Reisende auf einem Bein - Müller, Herta

Herta Müller 

Reisende auf einem Bein

Roman

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Reisende auf einem Bein

Irene ist weder ganz abgereist noch endgültig angekommen. Ihre alte Heimat, das Rumänien Ceauçescus, hat sie verloren, während ihr die neue Heimat Deutschland verschlossen bleibt: Im neuen Land stehen den Namen Dinge gegenüber, die nicht zu ihnen passen wollen, die nichts gemein haben mit den Wünschen aus der Ferne. Einsam durchstreift sie Westberlins Bahnhofslandschaften und Durchgangsorte, auch in ihren Beziehungen mit Männern bleibt sie innerlich allein. Der erste Prosaband der Nobelpreisträgerin Herta Müller ist eine bewegende Geschichte von Ferne und Nähe, Abreise und Ankunft - und der Leere dazwischen, in der wir schmerzhaft uns selbst spüren.


Produktinformation

  • Verlag: Hanser
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 175 S.
  • Seitenzahl: 176
  • Best.Nr. des Verlages: 505/23534
  • Deutsch
  • Abmessung: 196mm x 126mm x 90mm
  • Gewicht: 290g
  • ISBN-13: 9783446235342
  • ISBN-10: 3446235345
  • Best.Nr.: 29503692

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Dies ist das erste Buch, das Herta Müller nach ihrer Ankunft in Deutschland veröffentlichte. Das Autobiografische merkt man, so Rezensent Burkhard Müller, ihm und ihrer in Deutschland ankommenden Heldin an. Glücklich wird diese freilich erst einmal nicht; sie staunt und zeigt sich verletzlich. Unterschiedliche Männer tauchen da auf, einer vergisst ihr zuliebe kurz mal seine Homosexualität. Hinter den alltäglichen Dingen - Flohmarkt, Chipstüte, Kaninchen - ahnt Irene ökonomische, politische und andere Verhängnisse. Knapp wird das beschrieben, in den Sätzen sieht der Rezensent eine "vorsichtige, scharfe Ökonomie" am Werk. Als "Kassandra", die in die Vergangenheit blickt, nimmt er diese Erzählerin wahr. Es hat ihn, wie es scheint, das Buch durchaus beeindruckt. Nur von Herzen glücklich gemacht hat es ihn sichtlich nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 23.10.2010

Kassandra der Vergangenheit
Welkendes in Westberlin: Herta Müllers erster Prosaband nach ihrer Ausreise aus Rumänien
Diese Heldin tut erst gar nicht so, als wäre sie von ihrer Autorin verschieden. Irene ist soeben aus Rumänien, dem „anderen Land“, nach Deutschland ausgereist, genauer nach Westberlin, und so war es 1987 auch Herta Müller ergangen. „Reisende auf einem Bein“, 1989 im Rotbuch-Verlag erschienen, war ihr erster Prosaband nach diesem Schritt, der ihr Leben für immer in zwei Hälften zerschneiden sollte. Nun, zwei Jahrzehnte und einen Nobelpreis später, kommt das Werk erneut bei Hanser heraus.
Irene begegnet der neuen Umgebung mit einem Erstaunen, in das sich Misstrauen mischt, und lässt in ihren Bewegungen, Wahrnehmungen und kurzen Sätzen eine vorsichtige, scharfe Ökonomie walten. Ein geschmückter Weihnachtsbaum erscheint ihr, als hätte man ihn mit Eingeweiden umwunden. An einer U-Bahn-Haltestelle beobachtet sie lang eine alte Frau und ein Kind, das eine Tüte Chips futtert. Nachdem die beiden eingestiegen sind, sagt sie vom Bahnsteig, der leer zurückbleibt: „An der Stelle, wo das Kind gestanden hatte, lagen Chips. Es war eine …

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Herta Müller, geboren 1953 im deutschsprachigen Nitzkydorf/Rumänien, studierte 1973 - 76 deutsche und rumänische Philologie in Temeswar. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Sie wurde entlassen, weil sie sich weigerte für den rumänischen Geheimdienst "Securitate" zu arbeiten. Ihr erstes Buch "Niederungen" lag danach 4 Jahre beim Verlag und wurde 1982 nur zensiert veröffentlicht. 1984 erschien es in der Originalfassung in Deutschland. Herta Müller konnte danach in Rumänien nicht mehr veröffentlichen und war immer wieder Verhören, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen durch die Securitate ausgesetzt. 1987 Übersiedlung nach Deutschland. 1989 - 2001 Gastprofessuren an Universitäten in England, Amerika, Schweiz und Deutschland. Seit 1995 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Herta Müller wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie 2006 den Würth-Preis für Europäische Literatur für ihr literarisches Gesamtwerk, den Walther-Hasenclever-Werkpreis sowie die Ehrengabe der Heine-Gesellschaft. 2009 erhielt Herta Müller den Nobelpreis für Literatur und den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis. 2010 wurde ihr der Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritische Literatur verliehen und 2012 erhielt

Leseprobe zu "Reisende auf einem Bein"

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Leseprobe zu "Reisende auf einem Bein" von Herta Müller

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1

ZWISCHEN den kleinen Dörfern unter Radarschirmen, die sich in den Himmel drehten, standen Soldaten. Hier war die Grenze des anderen Landes gewesen. Die steile Küste, die halb in den Himmel reichte, das Gestrüpp, der Strandflieder waren für Irene das Ende des anderen Landes geworden.
Am deutlichsten sah Irene dieses Ende am Wasser, das zuschlug und wegfloß. Das kurz zuschlug und lange wegfloß, weit hinter die schwimmenden Köpfe, bis es den Himmel bedeckte.
In diesem losgelösten Sommer spürte Irene zum ersten Mal das Wegfließen des Wassers weit draußen näher als den Sand unter den Füßen.An den Treppen der Steilküste, wo Erde bröckelte, sah Irene wie in all den anderen Sommern die Warntafeln stehen: »Erdrutschgefahr.«
Die Warnung hatte in diesem losgelösten Sommer zum ersten Mal wenig mit der Küste und viel mit Irene zu tun. Die Steilküste war wie gebaut aus Erdbrocken und Sand, wie gebaut von Soldaten, damit der Sog nicht ins Land, nicht ins Innere kam, von irgendwo her.
Am Abend waren die Soldaten betrunken. Sie gingen wieder auf und ab. Die Flaschen klirrten im Gestrüpp. Weitab von den Kegelbahnen, von den tanzenden Sommerkleidern in den Kneipen standen sie, die Soldaten, unter den Trichtern der Radarschirme. Die fingen nur Licht ein und den Wechsel der Farben im Wasser. Sie gehörten der Grenze des anderen Landes, wie die Soldaten der Grenze des anderen Landes gehörten.
Himmel und Wasser waren gleich in der Nacht.Der Himmel glimmte vor sich hin, unruhig mit verstreuten Sternen, getrieben von Ebbe und Flut. Er blieb schwarz und still. Und das Wasser tobte.
Wenn das Wasser längst dunkel war, die Wellen hoch, war der Himmel noch grau, bis die Nacht kam, von unten.Zwei Stunden, bis die Musik der Rockband aus der kleinen Kneipe neben dem Dorf zu hören gewesen war, war Irene die Küste entlanggegangen. Jeden Abend zwei Stunden.
Es sollten Spaziergänge sein.Am ersten Abend hatte Irene auf den Himmel hinaus und aufs Wasser geschaut. Dann hatte sich ein Strauch anders als die anderen Sträucher bewegt. Nicht vom Wind.Hinter dem Strauch stand ein Mann. Lauter, als das Wasser schlug, und doch mit einer Stimme, als würde er flüstern, sagte der Mann:Schau mich an. Lauf nicht weg. Ich tu dir nichts. Ich will nichts von dir. Ich will dich nur sehen.
Irene war stehengeblieben.
Der Mann rieb sein Glied. Keuchte. Das Meer nahm seine Stimme nicht mit.
Dann tropften seine Fingernägel. Dann war sein Mund zerbrochen und sein Gesicht weich und alt. Das Wasser schlug. Der Mann schloß die Augen.

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