"Diese Texte fügen sich zu einem geschlossenen Bild: Statt des Stimmenwirrwarrs seiner Romane zeigt Maier, wo die erfundene Welt dieser Bücher herkommt, aus der viel erwähnten hessischen Wetterau und den Erfahrungen, die das erzählende Ich dort gemacht hat und noch macht Maier ist seit dem Debüt vor zehn Jahren einer der aufregendsten Schriftsteller der Gegenwart geblieben; mit Onkel J. hat er sein zugänglichstes Buch geliefert."
Sven Hanuschek Frankfurter Rundschau
»Er hat von Thomas Bernhard gelernt, sie (die Brandreden) mit sicherer Hand auf der Grenze zwischen Komik und Tragik anzusiedeln.«
 | Besprechung von 30.04.2010 |
Heimatverbundenheit ist geradezu tödlichVor Umgehungsstraßen wird gewarnt: Andreas Maier betreibt rabenschwarze Heimatkunde und glasklare Gegenwartsbeobachtung.
Von Hubert Spiegel
Heimatkunde war einmal ein Schulfach. So lange ist das noch gar nicht her. Erst in den sechziger Jahren wurde das Fach, eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, in den deutschen Grundschulen durch die Sachkunde ersetzt. Der neue Begriff sagt eigentlich schon alles: Fortan galt das Gebot, die Heimat sachlich zu betrachten, distanziert also und möglichst neutral. Man glaubte, viel damit zu gewinnen.
Glaubt man Andreas Maier, gibt es nichts zu gewinnen, wenn es um Heimat geht. Heimat ist das, was immer schon vergangen oder im Vergehen begriffen ist, und Heimatkunde demgemäß vor allem die Beobachtung eines unaufhaltsamen Vernichtungsvorgangs. Erforschung der Heimat heißt bei Maier nichts anderes als den Prozess ihrer Zerstörung mit offenen Augen zu begleiten. In diesem Sinne ist Heimatverbundenheit geradezu tödlich und Heimatkunde ein Verlustgeschäft mit letalem Ausgang. Denn Heimatliebe wäre immer eine Liebe zum Tode. Ganz so wie die Gegenwart, die …
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Samuel Moser macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Kolumnensammlungen von Schriftstellern in Buchform, und auch wenn der Verlag im Klappentext dem vorliegenden Buch von Andreas Maier eine "zentrale Stelle" in dessen Werk einräumen will, kann der Rezensent sich nicht dafür erwärmen. Die zwischen 2005 und 2010 für die österreichische Literaturzeitschrift "Volltext" entstandenen Kolumnen drehen sich sämtlich um Maiers Heimatregion, die hessische Wetterau, aus der er sich vertrieben sieht, lässt Moser wissen. Wenn der Rezensent es auch positiv vermerkt, dass Maiers Ausführungen sich aus persönlicher Erfahrung speisen, kann er sich mit der Selbstverliebtheit, der Koketterie und der "schummelnden Vereinfachung", die die Erinnerungen und Betrachtungen dieses Texte seiner Ansicht nach auszeichnen, absolut nicht anfreunden. Und er stört sich auch nicht so sehr am Inhalt der Klagen um die verlorene Heimat, ihn nervt die bei aller Beiläufigkeit auf Effekt angelegte Konstruktion und vor allem die "hemmungslose" Ichbezogenheit der Texte, wie er deutlich macht.
© Perlentaucher Medien GmbH
 | Besprechung von 10.06.2010 |
O Apfelwein, überflute die Ortsumgehungsstraßen
Balsam für die geschundene Seele der Wetterau: Andreas Maiers
Kolumnen „Onkel J. Heimatkunde“
Frankfurt und die umliegenden halbhohen Sumpf- und Nebelregionen
haben offenkundig einen Standortnachteil, und wie immer drückt sich
das am deutlichsten in der Literatur aus. Es ist nahezu tragisch,
wenn man hier in den späten siebziger Jahren in sperrholzfurnierten
Jugendzimmern sitzt, mit Kassettenrecorder und Partygebäck, und
einem aus gerade grassierenden Taschenbüchern der große unbändige
Weltverweigerungsgestus eines Thomas Bernhard
entgegenschlägt.
Man weiß, man selbst ist ein bisschen spät dran und zudem am völlig
falschen Ort – aber diese Wut- und Schreckenstiraden sind einfach
zu mitreißend. Diesen Hass, diese Verachtung auf alles, was einen
umgibt, spürt man auf jeden Fall auch. Doch die Wetterau oder der
Vogelsberg können es mit den Restbeständen des alten
Habsburgerreichs nie und nimmer aufnehmen. Der
Weltverleugnungskoeffizient Österreichs erreicht dermaßen extreme
Pegelmarken, dass das mittelhessische Bergland auf demütigendste
Weise abfällt. Was macht man da bloß?
Jetzt …
"Diese Texte fügen sich zu einem geschlossenen Bild: Statt des Stimmenwirrwarrs seiner Romane zeigt Maier, wo die erfundene Welt dieser Bücher herkommt, aus der viel erwähnten hessischen Wetterau und den Erfahrungen, die das erzählende Ich dort gemacht hat und noch macht Maier ist seit dem Debüt vor zehn Jahren einer der aufregendsten Schriftsteller der Gegenwart geblieben; mit Onkel J. hat er sein zugänglichstes Buch geliefert."
Sven Hanuschek Frankfurter Rundschau
Die verlorene Heimat
Andreas Maier im Frankfurter Literaturhaus
Zu der Lesung im Literaturhaus hatte der Schriftsteller Andreas Maier den iranischen Oud-Spieler Arman Sigarchi eingeladen. Maier las, Sigarchi spielte. Die Veranstaltung war unter dem Titel "Heimatkunde" angekündigt worden, es sollte, so stand in der Einladung, um Äppler gehen und um die Wetterau, aus der Maier stammt. Es dauerte ein bisschen, bis man begriff, wie Persien und die Wetterau zueinanderpassen, aber wie schön sich Maier das überlegt hatte und wie wenig es mit einem Wunsch nach dem Verschwinden der Heimat zu tun hatte, wurde im Laufe des Abends doch einsichtig.
"Onkel J. - Heimatkunde" heißt ein schmales Bändchen, das der nun fern der Heimat residierende Suhrkamp Verlag kürzlich herausgebracht hat. Es ist eine Sammlung von Kolumnen, die Maier für die "Zeit" und für das österreichische Magazin "Volltext" geschrieben hat. Die Texte hat er oft in der Fremde verfasst, einige spielen in Rom, aber sie kehren doch immer wieder zur Wetterau zurück, und immer wieder zu Maiers Onkel J.
Onkel J.: verhasst, Zangengeburt, geistig zurückgeblieben, stinkend; das sind die Attribute, mit denen Maier ihn schmückt, und dann schreibt er, dass er selbst dem scheußlichen Onkel immer mehr gleiche. Onkel J. ging gern in die-Kneipe, er trug Strickjacken aus Kamelhaar, kannte sich mit der Natur aus, Onkel J. war heimatverbunden. Heimatverbunden ist auch Maier geworden, nur verschwindet diese Heimat: "Meine Heimat, eine Friedhofsheimat."
Wehmut ist für Maiers Texte der falsche Ausdruck. Die Heimat war scheußlich, sagt er, die Kohlrollen, die braunen Fords, das Deutschland seiner Kindheit in den Siebzigern war entsetzlich. Aber in dem Mief der "Bundesrepublik vor der Sesamstraße" steckte eine gewachsene Wahrheit, die er in dem postmodernen Geschwurbel von "Landlust" und "Schnäpsen aus der Region" vermisst.
Am Ende der Veranstaltung, die keinen Moment in Larmoyanz versank, sondern ausgesprochen heiter war, kam noch einmal Sigarchi. Der schöne Mann mit den pechschwarzen langen Haaren und dem orientalischen Mantel spielte eine traurige, leidenschaftliche Musik, er hielt dabei die Augen geschlossen und wiegte den Kopf. Arman Sigarchi ist in Iran berühmt, er hat es verlassen müssen, um in Deutschland Asyl zu suchen, und es war geschickt, wie Maier über diesen wunderbaren Gast dann doch Traurigkeit einfließen ließ wegen der verlorenen Heimat.
ALARD VON KITTLITZ
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»Diese Texte fügen sich zu einem geschlossenen Bild: Statt des Stimmenwirrwarrs seiner Romane zeigt Maier, wo die erfundene Welt dieser Bücher herkommt, aus der viel erwähnten hessischen Wetterau und den Erfahrungen, die das erzählende Ich dort gemacht hat und noch macht
Maier ist seit dem Debüt vor zehn Jahren einer der aufregendsten Schriftsteller der Gegenwart geblieben; mit Onkel J. hat er
sein zugänglichstes Buch geliefert.«
Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis "für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk, mit dem er die über Jahrzehnte diskriminierte Heimatliteratur auf radikale Weise erneuert", ausgezeichnet und 2013 erhielt Andreas Maier den "Franz-Hessel-Preis". Er wohnt in Frankfurt am Main.