Leseprobe zu "Pradasüchtig" von Lolita Pille
Lolita Pille
Pradasüchtig
Roman
Ich bin eine Luxusschlampe. Eine von denen, die ihr unerträglich findet, eine von der schlimmsten Sorte, eine Luxusschlampe aus dem 16. Arrondissement. Ich bin besser gekleidet als die Geliebte eures Chefs. Wenn ihr in einem angesagten Laden bedient oder in einer Edelboutique jobbt, wünscht ihr mir und meinesgleichen ganz sicher die Pest an den Hals. Aber man schlachtet nicht die Gans, die goldene Eier legt. Und außerdem wächst und gedeiht meine arrogante Mischpoke bestens...
Ich bin das schillernde Symbol dafür, wie recht Marx doch hatte, ich bin der Inbegriff aller Privilegien und all der verlockenden Reize des Kapitalismus.
Als würdige Nachfahrin aller Damen von Welt verbringe ich mehr Zeit im Nagelstudio oder auf der Sonnenbank, vor den Schaufenstern der Rue du Faubourg-Saint-Honoré oder in einem Frisiersessel bei Alexandre Zouari, als ihr bei der Arbeit, um für euren popligen Lebensunterhalt aufzukommen.
Ich bin ein hundertprozentiges Produkt der Think Pink Generation. Mein Credo: Sei schön und konsumiere.
Weil ich ständig neuen, schillernden Versuchungen erliege, bringe ich auf dem Altar des schönen Scheins jeden Monat locker einen Betrag dar, der so hoch ist wie euer Lohn.
Eines Tages platzt mein Ankleidezimmer noch aus allen Nähten.
Ich bin Französin und Pariserin, aber das läßt mich kalt. Ich gehöre nur einer Gruppierung an: der so weltläufigen wie vielseitigen Gucci-Prada-Gemeinde. Das Label ist mein Markenzeichen.
Eigentlich bin ich meine eigene Karikatur. Gebt doch zu, daß ihr mich für eine Zicke haltet, die, von Kopf bis Fuß in Gucci, mit gebleachten Zähnen lächelt und mit Riesenwimpern klimpert.
Aber unterschätzt mich nicht! Das sind gefährliche Waffen, mit denen ich mir später mal einen Mann kralle, der mindestens genauso reich ist wie Papa - eine unumstößliche Bedingung für die Sicherung meiner so herrlichen und durch und durch unnützen Existenz. Arbeiten steht nämlich nicht auf der Liste meiner zahlreichen Talente. Ich werde mich aushalten lassen. So einfach ist das. Wie meine Mutter und meine Großmutter. Doch seit ein paar Jahrzehnten ist die Konkurrenz auf dem Luxusheiratsmarkt hart geworden. Um die guten Partien streiten sich an allen Fronten ganze Heerscharen von Sekretärinnen, Models und anderen ehrgeizigen Kätzchen, die ihre weißen Zähne auf dem Laufsteg blitzen lassen und vor nichts zurückschrecken, wenn es darum geht, sich den Löwenanteil zu sichern: ein repräsentatives Appartement am rechten Seineufer + ein teurer Flitzer + ein Schrank voll schriller Markenklamotten + zwei liebe Kleine + alte Kolleginnen neidisch machen, die es nicht so gut getroffen haben.
Ja, wir aus dem Pariser Westen, wir sind alle schön und wir sind alle reich.
Daß wir reich sind, glaubt ihr angesichts der Quadratmeterpreise sofort; wären wir nicht reich, würden wir dort nicht wohnen. Daß wir auch schön sind, daran habt ihr wohl eure Zweifel. Aber denkt doch mal nach: In einer Welt, wo der soziale Aufstieg seit Generationen übers Bett läuft, wurden die häßlichen Familien durch nicht standesgemäße Verbindungen veredelt: Ein millionenschwerer Fettwanst tut sich mit einer gutaussehenden, ehrgeizigen Schönheit zusammen, und im allgemeinen gehen daraus perfekte Sprößlinge hervor, die mit Mamas Aussehen und Papas Konto gesegnet sind. Man kann natürlich nicht immer gewinnen - wenn sich Papa von seinem Anlageberater übers Ohr hauen läßt und wenn sich Mamas Gene nicht durchsetzen, kann ein Kind auch häßlich wie Papa und arm wie Mama auf die Welt kommen. Das ist eben Pech. Aber an diesem Punkt will ich mich nicht aufhalten. Ich habe schließlich nicht zur Feder gegriffen, um euch das Leben der Häßlichen und Armen zu schildern. Erstens habe ich davon keinen Schimmer, zweitens ist das kein allzu erfreuliches Thema.
Wie ihr wißt, ist die Welt zweigeteilt. Es gibt euch, und es gibt uns. Klingt abgehoben, das muß ich zugeben.
Ich werde es euch erklären. Ihr habt eine Familie, einen Job, einen Wagen und eine Wohnung, die noch nicht abbezahlt ist. Stau, schuften, Stau, nach Hause, essen, schlafen - das ist euer Leben; und dann habt ihr noch Glück. Die weniger Begünstigten fahren mit der Metro, sie stehen auf dem Arbeitsamt Schlange und haben schlaflose Nächte vor lauter Geldproblemen. Eure Zukunft beschränkt sich auf die Wiederholung eurer Gegenwart. Wenn überhaupt etwas aus euren Kindern wird, dann haben sie vielleicht fünfzig Quadratmeter mehr als ihr und kaufen sich Ledersitze für ihren Renault Safrane. Ihr werdet stolz auf sie sein. In den Ferien bringen sie euch die lieben Kleinen in das Haus, das ihr in Südfrankreich kauft, wenn ihr ausgepowert in Rente geht.
Ihr seid ganz normale Leute aus dem Mittelstand, ihr könnt einen Fernseher reparieren, und die Frau kann gut kochen - ihr Glück, denn sonst würdet ihr sie für ein jüngeres Exemplar des gleichen Models sitzenlassen, und außerdem nervt sie euch seit zwanzig Jahren mit ihren Migräneanfällen. Das letzte Mal habt ihr sie beim Spiel Frankreich-Italien angefaßt, wo ihr aufgeregt ihren Arm gepackt habt, weil Frankreich dreißig Sekunden vor Schluß in Führung ging. "Entschuldigung, Schatz."
Ihr habt gerade Sorgen. Die Waschmaschine ist kaputt, Jennifer hat sich die Haare rot färben lassen und steht eher auf Piercing als auf Katechismus. Kevin hat sich eine Sprache angewöhnt, wie sie nur in den heruntergekommensten Vorstädten gesprochen wird. Beide sind mittelmäßig, beide sind häßlich. Das muß an den Erbanlagen liegen. Eure frustrierte Frau läßt absichtlich auf eurem Schreibtisch Men's Health liegen. Ihr ertappt euch dabei, wie ihr von eurer Sekretärin, eurer Nichte und überhaupt allen Frauen im Stringtanga träumt. Euer Leben befriedigt euch nicht mehr.
Doch es könnte schlimmer sein: Ihr könntet in einer schäbigen Dreizimmerwohnung der Banlieue wohnen, ohne Geschirrspüler und ohne Fernseher. Mit Fernseher wärt ihr sogar noch übler dran; dann würden eure sechs Kinder ständig vor der plärrend lauten Glotze hocken und sich Reality-TV reinziehen. Oder ihr könntet auf der Straße sitzen.
Oder ihr könntet zu uns gehören... Doch wer sind wir?
Wir sind schlicht und ergreifend die Nachfahren der Patrizier des alten Rom, der mittelalterlichen Feudalherren, der edlen Ritter der Renaissance, der großen Industriellen des 19.Jahrhunderts, wir sind die winzig kleine Schicht der Privilegierten, die fünfzig Prozent des französischen Nationalvermögens in ihren cartierbehängten Klauen halten.
Besitz ist der Ursprung der Ungleichheit der Menschen. Darüber beklagen wir uns nicht.
Wir, wir können alles machen, wir können alles haben, denn wir können alles kaufen. Wir wurden mit einem Silberlöffel in unseren kleinen VIP-Mäulern geboren, und wir setzen uns munter über jedes Gesetz hinweg, das Recht des Reicheren ist nämlich immer noch das bessere Recht.
Es ist geil, der verklemmten, sittsamen Armut unseren Überfluß und unsere Dekadenz unter die Nase zu reiben. Aufgedonnertes Prada in der Zentrale der kommunistischen Partei; Jean-Marie Messier, der selbsternannte Herrscher der Welt, trägt vor aller Welt löchrige Schuhe. Galliano hat sich von den Clochards im Bois de Boulogne zu seiner letzten Winterkollektion inspirieren lassen... Doch wir machen das nicht aus Trotz. Wir haben die Nase voll, die Reichen zu sein, die die Reichen spielen. Gucci entwirft Kraftbänder, der "Sohn von" rasiert sich so selten wie möglich, in der Avenue Montaigne wimmelt es von Caps, Helmut Lang schüttet Farbe auf eine schmutzige Jeans und verkauft sie für zwölfhundert Steine...
Mit zweihundert Sachen rasen wir durch die Straßen von Paris. Wir mischen Alk mit Dope, Dope mit Koks, Koks mit Ecstasy, die Kerle vögeln Nutten ohne Gummi und spritzen dann in den Freundinnen ihrer kleinen Schwestern ab, und die, die bumsen die ganze Nacht wild durcheinander. Wir sind völlig drauf, drauf auf der Schiene uferloser Verschwendung und Luxus um des Luxus willen. Wir nehmen Prozac, wie ihr Kopfschmerztabletten nehmt. Bei jedem Kontoauszug würden wir uns am liebsten umbringen, denn es ist echt beschämend, wenn man bedenkt, daß anderswo Kinder verhungern, während wir uns vollaufen lassen und uns die Nase zukoksen. Die Last der Ungerechtigkeit der Welt liegt auf unseren schwachen Schultern, den Schultern ehemaliger verzärtelter Kinder. Ihr seid die Opfer, aber das kann man euch nicht zum Vorwurf machen. Wie auch immer - was wir auch tun, es ist beschämend.
Ja. Wir schütten uns an den Stränden von Pamplonne den Inhalt einer Magnumflasche Jahrgangsschampus in den Hals. Na und? Ihr bezahlt die Zeche ja nicht. Und im letzten Sommer ist mir aufgefallen, daß der öffentliche Strand neben dem Voile Rouge immer voll war. Dort habt ihr in der Sonne gelegen, als sei nichts, und wenn ein Porsche vorbeifuhr, und war es auch nur ein billiger Boxster (der bei uns "Porsche für Arme" heißt, weil er nicht mal hunderttausend kostet), da brodelte es, da fiel euch das Sandwich oder der Krapfen aus der Hand, da fiel euch der Sonnenhut vom Kopf, und die Kopfhörer des Walkman fielen euch von den Ohren, da fielen Arme und Kinnladen herunter, da blieb allen die Luft weg, da übertönten die Ahs und die Ohs den Motorenlärm. Und wenn erst ein Ferrari auftauchte - das war der kollektive Infarkt! Ihr braucht es gar nicht abzustreiten, ich war ja dabei, ich habe euch gesehen... Eure leuchtenden Augen, eure ausgestreckten Hände. Ihr habt nur so gestunken vor Neid, ihr seid sogar den Palisadenzaun hinaufgeklettert, um einen Blick auf einen Stringtanga oder das coole Profil eines Stars zu erhaschen und um den exquisiten Dunst eines Dom Pérignon 1985 zu erschnüffeln, der auf einem Erès-Badeanzug und auf der braunen Haut eines It-Girls trocknete... Ihr hättet alles dafür gegeben, um an unserer Stelle zu sein. Ihr tut euch damit nichts Gutes.
Gehässig stempelt ihr unser Verhalten ab. Ihr wollt uns ein schlechtes Gewissen machen, weil wir mehr Kohle ausgeben, als ihr je besitzen werdet. Das ist voll daneben.
Denn ich sage euch, daß wir Steuern zahlen, daß wir die Hälfte des Ertrags von zwölf Monaten, die wir uns der anstrengenden Arbeit unterziehen, anderen Leuten Anweisungen zu geben, niemals zu Gesicht bekommen, weil der Staat uns schröpft, damit eure Kinder zur Schule gehen können. Also, laßt uns einfach in Ruhe.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20