Leseprobe zu "Nasses Grab / Kommissar David Andel ermittelt Bd.1"
In den frühen Morgenstunden des vierzehnten August 2002 heulten in Prag die Sirenen. Die Stadt war hellwach. Der Fluss, der sie in zwei ungleichmäßige Hälften teilte, drohte ihre ältesten und schönsten Viertel zu zerstören. Einen ganzen Monat lang hatte es ohne Unterlass geregnet, bis die großen Stauseen im Süden des kleinen mitteleuropäischen Landes über die Ufer traten, die Bäche zu reißenden Flüssen wurden und das halbe Land unter Wasser setzten. Die Karpfenteiche liefen über und retteten Hunderttausende Fische vor der weihnachtlichen Schlächterei. Chemiefabriken spülten ihre giftigen Brühen in die Fluten.
Gebannt hatten die Prager in den letzten Tagen die Nachrichten verfolgt, die erst ein zwanzigjähriges Hochwasser angekündigt hatten, dann ein fünfzigjähriges und schließlich ein hundertjähriges. Was aber gegen zwei Uhr morgens die Stadt erreichte, war ein Hochwasser, wie es die Stadt seit mehr als tausend Jahren nicht gesehen hatte. Die Moldau war plötzlich zu jener Urgewalt geworden, die Bedrich Smetana in seiner sinfonischen Dichtung verewigt hatte. Ein gewaltiger Strom, der auf seinem Weg nach Norden alles mitriss - Häuser, Bäume, Fahrzeuge, Tiere, Menschen. Dörfer und Städte versanken in seinen schlammigen Fluten.
Zwar traf es ein wasserbegeistertes Volk, das einander auf Seemannsart mit Ahoj grüßt und Kanus, Kajaks und Surfbretter zu Wasser lässt, sobald das Wetter nur einigermaßen mitspielt. Aber angesichts solcher Wassermassen wurde der auch zu besten Zeiten trocken-deftige Humor der Tschechen beißend zynisch. Von einem neuen mitteleuropäischen Süßwasser-Naherholungsgebiet wurde gesprochen, einem Schlammloch im Herzen Europas und auch davon, dass Shakespeare sich tatsächlich geirrt habe: Böhmen liege nicht am Meer, sondern mittendrin.
Als die Sirenen gegen Morgen verstummten und stattdessen die Martinshörner der Polizei, der Feuerwehr und der Rettungswagen ertönten, kamen an den zahlreichen Prager Brücken viele Schaulustige zusammen, um den Anstieg des Wassers zu beobachten. An manchen Stellen standen die Neugierigen sechs Reihen tief. So manche hatten Champagnerflaschen dabei und stießen fröhlich auf die Katastrophe an. Viele waren Touristen, die sich ein solches Spektakel nicht entgehen lassen wollten, wenn sie schon einmal da waren. Die Einheimischen kamen, um zu sehen, ob die Brücken standhalten würden, und wie es aussieht, wenn die Moldau mehr als dreimal so viel Wasser führt wie gewöhnlich.
Auf der gesperrten Karlsbrücke standen Kräne, die Baumstämme und anderes Treibgut aus den Fluten fischten, bevor es die Brücke beschädigen konnte wie beim Jahrhunderthochwasser von 1870, das damals einen der gewaltigen sechzehn Pfeiler zum Einsturz gebracht hatte. Die hohen Bögen der fast sechshundertfünfzig Jahre alten Brücke lagen fast ganz unter Wasser, nicht einmal ein Kanufahrer hätte mehr unter ihnen hindurchfahren können.
Ein paar Wochen später, als das Hochwasser über die Grenze nach Deutschland abgeflossen war, zählte man die Verluste. Abgesehen von verwüsteten Landstrichen, zerstörten Dörfern und Städten, vernichteten Ernten und leeren Fischteichen, waren auch bei Mensch und Tier Opfer zu beklagen.
Auf der Strecke geblieben waren neben Kühen, Hühnern, Karpfen und anderen Nutztieren auch einige der Lieblinge des Prager Zoos: ein junger Gorilla, ein alter Elefant, ein Löwe, zwei Nilpferde sowie ein Bär. Und Gaston, der Seehund.
Was die Verluste unter der Bevölkerung angeht, beliefen sie sich schließlich auf achtzehn Menschenleben und ein herrenloses Bein. Doch noch bevor alle Toten gezählt waren, gab das Hochwasser in Prag etwas preis, das jahrelang wohlverborgen in einem Lagerraum der Metro gelegen hatte.
Das Telefon klingelte um halb sechs. Larissa Khek streckte verschlafen einen Arm aus und tastete auf dem Nachttisch nach ihrem Handy.
"Ja bitte?", fragte sie ziemlich verschlafen und unwirsch, während sie sich im Bett aufsetzte.
"Ahoj, Schönste aller Schönen. Siehst du das Wasser?" Die Stimme kam ihr bekannt vor. Eine angenehme, warme, tiefe Stimme. Ein Mann. Schönste aller ... ja. Das war's. Diese alberne Begrüßungsformel gebrauchte nur einer.
"Ich bin nicht die Schönste aller Schönen, Robin, ich bin die Müdeste der Allermüdesten. Und herzlichen Dank fürs Wecken", sie warf einen Blick auf die Uhr, "ich hätte noch zwei Stunden schlafen können. Wovon sprichst du überhaupt? Was für Wasser soll ich sehen?" Robin ignorierte den Sarkasmus und lachte. "Welches Wasser, fragt sie! DAS WASSER! Wir haben Hochwasser, Schätzchen. Tausendjähriges." Robins Stimme war eingängig und fröhlich. Er hätte Radio- oder Synchronsprecher werden können mit dieser Stimme, stattdessen war er Feuerwehrmann, und das mit der Begeisterung des Abenteurers. Ihm sei es gegangen wie Grisu, dem kleinen Drachen, hatte er ihr einmal über einem Glas Port im Café Slávia erzählt. Wer gerne mit dem Feuer spielt, sollte am besten Feuerwehrmann werden. Larissa gefiel nicht nur Robins Stimme, der Rest war fast ebenso einnehmend. Robin erinnerte
sie an ihre amerikanischen Kommilitonen in Pennsylvania. Groß, muskulös, fröhlich und immer ein perfekter Gentleman. Sogar im Suff. Ein angenehmer Unterschied zu ihren transatlantischen Studienkollegen.
"Warte, ich muss nachsehen", flüsterte sie heiser ins Telefon. Nach einer Packung Zigaretten am Abend zuvor wollte ihre Stimme noch nicht ganz mitmachen. Sie schälte sich aus dem Bett, zog sich ihren dunkelgrünen seidenen Kimono über und ging im Wohnzimmer ans Fenster. Der Blick, der sich ihr bot, sah nicht nach Weltuntergang aus und schon gar nicht nach Hochwasser. Vor ihr lag Prag in seiner ganzen Schönheit. Die Dächer der Kleinseite funkelten wie helle Karneole in den Strahlen der Morgensonne, der Laurenziberg gegenüber der Burg trug ein sattgrünes Kleid, aus den Baumwipfeln ragte der kleine Eiffelturm auf seiner Spitze auf, und die Burg selbst machte wie immer den besten Eindruck. Der Hradschin oberhalb der Moldau war vermutlich das meistfotografierte Gebäude in Prag. Aber das Panorama war auch wirklich großartig.
Kein Wasser. Nirgends.
"Kein Wasser. Siehst du Wasser?", fragte sie zurück und räusperte sich. Mit halb geschlossenen Augen schlurfte sie zurück in ihr Bett und kuschelte sich unter die noch warme Decke.
"Leider ja. Es fließt seit Stunden in die Stadt."
Wasser. Hochwasser. Endlich wichen die letzten Reste der bleiernen Schwere aus ihrem Hirn. Verdammt. Sie hatte das Spannendste verpennt. Wie von der Tarantel gestochen, sprang sie aus ihrem Bett. Gelobt sei die Welt für Robin. Er konnte ihre Lücken schließen.
"Wo bist du eigentlich?", wollte Larissa wissen, plötzlich hellwach. Sie lief zur Kommode hinüber und zog Unterwäsche und ein T-Shirt heraus. Er konnte unmöglich zu Hause sein. Alles, was Feuerwehrmann hieß, musste in der Stadt sein und retten, was zu retten war. Aus dem Schrank neben der Tür zum Flur holte sie eine hellblaue Jeans. Nach einem prüfenden Blick aus dem Fenster legte sie sie zurück und nahm eine leichte Baumwollhose heraus.
"In der Altstadt, wir arbeiten an den Hochwasserbarrieren. Hab mir gerade eine Tasse lauwarmen Kaffee geschnappt und dich angerufen, damit unsere Starreporterin nicht die interessanteste Geschichte seit neunundachtzig verschläft." Wieder lachte er.
"Herzlichen Dank. Was ist mit der Metro?" Die Reporterin in ihr war endlich auch aufgewacht. Die Metro, hatte es geheißen, würde einem hundertjährigen Hochwasser auf jeden Fall standhalten. Aber Robin hatte von einem tausendjährigen gesprochen. Woher nahmen die eigentlich diese bizarren Vergleiche?
"Ist voll wie eine Strandhaubitze, das Ding. Irgendwo war ein Leck, und wie's aussieht, hat sich das Wasser in alle drei Tunnel ausgebreitet. In der Innenstadt fährt nichts. Aber sie schicken alle Straßenbahnen aus den Depots raus. Die Brücken sind auch gesperrt.""Robin, du bist ein Goldstück. Ich muss mich anziehen und raus. Hast du irgendwann mal Pause?"