Neun - Stasiuk, Andrzej

Andrzej Stasiuk 

Neun

Roman. Aus d. Poln. v. Renate Schmidgall

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Neun

Pawel, ein junger Geschäftsmann, der es zu einem bescheidenen Textilhandel gebracht hat, erwacht in einer Trümmerlandschaft. Der Spiegel im Bad ist zerschlagen, Tuben, Bürsten und Fläschchen liegen auf dem Boden, Kleider sind aus dem Schrank gerissen. Er verlässt seine Wohnung und fährt durch Warschau, getrieben von Unruhe und Angst. Er hat Schulden, man ist ihm auf den Fersen, er braucht Geld. Ein Freund, Jacek, an den er sich um Hilfe wendet, entgeht knapp einem Überfall und ist ebenfalls auf der Flucht.

Stasiuk erzählt diese Geschichte aus dem kriminellen Milieu so unspektakulär wie beklemmend. Ohne Kommentare, präzise wie ein allgegenwärtiges Kameraauge, begleitet er seine Protagonisten von Schauplatz zu Schauplatz: über Bahnhöfe und Magistralen, durch Industriebrachen und Hotelruinen, wilde Gärten und aufgeweichte Lehmwege, heruntergekommene Innenhöfe und schließlich auf die Dächer hoch über der Marszalkowska, wo die Verfolgungsjagd endet. Sein multipler Erzähler lauscht den temzügen der Großstadt, belauert sie wie ein Lebewesen, spürt dem Vergehen der Zeit nach und wird Zeuge eines Mordes.
Nach "Der weiße Rabe" und "Die Welt hinter Dukla" hat Stasiuk in seinem neuen Buch - es ist sein neuntes - die poetische Ausmessung der heutigen polnischen Wirklichkeit weitergetrieben. Hinter allem, was geschieht, wartet der Stillstand. Das träumerische Wissen um die Vergeblichkeit jeder Fluchtbewegung gibt dem Roman seinen eigentümlichen Zauber.



Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 297 S.
  • Seitenzahl: 297
  • Best.Nr. des Verlages: 41326
  • Deutsch
  • Abmessung: 204mm x 127mm x 28mm
  • Gewicht: 405g
  • ISBN-13: 9783518413265
  • ISBN-10: 3518413260
  • Best.Nr.: 10265712
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 24.04.2002

Die Welt sauste pfeifend durch seinen Kopf
Drei Ganoven, zwei Schergen, vier Frauen und ein BMW: In Andrzej Stasiuks Roman „Neun” liegt Polen jenseits von Eden
Wer dieses Buch gelesen hat, dem ist am Rand von Warschau keine Straßenbahn und kein Nachtbus, kein Kiosk und kein Basar mehr fremd. Mit heiligem Eifer gibt sich Andrzej Stasiuk in seinem neunten Roman „Neun” der Aufzählung von ‚Non-Lieus‘ hin, von Orten, die auch die dort Ansässigen fast nur vom Fliehen kennen. „Die ersten Nachtbusse starteten, ihre Dieselmotoren grölten”, und ihre Insassen jagen darin dichtgedrängt wie Gefangene „zu den fernen Hügeln von Natolin; Wawrzyszew, Targówek und Kabaty.” 601 heißen diese Busse, 602 und 605, und so etwas ist wichtig in diesem Roman, weil sich Stasiuk in diesen räudigen Weltausschnitt verbissen hat wie ein Tier in seine Beute. Es gibt keine Einzelheit aus dem mehr oder minder tristen Alltag von Pawel, Jacek und Bolek, die uns der Autor verschwiege. Wer so gebannt aufs Kleinste starrt, will in der Regel aufs große Ganze hinaus.
In Stasiuks Warschauer Stadtrand-Mikrokosmos spiegeln sich polnische Zustände, zehn (oder neun?) …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 19.03.2002

Schwarzfahren auf dem Kreuzweg
Die Welt vor Dukla: Andrzej Stasiuks Busstationendrama / Von Eberhard Rathgeb

Manche meinen, der Osten bebt. Blödsinn: Er lebt in Nöten. Gibt es keinen Ausweg als den Westen? Andrzej Stasiuk wußte einmal einen kleinen. Er war in frühen Jahren ein polnischer Punk. Dann wurde er ein Dichter. Das ist hart, aber romantisch. Er wurde 1960 geboren und wuchs in Warschau auf. Was das mit seiner Karriere als Schriftsteller zu tun hat, kann man in seinem Buch "Wie ich Schriftsteller wurde" (F.A.Z. vom 9. Oktober 2001) nachlesen. Stasiuk lebt seit 1986 in einem Dorf in den Beskiden, hackt Holz und schreibt. Sein neuer Roman heißt "Neun". Es ist sein neunter. Die Leute auf dem Dorf nennen die Dinge beim Namen.

Die Leute in der Stadt sind komplizierter: In dem Roman kreuzen und verheddern sich die Lebensläufe von neun Menschen. Da sind: 1. Pawel, der trübe Geschäfte ohne Glück macht, 2. der kleine Dealer Jacek, 3. der große Dealer und Fettwanst Bolek mit seinem Kampfhund, 4. der Blonde, ein Schläger, 5. Packer, harmlos, 6. Boleks Betthase Syl, blond und jung, 7. die reife Prostituierte Irina, Boleks Traum, 8. Zosia, …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Es klingt, als sei Rezensent Eberhard Rathgeb mit Stasiuks neuem Roman zwar ganz froh , aber nicht wirklich glücklich geworden. Mit seinem neunten Roman "Neun" ,so der Rezensent, kehre Stasiuk in die Welt "vor Dukla" zurück, womit der Roman gemeint ist, der den polnischen Autor vor zwei Jahren hierzulande recht bekannt gemacht hat. Damals begann, so Rathgeb, die Poesie "fern der großen Städte". Stasiuk habe das "transzendentale Obdachlosenheim" des Himmels entdeckt und "den kleinen harten Flecken Erde darunter" in einen "Flohmarkt der Dinge, die an Menschen erinnern" verwandelt. Im jüngsten Roman kehre er nun in die Stadt zurück. Die neun Menschen, die Rathgeb zufolge im Zentrum der Handlung stehen, könnten auch aus "Becketts Schlusslichtfantasien" stammen, lesen wir. Der Zufall bringe sie zusammen, ihre Lebenswege "kreuzen und verheddern" sich, nicht alle kommen mit heiler Haut davon. Das Buch sei Teil einer "Erkundung des Ostens", schreibt Rathgeb, und Stasiuk sei nicht wehmütig, sondern wirklichkeitssüchtig. Doch die Beschreibungen "aller Farben und Stimmungen des Himmels über Warschau" sowie aller "grauen und gruseligen Straßenbahnlinien", dieser "eisernen Schicksalslinien" der Stadt, inklusive trister Gänge über den Berliner Kurfürstendamm scheinen den Rezensenten am Ende deprimiert zu haben.

© Perlentaucher Medien GmbH
Andrzej Stasiuk, der in Polen als wichtigster jüngerer Gegenwartsautor gilt, wurde 1960 in Warschau geboren, debütierte 1992 mit dem Erzählband "Mury Hebronu" (Die Mauer von Hebron) , in dem er über seine Gewalterfahrung im Gefängnis schreibt. Stasiuk wurde 1980 zur Armee eingezogen, desertierte nach neun Monaten und verbüßte seine Strafe in Militär- und Zivilgefängnissen. 1986 zog er nach Czarne, ein Bergdorf in den Beskiden.
Er ist freier Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Czas Kultury" und bei der Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny".
2002 erhält er den von den Partnerstädten Thorn(Polen) und Göttingen gemeinsam gestifteten Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis.

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