Leseprobe zu "Narben / Alex-Delaware Roman Bd.9"
1
Sie lächelte und sah aus dem Fenster. Von ihrem Sessel aus hatte sie einen guten Blick aufs Meer.
"Guten Morgen, Lucy."
"Guten Morgen, Dr. Delaware."
Ihr schmales Gesicht, dominiert von großen braunen Augen und starken Wangenknochen, war voller winziger Sommersprossen, das rehbraune Haar schulterlang. In dem hellblauen Baumwollpulli und rosa Faltenrock sah sie jünger aus als fünfundzwanzig.
"Also", sagte sie, immer noch lächelnd. "Also", wiederholte ich.
Das Lächeln erstarb. "Heute möchte ich über Schwandt reden. Und zwar, was ich noch nicht erzählt habe." "Die Einzelheiten."
Sie presste die Lippen zusammen, und ihre Hände verkrampften sich. "Sie haben keine Vorstellung."
"Ich habe die Verhandlungsprotokolle gelesen, Lucy." "Alle?"
"Alle Einzelheiten vom Tatort. Detective Sturgis' Aussage." Und was er mir privat erzählt hatte.
"Ach so. Dann wissen Sie ja Bescheid." Sie blickte aufs Meer hinaus. "Ich dachte, ich wäre darüber weg, aber in letzter Zeit geht es mir nicht aus dem Kopf."
"Die Träume?"
"Nein, ich muss ständig daran denken; wenn ich am
Schreibtisch sitze, wenn ich fernsehe - egal, was ich tue. Bilder von der Verhandlung tauchen auf, besonders die Fotos, diese Vergrößerungen. Und Gesichter: Carrie Fieldings Eltern, Anna Lopez' Mann, Schwandt selbst. Es kommt alles wieder zurück."
"So lange ist es noch nicht her, Lucy."
"Zwei Monate, ist das nicht lange?"
"Nicht für das, was Sie durchgemacht haben."
"Wahrscheinlich haben Sie recht. Ich saß auf der Geschworenenbank und kam mir vor wie vergiftet. Je ekelhafter es wurde, umso mehr genoss er es. Er suhlte sich in seiner Bosheit, forderte uns geradezu heraus, ihn zu bestrafen. Und wir nahmen die Herausforderung an, nicht wahr? Weil es unsere Pflicht war, ihn unschädlich zu machen. Warum fühle ich mich dann so furchtbar? - Glauben Sie, er hat wirklich solche Misshandlungen hinter sich, wie er behauptet?"
"Dafür gibt es keinen Beweis. Meiner Ansicht nach war sein verrücktes Benehmen vor Gericht nichts als Verstellung, mit dem Ziel, für unzurechnungsfähig erklärt zu werden."
"Sie meinen, er hat die ganze Zeit vollkommen rational gehandelt?"
"Rational würde ich es nicht nennen, doch mit Sicherheit ist er kein Psychopath oder Opfer unkontrollierbarer Triebe. Es macht ihm Spaß, Menschen zu quälen."
"Dann ist die Todesstrafe gerechtfertigt."
"Man muss ihn von der Gesellschaft fernhalten."
"Das haben wir mit Sicherheit geschafft. Der Staatsanwalt sagte, wenn er je jemanden mit gutem Gewissen auf den elektrischen Stuhl geschickt hätte, dann ihn." Sie lachte bitter.
"Macht Ihnen das zu schaffen?"
"Nein ... oder vielleicht doch. Ich war ursprünglich nicht für die Todesstrafe. Aber die anderen redeten auf mich ein, als wäre ich ein widerspenstiges Kind, das am Ende einsehen muss, was richtig ist. Ohne diesen Druck hätte ich wahrscheinlich nie für den elektrischen Stuhl gestimmt."
"Sie erleben diesen Konflikt, weil Sie ein moralisches Wesen sind, Lucy. Vielleicht kehren die Bilder deshalb zurück", sagte ich.
"Wie meinen Sie das?"
"Vielleicht ist es jetzt nötig, dass Sie sich genau ins Bewusstsein rufen, was Schwandt getan hat."
"Um mich zu überzeugen, dass ich richtig gehandelt habe?"
"Genau."
Der Gedanke schien sie zu beruhigen.
"Genaugenommen ging es doch immer um Sex", sagte sie plötzlich zornig. "Er befriedigte sich, indem er andere leiden ließ. All diese Aussagen der Verteidigung über unkontrollierbare Impulse - alles Unsinn. Die armen Frauen - was er sie machen ließ ... mein Gott. Warum beginne ich eigentlich meinen Tag auf diese Weise?" Sie schaute auf die Uhr. "Ich möchte jetzt lieber aufhören. Ich habe so viel zu tun."
"Sind Sie im Rückstand wegen Ihrer Geschworenendienste?"
"Nein, das hatte ich in einer Woche wieder aufgeholt. Aber die Arbeit scheint mehr zu sein als gewöhnlich. Sie kommen immer mit etwas Neuem, als wollten sie mich bestrafen."
"Wofür?"
"Weil ich drei Monate nicht zur Verfügung stand. Die Firma war zwar verpflichtet, mir freizugeben, aber glücklich waren sie nicht darüber. Als ich meinem Chef den Brief vom Gericht zeigte, sagte er, ich solle es nicht annehmen. Aber das wollte ich nicht; ich dachte, es sei wichtig. Da wusste ich noch nicht, welche Gerichtsverhandlung sie mir zuweisen würden."
"Wenn Sie es gewusst hätten, hätten Sie sich dann zu drücken versucht?"
Sie dachte nach. "Ich weiß nicht ... Wie auch immer, ich muss mich im Augenblick um acht wichtige Kunden kümmern. Früher gab es nur so viel Arbeit, wenn Steuererklärungen anlagen."
Sie stand auf. Als wir an der Tür waren, fragte sie: "Haben Sie in letzter Zeit mit Detective Sturgis gesprochen?"
"Ja, vorgestern."
"Wie geht es ihm?"
"Gut."
"Er ist ein so netter Mensch. Wie wird er nur fertig mit solchen Fällen?"
"Nicht jeder Fall ist so schlimm wie Schwandts." "Gott sei Dank."
Ich begleitete sie hinaus. Sie stieg in ihren kleinen blauen Mitsubishi, drehte den Zündschlüssel und fuhr mit quietschenden Reifen davon.
Ich ging ins Haus zurück und schrieb meine Notizen ins Reine. Es war unsere vierte Sitzung gewesen, und wieder hatte sie nur über Schwandts Verbrechen geredet, über die Verhandlung und die Opfer, aber nicht über die Träume, wegen denen sie eigentlich meine Hilfe gesucht hatte. Ich hatte sie heute erwähnt, doch sie wechselte sofort das Thema.
Ich ging auf die Terrasse und blickte auf den Ozean hinaus. Ich dachte an Lucys drei Monate auf der Geschworenenbank. Neunzig Tage an einem vergifteten Ort.
"Strikte Vegetarierin", hatte mein Freund Milo mir über einem Glas Scotch erzählt. ""Rettet die Wale<-Aufkleber auf dem Auto und Spenden an Greenpeace. Die Verteidigung dachte, sie sei zu weich, den Dreckskerl auf den Stuhl zu schicken."
Es war ein Uhr früh. Wir waren in einer halb leeren Cocktailbar in der Innenstadt, ein paar Straßen von dem Gerichtsgebäude entfernt, wo Roland Schwandt ein Vierteljahr lang kichernd, nasebohrend, pickeldrückend, kettenrasselnd Hof gehalten hatte. Je ekelhafter die Zeugenaussagen, desto breiter sein Grinsen.
Milo stellte sein Glas ab. "Kein Fisch, auch keine Eier oder Milchprodukte, nur Obst und Gemüse. Dazu die leise, sanfte Stimme; und hübsch ist sie, ja, obwohl sie sich nicht viel daraus zu machen scheint. Aber das weiß ich natürlich nicht so genau. Eigentlich weiß ich gar nichts über sie, außer dass sie schlechte Träume hat." "Ist sie Single?"
"Das hat sie jedenfalls angegeben." "Kein Freund?"
"Sie hat keinen erwähnt. Warum?" "Ich frage mich, auf wen sie sich stützen könnte." "Sie sagte, ihre Mutter ist tot und mit ihrem Vater hätte sie keinen Kontakt. Was Freunde angeht, scheint sie eher ein Mauerblümchen zu sein. Das hat den Verteidigern bestimmt auch gefallen. Übrigens glaube ich, dass sie innere Stärke und einen harten Kern hat. Sie macht auf mich den Eindruck, als hätte sie schon einiges hinter sich." "Wovon lebt sie denn?"
"Sie ist Buchhalterin bei einem der großen Wirtschaftsprüfer in Century City."
"Hat sie dir gegenüber noch andere Probleme erwähnt als die Alpträume?"
"Nein. Und die Träume erwähnte sie nur, weil ich sagte, sie sähe müde aus, und sie erklärte, sie schliefe nicht gut. Ich lud sie zu einem Stück Torte ein, und sie erzählte mir, dass sie Alpträume hat. Dann wechselte sie hastig das Thema. Ein paar Tage später rief sie an. Sie klang immer noch erschöpft, deshalb schlug ich ihr vor, sich mit dir zu treffen. Zuerst meinte sie, sie wolle es sich überlegen, doch dann stimmte sie zu."
"Haben auch andere Geschworene Probleme?"
"Sie ist die einzige, mit der ich gesprochen habe."
"Wie kam das eigentlich?"
"Ich schaute mir die Geschworenen an, wie ich es immer tue, und unsere Blicke kreuzten sich kurz. Sie war mir schon vorher aufgefallen, weil sie immer so gewissenhaft aussah. Im Zeugenstand bemerkte ich, dass sie mich anstarrte. Danach hatten wir immer wieder Blickkontakt, und am letzten Verhandlungstag stand ich an der Hintertür, wo die Geschworenen hinausgeführt werden. Sie winkte mir zu und hatte wieder diesen echt intensiven Blick. Ich dachte, sie wolle etwas von mir, also gab ich ihr meine Karte. Drei Wochen später rief sie mich im Polizeirevier an."
Milo schaute auf seine Hände. "Ich habe also meine gute Tat hinter mir für dieses Jahr. Jetzt bist du dran. Ich weiß nicht, was sie sich leisten kann ."
"Als Buchhalterin wird sie kaum im Geld schwimmen, aber wir werden uns schon einigen", beruhigte ich ihn.
Milo rieb sich das fleischige Kinn. Im eisblauen Licht der Bar wirkte seine Haut wie pockennarbiger Gips.
"Wie geht's mit dem Haus voran?", fragte er.
"Langsam. Sehr langsam."
"Immer noch Schwierigkeiten?"
"Jeder Handwerker scheint es als seine Pflicht zu betrachten, die Arbeit seines Vorgängers zu zerstören. Doch seit Ruth die Sache in die Hand genommen hat, ist es besser geworden."
Er lächelte. "Wann, meinst du, wird es fertig?"
"Frühestens in sechs Monaten. Bis dahin müssen wir uns mit Malibu begnügen."
"Schlimm, schlimm. Und wie geht es eurem Hund?"
"Das Wasser mag er nicht, aber am Sand hat er buchstäblich Geschmack gefunden. Den frisst er."
"Oh. Vielleicht kannst du ihm beibringen, Zement zu scheißen, das würde euch Maurerkosten sparen."
"Wie praktisch du immer denkst, Milo."
2
Ein ganzes Jahr lang hatten wir ein Nomadenleben geführt. Vor dreizehn Monaten, kurz bevor Roland Schwandt anfing, durch Schlafzimmerfenster zu klettern und Mädchen in Stücke zu hacken, hatte ein rachebesessener Psychopath mein Haus niedergebrannt, mitsamt den Erinnerungen und Habseligkeiten von zehn Jahren meines Lebens. Danach, sobald Ruth und ich wieder Kraft fanden, positiv zu denken, hatten wir begonnen, den Wiederaufbau zu planen und nach einer Übergangsbleibe zu suchen.
Wir mieteten ein Strandhaus in Malibu. Ein Haus, wie ich es besitzen könnte, wenn ich etwas schlauer und ehrgeiziger gewesen wäre. In meiner hyperaktiven Jugend, als ich tagsüber im Western Pediatric Hospital arbeitete und abends Privatpatienten betreute, hatte ich ganz gut verdient und in Immobilien in Malibu investiert. Ich hatte Apartmenthäuser am anderen Ende der Stadt gekauft und mit Gewinn weiterverkauft, sodass ich mir ein Paket Aktien und
Wertpapiere zulegen konnte, das mir ein Einkommen sicherte, auch wenn ich sonst nichts verdiente.
Ich hatte noch nie am Strand gewohnt. Zu abgelegen, dachte ich immer, zu weit weg vom pulsierenden Stadtleben. Jetzt aber kam mir die Abgeschiedenheit gelegen. Nur Ruth, Bully und ich und ein paar Patienten, die bereit waren, zu uns herauszukommen.
Ich hatte seit Jahren keine Langzeittherapie mehr gemacht, sondern mich auf forensische Arbeit - Gutachten und Beratertätigkeit - spezialisiert. Doch manchmal kam etwas anderes dazwischen - Lucy Lowell zum Beispiel.
Das Haus war klein. Hundert Quadratmeter in einer grauen Holzschachtel, auf Sand gebaut. Zur Hauptstraße hin gab es einen hohen Zaun mit einem Tor und eine Doppelgarage, in der Ruth eine Werkstatt für ihre Musikinstrumente eingerichtet hatte, nachdem sie beschlossen hatte, ihren Laden in Venice zu vermieten. Eine Hintertür führte zu einer ausgetretenen Treppe zum Strand hinunter. Einmal hatte ich versucht, schwimmen zu gehen, aber dann nie wieder. Das Wasser war eisig, es gab hässliche Strömungen, und der Grund war mit Kieselsteinen übersät.
Trotzdem: wir fühlten uns wohl. Den Strand hatten wir ganz für uns, samt Treibholz und jeder Menge Sand für Bully.
Bully ist eine französische Bulldogge, ein eigenartiges Geschöpf, nicht nur vom Aussehen her. Zwölf Kilo Muskeln unter schwarzem Fell, verteilt auf einen Körper, der kaum größer ist als eine Handtasche. Dazu Fledermausohren und ein runzliges Gesicht. Er hat das unverkennbare Temperament einer Bulldogge: ruhig, treu, liebevoll und ausdauernd, nein: stur.
Er war mir zugelaufen, halb tot vor Hitze und Durst, nachdem seine Besitzerin gestorben war. Ein Haustier war damals das Letzte, worum ich mich kümmern wollte, aber er schnüffelte sich rasch in unsere Herzen.
In seiner Jugend hatte man ihm beigebracht, sich vom Wasser fernzuhalten, und er hasste den Ozean. Die Wellen machten ihn wütend. Meistens blieb er bei Ruth und spielte den Leibwächter, wenn sie mit ihrem Lieferwagen unterwegs war. Heute Morgen hatten sie um sechs das Haus verlassen. Ich war also ganz allein. Ich schob die Glastür auf und ließ etwas Wärme und Meeresrauschen herein. Dann machte ich mir einen Kaffee und dachte über Lucy nach.
Nachdem Milo ihr meine Telefonnummer gegeben hatte, brauchte sie zehn Tage, bevor sie mich anrief. Das ist nicht ungewöhnlich, denn einen Psychologen aufzusuchen ist für die meisten Menschen ein großer Schritt, sogar in Kalifornien. Sie bat schüchtern um einen Termin morgens um halb acht, damit sie um neun in ihrem Büro sein konnte. Als ich zustimmte, war sie überrascht.
Sie kam fünf Minuten zu spät und entschuldigte sich lächelnd. Ein hübsches, wenn auch gequältes Lächeln, sehr defensiv. Ein Lächeln, das die ganze Sitzung über nicht von ihren Lippen verschwand.
Sie war intelligent und redegewandt, mit einem guten Gedächtnis für Einzelheiten. Sie erzählte von den Gefechten zwischen den Anwälten, von den Grimassen, die der Richter zu ziehen pflegte, und von den Familien der Opfer. Von Schwandts Vulgarität und den Aufschreien der Presse. Als sie gehen musste, schien sie enttäuscht zu sein.
Zur zweiten Sitzung kam sie in Begleitung eines jungen Mannes Ende zwanzig, der den gleichen blassen Teint und die gleichen braunen Augen hatte wie Lucy; sein Lächeln war noch gequälter als ihres.
Sie stellte ihn mir als ihren Bruder vor, Peter.
"Kommen Sie doch herein. Sie können auch am Strand spazieren gehen", schlug ich vor.
"Nein, danke, ich warte im Auto", sagte er mit schläfriger Stimme. Er öffnete die Beifahrertür und stieg ein. Es war ein warmer Tag, doch er trug einen dicken braunen Pullover.
Lucy schaute zu ihm zurück, als wir hineingingen. Er saß vorgebeugt und schien mit etwas auf seinem Schoß beschäftigt.
Die nächsten fünfundzwanzig Minuten war ihr Lächeln weniger beständig. Sie konzentrierte sich auf Schwandt und versuchte zu begreifen, wie er so tief hatte sinken können. Doch das Thema setzte ihr zu sehr zu, und sie kam auf Milo zu sprechen. Das heiterte sie auf.
Zur dritten Sitzung kam sie wieder allein, und diesmal ging es die meiste Zeit um Milo. Sie sah ihn als den genialen Detektiv. Kein Wunder, nachdem sie erlebt hatte, wie er den Schwandt-Fall gehandhabt hatte.
Schwandt hatte wahllos in Los Angeles und Umgebung zugeschlagen. Als der Polizei klar wurde, dass zwischen den Morden ein Zusammenhang bestehen musste, wurde eine Sonderkommission eingesetzt, aber am Ende waren es Milos Ermittlungen im Fall Carrie Fielding, die alles aufklärten.
Der Fielding-Mord hatte die Stadt in Panik versetzt. Ein hübsches zehnjähriges Mädchen aus Brentwood war im Schlaf aus dem Bett gerissen, verschleppt, vergewaltigt, erdrosselt und verstümmelt worden; ihre Überreste hatten Jogger in der Morgenfrühe auf dem Mittelstreifen des San Vincente Boulevard entdeckt.
Den Tatort hatte der Mörder, wie immer, einwandfrei sauber und ohne Spuren hinterlassen. Bis auf eine mögliche Unvorsichtigkeit: einen unvollständigen Fingerabdruck auf Carries Bettpfosten.
Der Fingerabdruck stammte nicht von Carries Eltern oder dem Kindermädchen und war auch in keinem Verzeichnis des FBI zu finden. Die Polizei konnte nicht glauben, dass der Mörder ein Neuling war, und dehnte die Nachforschungen auf kürzlich festgenommene Verbrecher aus, deren Daten vielleicht noch nicht im Zentralcomputer waren. Ohne Erfolg.
Dann besuchte Milo die Familie Fielding noch einmal und bemerkte Gartenerde unter Carries Fenster auf dem Steinboden, nur ein paar Krümel, praktisch unsichtbar.
Obwohl er den Fund zunächst nicht für wichtig hielt, erzählte er Carries Eltern davon. Sie sagten, seit dem Sommer sei bei ihnen nichts mehr gepflanzt worden, was der Gärtner bestätigte.
Doch an der Straße hatten städtische Arbeiter alte Büsche ausgegraben und kleine Magnolienbäume gepflanzt. Die Krümel, die Milo gefunden hatte, stimmten mit der Blumenerde überein, die für die Jungpflanzen benutzt worden war.
Milo lud sämtliche Mitglieder des Gärtnertrupps vor, um Fingerabdrücke nehmen zu lassen, doch einer der Arbeiter, ein Neuer namens Randolph Sand, tauchte nicht auf. Milo fuhr zu dessen Wohnung in Venice, um ihn nach dem Grund zu fragen. Von dem Mann und seinem registrierten Wagen, einem fünf Jahre alten schwarzen Mazda-Transporter, fehlte jede Spur.
Der Vermieter sagte, Sand hätte für zwei Monate im Voraus bezahlt, aber am Tag zuvor hätte er ein paar Taschen gepackt und wäre weggefahren. Milo besorgte sich einen Durchsuchungsbefehl. Die Wohnung war sauber wie ein Operationssaal. Es roch noch nach Möbelpolitur. Nach einigem Suchen fand er einen abgeklemmten Boiler und darunter versteckt die Umrisse einer Falltür.
Ein alter Keller, sagte der Vermieter. Seit Jahren unbenutzt.
Milo schob den Boiler beiseite und kletterte hinunter. "Direkt in die Hölle", erzählte er mir später.
Nadeln, Messer, Glasbecher und Flaschen, Hautfetzen und Fleischbrocken in Formalin. In einer Ecke sackweise Torf, Moos, Blumenerde und menschliche Exkremente. Auf einem Regal Blumentöpfe mit Dingen, die niemals wachsen würden.
Es stellte sich heraus, dass Sand bei der Stadt einen falschen Namen angegeben hatte. In Wirklichkeit hieß er Roland Schwandt und hatte mehrere Aufenthalte in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten hinter sich. Verurteilungen wegen Autodiebstahl, Exhibitionismus, Misshandlung von Kindern, Körperverletzung, Vergewaltigung und Totschlag. Die meiste Zeit seines Lebens war er eingesperrt gewesen, doch nie länger als drei Jahre am Stück. Und die Stadt hatte ihm eine Motorsäge in die Hand gedrückt.
Zwei Wochen später wurde er in Arizona verhaftet. Ein Polizist entdeckte ihn, als er einen Reifen an einem schwarzen Mazda wechseln wollte. Im Handschuhfach lag eine mumifizierte Hand - eine Kinderhand, aber nicht Carries.
Der Fingerabdruck auf dem Bettpfosten stellte sich als falsche Spur heraus. Er gehörte zum Hausmädchen der Fieldings, die zur Zeit des Mordes in Mexiko weilte. Bei den ersten Vergleichen war sie vergessen worden.
Ich hörte schweigend Lucys Erzählung zu und erinnerte mich an die nächtlichen Drinks mit Milo, als er mich brauchte, um das Grauen zu überwinden.Manchmal sah selbst ich die Bilder vor mir. Schreckliche Bilder. Das Foto von Carrie Fielding. Schwandts Krötenaugen, sein hängender Schnurrbart, sein Verkäuferlächeln und wie er sein öliges schwarzes Haar mit seinen langen weißen Fingern zwirbelte.
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