Richtig liegen - Draesner, Ulrike

Ulrike Draesner 

Richtig liegen

Geschichten in Paaren

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Richtig liegen

Wie man sich falsch bettet und trotzdem richtig liegt 130 Kilo Fett liegen neben Birte auf der Matratze - sie selbst staunt am meisten darüber, wie sehr man so etwas lieben kann. Ein Hobbytierschützer liegt nachts lieber Fledermäusen auf der Lauer als neben seiner Frau, und Schnebel, auch "Scheba" genannt, kocht den Mobbing-Kollegen ein Abschiedsmahl, das ihnen noch lange im Magen liegen wird. Ulrike Draesners neue Erzählungen werfen furiose Schlaglichter auf Lieben, Karrieren und die Unberechenbarkeit des Glücks.Unberechenbar war das Glück schon immer, heute sind es auch Arbeit und Erfolg. Emil sitzt in einem nie zu Ende gebauten Schloss in einer eisigen Höhle, zwei Kollegen haben die Tür verschlossen. Ob sie ihn je wieder herauslassen? Ob er selbst einen Weg findet? Pider hingegen steht fünf Meter vom Strand entfernt ganz freiwillig im Meer, obwohl er weiß, dass die Strömung hier tödlich ist. Ein kleiner Schritt entscheidet. Ulrike Draesner erzählt kunstvoll und leidenschaftlich von Pendelbeziehungen, Liebessehnsüchten, Esswahn und Geldlust, von Ganzkörpereinsätzen und Lebenslist. Es sind Geschichten über Paare und Paarwillige, Geschichten, die ihrerseits Paare bilden und zum selben Thema überraschend gegensätzliche Meinungen haben. Und sich garantiert nicht versöhnen.

""Scherz, Leichtigkeit und eine Dosis Übermut." -- Frankfurter Rundschau

"Mit unglaublicher sprachlicher Kreativität erzählt Ulrike Draesner vom ältesten Thema der Welt. Dem sie - die Lyrikerin - immer wieder neue Töne entlockt, von vermeintlich albernen Wortungetümen bis zu berückend poetischen Wendungen." -- Andrea Gerk / NDR Kultur

"Lustvolle Geschichten voller Gefühl, dabei kunstvoll und klug." -- Carsten Hueck / Deutschlandradio Kultur


Produktinformation

  • Abmessung: 223mm x 135mm x 27mm
  • Gewicht: 434g
  • ISBN-13: 9783630873244
  • ISBN-10: 3630873243
  • Best.Nr.: 32535728

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nach der Lektüre von Ulrike Draesners siebzehn unter dem Titel "Richtig liegen" versammelten Kurzgeschichten bleibt Rezensent Oliver Jungen "auf schöne Weise ein wenig traurig" zurück. Wenn Draesner in ihren ebenso poetischen wie rätselhaft-grotesken Erzählungen über den Versuch von Paarbeziehungen in einer egomanischen Gesellschaft der routinierte und ökonomische Alltag ihrer Protagonistinnen immer wieder durch Begehren und Lüste durchbrochen wird, fühlt sich der Rezensent an Kafkas Surrealismus erinnert. Mit viel Feingefühl schildere Draesner ihre tragischen, sich nach Zuneigung sehnenden Figuren: dem Kritiker begegnet hier beispielsweise eine Fledermausforscherin, die sich ähnlich ihren Forschungsobjekten in den Kopfstand begibt, um die von fünf Männern angesammelten Spermien ein Wettrennen austragen lassen will.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.11.2011

Fleisch und Wolf
Paare in beziehungslosen Zeiten: Ulrike Draesners betörende Geschichten

Es kennt keinen Sieger, dieses über siebzehn Runden währende Ringen zwischen Instinkt und Selbstentwurf, Letzteres zu verstehen als radikale Ich-Autarkie, als Ausscheren aus der Horde, weshalb der Preis auch das Arrangement mit der Vereinzelung zu sein scheint. Bedrohlich jedenfalls dämmert hinter den Figurenschicksalen in diesem klugen, feinsinnigen, ungeheuer verdichteten Erzählband die Entgesellschaftung herauf ("das Wippen der Köpfe, jeder in seinem iPod-Takt").

Immer wieder aber funkt selbst in der technoiden, hocheffizient verwalteten Ultramoderne der Erhaltungstrieb der Gattung dazwischen, das Begehren, das viele von Ulrike Draesners Helden und Heldinnen wider besseres Wissen gern metabiologisch interpretieren würden, ganz klassisch als Triumph der Emotion: "Fast hätte sie gelacht. Marius war, laut Zellenanalyse, 23-25 Jahre alt. Es war aber so: Ihr Lächeln wollte zu ihm. Schon den ganzen Tag." Und doch kann es, darin besteht die Grundtragik dieser leicht zum Grotesken hin verzerrten, gleichwohl sehr unsrigen Welt - vielfach nehmen die …

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"Mit unglaublicher sprachlicher Kreativität erzählt Ulrike Draesner vom ältesten Thema der Welt. Dem sie - die Lyrikerin - immer wieder neue Töne entlockt, von vermeintlich albernen Wortungetümen bis zu berückend poetischen Wendungen." Andrea Gerk / NDR Kultur

""Scherz, Leichtigkeit und eine Dosis Übermut."

""Scherz, Leichtigkeit und eine Dosis Übermut."
Ulrike Draesner, geboren 1962 in München, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in München und Oxford, Promotion 1992 mit einer Arbeit über Wolframs Parzival. 1993 stieg sie aus der Wissenschaft aus, um schreiben zu können. Neben ihren wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte sie Gedichte, Erzählungen, Hörspiele sowie einen ersten Roman. Sie lebt als freie Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturkritikerin in Berlin. 1997 erhielt sie den "foglio-Preis für junge Literatur" sowie den "Bayrischen Staatsförderpreis" für Literatur. 2010 erhielt sie den hochdotierter Solothurner Literaturpreis.

Leseprobe zu "Richtig liegen" von Ulrike Draesner

Die Anrichte (S. 115-116)

Eis trieb über den See, grünsilbern spiegelten die Berge, »da«, »das …«, »die Zu…«, man stotterte, es war kalt. Die Zugspitze konnte man nicht wirklich sehen, aber man war den Bergen nahe und begann, über das Sehen zu sprechen, weil, davon war Carmel schon lange überzeugt, man sowieso nur in die Berge ging, damit sie einem das Sehen in Frage stellten, einen sozusagen auf Schritt und Tritt mit dem eigenen Gesehenwerden und Sehenmüssen konfrontierten. »Konfrontierten«, Emphase-Nachstellposition. »Prächtig«, murmelte Aljoscha in seinen Schal. »Prächtig«, echote Emil, meinte aber die Kälte. Warum standen sie auch bei minus 17 Grad und zweieinhalb Seeknoten an der Reling und schauten in den Januarnachmittag.

Emils Gesicht sah zwischen Wollwickeln und herabgezogener Mütze wie ein mit rosa Lachs belegtes Brötchen aus. Der Austausch mit den Moskauer Linguisten hatte alle Erwartungen übertroffen, interdisziplinär, intereuropäisch – Emils Idee, von Emil organisiert. Man wollte weiter kooperieren, auch wenn die perfekt trilingualen Russen (russisch, englisch, deutsch) über die Arroganz der Sprachphilosophen geklagt, ja, ihnen praktische Ignoranz vorgeworfen hatten. Mit Carmels Hilfe zeigte Emil sich aber auch dieser Herausforderung gewachsen, die Gäste waren fürstlich bewirtet worden; unter fünf angebotenen Ausflugszielen hatten sie für diesen letzten Tag das kälteste gewählt. »Wieso lässt der See sich bei diesem Wetter überhaupt befahren?«, fragten sie sogleich, »gibt es eine unterirdische Gasleitung, ist das euer Transrapid-Ersatzprojekt?«

Emil lächelte, wenn auch etwas gequält. Carmel mochte sein Lachen so sehr, dass sie manchmal absichtlich schlechte Scherze machte. Diesen hatte sie nicht gemacht. Heute hielt sie den Mund. Heute den ganzen Tag. Klappe zu, Affe tot. Der Liebesaffe in ihr. Aljoscha lachte. Er hatte sich gestern im Institut einen Lageplan ausgedruckt, den er jetzt in die Brusttasche seiner Jacke zurückschob. Kühl und klar klebte die zackige Spiegelung der Berge am Himmel, nur Spitzen, kein Grund. Siebzehn schlotternde Striche stapften auf eisschorfigem Schotterweg Richtung Schloss. Schs, sts, schls. Aljoscha sprach so etwas mühelos nach, er verfügte über zahlreiche muttersprachliche Zischformen, damit lachte sich leicht.

Emil verfügte über zahlreiche Adjektive für Frauen. Wehe, es kam Carmel jetzt jemand mit den angeblich 21 Inuitwörtern für Schnee. Stattdessen »otschjenh«: das Traumding, die Märchenratte, tauchte hinter den kahlen Bäumen auf. Ratte? Rakete! Linguistisch lag das nah beieinander, baufällig war das Schloss auch, wie aus dem Seewasser geschoben, überkrustet von Eis. Emil, rechts neben dem Gast, rieb sich die Hände. Carmel ärgerte sich: Was gefiel ihm denn hier? Dass einem einmal keine Grütze um die Füße schwamm? Die Enten hockten auch nur gefroren am Ufer. Aljoscha ging in der Mitte und nannte Carmel Cam (wie bei Camcorder), das Schloss glich sich selbst. Nur der zweite Teil dieses Satzes war grammatisch und logisch ideal.

Dem Kopf des Schlittenkönigs glich das Schloss ebenfalls. Für Ludwigs Ende hatte Ludwig einen anderen See gewählt, Bergblick inklusive. »Das erklärt nichts«, sagte Aljoscha mit typischer russischer Leichtigkeit – Klischees über Russen bestätigte er am laufenden Band. Deutsch ohne Akzent, Faust auswendig, ebenso alle Fernsehshows der 70er. Aljoscha konnte Rudi Carrell. Verben wie »auseinandergehen« verstand er im Schlaf, diese Tätigkeit hatte nur einen Aspekt. Als er den Camcorder auf Carmel richtete, hielt sie die Hand vor die Linse. »Otschjenh«, murmelte er, »charascho.«

Niemand hatte sie davor gewarnt, dass Teile der russischen Delegation so gut aussehen würden. Stumm hielt Aljoscha den Tschechowkopf über einen kleinen Schlossgraben, Seewasser dampfte herauf. Dann drehte er sich zu Cam: keineswegs melancholische Augen. Nur Undurchsichtigkeit. Emil bezahlte den Eintritt für sich und den ruffördernden Gast. Carmel suchte mit steifen Fingern im eigenen Portemonnaie. Stand sie mit den gleichen wühlenden Fingerbewegungen an Emils Schreibtisch, schämte sie sich. Er druckte seine Mails aus. Damit sie sie fand?

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