Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte - Schlögel, Karl

Karl Schlögel 

Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte

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Produktbeschreibung zu Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte

Vergessen Sie Brüssel und Straßburg: der Nabel Europas ist Marjampole. Einmal im Monat treffen Ost und West in Form eines Gebrauchtwagenmarktes in der litauischen Provinzstadt zusammen. Städte wie Marjampole geben Auskunft über das neue Europa: Karl Schlögel hat beobachtet, wie sich seit 1989 ein neuer europäischer Lebensstil herausbildet, der eine unsichtbare Verbindung herstellt von Paris bis Nowgorod. Ein überraschend frisches Bild für alle, die glauben das Europa von heute zu kennen.

Produktinformation


  • Verlag: Hanser
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 317 S.
  • Seitenzahl: 320
  • Best.Nr. des Verlages: 505/20670
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 148mm x 30mm
  • Gewicht: 547g
  • ISBN-13: 9783446206700
  • ISBN-10: 3446206701
  • Best.Nr.: 14171032
"Ein grandioser Landschaftsmaler bei der Charakterisierung osteuropäischer Räume." (Literaturen)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 19.10.2005

Verbeugung vor den Lastwagenfahrern und Putzfrauen
Auf den Pfaden der Ameisenhändler: Karl Schlögel sieht Europa aus den Städten emporsteigen / Von Heinrich Wefing

Mit beinahe beängstigender Regelmäßigkeit hat der Osteuropahistoriker Karl Schlögel in den vergangenen paar Jahren seine verstreut publizierten Vorträge und Aufsätze, Ausweise einer beneidenswerten Produktivität, in anregenden Büchern zusammengefaßt. 1995 erschien "Go East oder Die zweite Entdeckung des Ostens", 2001 "Promenade in Jalta"; ein Jahr später folgte "Die Mitte liegt ostwärts", und nun, unterbrochen wohl von der Arbeit an dem monumentalen "Im Raume lesen wir die Zeit" (2003), legt Schlögel eine neuerliche Versammlung von Reiseeindrücken und Reflexionen vor. In Anlage, Sujets und Tonfall ähnelt "Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte" den vorangegangenen Bänden ungemein, doch ist solche Fortschreibung des Vertrauten bei einem derart sprachmächtigen und hartnäckig neugierigen Autor wie Schlögel durchaus kein Nachteil.

Während andere längst den Hals strecken, weit weg nach China, Brasilien oder Indien spähen, nervös auf den …

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Thomas Medicus ist es von Karl Schlögel schon seit 1986 gewohnt, mit "ungebrochener Entdeckerfreude" in bisher unbekannte osteuropäische Gefilde geleitet zu werden, weshalb er sich in seiner Besprechung auf die Ungereimtheiten des Schlögelschen Denkens konzentriert. Zum einen vermisst Medicus den Beweis für die Behauptung, die Städte spielten mit ihren Bürgern eine besondere Rolle in der Zukunft Ost- und Mitteleuropas. "Verblüfft" ist der Rezensent zudem, wie unkritisch Schlögel den Fortschritt auf den Ausbau des Verkehrssystems, also den boomenden Gebrauchtwagenmarkt in Marjampole reduziert. In Anlehnung an Lenins Diktum "Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung" argumentiere Schlögel "Europäisierung ist offene Grenzen plus Automobilisierung". Diese Fortschrittsgläubigkeit beißt sich nach Ansicht des Rezensenten wiederum mit dem rückwärts gerichteten Bild des osteuropäischen Bürgers, den Schlögel aus dem 19. Jahrhundert entlehnt, der nach Ansicht des Rezensenten aber im 21. Jahrhundert noch nicht gesichtet wurde. Wegen dieser "romantischen Geschichtsprophetie" bleibt allzu viel im "Romantisch-Ungefähren", mokiert Medicus, mehr Wille und Vorstellung als Erkenntnis und Wirklichkeit.

© Perlentaucher Medien GmbH
Karl Schlögel, geboren 1948 im Allgäu, hat an der Freien Universität Berlin, in Moskau und St. Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert und lehrt an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. 2006 erhielt er den Lessing Preis der Stadt Hamburg.

Leseprobe zu "Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist..."

Berlin und Moskau - zwei Stadtschicksale im 20. Jahrhundert

"Stadtschicksal" - dieser Titel stammt von Karl Scheffler, dem großartigen Porträtisten des soeben zur Metropole gewordenen Berlin. Er konnte 1912 nicht wissen, wie wahr sich der Terminus vom "Schicksal" für seine Stadt erweisen sollte. Für Moskau gilt es nicht weniger. Beide Städte, die so wuchtig und eindrucksvoll die Bühne des anbrechenden 20. Jahrhunderts betreten hatten, sind im Laufe des Jahrhunderts aus dem Kreis der großen Weltstädte ausgeschieden in einem ganz eigentümlichen und sehr verschiedenen Prozeß der Selbstzerstörung. In vielem kulminiert in diesen Stadtgeschichten die Geschichte der Länder und Völker, deren Hauptstädte sie waren.

Wenn man verstehen will, was geschehen ist, muß man an den Ausgangspunkt zurück, in die Zeit vor dem Jahr 1914, in dem das lange 19. Jahrhundert zu Ende ging. Unsere Schilderung der Endzeit des Ancien régime wird nicht ganz frei sein von Anklängen des Nostalgischen und des Gefühls eines tiefen Verlustes. Berlin und Moskau als europäische Metropolen des 20. Jahrhunderts wurden im 19. Jahrhundert geboren. Die Nervosität, die Fieberhaftigkeit und Kraft der beiden Städte, beide latecomer, wenn auch mit verschiedener Ausgangsposition, wurzeln in der Aufbruch- und Boomzeit des Wilhelminismus und des späten russischen Kaiserreiches. Die Anfänge dessen, was erst nach Krieg und Revolution, also in den legendären zwanziger Jahren, größte Klarheit und radikale Stilisierung gefunden hat, liegen bekanntlich in dem so viel geschmähten "Wilhelminismus" und im "Silbernen Zeitalter", dem Rußland die Geburt seiner modernen Nationalkultur verdankt. Woran immer wir denken, wenn wir die Blitze und Donnerschläge der Avantgarde und den neuen Ton hören - es begann alles lange vor 1917 und 1918, lange vor russischem Oktober und deutschem November, die nur Katalysator sind für die Radikalisierung und Findung der endgültigen Form. Keine sowjetische Avantgarde ohne das Silberne Zeitalter, keine Weimarer Kultur ohne Herwarth Waldens Sturm, Peter Behrens, Ludwig Hoffmann. Alles nahm Anlauf in den dynamischen Zeiten, da Rußland vom "Stern Amerikas" träumte, der über Sibirien aufgehen würde (Alexander Block), und da in Deutschland der massendemokratische Traum vom "Platz an der Sonne" geträumt wurde. Der Aufstieg der Millionen in ein besseres Leben mündete in den großen Krieg von 1914, der Kampf um einen Platz an der Sonne führte auf die Schlachtfelder von Verdun und Galizien; die soziale Mobilisierung überschlug sich in der militärischen Mobilmachung, im ersten Massen- und Volkskrieg der Moderne, der seine Vollendung im totalen Krieg keine dreißig Jahre später finden sollte.

Berlin und Moskau 1917/1918: Städte der Soldaten, die aus dem Krieg zurückkamen, aber keinen Weg zurück ins zivile Leben fanden. Es dauert gewiß einige Jahre, jedenfalls in Moskau, bis der Kommunismus der Kriegszeit vorüber ist und die Routinen des zivilen Lebens wieder bestimmend werden. Für Moskau sind es Zeiten der Deindustrialisierung, der Regression in vorurbane Zustände. Moskau verliert seine Kaufmannschaft und sein Unternehmertum. In Moskau läßt sich die Macht, der Apparat des neuen Staates nieder. Moskau wird das "Vierte Rom" der Kommunistischen Internationale. Die Situation ist irgendwie unvergleichlich: das Moskau des Bürgerkriegs war Bürgerkriegsstadt mit Hungersnot, Entvölkerung, Massensterben, Überlebenskampf; Berlin eher eine Stadt, an der die Revolution trotz der Erwartung eines deutschen Oktober vorübergegangen ist.

Die Unterschiede werden erst recht deutlich, als nach 1920 die Friedenszeit wieder anbricht. Moskau erholt sich rasch, aber es ist doch die Hauptstadt eines Bauernlandes - nach einer Revolution, die den Bauern Land gegeben hat. Im Moskau der Neuen Ökonomischen Politik regeneriert sich das mittelständische, kleinunternehmerische, handwerkliche Element sehr rasch. Moskau blüht, wie ein Basar und Schwarzmarkt nur blühen kann. Was soll dieses Moskau mit Berlin, der Hauptstadt eines der am meisten industrialisierten und entwickelten Länder der Welt gemein haben?

Doch Moskau entgeht den umstürzenden Veränderungen nicht, die mit der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung nach 1929 einhergehen. Das Moskau der Kaufleute, des Handels und der Textilindustriellen geht nicht 1917 unter, sondern im Strom der bäuerlichen Immigranten, die im Zug der Kollektivierung, im Zuge des Wiederauflebens des Bauernkrieges auf dem Dorf, in die Städte ziehen oder geschwemmt werden. Das alte, vorrevolutionäre Moskau geht unter in der Woge der Hyperurbanisierung, in der die Einwohnerzahl sich binnen eines Jahrzehnts verdreifacht, wo eine neue Stadtgesellschaft entsteht, ein Riesendorf, das nach Millionen zählt, in der die alte Urbanität aufgelöst, atomisiert, zum Verschwinden gebracht wird. Die harte stalinistische Form, in die Moskau in den 30er Jahren gebracht wird - Generalplan von 1935 -, ist die Arbeit zur Strukturierung und Disziplinierung dieser amorphen Masse von Millionen von Entwurzelten. Das neue Moskau: das ist die Sprengung von Hunderten von Kirchen an exponierten Stellen, die Verbreiterung seiner Gassen und Straßen zu Magistralen und großen Perspektiven; Zeit der großen Kanal-, Tunnel- und Metrobauten; Moskau wird monumental, großartig. Vorbei sind die Zeiten des Experimentierens mit den bescheiden und zivil bemessenen Formen des Bauens der 20er Jahre. Nun geht es um Hierarchie, großartige Prospekte, eine Architektur der Macht und der Einschüchterung, um Steigerungsformen des alten Reiches, gipfelnd in der Errichtung des größten Gebäudes der Welt und einem Ring von Wolkenkratzern. Moskau überbietet alle anderen Städte der Welt durch die Größe seines Maßstabs, seine Planmäßigkeit und Fürsorglichkeit. Aber was als Heimstatt des neuen Menschen geplant war, kommt als Stadt der Herrschaft, die wohl Sowjetmenschen, nicht aber Bürger gebrauchen kann. Moskau 1937 ist Stadt der umfassenden Umsorgung und des schrankenlosen Terrors, der Filmkomödie und des Zeitvertreibs im neu eröffneten Gorki-Park. Es ist die Stadt entfesselter und zum Alltag gewordener Gewalttätigkeit, der Furcht. In Moskau lernt eine ganze Generation das Schweigen und das leise Sprechen, die Mimikry, die Überleben garantiert, das Vokabular, das man beherrschen muß, wenn man weiterkommen will. Das alte Moskau ist untergegangen, ein neues entsteht aus dem Geist der Karriere und der Aufsteiger der 30er Jahre. Die Erinnerung an diesen beispiellosen Aufstieg von ganz unten auf die Höhen der Macht und des halbwegs sicheren und guten Lebens wird erst mit dem Tod dieser Generation in den Siebziger- und Achtzigerjahren aussterben. Moskau blutet aus und bildet sich neu. Moskau wird arm und zieht aus dem Aufstieg von Hunderttausenden doch unvorstellbar starke Energien.

Was ist mit Berlin, das 1933 von der völkischen Revolution umspült und überwältigt wird? Es geht ziemlich normal weiter bis auf jene, die nicht länger zur sogenannten Volksgemeinschaft gehören sollen: das sind relativ kleine, genau definierbare Gruppen von rassisch und politisch Verfolgten: also Juden, Zigeuner, Kommunisten, Sozialisten, bekennende Christen, Homosexuelle - nicht die Gesellschaft als ganze. Die "Volksgemeinschaft" ist mehr oder weniger ganz dabei. Der Prozeß kann und braucht hier nicht skizziert zu werden. Sein Ergebnis für die städtisch-hauptstädtische Gesellschaft ist klar: Purifizierung, Unifizierung, Homogenisierung, Uniformierung, Verarmung. Berlin nach der Nazi-Revolution und nach der Ruinierung der Stadt ist um seine alten städtischen Eliten gebracht. Sie verschwanden im gesellschaftlichen Abseits, im Exil, in den Lagern, im Gas. Der physischen Ruinierung der Stadt durch die alliierten Bomber (und die Planungen für Speers Germania) entspricht die Zerstörung der Stadtgesellschaft. Berlin muß sich nach 1945 - ähnlich wie Moskau nach 1929 und 1937 - neu bilden.

Die Nachkriegszeiten in beiden Städten könnte man als lange Akkumulationsperioden ansehen, in denen die städtischen Gesellschaften wieder zu Kräften kommen, Phasen der Regeneration, die freilich von Prozessen der Auszehrung und Dezimierung konterkariert werden: Das zerstörte Berlin gibt immer noch Kräfte ab - in Flucht, Abwanderung, Auswanderung, Verlagerung, Abwarten. Moskau, das der gespenstischen Spätzeit Stalins entgegengeht, gibt Kräfte ab - an die Provinz, an den Wiederaufbau des verheerten Landes. Insgesamt ist die Zeit nach 1945 zwar nicht ein "Goldenes Zeitalter", wohl aber eine lange Zeit der Regenerierung. Das Wichtigste an diesen Jahrzehnten ist die Abwesenheit von Krieg und die Stabilität, die sich dem Kalten Krieg verdankte. Es ist eine lange Zeit der Demobilisierung, des Nachwachsens der zivilen Kräfte, ein postheroisches Zeitalter, da in den Poren der ausgezehrten Hauptstädte sich wieder Stadtgesellschaft bildet. Das Ende der Diktaturen hat auch den Monumentalismus, die große heroische Geste mit sich genommen. Man will nun Städte für die einfachen Leute - und vor allem Wohnungsbau. Über alle Unterschiede hinweg geht ein Orkan des bis zur Banalität uniformen Bauens, des Verzichts auf jede planerische oder architektonische Geste. Was die Diktaturen bei der Zerstörung der historischen Zentren nicht geschafft haben, schafft nun die Expansion des Konsumismus. Historische Restbestände werden geschleift, Unikate pulverisiert. Amerikanismus und Funktionalismus in Vulgärform feiern auf deprimierende Weise Urständ. Das Resultat, das in den Sechzigerjahren endgültig Gestalt angenommen hatte, ist bekannt.

Konfrontiert mit diesen traurigen Resultaten einer zweiten, banalisierten Moderne, ja schockiert von ihrem menschen- und stadtfeindlichen Gestus, trieb alles auf eine Wende zu oder doch zumindest auf eine Suchbewegung. Die schöne Stadt durfte wieder gedacht und sogar gebaut werden. Die Wiederkehr der Stadt und der Urbanität war auf die Tagesordnung gesetzt. Daß es um eine tiefgreifende und nicht bloß ästhetische Wendung ging, zeigt sich schon darin, daß Wiedergewinnung der Stadt und der urbanen Kultur ohne die Wiedergeburt oder Erneuerung der Bürgergesellschaft, der Civil society, gar nicht möglich war: also - kein neuer Potsdamer Platz und kein neuer Manegeplatz ohne die politischen Revolutionen im Laufe von Perestrojka und 1989.

Berlin und Moskau sind durch die Wucht der gesellschaftlichen und politischen Ereignisse im 20. Jahrhundert aus der allgemeinen Bahn der Stadtentwicklung herausgeschleudert worden. Sie hatten für lange Zeit ihre Rolle als kreative und innovative Zentren der europäischen Existenz und Kultur eingebüßt. Die Zeiten der geschlossenen oder totalitären Gesellschaft waren auch Zeiten der Provinzialisierung und Dezimierung dessen, was Kant die "lebendigen Kräfte" genannt hatte. Sie brauchten ein gutes halbes Jahrhundert, um dort wieder anzugelangen, wo sie schon einmal waren.

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