zu dem Zimmer führte, das wir drei uns teilten. "Außerdem stehen wir jetzt vor viel schwierigeren Entscheidungen - zum Beispiel, was wir heute Abend anziehen sollen."