Leseprobe zu "Mein Amerika" von Bill Bryson
Meine Heimatstadt
Springfield, Ill. (AP) - Der Senat von Illinois löste gestern seinen Rationalisierungs- und Einsparungsausschuss auf - "aus Gründen der Rationalisierung und Einsparung".
Des Moines Tribune, 6. Februar 1955
Ende der 1950er Jahre gab die Königlich Kanadische Luftwaffe eine Broschüre über Isometrik heraus, eine Sparte der Leibesertüchtigung, die sich bei meinem Vater kurzer, aber äußerster Beliebtheit erfreute. Bei isometrischen Übungen benutzte man ein beliebiges hartes Hilfsmittel wie einen Baum oder eine Wand und stemmte sich in verschiedenen Stellungen dagegen, um die einzelnen Muskelgruppen zu stärken und fit zu halten. Da jedermann Zugang zu Bäumen und Wänden hat, musste man nicht viel in eine kostspielige Ausrüstung investieren, was für meinen Vater wahrscheinlich den Reiz an der Sache ausmachte.
Weniger glücklich war allerdings, dass er sein isometrisches Muskeltraining normalerweise in Flugzeugen absolvierte. Irgendwann während eines Fluges schlenderte er nach hinten in Richtung Bordküche oder in den Bereich vor dem Notausgang, stellte sich in Positur, als wolle er schweres Gerät bewegen, und drückte sich mit dem Rücken oder der Schulter gegen die Wand des Flugzeugs. Ab und zu gönnte er sich eine Pause, atmete tief durch und machte sich dann mit leisem, entschlossenem Grunzen wieder ans Werk.
Da es beängstigend so aussah, als wolle er ein Loch in die Flugzeugwand drücken, erregte es natürlich Aufmerksamkeit. Geschäftsleute auf den Plätzen in der Nähe lugten über den Rand ihrer Brillen. Eine Stewardess streckte den Kopf aus der Bordküche und lugte ebenfalls, doch mit einer gewissen erhöhten Wachsamkeit, als erinnere sie sich an einen Teil ihrer Ausbildung, den sie bisher noch nicht in der Praxis hatte anwenden müssen.
Wenn mein Vater sah, dass er Zuschauer hatte, warf er sich in die Brust, lächelte verbindlich und begann in kurzen Zügen die faszinierenden Grundsätze der Isometrik darzulegen. Anschließend gab er einem sich freilich rasch abwendenden Publikum eine Vorführung. Er war merkwürdig unfähig, solche Situationen peinlich zu finden, doch das machte nichts, denn mir waren sie für uns beide peinlich - ja, peinlich für uns beide nebst allen Fluggästen, der Fluggesellschaft und ihren Angestellten sowie dem gesamten Bundesstaat, über den wir gerade flogen.
Aus zweierlei Gründen fand ich mich mit derlei Aktivitäten aber ab. Erstens war mein Vater, wenn er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, meist nicht halb so närrisch, zweitens war Ziel der Flüge immer eine große Stadt wie Detroit oder St. Louis, wo wir in einem großen Hotel übernachten und Baseballspiele besuchen würden. Und dafür nahm ich vieles in Kauf - na, eigentlich alles. Mein Vater war Sportreporter für den Des Moines Register, damals eine der besten Zeitungen des Landes, und oft durfte ich ihn auf Reisen im Mittleren Westen begleiten. Manchmal fuhren wir nur mit dem Auto in kleinere Orte wie Sioux City oder Burlington, doch mindestens einmal im Sommer bestiegen wir ein silberglänzendes Flugzeug - damals eine Riesensache - und rumpelten durch die Schäfchenwolken hoch oben an einem sommerlichen Firmament zu einer richtigen Metropole, um Major-League-Baseballspielen beizuwohnen, Topereignissen in dem Sport.
Wie alles damals war Baseball Teil einer simpleren Welt und vor den Spielen durfte ich mit ihm in die Umkleidekabinen, zu den überdachten Spielerbänken und aufs Spielfeld. Stan Musial hat mir durchs Haar gewuschelt. Ich habe Willie Mays einen Ball zurückgegeben, den er nicht gefangen hatte. Ich habe Harvey Kuenn (vielleicht war es auch Billy Hoeft) mein Fernglas geliehen, damit er eine vollbusige Blondine auf den oberen Rängen ins Visier nehmen konnte. Und einmal saß ich an einem heißen Julinachmittag in den fast luftlosen Clubräumen unterhalb der Tribüne am linken Spielfeld von Wrigley Field in Chicago neben Ernie Banks, dem großartigen Shortstop der Cubs, als er kistenweise neue weiße Basebälle signierte (die übrigens den köstlichsten Duft der Erde verströmen und in deren Nähe Zeit zu verbringen sich immer lohnt). Unaufgefordert übernahm ich es, neben Ernie Banks Platz zu nehmen und ihm die Bälle zuzureichen. Was den Ablauf erheblich entschleunigte. Doch er schenkte mir jedes Mal ein kleines Lächeln und sagte Danke schön, als täte ich ihm einen Riesengefallen. Er war das netteste menschliche Wesen, das mir je begegnet ist. Es war, als wäre man mit Gott befreundet.
Ich kann mir keine erfreulichere Zeit und keinen glücklicheren Ort zum Leben vorstellen als die Vereinigten Staaten von Amerika in den 1950er Jahren. Noch nie hatte in einem Land ein solcher Wohlstand geherrscht. Als der Krieg zu Ende war, gab es in den USA Fabriken im Wert von 26 Milliarden Dollar, die vor dem Krieg noch nicht existiert hatten, 140 Milliarden Dollar in Ersparnissen und Kriegsanleihen, die nur darauf warteten, ausgegeben zu werden, keine Bombenschäden und praktisch keine Konkurrenz. Die amerikanischen Unternehmen mussten nur aufhören, Panzer und Schlachtschiffe zu bauen, und stattdessen Buicks und Frigidaires produzieren. Und Mann, oh Mann, das taten sie! 1951, als ich auf die Welt gesegelt kam, besaßen fast 90 Prozent der US-amerikanischen Familien einen Kühlschrank und fast 75 Prozent Waschmaschine, Telefon, Staubsauger und Gas- oder Elektroküchenherd - Dinge, von denen der Rest der Welt immer noch nur träumen konnte. Die US-Bürger nannten 80 Prozent der Elektrogeräte auf Erden ihr Eigen, verfügten über zwei Drittel der Produktionskapazitäten, erzeugten 40 Prozent des elektrischen Stroms, 60 Prozent des Öls und 66 Prozent des Stahls. Die fünf Prozent der Menschheit, die US-Amerikaner waren, waren reicher als die restlichen 95 Prozent zusammen.
Ich wüsste nicht, was Hülle und Fülle dieser Jahre besser illustriert als das Foto (auf den vorderen und hinteren Vorsatzblättern dieses Buches), das zwei Monate vor meiner Geburt in der Life abgedruckt war. Es zeigt die Familie Czekalinski aus Cleveland, Ohio - Steve, Stephanie und die beiden Söhne Stephen und Henry -, inmitten der zweieinhalb Tonnen Nahrung, die eine typische Arbeiterfamilie damals in einem Jahr vertilgte. Zu den Dingen, mit denen sie fotografiert wurden, gehörten 400 Pfund Mehl, 65 Pfund Backfett, 50 Pfund Butter, 31 Hähnchen, 270 Pfund Rindfleisch, fast 25 Pfund Karpfen, 130 Pfund gekochter Schinken, 35 Pfund Kaffee, 620 Pfund Kartoffeln, 663 Liter Milch, 131 Dutzend Eier, 180 Brotlaibe und 32 Liter Speiseeis, alles mit einem wöchentlichen Budget von 25 Dollar erstanden. (Mr. Czekalinski arbeitete im Versand einer Fabrik von Du Pont und verdiente 1,96 Dollar die Stunde.) 1951 aß der durchschnittliche US-Bürger 50 Prozent mehr als der Europäer.
Kein Wunder, dass die Leute zufrieden waren. Plötzlich bekamen sie Dinge, von denen sie nicht einmal geträumt hatten, und konnten ihr Glück kaum fassen. Wunderbar auch, wie bescheiden die Wünsche waren. Zum letzten Mal sollten Menschen schier aus dem Häuschen geraten, wenn sie in den Besitz eines Toasters oder Waffeleisens kamen. Schafften sie ein größeres Gerät an, luden sie die Nachbarn zum Anschauen ein. Als ich ungefähr vier war, kauften meine Eltern einen Amana-Stor-Mor-Kühlschrank und mindestens sechs Monate lang war der wie ein Ehrengast in unserer Küche. Wenn er nicht so schwer gewesen wäre, hätten sie ihn beim Essen bestimmt an den Tisch gezogen. Kam unerwartet Besuch, sagte mein Vater zu meiner Mutter: "Ach, Mary, haben wir wohl Eistee im Amana?" und bedeutungsvoll zu den Gästen: "Haben wir eigentlich jetzt immer. Es ist ein Stor-Mor."
"Ah, ein Stor-Mor", sagte dann der männliche Gast und hob die Brauen wie jemand, der was von Qualitätskühlung versteht. "Wir haben auch überlegt, ob wir uns einen Stor-Mor anschaffen, uns am Ende aber für einen Philco Shur-Kool entschieden. Alice fand, dass das Easy-Glide-Gemüsefach wirklich leicht herauszuziehen ist, und man kriegt eine Familienpackung Eiskrem ins Gefrierfach. Und wie Sie sich sicher vorstellen können, war das für Wendell Junior das Verkaufsargument!"
Worauf alle herzlich lachten, sich hinsetzten, Eistee tranken und eine Stunde oder so über Haushaltsgeräte parlierten. Nie waren Menschen glücklicher gewesen.
Auch auf die Zukunft freuten sich die Leute in einer Weise, wie es nie wieder der Fall sein sollte. Bald, so stand es ja in jeder Illustrierten, würden wir Unterwasserstädte vor allen Küsten haben, Weltraumkolonien in riesigen Glasballons, atomgetriebene Züge und Verkehrsflugzeuge, jeder seinen eigenen Raketenrucksack, Gyrokopter in allen Hauseinfahrten, Autos, die sich in Boote oder sogar U-Boote verwandelten, bewegliche Bürgersteige, die uns - witsch! - in Schulen und Büros beförderten, Automobile mit Kuppeldächern, die sich selbst über glatte Superautobahnen fuhren, so dass Mom, Dad und die beiden Jungs (Chip und Bud oder Skip und Scooter) sich Brettspielen widmen, einem Nachbarn in einem vorbeifliegenden Gyrokopter zuwinken oder sich einfach zurücklehnen und darin schwelgen konnten, einige der wunderhübschen Worte aus den Fünfzigern zu sagen, die man jetzt nicht mehr hört: Vervielfältigungsapparat, Grillrestaurant, Stenograf, Eisschrank, Rübstielchen, Strumpfbandgürtel, Nylonstrümpfe, Sputnik, Beatnik, Cinerama, Moose Lodge, Pinökel, Daddy-o.
Wer nicht auf die Unterwasserstädte und die selbsttätig fahrenden Autos warten wollte, konnte sich schon jetzt Tausende kleiner Dinge besorgen, die das Leben bereicherten. Wenn man zum Beispiel von all dem Gebrauch gemacht hätte, was in den Annoncen einer einzigen Ausgabe der Illustrierten Popular Science vom Dezember 1956 feilgeboten wurde, hätte man unter anderem Folgendes tun können: sich Bauchreden oder Tranchieren beibringen (Letzteres mittels eines Fernstudiums an der National School of Meat Cutting in Toledo, Ohio), eine lukrative Karriere einschlagen (indem man von Tür zu Tür ging und anbot, Schlittschuhe zu schleifen), von zu Hause aus Feuerlöscher verkaufen, ein für alle Mal Leistenbrüchen vorbeugen, Radios bauen, Radios reparieren, im Radio auftreten, im Radio zu Menschen in verschiedenen Ländern und möglicherweise sogar auf verschiedenen Planeten sprechen, seine Persönlichkeit vervollkommnen, eine Persönlichkeit erlangen, eine männliche Figur erwerben, tanzen lernen, individuelles Geschäftspapier entwerfen oder in seiner Freizeit "Hunderte von Dollars verdienen" (indem man zu Hause Gartenfiguren oder andere hochmoderne Nippesfiguren bastelte).
Mein Bruder, normalerweise ein recht intelligenter Mensch, investierte einmal in eine Broschüre, die ihm bauchrednerische Künste beizubringen versprach. Er presste die Lippen zusammen und äußerte etwas Unverständliches, trat dann schnell zur Seite und sagte: "Das klang, als käme es von dort drüben, stimmt's?" Auf eine Anzeige in der Mechanics Illustrated hin, die ihm für 65 Cent plus Porto Farbfernsehen zu Hause verhieß, bestellte und bekam er binnen vier Wochen per Post ein buntes, durchsichtiges Blatt aus Plastik, das er laut beiliegender Anleitung über den Bildschirm seines Fernsehgeräts kleben und dann das Bild dadurch betrachten sollte.
Da mein Bruder das Geld ausgegeben hatte, weigerte er sich zuzugeben, dass das Ganze ein wenig enttäuschend war. Wenn sich ein menschliches Gesicht in den rötlichen Teil des Bildschirms schob und ein Stück Rasen zufällig kurz mit dem grünen übereinstimmte, sprang er triumphierend auf und rief: "Seht ihr! Seht ihr! So sieht es im Farbfernsehen mal aus. Vorläufig ist das ja noch alles im Experimentierstadium."
In unser Viertel kam das Farbfernsehen übrigens erst am Ende des Jahrzehnts, als Mr. Kiessler auf der St John's Road für viel Geld einen enormen RCA Victor Consolette kaufte, das Prunkstück der RCA-Produktpalette. Mindestens zwei Jahre lang war Mr. Kiesslers Farbfernseher, soweit bekannt, der einzige, der sich in Privatbesitz befand, und eine fantastische Neuheit. Samstagsabends stahlen sich die Kinder aus der weiteren und näheren Umgebung auf seinen Hof und stellten sich in seine Blumenbeete, um durch das Doppelfenster hinter seinem Sofa eine Sendung zu sehen, die My Living Doll hieß. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Mr. Kiessler nicht ahnte, dass zwei Dutzend Kinder aller Altersstufen und Größen zusammen mit ihm fernsahen. Sonst hätte er nämlich nicht jedes Mal, wenn Julie Newmar auf der Bildfläche erschien, derart begeistert an sich herumgerubbelt. Ich hielt es für isometrisches Muskeltraining.
Bald vierzig Jahre lang, von 1945 bis zu seiner Pensionierung, ging mein Vater jedes Jahr für den Register zu den Spielen der Baseball World Series. Mit unermesslich weitem Abstand war das der Höhepunkt seines Arbeitsjahres. Er durfte sich nicht nur zwei Wochen lang in den kosmopolitischsten, aufregendsten Städten auf Spesen einen tollen Lenz machen - und von Des Moines aus betrachtet, waren alle Städte kosmopolitisch und aufregend -, sondern er sah auch mit eigenen Augen viele der denkwürdigsten Augenblicke in der Geschichte des Baseballs. Al Gionfriddos einhändigen Wundercatch eines Linedrives von Joe DiMaggio, Don Larsens Glanzleistungen im Jahre 1956, Bill Mazeroskis Homerun, der 1960 zum Sieg in der Series führte. Ich weiß, Ihnen bedeutet das gar nichts - wahrscheinlich bedeutet es heute den meisten Menschen nichts -, doch es waren geradezu ekstatische Momente, und eine ganze Nation erlebte sie gemeinsam.
Damals wurden die World-Series-Spiele tagsüber ausgetragen. Wenn man also eins sehen wollte, musste man die Schule schwänzen oder sich eine praktische Bronchitis zulegen. ("Oje, Mum, der Lehrer hat gesagt, die TB ist wieder auf dem Vormarsch.") Überall, wo ein Radio an war oder ein Fernseher lief, sammelten sich Menschentrauben. Irgendwas von einem World-Series-Spiel zu sehen oder zu hören, und sei es nur ein halbes Inning in der Mittagspause, wurde zum verbotenen Nervenkitzel. Und war man dabei, wenn etwas historisch Bedeutsames passierte, vergaß man das seiner Lebtage nicht. Mein Vater hatte ein unheimliches Talent, in solchen Momenten dabei zu sein - und ganz besonders in dem (in so mancher Hinsicht) epochemachenden Jahr 1951, als unsere Geschichte beginnt.
In der National League (einer der beiden Hauptligen im Profibaseball; die andere war die American League) steuerten die Brooklyn Dodgers auf den mühelosen Gewinn der Meisterschaft zu, da regten sich Mitte August ihre Rivalen von der anderen Seite der Stadt, die New York Giants, und setzten zu einer höchst unwahrscheinlichen Aufholjagd an. Plötzlich gelang ihnen alles. Sie gewannen 37 der 44 noch ausstehenden Spiele, und der einst unanfechtbare Vorsprung der Dodgers schmolz scheinbar schicksalhaft dahin. Mitte September redeten die Leute über nichts anderes mehr als über die Frage, ob die Dodgers sich oben halten würden. Manch einer fiel vor Hitze und Aufregung tot um. Die beiden Teams beendeten die Saison in absolutem Gleichstand. In aller Eile wurde eine Playoff-Serie von drei Spielen angesetzt, um denjenigen zu ermitteln, der gegen den Meister der American League in der World Series spielen sollte. Der Register, wie fast alle vom Geschehen weit entfernten Zeitungen, schickte keinen Reporter zu den kurzfristig angesetzten Playoff-Spielen, sondern verließ sich für seine Berichterstattung bis zum Beginn der World Series auf die Nachrichtendienste.
Die Playoffs bescherten der Nation zusätzliche drei Tage exquisiter Folter. Beide Mannschaften gewannen jeweils ein Spiel, also war das dritte entscheidend. Und die Dodgers schienen endlich ihre vorherige Form und Unbesiegbarkeit wiederzugewinnen. Beim letzten Inning führten sie komfortabel 4:1 und brauchten nur drei Outs, um zu gewinnen. Doch die Giants schlugen zurück, machten einen Punkt und stellten noch zwei Runner auf die Base, als Bobby Thomson aufs Homeplate trat (meine Leser in Schottland erfüllt es vielleicht mit Stolz, dass er in Glasgow geboren wurde). Und was Thomson in der dichter werdenden Dämmerung dieses Herbstnachmittags schaffte, wurde schon viele Male zum größten Moment in der Geschichte des Baseballs erkoren.
"Ralph Branca, dem Auswechselspieler der Dodgers, gelang gestern ein Wurf, der Geschichte machte", schrieb einer, der dabei war. "Das heißt, Geschichte machte jemand anderer. Bobby Thomson, der 'Flying Scotsman', schlug Brancas zweiten Ball über die Begrenzung des linken Feldes und erzielte einen spielentscheidenden Homerun, der so folgenschwer, so spektakulär war, dass einen Augenblick verblüffte Stille herrschte. Doch als man begriff, was da für ein Wunder geschehen war, wackelten die weiten Ränge der Polo Grounds in ihren vierzig Jahre alten Grundfesten. Die Giants hatten den Siegeswimpel errungen und damit eine der unglaublichsten Aufholjagden beendet, die es je im Baseball gegeben hat."
Verfasser dieser Sätze war mein Vater - der ganz plötzlich, vollkommen überraschend bei Thomsons größtem Moment anwesend war. Weiß der Himmel, wie er die für ihre Knauserigkeit berüchtigten Chefs des Register dazu überredet hatte, ihn die 1132 Meilen von Des Moines nach New York zu dem alles entscheidenden Spiel zu schicken - ein Akt spontaner Spendabilität, so gar nicht in Einklang mit der sparsamen Spesenpolitik, die sie jahrzehntelang betrieben hatten -, oder wie es ihm gelungen war, so spät noch die Akkreditierung und einen Platz auf der Pressetribüne zu ergattern.
Aber er musste einfach dabei sein. Es war vom Schicksal bestimmt. Und wenn ich auch nicht behaupte, dass Bobby Thomson den Homerun erzielt hat, weil mein Vater da war, oder dass er ihn nicht erzielt hätte, wenn mein Vater nicht da gewesen wäre, so muss man eines einfach festhalten: Mein Vater war da, und Bobby Thomson war da, und der Homerun wurde erzielt, und alles fügte sich damals auf das Trefflichste.Mein Vater blieb für die World Series da, in denen die Yankees die Giants in sechs Spielen relativ mühelos schlugen - wahrscheinlich konnte die Welt in einem Herbst nur ein gewisses Maß an Aufregung verkraften -, und kehrte dann zu seinem normalerweise ruhigen Leben in Des Moines zurück. Nur einen Monat später, an einem kalten, verschneiten Tag Anfang Dezember ging seine Frau ins Mercy Hospital und brachte ohne viel Aufhebens einen kleinen Jungen zur Welt, ihr drittes Kind, den zweiten Sohn, den ersten Superhelden. Sie nannten ihn William, nach seinem Vater, und riefen ihn Billy, bis er alt genug war, es sich zu verbitten.
Leseprobe zu "Mein Amerika" von Bill Bryson
Meine Heimatstadt
Springfield, Ill. (AP) - Der Senat von Illinois löste gestern seinen Rationalisierungs- und Einsparungsausschuss auf - "aus Gründen der Rationalisierung und Einsparung".
Des Moines Tribune, 6. Februar 1955
Ende der 1950er Jahre gab die Königlich Kanadische Luftwaffe eine Broschüre über Isometrik heraus, eine Sparte der Leibesertüchtigung, die sich bei meinem Vater kurzer, aber äußerster Beliebtheit erfreute. Bei isometrischen Übungen benutzte man ein beliebiges hartes Hilfsmittel wie einen Baum oder eine Wand und stemmte sich in verschiedenen Stellungen dagegen, um die einzelnen Muskelgruppen zu stärken und fit zu halten. Da jedermann Zugang zu Bäumen und Wänden hat, musste man nicht viel in eine kostspielige Ausrüstung investieren, was für meinen Vater wahrscheinlich den Reiz an der Sache ausmachte.
Weniger glücklich war allerdings, dass er sein isometrisches Muskeltraining normalerweise in Flugzeugen absolvierte. Irgendwann während eines Fluges schlenderte er nach hinten in Richtung Bordküche oder in den Bereich vor dem Notausgang, stellte sich in Positur, als wolle er schweres Gerät bewegen, und drückte sich mit dem Rücken oder der Schulter gegen die Wand des Flugzeugs. Ab und zu gönnte er sich eine Pause, atmete tief durch und machte sich dann mit leisem, entschlossenem Grunzen wieder ans Werk.
Da es beängstigend so aussah, als wolle er ein Loch in die Flugzeugwand drücken, erregte es natürlich Aufmerksamkeit. Geschäftsleute auf den Plätzen in der Nähe lugten über den Rand ihrer Brillen. Eine Stewardess streckte den Kopf aus der Bordküche und lugte ebenfalls, doch mit einer gewissen erhöhten Wachsamkeit, als erinnere sie sich an einen Teil ihrer Ausbildung, den sie bisher noch nicht in der Praxis hatte anwenden müssen.
Wenn mein Vater sah, dass er Zuschauer hatte, warf er sich in die Brust, lächelte verbindlich und begann in kurzen Zügen die faszinierenden Grundsätze der Isometrik darzulegen. Anschließend gab er einem sich freilich rasch abwendenden Publikum eine Vorführung. Er war merkwürdig unfähig, solche Situationen peinlich zu finden, doch das machte nichts, denn mir waren sie für uns beide peinlich - ja, peinlich für uns beide nebst allen Fluggästen, der Fluggesellschaft und ihren Angestellten sowie dem gesamten Bundesstaat, über den wir gerade flogen.
Aus zweierlei Gründen fand ich mich mit derlei Aktivitäten aber ab. Erstens war mein Vater, wenn er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, meist nicht halb so närrisch, zweitens war Ziel der Flüge immer eine große Stadt wie Detroit oder St. Louis, wo wir in einem großen Hotel übernachten und Baseballspiele besuchen würden. Und dafür nahm ich vieles in Kauf - na, eigentlich alles. Mein Vater war Sportreporter für den Des Moines Register, damals eine der besten Zeitungen des Landes, und oft durfte ich ihn auf Reisen im Mittleren Westen begleiten. Manchmal fuhren wir nur mit dem Auto in kleinere Orte wie Sioux City oder Burlington, doch mindestens einmal im Sommer bestiegen wir ein silberglänzendes Flugzeug - damals eine Riesensache - und rumpelten durch die Schäfchenwolken hoch oben an einem sommerlichen Firmament zu einer richtigen Metropole, um Major-League-Baseballspielen beizuwohnen, Topereignissen in dem Sport.
Wie alles damals war Baseball Teil einer simpleren Welt und vor den Spielen durfte ich mit ihm in die Umkleidekabinen, zu den überdachten Spielerbänken und aufs Spielfeld. Stan Musial hat mir durchs Haar gewuschelt. Ich habe Willie Mays einen Ball zurückgegeben, den er nicht gefangen hatte. Ich habe Harvey Kuenn (vielleicht war es auch Billy Hoeft) mein Fernglas geliehen, damit er eine vollbusige Blondine auf den oberen Rängen ins Visier nehmen konnte. Und einmal saß ich an einem heißen Julinachmittag in den fast luftlosen Clubräumen unterhalb der Tribüne am linken Spielfeld von Wrigley Field in Chicago neben Ernie Banks, dem großartigen Shortstop der Cubs, als er kistenweise neue weiße Basebälle signierte (die übrigens den köstlichsten Duft der Erde verströmen und in deren Nähe Zeit zu verbringen sich immer lohnt). Unaufgefordert übernahm ich es, neben Ernie Banks Platz zu nehmen und ihm die Bälle zuzureichen. Was den Ablauf erheblich entschleunigte. Doch er schenkte mir jedes Mal ein kleines Lächeln und sagte Danke schön, als täte ich ihm einen Riesengefallen. Er war das netteste menschliche Wesen, das mir je begegnet ist. Es war, als wäre man mit Gott befreundet.
Ich kann mir keine erfreulichere Zeit und keinen glücklicheren Ort zum Leben vorstellen als die Vereinigten Staaten von Amerika in den 1950er Jahren. Noch nie hatte in einem Land ein solcher Wohlstand geherrscht. Als der Krieg zu Ende war, gab es in den USA Fabriken im Wert von 26 Milliarden Dollar, die vor dem Krieg noch nicht existiert hatten, 140 Milliarden Dollar in Ersparnissen und Kriegsanleihen, die nur darauf warteten, ausgegeben zu werden, keine Bombenschäden und praktisch keine Konkurrenz. Die amerikanischen Unternehmen mussten nur aufhören, Panzer und Schlachtschiffe zu bauen, und stattdessen Buicks und Frigidaires produzieren. Und Mann, oh Mann, das taten sie! 1951, als ich auf die Welt gesegelt kam, besaßen fast 90 Prozent der US-amerikanischen Familien einen Kühlschrank und fast 75 Prozent Waschmaschine, Telefon, Staubsauger und Gas- oder Elektroküchenherd - Dinge, von denen der Rest der Welt immer noch nur träumen konnte. Die US-Bürger nannten 80 Prozent der Elektrogeräte auf Erden ihr Eigen, verfügten über zwei Drittel der Produktionskapazitäten, erzeugten 40 Prozent des elektrischen Stroms, 60 Prozent des Öls und 66 Prozent des Stahls. Die fünf Prozent der Menschheit, die US-Amerikaner waren, waren reicher als die restlichen 95 Prozent zusammen.
Ich wüsste nicht, was Hülle und Fülle dieser Jahre besser illustriert als das Foto (auf den vorderen und hinteren Vorsatzblättern dieses Buches), das zwei Monate vor meiner Geburt in der Life abgedruckt war. Es zeigt die Familie Czekalinski aus Cleveland, Ohio - Steve, Stephanie und die beiden Söhne Stephen und Henry -, inmitten der zweieinhalb Tonnen Nahrung, die eine typische Arbeiterfamilie damals in einem Jahr vertilgte. Zu den Dingen, mit denen sie fotografiert wurden, gehörten 400 Pfund Mehl, 65 Pfund Backfett, 50 Pfund Butter, 31 Hähnchen, 270 Pfund Rindfleisch, fast 25 Pfund Karpfen, 130 Pfund gekochter Schinken, 35 Pfund Kaffee, 620 Pfund Kartoffeln, 663 Liter Milch, 131 Dutzend Eier, 180 Brotlaibe und 32 Liter Speiseeis, alles mit einem wöchentlichen Budget von 25 Dollar erstanden. (Mr. Czekalinski arbeitete im Versand einer Fabrik von Du Pont und verdiente 1,96 Dollar die Stunde.) 1951 aß der durchschnittliche US-Bürger 50 Prozent mehr als der Europäer.
Kein Wunder, dass die Leute zufrieden waren. Plötzlich bekamen sie Dinge, von denen sie nicht einmal geträumt hatten, und konnten ihr Glück kaum fassen. Wunderbar auch, wie bescheiden die Wünsche waren. Zum letzten Mal sollten Menschen schier aus dem Häuschen geraten, wenn sie in den Besitz eines Toasters oder Waffeleisens kamen. Schafften sie ein größeres Gerät an, luden sie die Nachbarn zum Anschauen ein. Als ich ungefähr vier war, kauften meine Eltern einen Amana-Stor-Mor-Kühlschrank und mindestens sechs Monate lang war der wie ein Ehrengast in unserer Küche. Wenn er nicht so schwer gewesen wäre, hätten sie ihn beim Essen bestimmt an den Tisch gezogen. Kam unerwartet Besuch, sagte mein Vater zu meiner Mutter: "Ach, Mary, haben wir wohl Eistee im Amana?" und bedeutungsvoll zu den Gästen: "Haben wir eigentlich jetzt immer. Es ist ein Stor-Mor."
"Ah, ein Stor-Mor", sagte dann der männliche Gast und hob die Brauen wie jemand, der was von Qualitätskühlung versteht. "Wir haben auch überlegt, ob wir uns einen Stor-Mor anschaffen, uns am Ende aber für einen Philco Shur-Kool entschieden. Alice fand, dass das Easy-Glide-Gemüsefach wirklich leicht herauszuziehen ist, und man kriegt eine Familienpackung Eiskrem ins Gefrierfach. Und wie Sie sich sicher vorstellen können, war das für Wendell Junior das Verkaufsargument!"
Worauf alle herzlich lachten, sich hinsetzten, Eistee tranken und eine Stunde oder so über Haushaltsgeräte parlierten. Nie waren Menschen glücklicher gewesen.
Auch auf die Zukunft freuten sich die Leute in einer Weise, wie es nie wieder der Fall sein sollte. Bald, so stand es ja in jeder Illustrierten, würden wir Unterwasserstädte vor allen Küsten haben, Weltraumkolonien in riesigen Glasballons, atomgetriebene Züge und Verkehrsflugzeuge, jeder seinen eigenen Raketenrucksack, Gyrokopter in allen Hauseinfahrten, Autos, die sich in Boote oder sogar U-Boote verwandelten, bewegliche Bürgersteige, die uns - witsch! - in Schulen und Büros beförderten, Automobile mit Kuppeldächern, die sich selbst über glatte Superautobahnen fuhren, so dass Mom, Dad und die beiden Jungs (Chip und Bud oder Skip und Scooter) sich Brettspielen widmen, einem Nachbarn in einem vorbeifliegenden Gyrokopter zuwinken oder sich einfach zurücklehnen und darin schwelgen konnten, einige der wunderhübschen Worte aus den Fünfzigern zu sagen, die man jetzt nicht mehr hört: Vervielfältigungsapparat, Grillrestaurant, Stenograf, Eisschrank, Rübstielchen, Strumpfbandgürtel, Nylonstrümpfe, Sputnik, Beatnik, Cinerama, Moose Lodge, Pinökel, Daddy-o.
Wer nicht auf die Unterwasserstädte und die selbsttätig fahrenden Autos warten wollte, konnte sich schon jetzt Tausende kleiner Dinge besorgen, die das Leben bereicherten. Wenn man zum Beispiel von all dem Gebrauch gemacht hätte, was in den Annoncen einer einzigen Ausgabe der Illustrierten Popular Science vom Dezember 1956 feilgeboten wurde, hätte man unter anderem Folgendes tun können: sich Bauchreden oder Tranchieren beibringen (Letzteres mittels eines Fernstudiums an der National School of Meat Cutting in Toledo, Ohio), eine lukrative Karriere einschlagen (indem man von Tür zu Tür ging und anbot, Schlittschuhe zu schleifen), von zu Hause aus Feuerlöscher verkaufen, ein für alle Mal Leistenbrüchen vorbeugen, Radios bauen, Radios reparieren, im Radio auftreten, im Radio zu Menschen in verschiedenen Ländern und möglicherweise sogar auf verschiedenen Planeten sprechen, seine Persönlichkeit vervollkommnen, eine Persönlichkeit erlangen, eine männliche Figur erwerben, tanzen lernen, individuelles Geschäftspapier entwerfen oder in seiner Freizeit "Hunderte von Dollars verdienen" (indem man zu Hause Gartenfiguren oder andere hochmoderne Nippesfiguren bastelte).
Mein Bruder, normalerweise ein recht intelligenter Mensch, investierte einmal in eine Broschüre, die ihm bauchrednerische Künste beizubringen versprach. Er presste die Lippen zusammen und äußerte etwas Unverständliches, trat dann schnell zur Seite und sagte: "Das klang, als käme es von dort drüben, stimmt's?" Auf eine Anzeige in der Mechanics Illustrated hin, die ihm für 65 Cent plus Porto Farbfernsehen zu Hause verhieß, bestellte und bekam er binnen vier Wochen per Post ein buntes, durchsichtiges Blatt aus Plastik, das er laut beiliegender Anleitung über den Bildschirm seines Fernsehgeräts kleben und dann das Bild dadurch betrachten sollte.
Da mein Bruder das Geld ausgegeben hatte, weigerte er sich zuzugeben, dass das Ganze ein wenig enttäuschend war. Wenn sich ein menschliches Gesicht in den rötlichen Teil des Bildschirms schob und ein Stück Rasen zufällig kurz mit dem grünen übereinstimmte, sprang er triumphierend auf und rief: "Seht ihr! Seht ihr! So sieht es im Farbfernsehen mal aus. Vorläufig ist das ja noch alles im Experimentierstadium."
In unser Viertel kam das Farbfernsehen übrigens erst am Ende des Jahrzehnts, als Mr. Kiessler auf der St John's Road für viel Geld einen enormen RCA Victor Consolette kaufte, das Prunkstück der RCA-Produktpalette. Mindestens zwei Jahre lang war Mr. Kiesslers Farbfernseher, soweit bekannt, der einzige, der sich in Privatbesitz befand, und eine fantastische Neuheit. Samstagsabends stahlen sich die Kinder aus der weiteren und näheren Umgebung auf seinen Hof und stellten sich in seine Blumenbeete, um durch das Doppelfenster hinter seinem Sofa eine Sendung zu sehen, die My Living Doll hieß. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Mr. Kiessler nicht ahnte, dass zwei Dutzend Kinder aller Altersstufen und Größen zusammen mit ihm fernsahen. Sonst hätte er nämlich nicht jedes Mal, wenn Julie Newmar auf der Bildfläche erschien, derart begeistert an sich herumgerubbelt. Ich hielt es für isometrisches Muskeltraining.
Bald vierzig Jahre lang, von 1945 bis zu seiner Pensionierung, ging mein Vater jedes Jahr für den Register zu den Spielen der Baseball World Series. Mit unermesslich weitem Abstand war das der Höhepunkt seines Arbeitsjahres. Er durfte sich nicht nur zwei Wochen lang in den kosmopolitischsten, aufregendsten Städten auf Spesen einen tollen Lenz machen - und von Des Moines aus betrachtet, waren alle Städte kosmopolitisch und aufregend -, sondern er sah auch mit eigenen Augen viele der denkwürdigsten Augenblicke in der Geschichte des Baseballs. Al Gionfriddos einhändigen Wundercatch eines Linedrives von Joe DiMaggio, Don Larsens Glanzleistungen im Jahre 1956, Bill Mazeroskis Homerun, der 1960 zum Sieg in der Series führte. Ich weiß, Ihnen bedeutet das gar nichts - wahrscheinlich bedeutet es heute den meisten Menschen nichts -, doch es waren geradezu ekstatische Momente, und eine ganze Nation erlebte sie gemeinsam.
Damals wurden die World-Series-Spiele tagsüber ausgetragen. Wenn man also eins sehen wollte, musste man die Schule schwänzen oder sich eine praktische Bronchitis zulegen. ("Oje, Mum, der Lehrer hat gesagt, die TB ist wieder auf dem Vormarsch.") Überall, wo ein Radio an war oder ein Fernseher lief, sammelten sich Menschentrauben. Irgendwas von einem World-Series-Spiel zu sehen oder zu hören, und sei es nur ein halbes Inning in der Mittagspause, wurde zum verbotenen Nervenkitzel. Und war man dabei, wenn etwas historisch Bedeutsames passierte, vergaß man das seiner Lebtage nicht. Mein Vater hatte ein unheimliches Talent, in solchen Momenten dabei zu sein - und ganz besonders in dem (in so mancher Hinsicht) epochemachenden Jahr 1951, als unsere Geschichte beginnt.
In der National League (einer der beiden Hauptligen im Profibaseball; die andere war die American League) steuerten die Brooklyn Dodgers auf den mühelosen Gewinn der Meisterschaft zu, da regten sich Mitte August ihre Rivalen von der anderen Seite der Stadt, die New York Giants, und setzten zu einer höchst unwahrscheinlichen Aufholjagd an. Plötzlich gelang ihnen alles. Sie gewannen 37 der 44 noch ausstehenden Spiele, und der einst unanfechtbare Vorsprung der Dodgers schmolz scheinbar schicksalhaft dahin. Mitte September redeten die Leute über nichts anderes mehr als über die Frage, ob die Dodgers sich oben halten würden. Manch einer fiel vor Hitze und Aufregung tot um. Die beiden Teams beendeten die Saison in absolutem Gleichstand. In aller Eile wurde eine Playoff-Serie von drei Spielen angesetzt, um denjenigen zu ermitteln, der gegen den Meister der American League in der World Series spielen sollte. Der Register, wie fast alle vom Geschehen weit entfernten Zeitungen, schickte keinen Reporter zu den kurzfristig angesetzten Playoff-Spielen, sondern verließ sich für seine Berichterstattung bis zum Beginn der World Series auf die Nachrichtendienste.
Die Playoffs bescherten der Nation zusätzliche drei Tage exquisiter Folter. Beide Mannschaften gewannen jeweils ein Spiel, also war das dritte entscheidend. Und die Dodgers schienen endlich ihre vorherige Form und Unbesiegbarkeit wiederzugewinnen. Beim letzten Inning führten sie komfortabel 4:1 und brauchten nur drei Outs, um zu gewinnen. Doch die Giants schlugen zurück, machten einen Punkt und stellten noch zwei Runner auf die Base, als Bobby Thomson aufs Homeplate trat (meine Leser in Schottland erfüllt es vielleicht mit Stolz, dass er in Glasgow geboren wurde). Und was Thomson in der dichter werdenden Dämmerung dieses Herbstnachmittags schaffte, wurde schon viele Male zum größten Moment in der Geschichte des Baseballs erkoren.
"Ralph Branca, dem Auswechselspieler der Dodgers, gelang gestern ein Wurf, der Geschichte machte", schrieb einer, der dabei war. "Das heißt, Geschichte machte jemand anderer. Bobby Thomson, der 'Flying Scotsman', schlug Brancas zweiten Ball über die Begrenzung des linken Feldes und erzielte einen spielentscheidenden Homerun, der so folgenschwer, so spektakulär war, dass einen Augenblick verblüffte Stille herrschte. Doch als man begriff, was da für ein Wunder geschehen war, wackelten die weiten Ränge der Polo Grounds in ihren vierzig Jahre alten Grundfesten. Die Giants hatten den Siegeswimpel errungen und damit eine der unglaublichsten Aufholjagden beendet, die es je im Baseball gegeben hat."
Verfasser dieser Sätze war mein Vater - der ganz plötzlich, vollkommen überraschend bei Thomsons größtem Moment anwesend war. Weiß der Himmel, wie er die für ihre Knauserigkeit berüchtigten Chefs des Register dazu überredet hatte, ihn die 1132 Meilen von Des Moines nach New York zu dem alles entscheidenden Spiel zu schicken - ein Akt spontaner Spendabilität, so gar nicht in Einklang mit der sparsamen Spesenpolitik, die sie jahrzehntelang betrieben hatten -, oder wie es ihm gelungen war, so spät noch die Akkreditierung und einen Platz auf der Pressetribüne zu ergattern.
Aber er musste einfach dabei sein. Es war vom Schicksal bestimmt. Und wenn ich auch nicht behaupte, dass Bobby Thomson den Homerun erzielt hat, weil mein Vater da war, oder dass er ihn nicht erzielt hätte, wenn mein Vater nicht da gewesen wäre, so muss man eines einfach festhalten: Mein Vater war da, und Bobby Thomson war da, und der Homerun wurde erzielt, und alles fügte sich damals auf das Trefflichste.Mein Vater blieb für die World Series da, in denen die Yankees die Giants in sechs Spielen relativ mühelos schlugen - wahrscheinlich konnte die Welt in einem Herbst nur ein gewisses Maß an Aufregung verkraften -, und kehrte dann zu seinem normalerweise ruhigen Leben in Des Moines zurück. Nur einen Monat später, an einem kalten, verschneiten Tag Anfang Dezember ging seine Frau ins Mercy Hospital und brachte ohne viel Aufhebens einen kleinen Jungen zur Welt, ihr drittes Kind, den zweiten Sohn, den ersten Superhelden. Sie nannten ihn William, nach seinem Vater, und riefen ihn Billy, bis er alt genug war, es sich zu verbitten.