Leseprobe zu "Purpurfalter" von Sandra Henke
S. 92-93
Wir haben nicht genug Pferde." Mit böse funkelnden Augen sah Mogall auf Lomas, der einen Kopf kleiner war, herab. „Ihr reitet weiterhin mit Wolweer." Dann wandte er sich an Loreena. „Steigt auf. Ihr sitzt vor mir."
„Sie wird mit mir reiten. Ihr werdet uns ein Pferd zur Verfügung stellen." Selbstbewusst trat Lomas an den Vampir heran und stemmte die Hände in die Hüften. „Wolweer sitzt sicher gerne vor Euch auf dem Rappen."
Mogall grinste abfällig. „Ihr habt anscheinend den gleichen Humor wie Eure Schwester. Aber er nützt Euch genauso wenig wie ihr." Er machte einen Schritt zur Seite, doch Lomas stellte sich ihm in den Weg. „Niemals! Eure Arme werden sie nicht halten." Loreena errötete bei dem Gedanken, was schon zwischen ihr und dem Vampir vorgefallen war. Sie legte die Hand an ihren Gürtel und berührte mit dem Daumen das Lederband, das ihre Scham einschnürte.
Mogall lachte herzhaft und beugte sich zu ihm hinunter. „Auch wenn ich Euch erst den Bart stutzen muss – die junge Dame wird mich begleiten."
Erbost streckte Lomas seine Hand aus und sagte zu seiner Schwester: „Reich mir dein Schwert."
Das konnte nicht wahr sein. Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Da standen sich zwei erwachsene Männer gegenüber und waren bereit, wegen einer Nichtigkeit zu kämpfen - einer, der lange Zeit im eisigen Gefängnis der nördlichen Krisis gesessen hatte, dürr wie ein Bettler und kränklich, der andere gerade den Klauen frostländischer Krieger, Werwölfen und einer Schneespinne entgangen.
„Reich mir dein Kurzschwert, Loreena", wiederholte Lomas. Mogall öffnete seinen Mantel mit einer Hand und entblößte den Zweihänder.
„Nicht, bitte." Flehend sah sie den Vampir an. Er zögerte. Schließlich rümpfte er die Nase. „Wenn Euer Bruder kämpfen will, kann er das haben."
Loreena stemmte empört die Hände in die Hüften. „Wir müssen fort. Sicherlich schickt Nebelhorn Krieger aus, um uns zu verfolgen. Und ihr Hitzköpfe wollt wegen des Heimritts mit mir euch jetzt duellieren? Vielleicht wollt ihr euch sogar gegenseitig töten, ja? Dann hatte diese Reise so richtig viel Sinn."
Eindringlich sah Lomas sie an. „Du wirst nicht mit einem Vampir zusammen auf einem Pferd reiten."
Mogall legte die Hand um den Griff seiner Waffe.
„Nicht, Mogall." Verzweiflung klang in ihrer Stimme. Der Grund der Unstimmigkeit war der Unwichtigste, den sie sich vorstellen konnte. Reine Zeitverschwendung. Aber sie kannte den Vampir mittlerweile. Je mehr man ihn reizte, desto mehr biss er sich fest. Bittend schüttelte sie das Haupt.
„Ich werde Euch sicher nach Tide bringen." Er zeigte sich unnachgiebig. „Und wenn es das Letzte ist, was ich tue."
Lomas schnalzte. „Los! Gib mir dein Schwert und ich…"
Sie legte besänftigend die Hand auf die Schulter ihres Bruders. Liebevoll blickte sie ihn an. „Es ist in Ordnung. Wirklich. Bitte. Ohne Mogall hätten wir dich nicht befreien können und ich wäre nicht mehr aus Firn herausgekommen. Ich reite mit ihm."
Lomas brummte unverständliche Worte. Argwöhnisch betrachtete er Loreena und Mogall. „Ich reite mit Artin." Verstimmt wandte er sich ab. Doch bevor er ging, drehte er sich um und zeigte warnend mit dem Finger auf Mogall. „Ich werde Euch beobachten." Dann verschwand er. Der Vampir drängte sie zu seinem Pferd. „Steigt auf. Lomas scheint Euch wirklich zu lieben." Er nahm ihr den Pelzmantel ab, zog seinen aus und stopfte beide in den großen Sack, der am Sattel hing.
Loreena schwang sich auf den Rappen und Mogall nahm hinter ihr Platz. Schon setzte sich der Tross in Bewegung. Es war Zeit, den Gallen Forst zu verlassen, Zeit nach Küstenmark zurückzukehren und die Fronten zu klären. Und Loreena musste bald Graf Schomul unter die Augen treten und seinen Zorn spüren.
Erschöpft lehnte sie sich gegen Mogall. Sie drehte das Haupt und betrachtete sein Profil. Das Markanteste war seine Nase, lang und dünn passte sie gut zu seinem ovalen Gesicht. Seltsamerweise wirkte seine Haut aus der Nähe beigefarben, nicht wächsern. Loreena spürte den Wunsch, mit ihren Zähnen neckisch an seinem Spitzbart zu ziehen. Bei dem Gedanken schmunzelte sie.
Mogall bemerkte, dass sie ihn anstarrte und blickte auf sie hinab. Seine Augen leuchteten. Die Smaragde mit den violetten Tupfern strahlten sie in der Morgendämmerung an. „Ihr solltet schlafen. Es war ein anstrengender Tag."
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