Meeresrand - Olmi, Véronique

Véronique Olmi 

Meeresrand

Roman

Aus d. Französ. v. Renate Nentwig
Gebundenes Buch
 
Führen wir nicht mehr
Nicht lieferbar
13 Angebote ab € 2,30
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Meeresrand

Einmal sollen ihre beiden Söhne das Meer sehen. Das hat sie sich fest vorgenommen. Es ist ihre erste Reise und die letzte. Eine Reise ins Herz der Verzweiflung.

Eine Mutter bricht mit ihren beiden Söhnen zu einer Reise auf. Sie freuen sich, aber es ist ihnen auch unheimlich. Sie waren noch nie weg, und Ferien sind auch nicht. Aber die Mutter ist fest entschlossen: Ihre Kinder sollen das Meer sehen, wenigstens einmal. Da spielt es keine Rolle, wie verlassen und trostlos der kleine Küstenort ist und dass sie von ihrem Hotelzimmer auf eine Betonwand schauen, nicht auf den Strand. Diese Reise hat sie geplant, auch wenn sie sonst nie planen kann. Sie werden ans Meer gehen und abends auf die Kirmes. Die Kinder sollen es gut haben. Bis sie kein Geld mehr hat und auch der Mut sie verlässt. Denn es ist eine Reise ohne Wiederkehr, eine Reise in das Herz der Verzweiflung.


Produktinformation

  • Verlag: Kunstmann
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 126 S.
  • Seitenzahl: 126
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 126mm x 14mm
  • Gewicht: 195g
  • ISBN-13: 9783888974151
  • ISBN-10: 3888974151
  • Best.Nr.: 14598335
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Einmal sollen ihre Kinder das Meer sehen. Eine Mutter vom unteren Rand der Gesellschaft bricht mit ihren beiden kleinen Söhnen, fünf und neun Jahre alt, zu einer Reise ohne Rückkehr auf. Der Ausflug wird zum Albtraum: Das Hotel ist eine trostlose Absteige, draußen regnet es ohne Unterlass, alles ist nass und schlammig, und auch das Meer begeistert die Knaben nicht. Die Katastrophe scheint unausweichlich ... Die vierzigjährige Véronique Olmi stammt aus Nizza, war Schauspielerin, Regieassistentin und ist durch ihre Theaterstücke bekannt geworden. Mit "Meeresrand" legt sie ein Romandebüt vor, das an Eindringlichkeit kaum zu überbieten ist. Der innere Monolog der Ich-Erzählerin schwankt zwischen antriebsloser Hilflosigkeit und plötzlicher Hellsicht. Dabei zeichnet Olmi die Verzweiflung der depressiven Mutter in düster-eindringlichen Nebenmerkungen ohne sprachlichen Bombast. Am deutlichsten offenbaren sich die Umrisse ihrer abgründigen Psyche immer dann, wenn sie die Reaktionen der Jungen auf ihr eigenes befremdliches Verhalten beschreibt. Dieser Roman ist kaum zu ertragen - und doch ist die dunkele Faszination von "Meeresrand" so groß, dass man mit der Lektüre nicht aufhören kann. (cs)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 24.09.2002

Die Untergeherin
Ein Buch wie ein Stein:
Véronique Olmis „Meeresrand”
Was bringt eine besorgte Mutter ihren Kindern bei? Nichts zu vergeuden, auch nicht den Rest Marmelade und auch nicht zu vergessen, an morgen zu denken. Das unheimliche, vielleicht sogar tödliche, in jedem Fall flehende „auch” ist der entscheidende Punkt in Véronique Olmis knappem Buch. Es steht in der siebten Zeile von „Meeresrand”. Es ist ein Hinweis auf den Verlust der Hoffnung.
Véronique Olmi, eine vierzigjährige Französin, lebt in Arles. Ihre Theaterstücke („Riss”, „Letzter Sommer”, „Magalie”) brachten ihr in Frankreich Anerkennung, kamen aber bei uns selten über die Uraufführung in entlegenen Häusern hinaus. Die Dramatikerin Olmi zündelt im Sozialsystem: Frauen vergehen sich an Knaben, der Tod verändert Familien, betagte Paare treiben auseinander. „Meeresrand”, ihr erster Roman, erzählt eine Mutter-Kind-Geschichte, die von der Ahnung unausweichlichen Unglücks beherrscht wird. Am Beginn steht eine nächtliche Busfahrt Richtung Meer. Die genauen Ortsangaben fehlen, weil dies ein Buch ist, das überall hin passt, das Meer könnte auch eine Wüste …

Weiter lesen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.10.2002

Schlingpflanzen mit Milchzahnlücken
Véronique Olmi knüpft Familienfesseln / Von Tilman Spreckelsen

Die Fahrt ist ein Fiasko: Gleich zu Beginn setzt ein Nieselregen ein, der bis zum Ende nicht mehr aufhören wird. Alles ist klamm, die Kleidung ebenso wie das scheußlichbraune ungeheizte Hotelzimmer im sechsten Stock, in den kein Lift fährt. Zudem lasten die Blicke der Einheimischen schwer auf der Reisegesellschaft, einer Mutter und ihren beiden Söhnen im Grundschulalter. Und als sie endlich das erklärte Ziel, den Strand, erreichen, führt ihr Weg in die Katastrophe: "Ich hatte mir geschworen, die Kinder sollten das Meer sehen", sagt ihre Mutter, die Erzählerin. Ob sie geahnt hat, was sie damit in Gang setzt, bleibt bis zuletzt unklar. Wie sie aber in seltener Konsequenz die Entwicklung vorantreibt, ist ebenso schrecklich wie faszinierend.

Die vierzigjährige Dramatikerin Véronique Olmi wagt viel in ihrem ersten Roman "Meeresrand". Sie erzählt die Geschichte einer enttäuschenden Reise aus der Perspektive einer psychisch überaus labilen Frau, mehr noch: Sie verleiht ihr eine Stimme, die vollkommen glaubhaft die Wahrnehmung der Welt unter …

Weiter lesen

"Beklemmend und virtuos erzählt."
Véronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt heute mit ihren zwei Kindern in Paris. In Frankreich wurde sie, als eine der bekanntesten Dramatikerinnen des Landes, für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit 1990 hat die ausgebildete Schauspielerin zwölf Theaterstücke verfasst, am Anfang stand sie bei deren Aufführung auch selbst auf der Bühne und/oder führte Regie. Ihre Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt, einige Stücke liegen auch in deutscher Übersetzung vor (bei Suhrkamp) und wurden und werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführt.

Leseprobe zu "Meeresrand" von Véronique Olmi

Wir fuhren mit dem Bus, dem letzten Bus am Abend, damit uns niemand sah. Bevor wir aufbrachen, hatten die Kinder noch etwas gegessen, ich bemerkte, daß sie einen Rest Marmelade im Glas ließen, und ich dachte, diese Marmelade bleibt umsonst stehen, schade drum, aber ich hatte sie gelehrt, nichts zu verschwenden und auch an morgen zu denken.

Auf die Busfahrt freuten sie sich, glaube ich, ein bißchen waren sie auch beunruhigt, weil ich ihnen überhaupt keine Erklärung gegeben hatte. Ich hatte die Regenjacken herausgelegt, weil es am Meer ja oft regnet -so viel zumindest hatte ich verraten: sie würden das Meer sehen.

Begeisterter war Kevin, der Kleine. Neugieriger jedenfalls. Stan warf mir besorgte Blicke zu, wie er es tut, wenn ich in der Küche sitze und er mich verstohlen beobachtet und glaubt, ich sehe nicht, wie er dasteht, barfuß, im Pyjama, ich hab nicht mal die Kraft, ihm zu sagen, Steh doch nicht barfuß rum, Stan, ja, manchmal sitze ich stundenlang so da in der Küche und schere mich um nichts.

Allzulang mußten wir zum Glück nicht auf den Bus warten, und niemand hat gesehen, daß wir wegfuhren. Ein komisches Gefühl war das, die Stadt zu verlassen, abzureisen an einen unbekannten Ort, besonders, weil ja keine Ferien waren, und diese Sache, die ging den Kindern nicht aus dem Schädel, das ist mir schon klar. Wir hatten noch nie Ferien gemacht, waren noch nie über unser Viertel hinausgekommen, und nun war das Leben auf einmal ganz neu, mein Magen krampfte sich zusammen, ich hatte ständig Durst, alles ging mir auf die Nerven, aber ich hab mein Bestes, ja, wirklich mein Bestes getan, damit die Knirpse nichts merkten. Ich wollte, daß wir auf Reisen gehen, ich wollte, daß wir es auch glauben.

Als der Bus kam, waren wir richtig ergriffen alle drei, fast schüchtern. Scheuer hätten wir nicht sein können, wenn wir an Bord eines Luxusdampfers gegangen wären, erster Klasse. Dabei war es nur eine alte Klapperkiste, laut und ungeheizt. O ja, kalt war's da drin. Man stieg ein und hatte das Gefühl, in einen Luftzug zu geraten.

Ich bezahlte die Karten mit meinem letzten Hunderter, und wir setzten uns ganz nach hinten, die Kinder und ich, mit unseren Sporttaschen, die wir neben uns auf den Boden stellten, ich hatte sie vollgestopft mit warmen Kleidern für die Knirpse, ich weiß, es waren viel zuviele, aber irgendwie war ich in Panik gewesen beim Packen, ich kann das nicht erklären. Ich wollte alles dabei haben, ich wußte, es war unsinnig, aber ich wollte, daß alles uns begleitet, unser Zeug von zu Hause, das uns vertraut war, in dem wir uns auf Anhieb erkennen konnten. Kevin wollte, daß ich auch seine Spielsachen mitnehme, aber das hab ich nicht getan. Ich wußte ja: spielen würden wir nicht.

Es waren viele Leute im Bus, man kann sich gar nicht vorstellen, wieviele Menschen unterwegs sind, und so spät noch, woher kamen die, fuhren sie alle an denselben Ort wie wir, es war ihnen nichts anzusehen, sie wirkten ruhig und versunken in ganz stille Gedanken, während meine Knirpse überquollen vor Fragen, Wie lang fahren wir denn? Wenn wir ankommen, ist es dann schon Tag? - solche Dinge, ich wußte nicht recht, was ich ihnen antworten sollte, mir war schlecht, und ich hatte keine große Lust zu reden, vor allem hatte ich keine Lust, daß die anderen mithören konnten.

Man sitzt hoch in diesen Bussen, die Autos, die sonst etwas so Erschreckendes haben, waren zu lächerlichen Spielzeugautos geschrumpft, man sah die Beine der Fahrer, ihre Hände, die Sachen, die sie auf den Nebensitz gelegt hatten, man konnte sie fast wie in ihren eigenen vier Wänden beobachten, sie wirkten viel ungefährlicher, ja, irgendwie fühlte man sich geschützt in diesem Bus, wenn man auch vor Kälte schlotterte.

Sehr bald mußte Kevin aufs Klo. Das bildest du dir ein, hab ich zu ihm gesagt, aber er wurde unruhig, er hatte Angst, in die Hose zu machen, dieses Kind wird so leicht unruhig. Und ich, die nicht auffallen wollte, mußte mich vor allen Leuten durch den ganzen Gang kämpfen, den Fahrer bitten, anzuhalten, und mit meinem Sprößling aussteigen, damit er hinter den Bus pinkeln konnte, im Dunkeln, am Straßenrand, die Autos fuhren haarscharf an uns vorbei mit ihren brutal grellen Scheinwerfern. Stan ist da ganz anders. Der stört nie. Muß nie aufs Klo. Will nie was essen, was trinken. Er verlangt nie etwas, manchmal belastet mich das schon, es wäre mir lieber, er würde weniger schauen und mehr schimpfen. Heute ist das aber nicht mehr wichtig.

Stan war schon der ältere, noch bevor Kevin auf die Welt kam. Man hätte meinen können, er wartete nur darauf, daß der Kleine endlich geboren wurde, damit er seine Stelle als großer Bruder einnehmen konnte. Diese Rolle paßt zu ihm. Ich schaffe es morgens nicht, aufzustehen und zur Schule zu gehen, Stan ist derjenige, der Kevin hinbringt, und dem Kleinen gefällt das, glaube ich, ganz gut, Mit Stan komme ich nie zu spät, hat er mir einmal gesagt. Die Schulen fangen einfach zu früh an.

Zehn wäre eine gute Zeit. Vor zehn bringe ich zum Beispiel gar nichts zustande. Ich schlafe nachts nicht gut. Ich habe Angst. Nicht, daß ich wüßte, wovor. Etwas legt sich mir auf die Brust, als würde sich jemand draufsetzen, ja, genau. Ich bin für niemanden vorhanden. Auf mir kann man sich niederlassen wie auf einer Bank. Ich möchte aufstehen, mich erheben, schlagen, schreien. Es geht nicht. Dieser Jemand bleibt auf mir hocken. Wer kann das verstehen? Nachts nimmt etwas mir die Luft zum Atmen. Deshalb muß ich mich oft tagsüber hinlegen. Ein bißchen schlafen. Am Tag schlafe ich ohne Angst. Nicht immer, aber es kommt vor, ein durchsichtiger Schlaf, eine Rast, die keine Erinnerung zurückläßt und auch keinen Schmerz. Das Aufwachen ist dann schlimm - ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Wie spät es ist. Was ich zu tun habe. Oft übersehe ich die Zeit, wenn die Schule aus ist. Ich schäme mich. Ich hetze los. Kevin wartet weinend am Schultor. Ständig hat er Angst. Nicht seinetwegen. Meinetwegen. So zerbrechlich bin ich nicht. Aber ich schäme mich.

Die Fahrt dauerte lang, zu lang, es war Nacht, und man konnte nicht in die Landschaft schauen, wir wußten also weder, wo wir waren, noch, wohin es ging. Wir befanden uns einfach nur in der Nacht, im Lärm, wir fuhren durch Lichter, überholten Lastwagen - wir überholten sie, aber mit welchem Ziel eigentlich?

Die Scheiben waren beschlagen, und Kevin zeichnete mit dem Finger kleine, schiefe Häuser darauf, Männchen ohne Arme - die Männchen, die Kevin zeichnet, haben nie Arme, Sie haben die Hände auf den Rücken gelegt, erklärt er, wenn man ihn fragt, wo denn die Männchen ihre Arme hätten.

Sehr bald war kein Platz mehr auf der Scheibe, und Kevin begann sich zu langweilen, er verlangte nach seinem Lulli, er wollte schlafen, den Lulli hatte ich komplett vergessen. Stan warf mir einen bitterbösen Blick zu, Er kann ja Daumen lutschen, sagte ich, früher gab's auch keine Lullis, da haben die Kinder eben an ihrem Daumen gelutscht, das war sowieso viel praktischer. Ich hab das so gesagt, aber ich weiß ganz genau, daß Kevin ohne sein großes gelbes Taschentuch nicht einschlafen kann. Sein Mund fing an zu zittern. Nicht weinen, Kevin! sagte Stan, der weiß, wie sich ein Tränenausbruch ankündigt. Meinen Lulli! raunzte der Kleine. Nimm deinen Daumen, sagte ich. Er verteilte Fußtritte an den Vordersitz, die Person, die dort saß, drehte sich um, es war ein dicker Herr mit Schnurrbart, Kevin erschrak sehr, als er ihm sagte, Hör sofort auf damit, und er hörte sofort auf, er verlangte nicht mehr nach seinem Lulli, ich glaube, er weinte, jedenfalls schniefte er unentwegt, es war nervtötend.

In diesem Bus waren die Leute wirklich bequem untergebracht, und sie wünschten nicht gestört zu werden, das lag auf der Hand. Sie achteten nicht auf die Strecke, sie unterhielten sich ein bißchen, aber ganz leise, die einzigen, die sich benahmen wie Zappelphilipps, laut redeten, aufs Klo mußten oder heulten, waren meine Kinder. Die anderen wirkten alle ganz entspannt, wirklich, als würden sie diese Busfahrt jeden Abend machen, ich wurde immer unsicherer, wo wir uns befanden, wie lange wir schon unterwegs waren, und sie wurden immer gelassener, manche schliefen sogar, mit offenem Mund, die Hände auf den Bauch gelegt, sie kannten diese Strecke besser als irgend jemand sonst, ich fürchtete so sehr, die Station zu verpassen, daß ich noch einmal aufstand und den Fahrer fragen ging.

Ich wäre fast hingefallen im Gang, weil der Bus zu scharf in eine Kurve fuhr, ich stieß eine alte Dame am Kopf, und sie schrie auf, empört, als hätte ich sie schon die ganze Zeit genervt, aber sie sah mich nicht mal an dabei, vielleicht grauste sie sich vor mir. Trotzdem war es gut, daß ich fragen gegangen war, wir hatten nur noch knapp zehn Minuten, der Fahrer sagte, er würde die Station ausrufen, ich glaube, er hat mir angesehen, daß ich auf Nadeln saß. Ich bedankte mich vielmals, ich war so erleichtert! Dann ging ich vorsichtig auf meinen Platz zurück, hielt mich von Reihe zu Reihe an der Rückenlehne der Sitze fest, die alte Dame würdigte mich keines Blicks, sie redete mit ihrem Nachbarn, vielleicht über mich.

Wir sind bald da, sagte ich zu meinen Jungs, und obwohl er weinte, lächelte mir Kevin zu, mit seinem löchrigen Lächeln, wie ich immer sage, weil ihm drei Zähne fehlen - eigentlich sind wir beide uns ganz ähnlich, mit unseren Lücken im Zahnfleisch, ich traue mich oft nicht zu lächeln oder zu lachen, ohne mir die Hand vor den Mund zu halten, ich weiß nicht, ob Stan und Kevin es bemerkt haben. Später hätten sie sich sicherlich geschämt. Jetzt, wo wir keine Angst mehr haben mußten, konnten wir uns ganz locker geben, als spürten wir die Gefahr nicht, so wenig wie die anderen Fahrgäste. Auf diese Weise verging die Zeit viel schneller, und wir waren richtig überrascht, als der Fahrer den Namen der Stadt ausrief, wir standen schnell auf, es waren viele Leute im Gang.

Gut, daß ich an die Regenjacken gedacht hatte! Es goß nämlich wie mit Eimern, als wir ausstiegen. Es regnet von den Lichtern, sagte Kevin, Stan lachte ihn aus, aber ich fand das süß, Stimmt, Kevin, sagte ich, es regnet von den Straßenlaternen, hoffentlich kommt bald der Tag! Ich war total verloren, irgendwo abgeladen in einer fremden Stadt, aber ich spielte die Ortskundige und folgte den Leuten, die mit uns ausgestiegen waren, es sah so aus, als steuerten sie alle forsch auf dasselbe Ziel zu. Die Jungs hatten sich an mich gehängt, jeder mit einer Hand, mit der anderen schleppten sie die Sporttaschen, sie waren viel zu schwer für sie, aber seit ich mir das Schlüsselbein gebrochen habe, kann ich fast nichts mehr tragen.

Es hatte wohl schon seit einiger Zeit geregnet in dieser Stadt, man kam sich vor, als stapfte man auf einer Baustelle herum statt auf einem Gehsteig, aber vielleicht gab es auch keine Gehsteige in dieser Stadt. Ich fragte mich, ob sie uns überhaupt reinlassen würden im Hotel mit unseren matschigen Schuhen, und wie bloß die Leute das machten, die hier wohnten, ihre Häuser mußten ja voll Wasser und voll Schlamm sein, ganz zu schweigen vom Meeressand. Mensch, das Meer! Es war natürlich nicht zu sehen, klar, aber man hörte es auch nicht, und ich bekam heftige Kopfschmerzen bei der Vorstellung, ich könnte mich geirrt haben, und der Frage, wie ich es anstellen würde in dieser Stadt voll Wasser und voll Schlamm, wenn es hier kein Meer gab, denn ich hatte mir geschworen, die Kinder sollten das Meer sehen. So war es. So mußte es sein.

Wir kamen auf einen Platz, und die Leute verstreuten sich nach und nach in alle möglichen Richtungen, sicher waren wir im Zentrum der Stadt, war es riesig?, war es winzig?, ich konnte es einfach nicht erkennen, die Nacht war so schwarz und der Regen so eisig, man kam sich wie im Niemandsland vor, ich stand fast allein mit meinen Kindern da, und die Stadt wurde zu einem Geheimnis. Ich wußte nicht, in welche Straße ich gehen, wo ich überqueren sollte, was führte uns weg, was brachte uns näher, alles war vollkommen reglos, und je stiller es war, um so fremder waren wir.

Ich mußte jemanden ansprechen. Ich frage nicht gern jemanden, aber ich spürte, bald wäre es tiefe Nacht, und dann wären wir wirklich verloren alle drei. An einer Straßenecke sah ich einen kleinen Herrn, eingemummt in einen Anorak, der einen so winzigen mageren Hund spazierenführte, daß es aussah, als hätte er ihn aus Streichhölzern gebastelt, den habe ich gefragt, wo das Hotel war. Meine Stimme zitterte und blieb mir fast im Hals stecken, Jetzt habe ich wieder diese Beklemmung, dachte ich, und das machte mir Angst. Der kleine Herr tat den Mund nicht auf, zeigte nur mit dem Finger: das Hotel war direkt hinter uns, ich hatte es glatt übersehen, direkt hinter uns, aber das Schild war nicht beleuchtet, nicht mal der Eingang war beleuchtet; ich dankte mit einem leichten Kopfnicken, ich fürchtete mich davor, meine Stimme zu hören, und schließlich brachte er ja auch keinen Laut über die Lippen. Als wir weitergingen und unsere Taschen durch den Schlamm schleiften, fing der kleine Zündholzhund zu bellen an, und es klang wie ein Lachen, ein fieses Lachen, es lief mir kalt über den Rücken, dabei fürchte ich mich sonst nicht vor Hunden, und den da hätte ich mit der flachen Hand zerdrücken können. Vielleicht lag es am Regen, dachte ich plötzlich, meine zitternde Stimme, der lachende Hund, vielleicht waren alle Leute heiser in dieser Stadt, und da wurde mir unheimlich zumute, ich wünschte, es wäre bald morgen, damit ich das alles bei Tageslicht besehen könnte und feststellen, wie weit der Horizont uns führte.

Ist das unser Hotel, Mama? fragte Kevin, und auch seine Stimme versagte, aber bei ihm war es die Müdigkeit, ich kannte diese Stimme gut, sie beruhigte mich fast. Geh rein, antwortete ich, und wir mußten uns loslassen, wir drei, weil wir als Menschenkette nicht durch die Tür kamen, ganz zu schweigen von den Sporttaschen. Fast wären wir nicht losgekommen voneinander, wir waren ganz klamm und ganz verfitzt; Kevin blieb mit den Füßen in den Trägern seiner Tasche hängen und stieß mit dem Kopf hart gegen die Tür, und da sah ich, wie naß seine Haare waren, ich erinnere mich... es ist blöd ... ich erinnere mich ... es war eine Art Reflex, eine alte Angst, die Angst, er könnte sich erkälten. Fieber kriegen. Wer weiß? Vielleicht ist das in jeder Mutter drin, daß sie ihre Kleinen vor dem Fieber schützen will, ein tierischer Instinkt, stärker als wir.

Stan nahm beide Taschen und sagte, Bitte, Mama, nach dir, Stan liebt solche Höflichkeitsfloskeln, ich bin das nicht gewohnt, manchmal frage ich mich schon, wie es möglich ist, daß dieser Bengel so gute Manieren hat, wo lernt er das denn, zu Hause sicher nicht, in der Schule erst recht nicht, die Schule ist eine so herzlose Welt. Ja, er ist ein höflicher Junge, aber er ist auch stark. Das ist das Schöne. Daß er beides hat. Wie oft wollten sie in der Schule etwas aus ihm rauspressen, aber er hat immer dichtgehalten, er hat sich nie kleinkriegen lassen, auch wenn er dafür nachsitzen mußte oder eine Strafe aufgebrummt bekam, immer hat er sich gewehrt mit einer Wut, von der ich nicht weiß, woher er sie hat. Ja, mir gegenüber benimmt sich Stan wie ein Gentleman, das einzige männliche Wesen, das mich so gut behandelt, manchmal muß ich freilich lachen, Ach, spiel dich nicht auf, Stan, sage ich zu ihm, aber ich liebe es, und ich glaube, er weiß das.

Durchgefroren und pitschnaß, wie wir waren, schafften wir es endlich, in dieses verdammte Hotel hineinzukommen. Es war sehr dunkel, nur ein funzeliges Nachtlicht brannte am Empfang, und alles war in Braun gehalten: die Wände, das Linoleum, die Türen, in einem alten Braun, wahrscheinlich war hier seit ein paar hundert Jahren nicht frisch gestrichen worden, es sah so aus, als wäre all der Dreck an den Wänden und auf dem Boden mit der Zeit eingetrocknet, man kam sich wie in einer Schachtel vor, wie in einem Schuhkarton.

Mir war schon klar, daß die Jungs enttäuscht waren, im Fernsehen sind die Hotels ja wirklich ganz anders, es gibt überall Lichter, Blumen, große Spiegel, rote Teppiche, und die Leute sind angezogen wie für eine Hochzeit. Am Empfang saß so ein Junger und starrte in einen winzigen Schwarzweißfernseher, der wie ein Überwachungsmonitor aussah, aber der Mann verfolgte ein Fußballspiel, er blickte kaum auf, als ich meinen Namen sagte, er streckte den Arm nach hinten, angelte einen großen Schlüssel von einem Haken, legte ihn auf die Theke und murmelte, Sechster Stock dritte Tür links. Ich war ganz froh, daß er uns nicht sonderlich beachtete, wir hatten eine Schlammspur hinterlassen, die sogar auf dem braunen Linoleum zu sehen war, lauter kleine Batzen, wie verstreute Kacke. Ich griff nach dem Schlüssel und blickte mich um, der Kerl kannte das wohl schon, denn er sagte, Die Treppe ist hinter Ihnen, mir fehlte eindeutig die Orientierung in dieser Stadt, alles war immer hinter mir, und ich merkte es nicht, alles war da, und ich rannte herum und ging im Kreis, dabei war alles da und wartete auf mich.

Nicht die Treppe hatte ich gesucht, sondern den Lift, aber gut, wir waren fast am Ziel, das war die Hauptsache, Los, Kinder, sagte ich, ein kleines Stück noch, Stan nahm Kevins Tasche, der Kleine nahm meine Hand und fragte noch einmal, Ist das unser Hotel? Du wirst in einem schönen Bett schlafen und ganz neue Bettwäsche haben, sagte ich, aber das schien ihm nicht zu gefallen, Mein Lulli ist nicht da, du hast meinen Lulli vergessen! Seine Stimme war voll Auflehnung, sicher hatte er sich unseren kleinen Ausflug etwas anders vorgestellt. Aber morgen, wenn er erst das Meer sieht, dachte ich, weil das Meer, das konnte keine Enttäuschung sein, das gab's einfach nicht, das Meer ist überall für alle gleich, und ich war sehr wohl in der Lage, mit meinen Knirpsen hierher zu fahren, ich war sehr wohl in der Lage, eine Reise zu unternehmen, sogar nachts, es stimmt nicht, daß ich vor lauter Angst nichts zusammenbringe, wie die auf dem Sozialamt immer behaupten.

Das alles sagte ich mir vor, während ich die Stufen hinaufstieg, aber ich glaubte es nicht wirklich, ich wollte mir nur Mut machen. Tief innerlich hätte ich es gern so schnell wie möglich zu Ende gebracht. Aber die Kinder mußten einfach das Meer sehen, das war mir auch klar, und bei dem Gedanken an all die Zeit, die wir für uns hatten, wurde mir schwindlig, ich klammerte mich ans Geländer, mir war, als würde es an mir ziehen, an meinem Arm reißen. Stan hatte Mühe mit den beiden Taschen, er wollte im vierten Stock stehenbleiben, Aber wirklich nicht! sagte ich, wenn wir jetzt stehenbleiben, kommen wir nie rauf. Ich ließ Kevins Hand los und half Stan, eine der Taschen zu tragen, schwer zu sagen, wer hier wem half, wer sich woran festhielt, klar war nur: wir waren ganz schön mutlos, weil wir so viele Stockwerke hinauflaufen mußten, die Stiege war steil und unbeleuchtet, vielleicht, wenn es hell gewesen wäre, hätten wir mehr Kraft gehabt. Ohne Licht war es, als müßten wir durch einen Tunnel oder eine unterirdische Passage, wir konnten uns nicht vorstellen, wie das Zimmer aussehen würde, alles war zu braun, zu dunkel, zu unübersichtlich.

Kevin war eifersüchtig, weil er nachtrottete, eifersüchtig, weil ich seinem Bruder half, da bin ich sicher, und er fing an zu weinen, er sagte, er wäre müde, er sagte sogar, er wollte wieder nach Hause! Also, da blieb mir die Spucke weg. Was? hab ich zu ihm gesagt, die Mama macht mit dir eine Reise ans Meer, und du willst wieder nach Hause? Morgen ist Kindergarten, was sollen wir denn Marie-Helene sagen? Marie-Helene, antwortete ich, bringen wir eine Muschel mit, und ich dachte, das wäre vielleicht das richtige, eine schöne Muschel zu suchen und sie der Lehrerin zu geben, der ersten Liebe meines Sohnes, ja, sie müßte seine erste Muschel bekommen. Dieser Einfall brachte Kevin zum Lächeln, ich war stolz auf mich, Ich kann gut mit meinen Kindern umgehen, dachte ich, wenn man mich nur machen läßt, wäre vielleicht eine dieser Sozialarbeiterinnen auf so etwas gekommen? Daß man einen Fünfjährigen dazu bringen kann, in den sechsten Stock zu gehen, indem man ihm von Muscheln erzählt? Nicht eine wäre draufgekommen, solche Dinge standen ja nicht mal in ihren Fragebögen. "Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Muscheln? - täglich; einmal im Jahr; nie." Also, ich bin sicher, ganz viele würden "Nie" ankreuzen, und gerade die sollen gute Mütter sein? Nur weil sie nicht irgendwann gegen achtzehn Uhr in der Schule eintrudeln, sondern Punkt sechzehn Uhr fünfundzwanzig mit einem Schokocroissant am Tor stehen, ihren Knirps schnappen und sich aufregen, Du kommst natürlich wieder mal als letzter raus. Pff! Was war denn eigentlich wichtiger? Natürlich die Muscheln! Und ich war fest entschlossen, eine ganz große zu finden, eine von denen, die rauschen, wenn man sie ans Ohr hält, und die man zur Zierde auf die Anrichte legt.

Der Plan verfehlte seine Wirkung nicht, mit der Aussicht auf die Muschel kamen wir wie durch ein Wunder in den sechsten Stock, ich und die Kinder und die Taschen. Wir hatten keinen Schlamm mehr an den Schuhen, waren schweißgebadet, erschöpft und völlig erhitzt, wir wollten nur noch schlafen gehen, und mich durchströmte ein Glücksgefühl. Ich konnte es kaum erwarten, daß die Knirpse ins Bett kamen und wir ohne weiteres den nächsten Morgen erreichten, wie alle anderen Leute, die abends ins Bett gehen, weil sie müde sind, weil sie jede Stunde ihres Tages auszufüllen wissen, und morgens aufstehen, weil es sich so gehört, man muß aufstehen, also tun sie es - im Unterschied zu mir, ich bringe Tag und Nacht durcheinander, bin wach, wenn alle anderen pennen, und schlafe ein, wenn sie sich abhetzen, übrigens frage ich mich jedesmal, wenn ich unterwegs bin, wohin die Leute alle gehen, sie laufen nach rechts, nach links, klappern die Straßen ab, manche telefonieren sogar im Gehen, wie kann man nur soviel zu tun haben?

Ich steckte den großen Schlüssel in das Schloß der dritten Tür links, das hat er doch gesagt, der Nachtportier, ich habe es schon richtig verstanden, dritte links, und die Tür ging auf - das heißt, nicht ganz, weil sie gegen das Bett stieß, das sehr breit war; wir zwängten uns durch und setzten uns hin, etwas anderes konnten wir nicht tun, es gab keinen Tisch, keinen Stuhl, keinen Schrank, nur dieses Bett, und viel größer als das Bett war das ganze Zimmer nicht.

Ich fürchtete, Kevin würde gleich wieder fragen, Ist das unser Hotel? Deshalb sagte ich rasch im Kommandoton, Los, Kevin, Pipi und ab ins Bett! Wo denn? gab er zur Antwort. Wo denn was? Wo soll ich Pipi machen? Ich streckte die Hand aus, öffnete die Tür, zwängte mich wieder durch und trat auf den Flur, Kevin folgte mir mit mißtrauischem Blick.17

13 Marktplatz-Angebote für "Meeresrand" ab EUR 2,30

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
leichte Gebrauchsspuren 2,30 1,10 Banküberweisung Kendra 100,0% ansehen
wie neu 2,50 1,10 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung bella85 80,0% ansehen
wie neu 2,50 1,10 Banküberweisung moltofill 100,0% ansehen
wie neu 2,79 1,30 sofortueberweisung.de, Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, Banküberweisung george_kaplan 100,0% ansehen
2,95 2,00 offene Rechnung Davids Antiquariat + catch-a-book 99,3% ansehen
wie neu 3,25 1,95 PayPal, offene Rechnung, Banküberweisung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) weltdesbuches.d e 98,8% ansehen
3,95 2,00 offene Rechnung Davids Antiquariat + catch-a-book 99,3% ansehen
gebraucht; gut 3,99 2,00 offene Rechnung Der-Philo-soph 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 4,95 2,00 PayPal, Banküberweisung Artobo Modernes Antiquariat 100,0% ansehen
5,45 2,00 offene Rechnung Davids Antiquariat + catch-a-book 99,3% ansehen
wie neu 5,50 1,90 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Buchrausch 99,5% ansehen
gebraucht 6,60 3,00 Banküberweisung, offene Rechnung, Selbstabholung und Barzahlung Arnshaugk Verlag 100,0% ansehen
wie neu 7,99 1,50 Banküberweisung, Selbstabholung und Barzahlung meus-librarius 100,0% ansehen
Mehr von