Mein lieber Petrovic - Danojlic, Milovan

Milovan Danojlic 

Mein lieber Petrovic

Roman

Übersetzung: Dabic, Jelena; Dabic, Mascha
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Mein lieber Petrovic

Mihailo Putnik und sein lieber Freund Petrovic haben nach dem Zweiten Weltkrieg Hals über Kopf Jugoslawien verlassen und sind in die USA ausgewandert, wo sie erfolgreiche Universitätskarrieren absolviert haben. Als Rentner im fortgeschrittenen Alter kann Putnik jedoch dem Heimweh nicht länger widerstehen und kehrt nach Serbien zurück, in der Hoffnung, endlich Ruhe zu finden und dem Tod gelassen entgegenzusehen.

Es kommt jedoch anders als erwartet. Putnik muß feststellen, daß er im Exil die negativen Seiten seines Heimatlandes ausgeblendet hat und seinen Sehnsüchten und Verklärungen zum Opfer gefallen ist. Von Altersmilde und abgeklärter Gelassenheit kann keine Rede sein: Putnik begegnet dem Provinzialismus und verbohrten Nationalismus seiner Landsleute auf Schritt und Tritt und muß erkennen, daß sein in Übersee mühsam erworbenes intellektuelles und finanzielles Kapital hier nichts wert ist und lediglich Naserümpfen hervorruft. Niemand ist wirklich daran interessiert, seine Ansicht zur Lage des Landes zu hören. Um seinen Freund vor der Nostalgiefalle zu bewahren, schreibt Putnik ausführliche Briefe nach Cleveland, Ohio, in denen er die politische, kulturelle und zwischenmenschliche Wirklichkeit des Landes schonungslos schildert.

"Mein lieber Petrovic" ist ein schmerzhafter Abgesang auf den Vielvölkerstaat Jugoslawien. Darüberhinaus ermöglicht die Lektüre aber auch eine universale Auseinandersetzung mit dem Thema Entwurzelung und Zugehörigkeit. Kann ein kritischer Intellektueller überhaupt irgendwo zu Hause sein? - Putnik heißt Reisender, und so ist Danojlics briefeschreibender Held dazu verurteilt, auch in seiner vermeintlichen Heimat ein rastloser Wanderer zu bleiben, der sich seinen scharfsinnigen Beobachtungen nicht entziehen kann.


Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 310 S.
  • Seitenzahl: 310
  • Best.Nr. des Verlages: 42180
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 129mm x 30mm
  • Gewicht: 429g
  • ISBN-13: 9783518421802
  • ISBN-10: 3518421808
  • Best.Nr.: 29742228

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Milovan Danojlics Briefroman, in dem ein 1977 aus dem amerikanischen Exil nach Serbien zurückgekehrter pensionierter Universitätsprofessor an einen Freund in Amerika über das Vorgefundene schreibt, hat Hans-Peter Kunisch begeistert. Hier schwelgt einer von der serbischen Landschaft und verzweifelt gleichzeitig an den Menschen und dem strukturellen Stillstand im Land, stellt der Rezensent fest. Diese Suada eines klugen, scharfen und dabei ausgesprochen "wehmutsgetränkten" Beobachters sieht der Rezensent zudem sehr adäquat in ein etwas antiquiertes, klangvolles Deutsch übersetzt. Wirkungsvoll findet Kunisch auch, dass der Ich-Erzähler seine negativen Betrachtungen von zwei durchaus mit Sympathie geschilderten Gegenfiguren spiegeln lässt, dem Kommunisten Vito Lukic und dem Nationalisten Vuk Paligoric. Was Kunisch allerdings nicht wenig irritiert ist, dass sich der serbische Autor, in den 1980er Jahren selbst ins französische Exil gegangen, rund dreißig Jahre nach der Entstehung dieses Romans in einem Interview mit dem Magazin Regard sur L'Est so gänzlich anders über die Lage Serbiens äußerte. In der Zwischenzeit scheint er sich von seinem "liberal-demokratischen" Ich-Erzähler gelöst und dem Patriotismus seines nationalistischen Figur Paligoric angenähert zu haben, so der Rezensent erstaunt, dem auch ein längeres Telefongespräch mit dem Autor nicht alle Fragen beantwortet hat.

© Perlentaucher Medien GmbH

"eine düster-komische Chronik aus dem Alltag einer zerfallenden Gesellschaft." (Deutschlandradio Kultur)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.03.2011

Für die Seele genügen drei Wochen

Milovan Danojlic stellt seiner serbischen Heimat die Gewissensfrage: Im Roman "Mein lieber Petrovic" rechnet er mit den moralischen Abgründen seiner Landsleute ab.

Von Tomasz Kurianowicz

Menschen sind wie Stachelschweine an einem kalten Wintertag, sagt Schopenhauer. Das Bedürfnis nach Wärme bringt sie zusammen; der Schmerz jedoch, den sie einander zufügen, führt sie wieder voneinander fort. Bevor man Milovan Danojlic' ersten ins Deutsche übersetzten Roman in die Hand nimmt, sollte man sich mit Schopenhauers trostloser Philosophie beschäftigen, damit die Verstörung, die sich beim Lesen einstellt, nicht allzu schnell Überhand gewinnt.

Ganz ohne Zweifel: "Mein lieber Petrovic" ist ein hoffnungsloser, ein traurig machender Roman. Es ist die schonungslose Abrechnung des Exilanten Mihailo Putnik, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus seiner serbischen Heimat nach Amerika ausgewandert ist, um jetzt als Greis, 1977, voller Sehnsucht und Nostalgie wieder ins eigene Nest zurückzukehren. In zehn Briefen beschreibt der Ich-Erzähler seinem Freund Petrovic, der in Amerika zurückgeblieben ist, wie sein Land - …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 15.03.2011

Der Singsang des Fluchens
Serbien nach dem Ausstieg aus dem Tito-Boot:
Milovan Danojlic und sein Roman „Mein lieber Petrovic“
Der hier schreibt, ist ein Schwärmer: „Dann nehmen die Wälder allmählich die Farbe von unreifem Tabak an. (. . . ) Wo die Autobahn aufgeschüttet wurde, wächst verwelkter Mohn: Der ganze Sommerglanz ist über ihn hinweg getrampelt, und jetzt lehnt er sich, ausgedünnt und durchsichtig, nur noch an die Luft.“ Eine sanfte Sprache, die nah an den Dingen bleibt, im nächsten Augenblick abstrakt wird, dann wieder zu ihnen zurückfindet: „Die Substanz ist an die Oberfläche aller Formen gelangt und wärmt sich, nackt, in der milden Sonne. Der Sommer ist zu Ende, der Herbst hat nicht begonnen. Der Himmel hat uns mit Licht überschüttet und zwingt uns, in unserer Nichtigkeit zu schwelgen.“
28. August 1977. Vor zwölf Jahren ist der pensionierte Universitätsprofessor Mihailo Putnik aus dem amerikanischen Exil in Ohio zurückgekehrt. Er schreibt an seinen alten Freund Steve Petrovic, der in Cleveland geblieben ist. Petrovic hat angedeutet, dass auch er zurückkommen möchte, hat um Auskunft gebeten, wie es denn …

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»Von diesem Roman, seinem so geschliffenen scharf intellektuellen wie wehmutsgetränkt wahrnehmungsoffenen IchErzähler, dessen Suada die beiden Übersetzerinnen in ein schönes, altes, melodisch getragenes Deutsch gebracht haben, begeistert, beginnt man, sich etwas näher über den bislang im deutschen Sprachraum unbekannten Autor kundig zu machen.«
Milovan Danojlic , geboren 1938 in Ivanovci, Jugoslawien, lebt heute in Poitiers. Mit seinem umfangreichen Werk zählt er zu den wichtigsten Autoren Serbiens.

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