Leseprobe zu "Operation Ismael" von Christian Schoenborn
Mark war überrascht, wie schlecht er lügen konnte. "Ist wirklich alles okay?"
"Ja, ich bin nur müde und spät dran", antwortete Mark. Er hörte seine Frau Laura an diesem Sommermorgen wie durch Watte gedämpft.
Mark blickte aus dem Fenster. Ein Vorgarten mit Kinderrutsche, die auf einem frisch gemähten tiefgrünen Rasen stand. Die kleine Veranda davor war übersät mit Spielzeug: ein Bagger, bunte Plastikförmchen und eine kleine gelbe Harke.
Vom Küchenfenster aus konnte er auch seinen weißen Kombi sehen. Das Auto parkte vor seinem Bungalow, der in der Seitenstraße des schmucken Vororts von Frankfurt stand. Ein Fußgänger näherte sich dem Kombi. Der ältere Mann blieb neben dem Auto stehen und schaute sich um. Mark schob seine Brille zurecht und beobachtete ihn irritiert. Einen Augenblick später zog der Mann ein Handy aus der Innentasche seiner Jacke, hielt es ans Ohr und ging weiter.
Laura deckte den Frühstückstisch. Sie wirkte wach und frisch. Ihr langes Haar war nass, und der Duft des Duschgels hing noch an ihr. Mark liebte diesen Geruch, an diesem Morgen nahm er ihn jedoch nicht wahr.
Mark Kaufmann war bei einem der vielen Versicherungskonzerne in Frankfurt als Sachbearbeiter angestellt, ein Job, für den er deutlich überqualifiziert war. Als Diplombetriebswirt mit erstklassigen Noten hatte er damals vor einer rasanten Karriere gestanden, aber das war schon lange her.
"Weißt du schon, wann du heute nach Hause kommst?"
Er schaute in Lauras schönes und vertrautes Gesicht und wusste nicht, was er antworten sollte.
"Mark?" Laura suchte seinen Blick.
"Spät, vielleicht sehr spät. Warte nicht auf mich. Ich rufe auf jeden Fall zwischendurch an."
"Schade. Ich dachte, jetzt über die Feiertage, wo Benjamin und Claudia bei meinen Eltern sind, hätten wir mal mehr Zeit für uns. Ohne Kinder, ohne Krach, nur wir beide. So wie früher."
"Laura, du weißt doch, was los ist. Das ist heute nicht anders als sonst. Ich habe wieder von ihr geträumt. Es wird ... Es ist einfach sehr viel zu tun im Moment. Aber mach dir bitte nicht unnötig Sorgen."
Mark blickte auf seine Armbanduhr und merkte sofort, wie unhöflich diese Geste wirken musste. Er hatte ein flaues Gefühl im Bauch, konnte auch an diesem Morgen wieder einmal nichts essen. Wie hatte er es geliebt, üppig zu frühstücken. Frisches Obst, Croissants, gebratenen Speck, Rührei, Pfannkuchen. Jetzt hatte Mark immer den Eindruck, sich zu vergiften oder einen Fremdkörper in sich aufzunehmen.
"Ich muss jetzt wirklich los. Bis später."
Benjamin und Claudia standen in ihren bunten Schlafanzügen im Flur vor der Wohnungstür und winkten. "Tschüss, Papa."
"Tschüss, ihr Süßen." Mark gab beiden Kindern einen schnellen Kuss auf die Stirn und ging dann schweigend aus dem Haus.
Laura Kaufmann schaute Mark mit einem langen Blick hinterher und spürte, dass sie ihn heute nicht mit Worten erreichen konnte.
Sie hatten es einmal so wunderschön gehabt. Sie hatte sich damals oft gefragt, wie sie so viel Glück verdient hatte. Mark war ihr strahlender Held gewesen. Sie waren nicht nur ein Liebespaar, sondern auch die besten Freunde und Gefährten. Laura hatte seinen unverbesserlichen Optimismus geliebt, seine Lebensfreude, sein strahlendes, jungenhaftes Lachen. Als sie Mark kennengelernt hatte, war sie noch sehr jung gewesen. Nie hatte sie etwas vermisst oder das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen. Er war ihr Ehemann, der Vater ihrer Kinder, ihr Halt.
Und dann war er einfach in sich zusammengefallen. Nicht nur seine Wangen, sondern seine ganze Erscheinung, seine Seele war eingefallen. Sie wusste, warum.
Mark blickte noch einmal durch das große Küchenfenster hinein. Laura räumte den Frühstückstisch ab und sah ihn nicht. Seine Brille rutschte herunter, und er schob sie wieder die Nase hoch. Er machte das ständig. Aus der Angewohnheit war ein Tick geworden. Jetzt gehörte dieser Tick schon so sehr zu ihm, dass er ihn nicht mehr wahrnahm. Er zog seine Cordhose hoch, die ihm viel zu tief auf den schmalen Hüften hing.
Mark ging zu seinem Auto. Am rechten hinteren Kotflügel war eine kleine Beule. Sein Missgeschick beim Einparken in die zu enge Lücke in einer der schmalen Gassen Frankfurts lag schon etwas zurück, und es war bereits Rost über das blanke Metall gewachsen. Beim Anlassen des Dieselmotors blieb er ein bisschen zu lange in der rechten Schlüsselposition, und ein unangenehmes Geräusch drang aus der Motorhaube. Laura blickte kurz aus dem Fenster.
Am Ende des feinen Vororts befand sich eine Jaguar-Vertretung. Früher hatte Mark immer solch einen Nobelwagen aus England besitzen wollen. Mit der kraftvollen Katze als Kühlerfigur und diesem unwiderstehlichen Geruch nach feinem Leder und Wurzelholz.
Während Mark seinen Kombi zum Autobahnzubringer lenkte, konnte er den Strom seiner Gedanken nicht stoppen. Er dachte daran, wie er von zu Hause ausgerissen war. Er war 17 Jahre alt gewesen. Die Kleinstadt, in der seine Eltern wohnten, hatte ihn damals fast erstickt. In Südfrankreich hatte Mark dann ein paar Jahre als Erntehelfer auf einem ökologischen Bauernhof gearbeitet. Er hatte die Lavendelfelder und Bienenstöcke geliebt. Immer wenn ihm der Duft von Kräutern und Blüten in die Nase stieg, musste er an diese glücklichen Jahre in der milden Sonne Südfrankreichs zurückdenken.
Die Erinnerungen prasselten auf Mark ein. Er wollte sich konzentrieren, aber seine Gedanken drifteten haltlos durch die Jahre. Mark sah sich wieder als kleinen Jungen. Dachte an die Schneeballschlachten in den endlosen Wintern seiner Kindheit. Spürte noch einmal das schmerzhafte Kribbeln beim Auftauen der unterkühlten Finger am Abend eines langen Wintertages. Sah den riesenhaften Tannenbaum in der kleinen Mietwohnung seiner Eltern. Seine Gedankenreise ging weiter. Mark schämte sich zum tausendsten Mal über die heimliche Freude, die er empfunden hatte, als seine Schwester das gemeinsame Zuhause verließ, um zu ihrem späteren Mann zu ziehen. Dann wurden seine Erinnerungen dunkler. Er sah noch einmal die Katastrophe, das Leid, die Angst und die Niederlage. Alles schien jetzt gleichzeitig zu passieren. Es gab kein Gestern und kein Heute mehr. Sein Leben glich einem langen, sich windenden Fluss, bei dem er gleichzeitig an Quelle und Mündung war.
Mark war so sehr in seine Gedanken vertieft, dass er den Fußgänger zu spät sah. Eine Vollbremsung, die Räder blockierten und rutschten unkontrolliert über den Asphalt.
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