Mitternachtsspitzen - Phillips, Susan E.

Susan E. Phillips 

Mitternachtsspitzen

Roman. Deutsche Erstausgabe

Aus d. Amerikan. v. Beate Darius
Broschiertes Buch
 
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Mitternachtsspitzen

Das Leben ist voller Überraschungen: Wutentbrannt reist die junge Kit Weston nach New York. Ihr Ziel: Der neue Besitzer ihrer Plantage muss weg! Doch Baron Cain durchschaut schnell, dass sein neuer Stallbursche in Wahrheit eine Lady mit teuflischem Temperament und viel Courage ist. Kurzerhand verfrachtet er die junge Dame in ein vornehmes Pensionat. Drei Jahre später begegnen sich Kit und Cain erneut. Sofort fliegen die Funken zwischen ihnen von neuem. Doch diesmal ist es nicht der Zorn, der ihre Herzen entflammt, sondern die Liebe. Das aber würden sich die beiden hitzigen Dickköpfe niemals eingestehen …
Eine historische Liebesgeschichte – und eine echte Phillips: Frech, romantisch und sexy!


Produktinformation

  • Verlag: Blanvalet
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 383 S.
  • Seitenzahl: 384
  • Blanvalet Taschenbuch Nr.36605
  • Deutsch
  • Abmessung: 184mm x 116mm x 35mm
  • Gewicht: 291g
  • ISBN-13: 9783442366057
  • ISBN-10: 3442366054
  • Best.Nr.: 20850728
"Witzig, warmherzig, wunderbar! Die Welt braucht mehr Bücher wie die von Susan Elizabeth Phillips." Booklist

"Sooo romantisch."
Susan Elizabeth Phillips lebt mit Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Chicago.

Leseprobe zu "Mitternachtsspitzen" von Susan E. Phillips

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Leseprobe zu "Mitternachtsspitzen" von Susan E. Phillips

Ein reizender Stallbursche

Dem alten Straßenverkäufer fiel der Junge spontan auf, denn er passte so gar nicht in Manhattans elegantes Bankenviertel. Kurz geschnittenes, leicht gewelltes schwarzes Haar stach schmutzstarrend unter dem verbeulten Hutrand hervor. Schmale Schultern steckten in einem flickenübersäten Hemd mit - vermutlich wegen der heißen Julitemperaturen - aufgeknöpftem Kragen. Ein Lederriemen hielt speckige, schlotternde Reithosen in der Taille zusammen. Der Junge trug schwarze Stiefel, die viel zu lang schienen für den schmächtigen Kerl, und unter dem Arm ein sperriges Bündel.

Der Straßenhändler lehnte sich über den mit Leckereien gefüllten Karren und beobachtete die zerlumpte Gestalt, die sich wild entschlossen durch die gut gekleideten Börsenmakler und Bankangestellten schob. Der alte Mann war ein aufmerksamer Zeitgenosse, und der Junge interessierte ihn.

"He, du da, ragazzo. Komm, ich hab ein Pastetchen für dich. Zart wie der Kuss eines Engels. Na, komm schon."

Der Bursche riss den Kopf hoch und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Tabletts mit den frisch gebackenen Köstlichkeiten. Der Händler konnte sich lebhaft vorstellen, dass er im Geiste durchrechnete, ob er sich dergleichen leisten könnte. "Komm, ragazzo. Ich geb dir eins aus." Er hielt ihm ein großes Apfeltörtchen hin. "Betrachte es als Geschenk eines alten Mannes an einen Neuankömmling in dieser Weltmetropole."

Herausfordernd die Daumen in den Hosenbund gesteckt, schlenderte der Junge zu dem Karren. "Wie kommen Sie darauf, dass ich neu hier bin?"

Sein Akzent war so weich wie der Duft des Jasmins, der auf den Baumwollfeldern in Carolina blühte. Der Alte verkniff sich ein Grinsen. "Na ja, war nur so 'ne blöde Idee von mir."

Schulterzuckend trat der Junge irgendwelchen Unrat in die Straßenrinne. "Ich hab's weder abgestritten noch zugegeben." Er deutete mit einem schmutzigen Finger auf den Kuchen. "Was soll's denn kosten?"

"Hab ich nicht eben gesagt, dass es ein Geschenk von mir ist?"

Nach kurzem Überlegen nickte der Junge und streckte die Hand aus. "Na, dann vielen Dank."

Als er das Törtchen nahm, traten zwei Geschäftsleute in Gehröcken und Zylindern an den Karren. Der Blick des Jungen glitt verächtlich über die teuren goldenen Taschenuhren, zusammengerollten Schirme und auf Hochglanz polierten Schuhe. "Verdammte Yankees", murrte er.

Die Männer waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie es nicht mitbekamen, doch der Alte runzelte die Stirn. "Wie es scheint, gefällt dir meine Stadt nicht besonders, hm? Bis vor drei Monaten hatten wir Krieg. Unser Präsident ist tot. Die Menschen sind immer noch tief betroffen."

Der Junge hockte sich auf den Karrengriff, um den Kuchen zu verspeisen. "Hab nie viel von diesem Mr. Lincoln gehalten. Er war mir zu infantil."

"Infantil? Madre di Dio! Was bedeutet denn das?"

"Kindisch."

"Und woher kennt ein Junge wie du solche Begriffe?"

Der Junge legte zum Schutz vor der Nachmittagssonne eine Hand über die Augen und blinzelte den Alten an: "Ich lese viel. Und diesen speziellen Begriff hab ich von Mr. Ralph Waldo Emerson, den ich sehr bewundere." Genüsslich knabberte er den Rand des Törtchens ab. "Als ich anfing, seine Essays zu lesen, wusste ich freilich nicht, dass er ein Yankee ist. War mordswütend, als ich es herausfand. Aber was soll's. Da war ich bereits ein glühender Anhänger von ihm."

"Dieser Mr. Emerson. Was meint er denn so?"

Der Junge schleckte mit seiner rosafarbenen Zunge ein Stück Apfel von dem schmutzstarrenden Zeigefinger. "Er redet von Charakter und Selbstvertrauen. Ich denke, Selbstvertrauen ist das Wichtigste für einen Menschen, was meinen Sie?"

"Ich für meinen Teil finde Gottvertrauen am allerwichtigsten."

"Ich halt nicht mehr viel von Gott oder von Jesus. Früher mal ja, aber ich denke, ich hab in diesen letzten Jahren zu viel Schreckliches miterlebt. Musste tatenlos zuschauen, wie die Yankees unser Vieh abschlachteten und unsere Scheunen abfackelten. Und wie sie meinen Hund Fergis erschossen. Sah, wie Mrs. Lewis Godfrey Forsythe an einem Tag ihren Mann und ihren Sohn Henry verlor. Manchmal komme ich mir steinalt vor."

Der Straßenhändler sah sich den Jungen genauer an. Das kleine, herzförmige Gesicht. Mit der vorwitzigen Stupsnase. Ein Jammer, dass das Leben diese hübschen, unschuldigen Züge alsbald verhärten würde. "Und wie alt bist du, ragazzo? Elf? Zwölf?"

Unvermittelt spiegelte sich Misstrauen in den dunklen, faszinierend lavendelblauen Augen. "Alt genug, schätz ich."

"Wo sind denn deine Eltern?"

"Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Mein Dad ist vor drei Jahren in der Schlacht von Shiloh gefallen."

"Und du, ragazzo? Was treibt dich nach New York?"

Der Junge schob sich den letzten Bissen Apfelkuchen in den Mund, stopfte sich das Bündel wieder unter den Arm und sprang auf. "Ich muss weiter, Sir. Vielen Dank für den Kuchen. War echt nett, Ihre Bekanntschaft zu machen." Er lief los, drehte sich aber nach ein, zwei Schritten noch einmal um. "Und damit Sie's wissen ... Ich bin gar kein Junge. Und ich heiße Kit."

Während Kit stadteinwärts zum Washington Square strebte - die Wegbeschreibung hatte sie von einer Dame auf der Fähre bekommen -, rückte sie sich insgeheim den Kopf zurecht. Was musste sie dem Alten auch ihren Namen auf die Nase binden? Als angehende Mörderin durfte sie damit unter gar keinen Umständen hausieren gehen. Na ja, im Grunde genommen war es gar kein Mord. Sondern höhere Gerechtigkeit, auch wenn die Yankee-Gerichte es bestimmt anders sehen würden, sofern man sie jemals aufgriff. Am besten hielt sie künftig die Klappe, dann kam vielleicht nie heraus, dass Katharine Louise Weston von der Plantage Risen Glory aus dem jämmerlich zerstörten Rutherford, South Carolina, jemals einen Fuß in dieses unsägliche New York gesetzt hatte.

Sie umklammerte das Bündel fester. Darin befanden sich der Armeerevolver ihres Vaters, die Rückfahrkarte nach Charleston, eine Erstausgabe von Emersons Essays, Wechselgarderobe und ein bisschen Geld für den Aufenthalt. Kit hätte die Sache am liebsten so schnell wie möglich hinter sich gebracht und schnurstracks die Heimreise angetreten, allerdings war ihr klar, dass sie diesen miesen Yankee zunächst genauer unter die Lupe nehmen musste. Ihn umzubringen war eine Sache. Nicht geschnappt zu werden eine andere.

Mit Charleston, der einzigen größeren Stadt, die sie bislang kannte, war New York nicht annähernd vergleichbar. Als sie durch die geschäftig lauten Straßen lief, gestand sie sich selbst ein, dass es hier einiges Sehenswerte gab. Wunderschöne Kirchen, elegante Hotels, Warenhäuser mit spiegelblanken Marmorböden. Der Krieg, der im Süden gewütet hatte, schien an dieser Stadt spurlos vorübergegangen zu sein. Gleichwohl war sie viel zu verbittert, um ihre Umgebung zu genießen. Wenn es einen Gott gibt, überlegte sie zähneknirschend, dann möge Er bitte schön dafür sorgen, dass William T. Shermans Seele in der Hölle schmort!

Tief in Gedanken, stieß sie mit einem Angestellten zusammen, der es eilig hatte, nach Hause zu kommen. "He, pass doch auf, Junge!"

"Passen Sie doch selber auf", schnaubte sie. "Und außerdem bin ich kein Junge!" Aber der Mann war schon um die nächste Ecke verschwunden.

Waren denn alle blind? Seit sie Charleston verlassen hatte, hielten die Leute sie für einen Jungen. Sie fand das zwar dämlich, aber es hatte auch seine Vorteile. Ein allein reisender Junge erregte nämlich viel weniger Aufsehen als ein Mädchen. Zu Hause passierten ihr solche Verwechslungen allerdings nie. Dort kannte man Kit von Geburt an und wusste inzwischen, dass sie mädchenhaftes Gehabe nicht ausstehen konnte.

Aber alles änderte sich rasend schnell. South Carolina. Rutherford. Risen Glory. Ja, sogar sie selbst. Der alte Mann hatte sie für ein Kind gehalten, wenn der wüsste! Sie war achtzehn, mithin eine junge Frau. Ihr Körper selbst erinnerte sie dummerweise ständig daran, was sie mental nicht wahrhaben wollte. Sie empfand ihr Alter und ihr Geschlecht eher als lästiges Übel, und genau wie ein Pferd vor einem zu hohen Hindernis scheute Kit vor der Akzeptanz ihrer eigenen Person.

Sie erspähte einen Polizisten und klemmte sich vorsichtshalber hinter eine Gruppe von Arbeitern. Kuchen hin oder her, sie war immer noch hungrig. Und müde. Sie sehnte sich nach Risen Glory zurück. Dort könnte sie jetzt auf den Obstbäumen herumklettern oder fischen gehen oder mit Sophronia in der Küche plaudern. Sie schob die Finger in die Hosentasche und umschloss ein Stück Papier. Gottlob war es noch da, obschon die darauf notierte Adresse auch in ihrem Gedächtnis eingebrannt war.

Bevor sie sich einen Schlafplatz suchte, wollte sie dort unbedingt noch vorbeigehen. Vielleicht erhaschte sie einen Blick auf den Mann, der all das in Gefahr brachte, was sie liebte. Und dann würde sie das tun, was kein Soldat im gesamten Heer der Konföderierten Staaten von Amerika geschafft hatte. Nämlich ihren Revolver ziehen und Major Baron Nathaniel Cain kurzerhand erschießen.

Baron Cain war ein ungeheuer anziehender Mann, aschblond, mit markanten Zügen und stahlgrauen Augen, was seinem Gesicht den verwegenen Anstrich eines Lebemannes verlieh. Und er langweilte sich. Zugegeben, Dora Van Ness war schön und begehrenswert, trotzdem bereute er seine Einladung zum Dinner. Er war nicht in der Stimmung für ihr oberflächliches Geplapper. Zweifellos war sie zum Äußersten bereit, was ihn aber nicht davon abhielt, genießerisch seinen Brandy zu schlürfen. Frauen hatten sich seinen Wünschen zu fügen und nicht umgekehrt, und einen alten Brandy kippte man nicht einfach so hinunter.

Der frühere Besitzer des Hauses hatte einen gepflegten Weinkeller besessen, alle Achtung. Inzwischen waren dessen Inhalt sowie das Anwesen an Cain übergegangen, seinen eisernen Nerven und einem Royal Flash sei Dank! Er nahm einen Zigarillo aus dem hölzernen Humidor, den die Haushälterin auf den Tisch gestellt hatte, schnitt das Ende ab und zündete ihn an. Ein paar Stunden später wurde er in einem der exklusiven New Yorker Clubs zu einem hochkarätigen Pokerspiel erwartet. Aber vorher wollte er noch Doras erotische Reize auskosten.

Als er sich im Sessel zurücklehnte, bemerkte er, wie sie seinen rechten Handrücken mit der entstellenden Narbe fixierte. Es war eine von vielen, die er sich im Krieg zugezogen hatte, aber dergleichen fand sie wohl erregend.

"Ich glaube, du hast mir den ganzen Abend nicht zugehört, Baron." Sie befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen und lächelte lasziv.

Er hatte Erfolg bei Frauen, obwohl ihm sein Aussehen herzlich egal war. Cain sah es eher so, dass er sein Gesicht von einem willensschwachen Vater geerbt hatte und von einer Mutter, die für jeden Mann, der ihr gefiel, die Beine breit gemacht hatte.

Mit vierzehn hatte er zum ersten Mal gemerkt, dass das andere Geschlecht ihn anhimmelte. Damals hatte ihm das geschmeichelt. Inzwischen, gut zwölf Jahre später, fand er es nur noch lästig. "Natürlich habe ich dir zugehört. Du hast mir sämtliche Gründe aufgezählt, warum ich für deinen Vater arbeiten sollte."

"Er ist sehr einflussreich."

"Ich habe bereits eine Beschäftigung."

"Also wirklich, Baron, das kann man wohl kaum als ernsthafte Beschäftigung bezeichnen. Eher als angenehmen Zeitvertreib."

Er sah sie fest an. "Was heißt hier angenehm? Mit dem Glücksspiel verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt."

"Aber ..."

"Magst du mit mir nach oben gehen, oder soll ich dich lieber nach Hause bringen? Ich möchte dich nicht zu lange aufhalten."

Unvermittelt war sie auf den Beinen und Minuten später in seinem Bett. Ihre vollen Brüste waren sinnlich-üppig, und er konnte gar nicht verstehen, wieso er nicht richtig in Stimmung kam.

"Tu mir weh", flüsterte sie. "Nur ein bisschen."

Er hatte es satt, jemandem wehzutun, zumal er im Krieg genug Schmerz und Leid mit angesehen hatte. Seine Mundwinkel zuckten zynisch. "Was immer die Dame wünscht."

Später, als er allein war und sich für den nächtlichen Ausflug umgekleidet hatte, schlenderte er gedankenvoll durch die Zimmerfluchten des herrschaftlichen Anwesens, das er beim Kartenspiel gewonnen hatte. Ganz entfernt erinnerte es ihn an das Haus, in dem er aufgewachsen war.

Er war zehn gewesen, als seine Mutter weggelaufen war und ihn mit dem hochverschuldeten Vater in einem heruntergekommenen Herrenhaus in Philadelphia zurückgelassen hatte. Drei Jahre später war sein Vater gestorben. Man hatte ihn in ein Waisenhaus gebracht, von wo er gleich in der ersten Nacht getürmt war. Er kannte nur ein Ziel: Richtung Westen.

Zehn lange Jahre war Cain von einer Stadt in die nächste gezogen, hatte Vieh gehütet, Eisenbahnschienen verlegt und nach Gold gegraben, bis er zufällig feststellte, dass er ein Händchen fürs Kartenspiel hatte. Der Westen war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und brauchte gebildete Männer, allerdings hielt er die Fähigkeit des Lesens und Schreibens vor der Öffentlichkeit verborgen.

Die Frauen verliebten sich scharenweise in den gut aussehenden Jungen mit dem kantigen Profil und den rätselhaft kühlen Augen. Keine schaffte es jedoch, ihn aus der Reserve zu locken. Ihm fehlten die tiefen Gefühle, mit denen ein liebevoll behütetes Kind heranwuchs. Ob sie für immer erloschen oder nur verdrängt waren, interessierte Cain nicht weiter.

Bei Kriegsbeginn überquerte er nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder den Mississippi River und trat der Armee bei, aber nicht etwa um die Union zu stützen, sondern weil er ein freiheitsliebender Mensch war und ihn die Sklaverei zutiefst abstieß. Er schloss sich Grants durchgreifenden Truppen an und fiel dem General auf, als sie Fort Henry einnahmen. In Shiloh gehörte er bereits Grants Militärstab an. Zweimal entging er knapp dem Tod, bei Vicksburg und vier Monate später bei Chattanooga, als er den Missionary Ridge in einer Schlacht einnahm, die Shermans "Marsch zum Meer" überhaupt erst ermöglichte.

Ab da berichteten die Zeitungen von Baron Cain als dem "Helden vom Missionary Ridge". Er wurde mit glühenden Worten für seinen patriotischen Einsatz gewürdigt. Nach mehreren erfolgreichen Vorstößen durch die gegnerischen Truppenlinien wurde General Grant mit den Worten zitiert: "Ich würde lieber meinen rechten Arm verlieren als Baron Cain."

Was Grant und die Zeitungen nicht wahrnahmen, war, dass Cain für das Risiko lebte. Gefahren brachten ihm, genau wie der Sex, erst den nötigen Nervenkitzel. Vielleicht verdiente er sich den Lebensunterhalt deshalb mit dem Pokerspiel, wo er auf sein Kartenglück vertrauen musste.

Aber auch dieser Reiz ließ nach. Das Glücksspiel, die exklusiven Clubs, die Frauen - all das bedeutete ihm immer weniger. Irgendetwas fehlte in seinem Leben, aber er hatte keine Ahnung, was es war.

Als Kit die ihr unbekannte Stimme vernahm, zuckte sie unwillkürlich zusammen. Frisches Stroh piekste ihr in die Wange, und einen kurzen Moment lang hatte sie das Gefühl, zu Hause in der Scheune von Risen Glory zu sein. Dann fiel ihr siedendheiß ein, dass diese ja abgefackelt worden war.

"Wieso gehst du nicht rein, Magnus? Du hattest einen harten Tag." Die Stimme kam von der anderen Seite des Stalls. Tief und schroff, hatte sie absolut nicht den weichen, gedehnten Akzent ihrer Heimat.

Kit blinzelte, bemüht, in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen. Schlagartig dämmerte es ihr. Grundgütiger! Sie war in Baron Cains Scheune eingedöst.

Sie stützte sich auf einen Ellbogen auf und reckte vorsichtig den Kopf. Die Frau auf der Fähre hatte ihr den Weg nicht richtig beschrieben, und es war dunkel gewesen, als Kit das Haus endlich gefunden hatte. Sie hatte sich im Gebüsch versteckt, bis sie sich sicher wähnte. Dann war sie heimlich über die Außenmauer geklettert, um sich das Anwesen genauer anzusehen. Als sie das geöffnete Stallfenster entdeckte, war sie kurzerhand hindurchgeschlüpft. Müde und erschöpft, hatten der vertraute Geruch nach Pferden und frischem Stroh sie dummerweise dazu bewogen, in einer versteckten Ecke ein Nickerchen zu machen.

"Wollen Sie morgen auf Saratoga ausreiten?" Da war wieder diese andere Stimme, weicher und vertrauter - wie die der früheren Plantagensklaven.

"Kann sein. Wieso?"

"Die Flankenverletzung verheilt schlecht. Besser, Sie schonen die Stute noch ein paar Tage."

"In Ordnung. Ich schau sie mir morgen an. Gute Nacht, Magnus."

"Gute Nacht, Major."

Major? Kits Herzschlag beschleunigte sich. Der Mann mit der tiefen Stimme war also Baron Cain! Sie kroch zum Scheunenfenster, spähte über den Sims und bekam gerade noch mit, wie er in dem hell erleuchteten Haus verschwand. Zu spät. Damit hatte sie die Chance verpasst, einen Blick auf sein Gesicht zu werfen. Ein ganzer Tag umsonst!

Sie war den Tränen nahe. Schlimmer hätte es kaum noch kommen können. Es war weit nach Mitternacht, und sie befand sich in einer ihr völlig fremden Yankee-Stadt, in der sie sich nicht auskannte. Sie schluckte trocken und versuchte sich zu konzentrieren, indem sie den verbeulten Hut tiefer in die Stirn zog. Zwecklos, sich deswegen graue Haare wachsen zu lassen. Als Erstes musste sie jedenfalls schleunigst verschwinden und sich einen anderen Schlafplatz suchen. Morgen wollte sie ihre Beobachtungen aus sicherer Entfernung wieder aufnehmen.

Ihr Bündel unter den Arm geklemmt, schlich sie sich zur Stalltür und horchte. Cain war im Haus verschwunden, aber wo war der andere, dieser Magnus? Behutsam drückte sie das Tor auf und spähte nach draußen.

Durch die Vorhänge vor den Fenstern fiel ein schwacher Lichtschein auf den Hof zwischen Stall und Kutschenverschlag. Sie glitt ins Freie und lauschte. Alles blieb still. Das Eisentor in der hohen Ziegelmauer war zweifellos verschlossen, folglich blieb Kit nichts anderes übrig, als die Mauer ein weiteres Mal zu überklettern.

Aber zunächst musste sie den ausgedehnten Hof überqueren. Nach einem skeptischen Blick zum Haus atmete Kit tief durch und rannte los.

Kaum hatte sie den schützenden Stall hinter sich gelassen, da ahnte sie auch schon, dass irgendetwas faul war. Die Nachtluft verströmte nicht mehr den würzigen Stallgeruch, stattdessen schnupperte sie eindeutig Zigarrenrauch.

Ihr Verstand raste. Sie hechtete zu der Mauer, aber die Ranke, an der sie sich hatte hochziehen wollen, entglitt ihr. Hektisch griff sie nach einer anderen, ließ das Bündel fallen und hangelte sich hoch. Dummerweise traf irgendetwas empfindlich ihren Hosenboden. Sie zappelte hilflos in der Luft herum und plumpste dann bäuchlings in den Schmutz. Spürte unsanft einen Stiefel im Kreuz.

"Na, was haben wir denn hier?", meinte der Stiefelträger über ihr gedehnt.

Leicht benommen von dem Sturz, erkannte sie die tiefe Stimme wieder. Der Mann, der sie da eben in Schach hielt, war ihr Todfeind: Major Baron Nathaniel Cain.

Kit sah rot. Energisch stützte sie die Hände in den weichen Erdboden und wollte aufstehen, aber sein Stiefel blieb, wo er war.

"Nehmen Sie Ihren verdammten Fuß von mir runter, Sie dreckiger Sohn einer Hündin!"

"Besser nicht", sagte er mit einer Ruhe, die sie rasend machte.

"Lassen Sie mich los! Sie lassen mich sofort los.""Für einen Dieb bist du ganz schön dreist."

Kundenbewertungen zu "Mitternachtsspitzen" von "Susan E. Phillips"

7 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.9 von 5 Sterne bei 7 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
***** ausgezeichnet
 
(6)
***** sehr gut
 
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Bewertung von MissSunshine aus Wrohm am 20.03.2011 ***** sehr gut
Dies ist das erste Buch, was ich von Susan Elizabeth Phillips gelesen habe und beim Kauf ist mir entgangen, dass es sich um einen historischen Roman handelt, die ich eigentlich nicht so gerne lese.
Allerdings sind beide Hauptpersonen, Kit und Baron, für die damalige Zeit recht unkonventionell, so dass es einem gar nicht so historisch vorkam, trotz der ständigen Erwähnung des Bürgerkrieges.
Das Buch ist ein kurzweiliges Vergnügen. romantisch und teilweise echt witzig.

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Bewertung von schnuppe aus Augsburg am 01.06.2010 ***** ausgezeichnet
WIeder mal ein tolles Buch von Susan E. Philips!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von M aus S am 13.02.2008 ***** ausgezeichnet
Hammer,
das Buch macht super Spaß zu lesen und strotzt nur so vor kleinen Sticheleien.
Für alle selbstständigen Frauen ein Muss :o)

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Bewertung von t. aus b. am 13.08.2007 ***** ausgezeichnet
AUSGEZEICHNET!

Habe dieses Buch in einer Nacht verschungen und kann gar nicht genug davon bekommen. Ihre Art zu schreiben ist einfach grandios! Man kann die Bücher von ihr einfach nicht zur Seite legen...

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Bewertung von Jessica am 11.07.2007 ***** ausgezeichnet
Habe das Buch eben zuende gelesen und es ist super! Ich habe es in 4 Tagen durchgelesen, weil ich so neugierig war wie es weiterging, jetzt finde ich es schade, dass es schon zuende ist! Das Buch kann ich nur weiterempfehlen! =)

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Bewertung von Ramona Kaiser aus Langenselbold am 06.06.2007 ***** ausgezeichnet
Das erste Buch von Susan Elizabeth Phiilips ist genauso grandios wie ihre anderen Bücher. Frech, spritzig, mitreißend. Einfach zum lesen gern

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Bewertung von S.Z. aus Berlin am 19.11.2006 ***** ausgezeichnet
Einmal etwas ganz anderes von SEP.Ich war hingerissen von der Story. Habe das Buch in einer Nacht verschlungen.

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