Märkische Forschungen - Bruyn, Günter de

Günter de Bruyn 

Märkische Forschungen

Erzählung für Freunde der Literaturgeschichte

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Märkische Forschungen

Professor Winfried Menzel in Berlin hat Max Schwedenow, geboren 1770 und gestorben 1813 in der Schlacht von Lützen, wiederentdeckt, ihn als fortschrittlichen Historiker und revolutionären Dichter eingestuft und zur Zentralfigur des märkischen Jakobinertums gemacht. Zufällig trifft er bei einer Ortsbesichtigung den Lehrer Ernst Pötsch, der aus literarischem und persönlichem Interesse seine Privatstudien vorantreibt. Menzel mag Pötsch und versucht, ihn für sein Institut zu gewinnen. Pötsch zögert allerdings, da er in Menzels Buch über Schwedenow eine Vielzahl von Unstimmigkeiten entdeckt ... So beginnt de Bruyns Erzählung, die sich nicht nur an die Freunde der Literaturgeschichte wendet. Zwar geht es darum herauszufinden, wer dieser Max Schwedenow in Wirklichkeit gewesen ist; aber das Nachdenken über den seit langem toten Autor weitet sich immer mehr aus zum Nachdenken über die konfliktreiche Gegenwart: Hier der berühmte Professor, der Liebling der Medien und Oberen, der sich bedenkenlos ans Bestehende hält - und dort der Lehrer Pötsch, der der Wahrheit auf der Spur ist, sie aber nicht beweisen kann. De Bruyn entlarvt in dieser klassisch einfachen Geschichte auf ebenso brillante wie humorvolle Weise den falschen Schein, die Intrigen und die Skrupellosigkeit von jemandem , der unter allen Umständen die öffentliche Gunst behalten will. Und sein betroffenes Mitleid und Engagement gilt demjenigen, der sich dem herrschenden Denken widersetzt im Interesse der Wahrheit. Die überlegene Verwendung sparsamster Darstellungsmittel in der Personen- und Handlungsführung und ein Humor, der immer dann boshaft wird, wenn menschliche Schwächen zur Unmenschlichkeit werden - das sind die selten gewordenen Qualitäten dieser Erzählung :Märkische Forschungen9.


Produktinformation

  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • 2005
  • 9. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 151 S.
  • Seitenzahl: 151
  • Fischer Taschenbücher Bd.5059
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 18mm
  • Gewicht: 176g
  • ISBN-13: 9783596250592
  • ISBN-10: 3596250595
  • Best.Nr.: 01869457
Günter de Bruyn wurde am 1. November 1926 in Berlin geboren. Über seine Kindheit schrieb er später einmal: "Nie mehr habe ich so isoliert gelebt wie als Kind. Eine Familie, die sich als Insel im Meer des Unglaubens und der Unmenschlichkeit verstand, hatte Gefühl und Verstand geprägt und sich dann aufgelöst. Das Kind blieb in der Diaspora allein, ein Katholik unter Protestanten, ein zum Nationalismus Unfähiger unter Nationalisten, ein Träumer unter Anpassern."

1943 wurde de Bruyn als Luftwaffenhelfer zum Kriegsdienst einberufen und war noch einige Monate Soldat. Eine Kopfverletzung durch Granatsplitter führte zeitweise zur Lähmung seines Sprachzentrums.

Nach Kriegsgefangenschaft und einem kurzen Intermezzo als Landarbeiter absolvierte er 1946 einen Neulehrerkursus in Potsdam und war dann bis 1949 Lehrer in einem märkischen Dorf, bevor er eine Ausbildung an der Bibliotheksschule in Ost-Berlin machte. Von 1953 bis 1961 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentralinstitut für Bibliothekswesen in Ost-Berlin.

Parallel dazu verlief de Bruyns schriftstellerische Entwicklung: Die ersten Erzählungen, während der fünfziger Jahre entstanden, hatten vor allem seine traumatischen Kriegserfahrungen zum Inhalt. 1963 erschien de Bruyns erster Roman "Der Hohlweg", der noch ganz an den propagandistischen Vorgaben des sozialistischen Realismus orientiert war. 17 Jahre hatte de Bruyn an diesem ersten Buch gearbeitet, das zwar offiziell als Erfolg galt und mit dem "Heinrich-Mann-Preis" ausgezeichnet wurde, von dem sich der Schriftsteller aber schon bald distanzierte.

In der Folgezeit befreite sich de Bruyn weitgehend von der Bevormundung durch die Kulturfunktionäre.

Er schrieb Parodien auf die DDR-Schriftsteller jener Jahre. Vor allem aber durch seine Romane "Buridans Esel" von 1968 und "Preisverleihung" von 1972 wurde de Bruyn auch im Westen bekannt.

1975 folgte seine Neuerzählung von Gottfried von Straßburgs "Tristan und Isolde".

Große Beachtung fand de Bruyn auch mit Essays über die deutsche Romantik und mit der ebenfalls 1975 erschienenen Jean-Paul-Biographie: "Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter".

Obwohl de Bruyn 1976 den offenen Brief in Sachen Wolf Biermann mit unterschrieben hatte, fand er sich nicht auf der Liste der Schriftsteller, die mit einem Visum abgeschoben wurden. Statt dessen konnte er die Erzählung "Märkische Forschungen" (1978) und den Roman "Neue Herrlichkeit" (1984) veröffentlichen, mit denen er sich erneut als skeptischer Beobachter der DDR-Gesellschaft erwies.

Es folgten die Essays "Lesefreuden" (1986), der Band "Jubelschreie, Trauergesänge. Deutsche Befindlichkeiten" (1991), in dem sich der Autor u.a. in vier großen Aufsätzen dem Umbruch des Jahres 1989 widmet, danach die beiden Bände seiner Autobiographie, "Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin" (1992) und "Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht" (1996), schließlich "Mein Brandenburg", in dem er Kultur und Landschaft seiner märkischen Heimat schildert (der Band ist mit großartigen Fotos von Barbara Klemm ausgestattet).

Im S. Fischer Verlag sind zuletzt erschienen "Deutsche Zustände" (1999) und "Unzeitgemäßes" (2001).

Günter de Bruyn lebt heute in einem märkischen Dorf.

"Wenn man unter den deutschsprachigen Schriftstellern unserer Jahrzehnte denjenigen auszeichnen wollte, der die Arroganz bis zum letzten Hauch aus seiner Sprache getilgt und die Fairneß zur Arbeitsmoral erhoben hat, gehört Günter de Bruyn der Preis."
Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Dieser Essayist ist ein großer Zauberer."
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Heinrich-Mann-Preis (1964) Lion-Feuchtwanger-Preis (1982) Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der deutschen Industrie (1987) Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck (1989) Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (1990) Ehrendoktor der Universität Freiburg (1990) Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der schönen Künste (1993) Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (1996) Brandenburgischer Literaturpreis (1996) Jean-Paul-Preis (1997) Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität, Berlin (1998) Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik (2000) Friedrich-Schiedel-Literaturpreis (2000) Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung (2002)

Kundenbewertungen zu "Märkische Forschungen" von "Günter de Bruyn"

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Bewertung von http://lotharpawliczak.blog.de/ aus Berlin am 08.04.2010 ***** ausgezeichnet
Authentisch und allgemeingültig

Hier werden mit brillanter Ironie Abgründe des Wissenschaftsbetriebes vorgeführt - und nicht nur das, sondern Unzulänglichkeiten des Allzumenschlichen, die auch andernorts vorkommen. Das ist allgemeingültig, für alle Zeiten und alle Gesellschaften. An diesen Werken wird man sich - wie an denen WILLIAM SHARESPEARES - noch lange ergötzen, wenn sie vielleicht auch zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geraten sind (War das nicht bei SHAKESPEARE auch so?)! Der heutige Leser merkt kaum, auf welchem Boden das gewachsen ist. Beim gleichnamigen Film von ROLAND GRÄF wundern sich Spätgeborene wohl am Anfang: Was ist denn das für ein seltsames Auto, mit dem die da im Schlamm stecken bleiben? Der Schlamm scheint mir sinnbildhaft - aber das ist gottseidank Vergangenheit.

Die großartige Verfilmung von "Märkische Forschungen" durch ROLAND GRÄF war der Kultfilm der unhörbaren zornigen jungen Männer in der DDR! Das war wohlfeil. Auch seinen Zorn oder Protest in die Schublade hineinzuschreiben, war noch kein Widerstand, sondern nur eine Art innere Emigration, ein intellektueller Schrebergarten. WOLFGANG TEMPLIN wurde dann zu einer der rühmlich-hörbaren Ausnahmen. Das ist heute vielleicht nicht mehr wichtig - vielleicht doch, als Mahnung und Warnung und daß der eine oder andere fröhlich von seiner Vergangenheit scheide. Ich bin überzeugt, auch das Publikum, das gar nicht mehr weiß, was "DDR" bedeutet, wird an diesem Werk sein Vergnügen finden und manche (aktuelle) Wirklichkeit wiedererkennen. GÜNTER DE BRUYNS Erzählung ist voller bühnen- und filmreifer Kabinettsstückchen und die hat ROLAND GRÄF mit hervorragenden Schauspielern ins Bild gesetzt. Es wird Zeit, daß der Film wenigstens als DVD wieder unters Volk kommt. Und liebe Fernsehintendanten: Machen Sie doch mal unserem verehrten MARCEL REICH-RANICKI eine Freude und bringen Sie diesen Film! Der wird - da wette ich drauf - nur meckern, daß die eine Liebesgeschichte darin etwas zu verborgen ist und die andere nur am Rande vorkommt.

Ach so, für die die nicht mehr wissen, was "DDR" ist - Sie haben da auch nicht wirklich etwas versäumt: Das ist die Abkürzung für Deutsche Demokratische Republik, eine Art offizieller, dreifacher Tarnname für das Gebiet im Osten Deutschlands, das bis 1990 nicht eigentlich zu Bundesrepublik gehörte, die aber zumindest teilweise durch Zahlungen das unselige Fortbestehen der DDR für eine Weile verlängert hat. Die Erfinder des Wortungetüms "Deutsche Demokratische Republik" haben mit gleichsam umgekehrter Freudscher Fehlleistung ihre Verschleierungsabsicht selbst offenbart: Indem sie glaubten, zu "Republik" noch das Adjektiv "Demokratisch" hinfügen zu müssen - also übersetzt eine volksherrschaftliche Volksherrschaft - offenbarten sie, daß sie die Vorstellung einer undemokratischen Respublica im Kopf hatten, was sie dann ja auch praktisch umgesetzt und gleichzeitig mit großem, letztlich vergeblichem Propagandaaufwand stets geleugnet haben. Von der ganzen Welt völlig unerwartet (selbst nicht vom Innerdeutschen Ministerium, das so wohl wie selten eine andere Regierungsinstitution seine Überflüssigkeit bewiesen hat) ist die DDR an plötzlich offen ausgebrochener, aber - wie sich dann herausstellte - sehr lange latenter, dann rasant verlaufender politischer Schwindsucht zugrunde gegangen. Wer sich da als Arzt hätte betätigen wollen, wäre sicher bald selbst in Schwierigkeiten geraten. Schließlich hat sich die Leiche - seltener Fall - fröhlich selbst zu Grabe getragen.

"Märkische Forschungen" gibt auch - aber nicht vordergründig - ein authentisches und nicht nachträglich hergestelltes Gegenbild zur grassierenden entsetzlichen DDR-Nostalgie, kein vergangenheitsseliges, auch kein larmoyantes sondern einfach ein allgemeinmenschliches.

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