Menschentier - Sinha, Indra

Indra Sinha 

Menschentier

Ausgezeichnet mit dem Commonwealth Writers' Prize 2008

Übersetzung: Urban, Susann
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Menschentier

Animal, so wird der Ich-Erzähler seit der Chemiekatastrophe von Bhopal genannt. Denn seither kann sich der mittlerweile 19-jährige nur noch auf allen Vieren bewegen. Mitleid aber will er nicht und dies macht er in seiner derben Sprache auch deutlich. Als eine Ärztin eine Klinik für die Opfer eröffnet, soll Animal herausfinden, auf wessen Seite sie steht. Es entspinnt sich ein Netz aus Intrigen und Verdächtigungen ... Ein anrührender, bewegender Roman, der die Balance schafft zwischen Tragödie und Komödie.

Früher war ich ein Mensch. Erzählt man mir. Ich erinnere mich selbst nicht daran, aber Leute, die mich kannten, als ich klein war, sagen, ich ging auf zwei Beinen wie ein Mensch. (...) Die Welt der Menschen ist dazu gedacht, in Augenhöhe betrachtet zu werden. Deiner Augen. Hebe ich meinen Kopf, starre ich jemandem auf den Schritt. (...) Ich sei früher aufrecht gegangen, sagt Ma Franci, warum soll sie lügen? Nicht, dass mich das tröstet. Ist es nett, einen Blinden daran zu erinnern, dass er mal sehen konnte?
Dies sind drei tongebende Sätze der Hauptfigur und des Ich-Erzählers aus dem ersten Kapitel. Animal, so genannt, weil er sich nur auf allen Vieren fortbewegen kann, ist ein 19-jähriges verkrüppeltes Opfer des Unglücks von Bhopal. Er lehnt Mitleid ab, flucht wie ein Seemann, und giert nach körperlicher Zuwendung. Animal spricht seine Geschichte auf Tonkassetten eines Journalisten, und er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: die Sprache der Straße; bei Animal ein charmanter Mix aus Hindi, Englisch und Französisch.
Als eine junge amerikanische Ärztin eine Klinik für die Opfer der Chemiekatastrophe eröffnet, wird Animal zu ihr geschickt, um herauszufinden, auf welcher Seite sie steht. Ein Netz von Intrigen und Verdächtigungen treibt die Handlung voran, bis zu ihrem dramatischen Ende. Eine Reihe von bemerkenswerten Figuren, etwa die köstlich schräge französische Nonne Ma Franci, die das Findelkind Animal aufgezogen hat, oder Chunaram, windiger Vermittler und Teeladenbesitzer, werden mit wenigen Strichen meisterhaft zum Leben erweckt. Die Geschichte bleibt trotz aller Leiden und Schrecken stets anrührend. Sinha balanciert zwischen Komödie und Tragödie und bringt seinen Figuren stets Respekt und Zuneigung entgegen. In einer aus den Fugen geratenen Welt ergibt nur noch die groteske Übertreibung einen Sinn. Ein sehr bewegender Roman.


Produktinformation

  • Verlag: Edition Büchergilde
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 508 S.
  • Seitenzahl: 508
  • Weltlese Bd.7
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 134mm x 35mm
  • Gewicht: 525g
  • ISBN-13: 9783940111876
  • ISBN-10: 3940111872
  • Best.Nr.: 33395833

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Indra Sinhas Roman "Menschentier" hat Claudia Wenner sehr beeindruckt und begeistert, die Übersetzung ins Deutsche allerdings schmälert ihre Freude beträchtlich. Der indische Autor erzählt die Geschichte des durch einen grauenhaften Chemie-Unfall verkrüppelten Ich-Erzählers, der sich "Animal" nennt, weil er sich nur noch auf allen vieren fortbewegen kann, erklärt die Rezensentin. Auch wenn hinter der fiktiven Stadt Kaufpur unschwer Bophal zu erkennen ist, wo sich 1984 die schwerste Chemie-Katastrophe der Geschichte ereignete, entscheidet sich der Autor gegen einen "Tatsachenroman" und schafft eine völlig andere, fiktive Wirklichkeit, so Wenner. Unsentimental und ohne jede Sensationslust eröffnet Sinha mit seinem jungen Protagonisten eine ganz neue Perspektive auf ein Opfer, das sich vehement weigert, diese Rolle anzunehmen, lobt die Rezensentin. Sie ist vor allem von der Sprache, die sich durch Jugendjargon, schräger Syntax und Einschlüssen von Hindustani und Französisch auszeichnet, sehr fasziniert. Die allerdings lässt sich beim Lesen der deutschen Übersetzung fast nicht mehr wiederfinden, von Sinhas "Sprachfeuerwerk" ist hier nur ein holpriger, allzu sehr am englischen Original angelehnter Text übrig geblieben, stellt die Rezensentin betrübt fest.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 28.03.2012

Ein Hundeleben
Indra Sinah hat einen lebensbejahenden Schelmenroman vor dem Hintergrund des katastrophalen Chemie-Unfalls im indischen Bhopal geschrieben
Eine Geschichte, so grausam wie selten eine. Animal ist 19 Jahre alt, und seit dem großen Chemieunfall in seiner indischen Geburtsstadt Khaufpur sind ihm die Knochen nach und nach eingeschmolzen. Jetzt kann er sich nur mehr auf allen vieren fortbewegen, in grotesker Verkrümmung, mit dem Hintern als höchstem Punkt seines Körpers und dem Gesicht knapp über dem Boden. Den ganzen Tag robbt Animal vom Hinterhof des einen Restaurants zu den Müllkübeln des anderen, um in den Abfällen zu suchen, was sich noch verzehren lässt. Und er ist nicht der Einzige, den der Unfall dazu nötigt, seine Existenz nach Art eines durch die Großstadt streunenden Tiers zu bestreiten. Begleitet wird er meist von Jara, seiner Freundin, die flüchtige Betrachter für einen struppigen Straßenköter halten, dem man den Knochen gerne gönnt, den er sich irgendwo aus dem Unrat holt.
„Früher war ich ein Mensch.“ Das ist der erste Satz eines Romans, in dem von einer von Menschen verursachten, von Menschen vertuschten Katastrophe …

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Indra Sinha, geboren 1950 in Colaba, Indien, ist Sohn eines indischen Marineoffiziers und einer englischen Schriftstellerin. 1967 zog er mit seiner Familie nach England und studierte dort Literaturwissenschaften. Sinha arbeitete als Werbetexter und begann daneben zu schreiben. 1980 erschien Sinhas Übersetzung des Kama Sutra ins Englische, ab 1995 konzentrierte er sich ganz auf seine schriftstellerische Arbeit. Indra Sinha lebt heute mit seiner Familie in Südfrankreich.

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