Reine Glückssache / Stephanie-Plum-Roman Bd.9 - Evanovich, Janet

Janet Evanovich 

Reine Glückssache / Stephanie-Plum-Roman Bd.9

Aus d. Amerikan. v. Thomas Stegers
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Reine Glückssache / Stephanie-Plum-Roman Bd.9

Die liebenswerte Chaotin Stephanie Plum hat mit ihrer verrückten Familie alle Hände voll zu tun: Ihre Mutter hat sich im Bad eingesperrt, ihre schwangere Schwester dreht langsam durch, und ihre Großmutter treibt Stephanies Vater in den Irrsinn. Außerdem wären da noch Stephanies kompliziertes Liebesleben - und ihr Beruf als Kautionsjägerin: Stephanie soll den Inder Samuel Singh finden, der kurz vor Ablauf seines Visums spurlos verschwunden ist. Leider erkennt sie fast zu spät, dass ihre Nachforschungen sie direkt ins Visier eines Killers geführt haben ...

'Spannend und gleichzeitig schreiend komisch!' -- Brigitte

"Evanovichs zahllose Fans werden von diesem neuesten Roman über die niedliche, tollpatschige, unwiderstehliche Stephanie Plum komplett begeistert sein. Hier gibt es mehr zu lachen, mehr erotisches Knistern und mehr turbulente Abenteuer als irgendwo sonst." -- Publishers Weekly

"Irrsinnig komische Kapriolen, die man atemlos verfolgt." -- New York Times Book Review


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 346 S.
  • Seitenzahl: 352
  • Goldmann Taschenbücher Bd.46327
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 119mm x 30mm
  • Gewicht: 304g
  • ISBN-13: 9783442463275
  • ISBN-10: 3442463270
  • Best.Nr.: 20841313
"Irrsinnig komische Kapriolen, die man atemlos verfolgt."

"Stephanie muss man einfach lieben, sie ist schrill, komisch und liebenswert zugleich, so wie der ganze Roman charmant und witzig zugleich ist." (Salzburger Volkszeitung)
Janet Evanovich stammt aus South River, New Jersey, und lebt heute in New Hampshire. Die Autorin wurde von der Crime Writers Association mit dem "Last Laugh Award" und dem "Silver Dagger" ausgezeichnet und erhielt bereits zweimal den Krimipreis des Verbands der unabhängigen Buchhändler in den USA.

Leseprobe zu "Reine Glückssache / Stephanie-Plum-Roman Bd.9"

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Leseprobe zu "Reine Glückssache / Stephanie-Plum-Roman Bd.9"

Ich heiße Stephanie Plum. Geboren und aufgewachsen bin ich in Trenton, New Jersey, Stadtteil Chambersburg, kurz Burg genannt. Männer machen hier vor allem eines: Kuchen und Schweineschwarten in sich hineinstopfen und Rettungsringe aus Hüftspeck ansetzen. Die Völlerei mit Kuchen und Schweineschwarten wird mir tagtäglich vorgeführt, die Rettungsringe brauchen ihre Zeit zum Wachsen – zum Glück.

Der erste Mann, den ich leibhaftig und aus allernächster Nähe zu sehen bekam, war Joe Morelli. Morelli setzte meinem Jungfrauendasein ein Ende und führte den männlichen Körper in Perfektion vor – geschmeidig, muskelbepackt und sexy. Damals hieß lebenslange Bindung bei Morelli zwanzig Minuten. Ich war eine von Unzähligen, die Morellis bestes Stück bewundern durften, wenn er sich danach seine Hose wieder hochzog und sich aus dem Staub machte.

Seitdem tritt er von Zeit zu Zeit in mein Leben und verschwindet auch wieder daraus. Im Augenblick ist er wieder angesagt, und mit zunehmendem Alter ist er sogar noch besser geworden, einschließlich Hintern.

Der Anblick eines nackten Hinterns ist daher eigentlich nichts Neues für mich, doch der, den ich jetzt gerade vor Augen hatte, schlug dem Fass den Boden aus. Punky Balog hatte einen Arsch wie Pu der Bär, dick und fett und behaart. Leider war damit die Ähnlichkeit auch schon vorbei, denn im Gegensatz zu Pu dem Bären hatte Punky Balog nichts Liebenswertes oder Knuddeliges an sich.

Ich saß in meinem quittengelben Ford Escape, Punkys marodem Reihenhaus gegenüber, und Punky drückte seinen riesenhaften Pu-Hintern gegen ein Fenster im ersten Stock. Meine gelegentliche Partnerin Lula saß als mein Begleitschutz auf dem Beifahrersitz, und Lula und ich glotzten mit offenen Mäulern entsetzt hoch zu dem Hintern.

Punky rieb seinen Hintern an der Fensterscheibe hin und her, und Lula und ich verzogen angewidert das Gesicht und kreischten im Chor ihh!

"Ich glaube, der weiß genau, dass wir hier draußen sind", meinte Lula. "Vielleicht will er uns was damit sagen."

Lula und ich arbeiten für meinen Vetter Vincent Plum, den Kautionsmakler. Vincents Büro ist in der Hamilton Avenue, die großen Vorderfenster gehen nach Burg hinaus. Vincent ist nicht der allerbeste Kautionsmakler, der schlechteste auch nicht. Wenn ich ehrlich sein soll: Wahrscheinlich wäre er ein besserer Makler, hätte er nicht Lula und mich am Hals. Ich jage für Vinnie die Kautionsflüchtlinge, und ich habe mehr Glück als Talent. Lula ist hauptsächlich für die Büroablage zuständig. Lula verfügt weder über Glück noch Talent. Was Lula auszeichnet, ist die Fähigkeit zur Toleranz, das heißt, Vinnie zu tolerieren. Lula ist eine schwarze Frau mit Übergröße in einer unterbelichteten weißen Männerwelt, und sie hat viel Übung darin, sich künstlich aufzuspulen.

Punky drehte sich jetzt zu uns um und wedelte mit seinem Schwengel.

"Ein Trauerspiel", sagte Lula. "Was denken sich die Männer eigentlich dabei? Würdest du dich mit so einem schrumpligen Wurmfortsatz in die Öffentlichkeit trauen?"

Punky fing an zu tanzen, sprang herum, der Schwengel hüpfte auf und ab, der Sack baumelte hin und her.

"Ach, du liebe Scheiße", sagte Lula. "Der wird sich noch was brechen."

"Langsam wird es ungemütlich."

"Gut, dass wir das Fernglas nicht mitgebracht haben. So was möchte ich lieber nicht von nahem sehen."

Ich möchte so was nicht mal von ferne sehen.

"Als Nutte habe ich mich vor dem Abkotzen immer dadurch bewahrt, dass ich mir die Gehänge von den Männern als Muppetfiguren vorgestellt habe", sagte Lula. "Der Typ sieht aus wie ein Muppet-Ameisenbär. Guck mal, das kleine Haarbüschel auf dem Kopf des Ameisenbärs. Und dann dieses Ding, mit dem der Ameisenbär die Ameisen aufsaugt ... nur, dass Punky ziemlich dicht an die Ameisen ran muss, weil sein Saugrüssel nicht groß genug ist. Punky hat nur ein Pipihähnchen."

Lula war in ihrem früheren Leben Nutte gewesen. Eines Abends, sie ging gerade ihrem Gewerbe nach, hatte sie ein Nahtod-Erlebnis; danach beschloss sie, alles in ihrem Leben zu ändern, außer ihrer Garderobe. Nicht mal ein Nahtod-Erlebnis konnte sie von Spandex abbringen. Heute hatte sie ein hautenges rosa Minikleid an, dazu ein Top im Tigerfellmuster, in dem ihre Titten aussahen wie dicke, runde, prall gefüllte Luftballons. Es war Vormittags, Anfang Juni, noch knallte die Sonne nicht auf New Jersey herab, und Lula trug einen gelben Angorapullover über dem Top.

"Na, so was", sagte Lula. "Ich glaube, sein Rüsselchen richtet sich auf."

Der Anblick rief wieder das vereinte ihh! hervor.

"Soll ich ihn erschießen?", sagte Lula.

"Nicht schießen!" Es war reines Pflichtgefühl meinerseits, Lula davon abzuhalten, ihre Glock hervorzuholen, aber sehr wahrscheinlich hätte man der Öffentlichkeit einen Gefallen getan, wenn man Punky abgeknallt hätte.

"Wie dringend sind wir denn hinter dem Kerl her?", wollte Lula wissen.

"Wenn ich ihn nicht dem Gericht zuführe, kriege ich kein Honorar. Wenn ich kein Honorar kriege, kann ich meine Miete nicht bezahlen. Wenn ich meine Miete nicht bezahle, fliege ich aus meiner Wohnung und muss zu meinen Eltern ziehen."

"Das heißt also, wir sind dringend hinter ihm her."

"Sehr dringend."

"Und weswegen wird er gesucht?"

"Schwerer Diebstahl."

"Wenigstens nicht bewaffneter Raubüberfall. Bleibt mir nur die Hoffnung, dass seine einzige Waffe die ist, die er gerade in der Hand hält. Die sieht mir nämlich nicht sonderlich bedrohlich aus."

"Dann sollten wir zugreifen."

"Ich bin dabei, voll Stoff", sagte Lula. "Punky in den Fettarsch treten, da kommt Freude auf."

Ich drehte den Zündschlüssel im Anlasser herum. "Ich setze dich drüben an der Straßenecke ab, dann kannst du dich an den Hintereingang ranschleichen. Denk daran, dein Walkie-Talkie einzuschalten, damit ich dir Bescheid geben kann, wann ich losgehe."

"Alles klar. Roger."

"Und nicht schießen. Kein Türeintreten. Und nicht einen auf Dirty Harry machen."

"Du kannst dich auf mich verlassen."

Drei Minuten später meldete Lula, sie sei jetzt auf ihrem Posten. Ich stellte den Escape zwei Häuser weiter ab, ging zu Punkys Hauseingang und schellte. Keine Reaktion. Ich schellte noch mal. Mit der Faust hämmerte ich gegen die Tür und rief: "Kautionsdetektiv! Machen Sie die Tür auf!"

Von der Rückseite des Hauses tönte Geschrei herüber, eine Tür wurde krachend eingetreten und wieder zugeknallt, dann wieder gedämpftes Geschrei. Ich rief Lula auf dem Walkie-Talkie, aber erhielt keine Antwort. Im nächsten Moment öffnete sich die Haustür nebenan, und Lula stapfte heraus.

"Ist ja schon gut, entschuldigen Sie", keifte sie die Frau hinter sich an. "Hab' mich eben in der Tür geirrt. Das kann passieren. Wir stehen unter irrem Druck bei diesen gefährlichen Festnahmen."

Die Frau giftete Lula an, warf die Tür zu und verriegelte sie.

"Ich muss mich bei den Häusern verzählt haben", sagte Lula zu mir. "Ich bin irgendwie durch die falsche Tür ins Haus gestiegen."

"Ich habe dir extra gesagt, du sollst überhaupt keine Tür öffnen."

"Ich weiß, aber ich habe drinnen jemanden rumoren hören. Muss wohl, weil die Nachbarin ja da war, oder? Also? Was gibt's? Wieso bist du noch nicht in Punkys Haus?"

"Er hat nicht aufgemacht."

Lula trat einen Schritt zurück und guckte hoch. "Das kommt, weil er dir immer noch den Blanken zeigt."

Ich folgte Lulas Blick. Sie hatte Recht. Punky hielt wieder seinen Allerwertesten ins Fenster.

"He!", brüllte Lula. "Heben Sie Ihren fetten Arsch vom Fenster weg und kommen Sie gefälligst runter! Wir sind Kautionsdetektive!"

Aus dem Haus gegenüber, auf der anderen Straßenseite, traten eine alte Frau und ein alter Mann, ließen sich auf der Treppenstufe vor der Haustür nieder und schauten zu.

"Wollen Sie ihn erschießen?", fragte der alte Mann.

"Ich darf so gut wie nie auf Leute schießen", klärte Lula ihn auf.

"Wirklich schade", sagte der Mann. "Und die Tür eintreten? Dürfen Sie wenigstens das?"

Lula stemmte die Fäuste in die Seiten und bedachte den Mann mit ihrem schamlosen Du-spinnst-wohl-Blick. "Die Tür eintreten? Würden Sie etwa in diesen Schuhen eine Tür eintreten? Das sind Via Spigas. Mit Via Spigas an den Füßen tritt man keine Türen ein. Das sind Spitzenschuhe. Für die habe ich einen Haufen Geld hingeblättert, und die ramme ich nicht in die nächstbeste Scheißtür."

Alle Augen richteten sich auf mich. Ich trug Jeans, ein T-Shirt, darüber eine schwarze Jeansjacke, und CAT-Boots. Mit CAT-Boots lässt sich jede Tür eintreten, aber die Boots hätten an andere Füße gehört, denn Türeintreten ist ein Talent, das mir abgeht.

"Mädchen, Mädchen", sagte der alte Mann, "ihr solltet mehr fernsehen. Guckt euch nur Charlies Angels an, die schrecken vor nichts zurück. Die treten in allen möglichen Schuhen Türen ein."

Jetzt meldete sich die alte Frau zu Wort. "Punkys Tür braucht ihr sowieso nicht einzutreten. Bei ihm ist nie abgeschlossen."

Ich drehte am Türknauf, und tatsächlich, die Tür war nicht verschlossen.

"Verdirbt einem irgendwie den Spaß an der Freude", beklagte sich Lula und sah durch die Tür ins Hausinnere.

Charlies Angels wären längst in Hockstellung gegangen, hielten die Waffen mit beiden Händen vor sich ausgestreckt und würden jetzt Jagd auf Punky machen. Bei uns hätte das nicht geklappt, denn erstens hatte ich meine Waffe zu Hause in der Plätzchendose liegen lassen, und zweitens wäre Lula bei dem Versuch, in den Via Spigas die Hockstellung einzunehmen, vornübergekippt.

"He, Punky", rief ich nach oben, "ziehen Sie sich was an und kommen Sie die Treppe runter. Ich muss mit Ihnen reden."

"Kommt gar nicht in die Tüte."

"Wenn Sie nicht freiwillig runterkommen, schicke ich Lula zu Ihnen hoch."

Lula sah mich mit großen Augen an, und mit den Lippen formte sie die Frage: Ich? Wieso ich?

"Kommen Sie ruhig her und holen Sie mich", sagte Punky. "Ich habe eine Überraschung für Sie."

Lula zog ihre Glock aus der Handtasche hervor und reichte sie mir. "Nimm du die lieber, du könntest sie brauchen, weil du nämlich als Erste die Treppe hochgehst. Du weißt, wie verhasst mir Überraschungen sind."

"Ich will die Pistole nicht. Ich mag keine Waffen."

"Nimm sie."

"Ich will die Pistole nicht", wiederholte ich.

"Jetzt nimm sie schon!"

Buah! "Na gut, dann gib mir eben die blöde Pistole."

Ich stapfte die Treppe hoch. Auf der obersten Stufe spähte ich um die Ecke, in den Flur hinein.

"Aufgepasst! Da bin ich!", trällerte Punky. Er sprang hinter der Schlafzimmertür hervor und stand, alle viere von sich gestreckt, vor mir. "Ta-dah!"

Er war splitterfasernackt und glitschig wie ein fetttriefendes Schwein. Lula und ich schluckten schwer, beide wichen wir ein Stück zurück.

"Womit haben Sie sich denn eingeschmiert?", fragte ich Punky.

"Mit Vaseline. Von oben bis unten. In den Falten und Spalten extra dick aufgetragen." Er grinste über beide Ohren. "Wenn Sie mich festnehmen wollen, müssen Sie mit mir ringen."

"Wir könnten Sie auch gleich erschießen", sagte Lula.

"Das dürfen Sie nicht. Ich bin unbewaffnet."

"Ich habe eine Idee", sagte ich zu Lula. "Wir legen ihm Handschellen an, stecken ihn in Fußketten, und dann wickeln wir ihn in eine Decke, damit er mir meine Autopolster nicht versaut."

"Den fasse ich nicht an", sagte Lula. "Der Scheißkerl ist nämlich nicht nur hässlich wie die Nacht, da würde auch noch eine chemische Reinigung fällig. Ich will mir doch mein Top nicht versauen. So ein Top wie dieses kriege ich nicht noch mal. Das ist echtes Tigerimitat. Wer weiß, was der Kerl anstellen würde, um zu türmen."

Ich hielt die Handschellen bereit und fasste nach ihm. "Jetzt geben Sie mir schon Ihre Hand."

"Versuchen Sie's doch", sagte er, mit dem Po wackelnd. "Na kommen Sie, fangen Sie mich doch, Süße."

Lula sah zu mir herüber. "Willst du wirklich nicht, dass ich ihn erschieße?"

Ich zog mir die Jacke aus und packte ihn am Handgelenk, aber ich bekam ihn nicht zu fassen. Nach drei weiteren Versuchen war mein Arm komplett mit Vaseline verschmiert, und Punky hüpfte vor Freude: "... na, na, na, du kannst mich mal, du kriegst mich nicht, ich bin der Vaselinemann."

"Erstens sind das keine Promille mehr, die der Kerl im Blut hat, das sind schon Prozente", sagte Lula. "Und ganz dicht in seiner verfetteten Birne ist der auch nicht."

"Ich bin ein verrückter Hund, ein verrückter Hund bin ich", sang Punky. "Wenn Sie mich nicht kriegen, können Sie mich nicht festnehmen. Wenn Sie mich nicht festnehmen, gehe ich auch nicht in den Knast."

"Wenn ich Sie nicht festnehme, kann ich meine Miete nicht bezahlen, und ich fliege aus meiner Wohnung", sagte ich zu Punky, warf mich fluchend auf ihn, aber er entglitt mir.

"Oberpeinlich, das Ganze", stellte Lula fest. "Dass du dir diesen verschissenen Fettsack unbedingt schnappen willst, ich fasse es nicht."

"Ist schließlich meine Arbeit. Und du könntest mir ruhig helfen! Zieh das blöde Top doch aus, wenn du es dir nicht versauen willst."

"Ja, genau, zieh das Top aus, Muttchen. Ich habe noch jede Menge Vaseline für dich übrig", flötete Punky.

Punky kehrte mir den Rücken zu. Ich trat ihm kräftig in die Kniekehlen, und er sackte zu Boden. Dann warf ich mich auf ihn und schrie Lula an, sie solle ihn fesseln. Es gelang ihr sogar, ihm beide Handschellen anzulegen, doch just in dem Moment piepste mein Handy.

Es war Grandma Mazur. Als Grandpa Mazur die irdischen Spielchips beiseite gelegt und zum Oberzocker in den Himmel aufgestiegen war, war Grandma Mazur zu meinen Eltern gezogen.

"Deine Mutter hat sich im Badezimmer eingeschlossen, und sie will nicht wieder rauskommen", sagte Grandma. "Sie ist seit anderthalb Stunden da drin. Ich sag's dir, das sind die Wechseljahre. Deine Mutter war immer sehr vernünftig, bis die Wechseljahre kamen."

"Bestimmt badet sie nur."

"Das habe ich zuerst auch gedacht, aber so lange war sie noch nie im Badezimmer. Ich bin gerade eben noch mal hingegangen und habe gerufen und gegen die Tür gehämmert, aber sie antwortet einfach nicht. Sie könnte längst tot sein. Vielleicht hatte sie einen Herzinfarkt und ist in der Badewanne ertrunken."

"Schreck, lass nach!"

"Kannst du nicht herkommen und die Tür aufbrechen, so wie das letzte Mal, als deine Schwester sich ins Badezimmer eingeschlossen hatte?"

Weihnachten hatte sich meine Schwester Valerie mit einem Schwangerschaftstest ins Badezimmer eingeschlossen. Der Test war immer wieder positiv gewesen, und ich an Valeries Stelle hätte mich auch für den Rest meines Lebens ins Badezimmer eingeschlossen.

"Ich habe damals die Badezimmertür gar nicht aufgebrochen", klärte ich Grandma auf. "Ich bin über die hintere Veranda aufs Dach geklettert und dann durchs Fenster eingestiegen."

"Egal. Wenn du nur herkommst und es noch mal machst. Dein Vater ist irgendwo unterwegs, und deine Schwester ist nicht da. Ich würde ja auf das Türschloss schießen, aber das letzte Mal ist die Kugel quergeschlagen und hat eine Tischlampe zerdeppert."

"Ist das auch ganz bestimmt ein Notfall? Ich bin nämlich gerade sehr beschäftigt."

"Schwer zu sagen, was in diesem Haus noch ein Notfall ist oder nicht."

Meine Eltern wohnten in einem kleinen Reihenhaus – drei Schlafzimmer, ein Badezimmer –, das mit meiner Mutter und meinem Vater, meiner Oma, meiner kürzlich geschiedenen, hochschwangeren Schwester und ihren beiden Kindern als Bewohnern aus allen Nähten platzte. Der Notfall war der Normalfall.

"Nicht schlappmachen", sagte ich zu Grandma. "Ich bin in der Nähe. Ich bin in zwei Minuten da."

Lula sah auf Punky herab. "Und was machen wir mit dem da?"

"Den nehmen wir mit."

"Von wegen", sagte Punky. "Mich kriegen keine zehn Pferde von hier weg."

"Ich habe keine Zeit für solche Mätzchen", sagte ich zu Lula. "Du bleibst hier und spielst den Babysitter. Ich schicke Vinnie her, soll der ihn abholen."

"Jetzt mach dich auf was gefasst", sagte Lula zu Punky. "Vinnie steht auf vaselinebeschmierte Fettsäcke. Er soll mal ein Verhältnis mit einer Ente gehabt haben. Für Vinnie bist du ein gefundenes Fressen."

Ich hastete die Treppe hinunter, durch die Haustür nach draußen zum Auto. Unterwegs zum Haus meiner Eltern rief ich Vinnie an und klärte ihn über Punky auf.

"Bist du verrückt geworden?", brüllte Vinnie mich an. "Ich fahre doch nicht los und hole eingefettete, nackige Männer für dich ab. Ich bin Kautionsbürge. Ich bin kein Abholdienst. Ein für alle Mal: Ich leihe den Leuten das Geld für die Kaution. Damit sie bis zum Prozesstermin auf freiem Fuß sind. Mehr nicht. Wenn sie nicht bei Gericht erscheinen, dann ist es deine Aufgabe, die Leute festzunehmen und bei der Polizei abzuliefern. Sonst streicht das Gericht die Kaution ein, und ich sehe von meinem Geld nichts wieder."

"Na gut. Dann fährst eben du zu meinen Eltern und holst meine Mutter aus dem Badezimmer."

"Ist ja schon gut. Ich hole deinen Klienten ab. Aber es gibt ein trauriges Bild ab, wenn ich der einzige Normale in dieser Familie bin."

Dagegen konnte ich schlecht was sagen.

Grandma Mazur wartete bereits, als ich vor dem Haus meiner Eltern vorfuhr. "Sie ist immer noch drin", sagte sie. "Sie redet nicht mit mir. Sie redet mit gar keinem."

Ich rannte die Treppe hoch und probierte die Badezimmertür. Abgeschlossen. Ich klopfte. Keine Antwort. Ich rief meine Mutter durch die Tür. Noch immer keine Antwort. Mist. Ich rannte die Treppe wieder hinunter, nach draußen, und holte die Trittleiter aus der Garage. Ich stellte die Leiter auf die hintere Veranda und stieg auf das schindelbedeckte Vordach, das an der Rückwand des Hauses klebte und über das man zum Badezimmerfenster gelangte. Ich schaute hinein.

Meine Mutter lag mit Kopfhörern und geschlossenen Augen in der Badewanne, die Knie ragten wie sanfthügelige rosa Inseln aus dem Wasser. Ich klopfte an die Fensterscheibe, meine Mutter schlug die Augen auf und fing an zu kreischen. Sie schnappte sich das Handtuch und kreischte eine geschlagene Minute lang ununterbrochen. Schließlich klimperte sie mit den Augen, klappte das Maul zu, zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die Badezimmertür und formte mit den Lippen das Wort verschwinde!

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