Nationaler Protestantismus und Ökumenische Bewegung - Besier, Gerhard; Boyens, Armin; Lindemann, Gerhard

Gerhard Besier Armin Boyens Gerhard Lindemann 

Nationaler Protestantismus und Ökumenische Bewegung

Kirchliches Handeln im Kalten Krieg (1945-1990). Mit e. Nachschrift v. Horst-Klaus Hofmann

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Nationaler Protestantismus und Ökumenische Bewegung

Die Zeit zwischen 1945 und 1989 ist bestimmt durch verschiedene Phasen des "Kalten Krieges". Der Ost-West-Konflikt nahm Einfluß auf alle gesellschaftlichen Subkulturen, auch auf die Kirchen. Andererseits bemühten sich die christlichen Kirchen in dem genannten Zeitraum um eine stärkere Einigung der Christenheit über die nationalen Grenzen und den "Eisernen Vorhang" hinweg. Die beiden einflußreichsten internationalen Kirchenorganisationen waren der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf (ÖRK) und die Prager Christliche Friedenskonferenz (CFK). Der ÖRK wäre ohne das ökumenische und finanzielle Engagement des liberalen National Council of the Churches of Christ in Amerika (NCC) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nicht denkbar gewesen. Die Prager Christliche Friedenskonferenz wurde von der Sowjetunion und weiteren Ostblockstaaten finanziell unterstützt und ideologisch beeinflußt.Das Buch beschreibt den allmählichen Wandel der Kräfteverhältnisse in der ökumenischen Bewegung. Während die USA aufgrund ihrer wirtschaftlichen und ethischen Überlegenheit dem ÖRK in den 50er Jahren politisch näher standen (z. B. im Korea-Krieg), konnte in den 60er Jahren die UdSSR mit Hilfe der Russisch-Orthodoxen Kirche und der Christlichen Friedenskonferenz das Blatt nach und nach zu ihren Gunsten wenden. Dazu trugen maßgeblich auch die Kirchen in der Dritten Welt bei, die in der westlichen Vormacht das imperialistische Unterdrückungssystem par Excellence sahen und den westlichen Werten einer demokratischen Gesellschaft vor dem Hintergrund von Hunger, rassischer und sozialer Benachteiligung durchaus keinen höheren Stellenwert zubilligten als den "realsozialistischen" Staaten des Ostblocks. Der Vorwurf an die USA und andere westliche Industriestaaten ging dahin, daß sie ihre hehren Ideale nicht einlösten, sondern die ärmeren Völker ausbeuteten. Es gelang den Vereinigten Staaten immer weniger, ihren Lebensstil als genuin christlich und in diesem Sinne vorbildlich herauszustellen. Mit dem Vietnam-Krieg verloren die USA vollends ihren ethischen Führungsanspruch. Umgekehrt näherten sich die ökumenischen Strömungen auf nationaler und internationaler Ebene immer mehr den ökonomischen und menschenrechtlichen Forderungen der "realsozialistischen" Staaten an. Teile der westlichen Kirchen bildeten so eine Art innere Widerstandsfront gegen den westlich-"kapitalistischen" Lebensstil in ihrem eigenen Land. Diese innen- wie außenpolitische Dynamik bildete im Raum der nationalen Kirchenräte wie der ökumenischen Organisationen einen Brennpunkt der Auseinandersetzungen. Im Zusammenhang mit dem sogenannten "Antirassismusprogramm" des Ökumenischen Rates der Kirchen prallten auch "konservative" und "progressive" Kräfte innerhalb der einzelnen Kirchen aufeinander; die Konflikte drohten in Kirchenspaltungen zu enden und führten, besonders in den USA, zu dramatischen Mitgliederverlusten in den liberalen "Mainline"-Kirchen. Nicht der Afghanistan-Krieg, sondern erst der ökonomische und politische Zusammenbruch des Ostblocks führte zu einer Entzauberung des "Communistic Gospel" und leitete eine schwere Krise des Ökumenischen Rates der Kirchen ein, die 1998 bei der ÖRK-Vollversammlung in Harare ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.


Produktinformation

  • Verlag: Duncker & Humblot
  • 1999
  • 1999.
  • Ausstattung/Bilder: VI, 1074 S. m. Abb.
  • Seitenzahl: 1074
  • Zeitgeschichtliche Forschungen (ZGF) Bd.3
  • Deutsch
  • Abmessung: 24 cm
  • Gewicht: 1515g
  • ISBN-13: 9783428100323
  • ISBN-10: 3428100328
  • Best.Nr.: 10089437
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 22.08.2000

Gott und Moskau zu Gefallen
Der ökumenische Protestantismus wollte während des Kalten Krieges die Spaltung der Welt überwinden

Gerhard Besier, Armin Boyens, Gerhard Lindemann: Nationaler Protestantismus und Ökumenische Bewegung. Kirchliches Handeln im Kalten Krieg (1945-1990). Mit einer Nachschrift von Horst-Klaus Hofmann. Duncker & Humblot, Berlin 1999. 1074 Seiten, 86,- Mark.

Dem ökumenischen Protestantismus nach dem Zweiten Weltkrieg haftet ein Zug ins Tragische an. Ihr anspruchsvolles Ziel, die Kirchenspaltung abzubauen, mutierte unter dem Eindruck des Kalten Krieges zur monströsen Aufgabe, die Spaltung der Welt überwinden zu wollen. Diese Selbstüberforderung war wenigstens ebensosehr pragmatischem Kalkül wie kirchlichem Sendungsbewußtsein geschuldet. Denn wer in Zeiten des Ost-West-Konflikts konfessionelle Brücken bauen wollte, mußte seine Fundamente diesseits wie jenseits des Eisernen Vorhangs justieren und ständig das Verhältnis zur jeweiligen weltlichen Herrschaft vermessen.

Dies galt um so mehr, als den kirchlichen Sozialethikern im Kampf um die Deutungshoheit für Leitbegriffe wie Frieden, Freiheit und …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Frank Ebbinghaus skizziert in seiner Rezension des Bandes zunächst das Versagen des ökumenischen Protestantismus gegenüber dem Kommunismus - lange Zeit wollte der Protestantismus demnach im Kalten Krieg die Schwebe zwischen den Systemen halten, was in Wahrheit zu einer Einäugigkeit und Konzentration auf Kapitalismuskritik führte, während man den Kommunismus recht milde anfasste. Die Auseinandersetzung der Autoren des Buchs mit dem Thema liest Ebbinghaus mit gemischten Gefühlen. Er kritisiert vor allem den Beitrag von Armin Boyens über den Ökumenischen Rat und die deutsche Kirche in Ost und West, der sich allzu trocken auf reine Institutionengeschichte beschränke. Als wesentlich fruchtbarere Lektüre erscheint Ebbinghaus dagegen der Beitrag von Gerhard Besier über den US-amerikanischen Protestantismus, der jene Auseinandersetzungen leiste, die sich Boyens erspare.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Wenn der profunde Kirchenhistoriker Prof. Gerhard Besier ein Buch schreibt, läuten in manchen Bereichen des Protestantismus die Alarmglocken. Wenn der Heidelberger auch noch ein Buch über Ökumene, ihren Dachverband und dessen Verhalten im Kalten Krieg veröffentlicht, dann heulen die Sirenen. Aus gutem Grund. Denn was der Historiker (gemeinsam mit Co-Autor Gerhard Lindemann) zu Tage fördert, ist allemal brisant. ... Klar, vieles war und ist bekannt - vor allem durch die seit 25 Jahren klare und mutige Schreibe der unabhängigen Evangelischen Nachrichtenagentur idea in Wetzlar. Doch dies alles in einem Buch von einem anerkannten Wissenschaftler nachlesen zu können, hat sehr viel Charme. Daß kirchliche Kreise Buch und Autor verleumden wollten, in dem sie einen Zuschuß des Bundes aus dem Etattitel 'Aufarbeitung der Folgen des SED-Staates', so deuteten, als sei hier eine staatliche Auftragsarbeit entstanden, ist peinlich. Wer so etwas sagt oder schreibt, will in der gesellschaftlichen Diskussion nicht ernst genommen werden. Das muß man wissen. Fazit: Dieses Buch sollte in keinem Pfarrhaus fehlen." (James Merino, in: pro - christliches Medienmagazin, Heft 1/2000)
Gerhard Besier, geboren 1947, ist Theologe, Psychologe und Historiker. Von 1987 - 2003 Professor an der Kirchlichen Hochschule Berlin und an der Universität Heidelberg. Seit 2003 Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Fachveröffentlichungen.

Inhaltsangabe

Inhaltsübersicht: A. Boyens, Ökumenischer Rat der Kirchen und Evangelische Kirche in Deutschland zwischen West und Ost: Einleitung - Aufbau der Gemeinschaft - Verteidigung der Gemeinschaft - Erweiterung der Gemeinschaft - Die Gemeinschaft im Test - Risse in der Gemeinschaft? - Eine zerstrittene Gemeinschaft? - Konziliare Gemeinschaft? - Bilanz der Gemeinschaft - G. Besier, Protestantismus, Kommunismus und Ökumene in den Vereinigten Staaten von Amerika: Einführung - Die liberal-protestantische Council-Bewegung in den USA, das "Communistic Gospel" und der evangelikale Widerspruch (1945-1960) - "The Death of Youth". Aufbruchshoffnung und "Credibility Gap" (1961-1964) - Das Organ "Religion in Communist-Dominated Areas" (1961-1971) - Amerikas Kampf gegen die Rassendiskriminierung (1950-1970) - Moralische Niederlage der USA im Ost-West-Konflikt; Der NCC als "Ambassador for Christ" (1964-1974) - New Christian Right und Moral Majority - Rückgang des politischen Einflusses der Mainline-Kirchen (1975-1989) - Resümee - G. Lindemann, "Sauerteig im Kreis der gesamtchristlichen Ökumene": Das Verhältnis zwischen der Christlichen Friedenskonferenz und dem Ökumenischen Rat der Kirchen: Die Gründungsphase der Christlichen Friedenskonferenz - Die CFK als Nebenorganisation zu Genf in Fragen der politischen Ethik (1961-1967) - "Krise" und Säuberung der CFK (1968-1970) - Konsolidierung und Einflußerweiterung in den siebziger Jahren - Atomares Wettrüsten und "Perestroika" (1979-1990) - Resümee - Nachschrift: H.-K. Hofmann, Jenseits von Afrika. Ein Zeitdokument: Einleitung - Der ÖRK auf dem Weg nach Harare - Die 8. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare - Der Weltkirchenrat und die ökumenische Bewegung nach Harare - Appendix - Abkürzungsverzeichnis - Quellen- und Literaturverzeichnis: Archivalische Quellen - Aufsätze und Monographien - Personenregister

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