Leseprobe zu "Märchen" von Hans Chr. Andersen
Die Nachtigall
In China, das wird dir wohl bekannt sein, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die ihn umgeben, sind auch Chinesen. Es sind nun schon viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es der Mühe wert, die Geschichte zu hören, denn man vergißt sie sonst. Das Schloß des Kaisers war das prächtigste in der Welt, durch und durch von feinem Porzellan, so kostbar, aber auch so zerbrechlich, daß man sich ordentlich in acht nehmen mußte, wenn man es berührte. Im Garten sah man die merkwürdigsten Blumen, und an den allerpräch- tigsten waren silberne Glocken befestigt, die fortwährend tönten, damit man nicht vorüberginge, ohne die Blumen zu bemerken. Alles war im Garten des Kaisers auf das scharfsinnigste ausgedacht, und er erstreckte sich so weit, daß selbst der Gärtner dessen Ende nicht kannte. Schritt man rüstig weiter, so gelangte man in den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald stieß an das Meer, das blau und tief war. Große Schiffe konnten unter den überhängenden Zweigen hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, die so schmelzend sang, daß selbst der arme Fischer, der vollauf von seiner Arbeit in Anspruch genommen war, still lag und lauschte, wenn er nachts ausgefahren war, sein Netz aufzuziehen, und dann die Nachtigall hörte. "Mein Gott, wie ist das schön!" sagte er, dann aber mußte er seinem Gewerbe nachgehen und vergaß den Vogel. Doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, wiederholte er: "Mein Gott, wie ist das doch schön!"
Von allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten sie, das Schloß und den Garten; vernahmen sie aber die Nachtigall, dann sagten sie alle: "Das ist doch das Allerbeste!"
Die Reisenden erzählten davon nach ihrer Heimkehr, und die Gelehrten schrieben Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten; aber die Nachtigall vergaßen sie nicht; der wurde das Hauptkapitel gewidmet; und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Wald bei dem tiefen See.
Die Bücher wurden in alle Sprachen übersetzt, und einige gerieten dann auch einmal dem Kaiser in die Hände. Er saß in seinem goldenen Stuhl, las und las und nickte jeden AugenbHck mit dem Kopf, denn es freute ihn, diese prächtigen Beschreibungen von der Stadt, dem Schloß und dem Garten zu vernehmen.
"Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!" stand da geschrieben!
"Was soll das heißen?" sagte der Kaiser. "Die Nachtigall? Die kenne ich ja gar nicht. Gibt es einen solchen Vogel in meinem Kaiserreich und sogar in meinem eigenen Garten? Davon habe ich nie gehört! So etwas muß man erst aus den Büchern erfahren!"
Darauf rief er seinen Kavalier, der so vornehm war, daß er, wenn ihn ein Geringerer anzureden begann oder um etwas zu fragen wagte, nichts als "P!" antwortete, und "P!" hat doch nichts zu bedeuten.
"Hier soll sich ja ein höchst merkwürdiger Vogel aufhalten, der Nachtigall genannt wird!" redete ihn der Kaiser an. "Man sagt, daß er das Allerbeste in meinem großen Reich ist! Weshalb hat man mir nie etwas von ihm gesagt?"
"Ich habe ihn nie vorher nennen hören!" sagte der Kavalier. "Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!"
"Ich will, daß er heute abend herkommt und vor mir singt!" fuhr der Kaiser fort. "Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!"
"Ich habe ihn nie vorher nennen hören", entgegnete der Kavalier, "aber ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!"
Aber wo war er zu finden? Der Kavalier Hef treppauf und treppab, durch Säle und Gänge, keiner von allen, die er traf, hatte von der Nachtigall je reden hören, und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und behauptete, es müßte gewiß eine Fabel der Buchschreiber sein.
"Eure Kaiserliche Majestät können sich gar nicht vorstellen, was alles geschrieben wird. Das sind Erdichtungen, die zur sogenannten Schwarzen Kunst gehören!"
"Aber das Buch, in dem ich es gelesen habe", versetzte der Kaiser, "ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan geschickt worden, und folglich kann es keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören! Sie soll heute abend hier sein! Sie steht in meiner allerhöchsten Gnade! Und kommt sie nicht, so lasse ich dem ganzen Hof, wenn er Abendbrot gegessen hat, auf den Bauch treten!"
"Tsing-Pe!" sagte der Kavalier und lief wieder treppauf und treppab, durch alle Säle und Gänge. Der halbe Hof Uef mit, denn sie wollten sich nicht gern auf den Bauch treten lassen. Da war ein Fragen nach der merkwürdigen Nachtigall, die alle Welt kannte, nur niemand bei Hofe.
Endlich trafen sie ein kleines, armes Küchenmädchen. Sie sagte: "O Gott, die Nachtigall! Die kenne ich gut! Ja, wie kann die singen! Jeden Abend darf ich meiner armen kranken Mutter einige Speisereste bringen. Sie wohnt unten am Meeresufer, und wenn ich zurückkehre, müde bin und im Wald ruhe, dann höre ich die Nachtigall singen. Die Tränen treten mir dabei in die Augen, es kommt mir geradeso vor, als ob mich meine Mutter küßte!"
"Kleines Küchenmädchen!" sagte der Kavalier. "Ich will Ihr eine feste Anstellung in der Küche und die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, verschaffen, falls Sie uns zur Nachtigall führen kann, denn sie ist heute abend zum Gesang befohlen!"
Darauf zogen sie alle nach dem Wald hinaus, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie im besten Marsch waren, fing eine Kuh zu brüllen an.
"Oh", sagte ein Hofjunker, "nun haben wir sie! Es steckt doch wirklich eine ganz außerordentliche Kraft in einem so kleinen Tierchen. Ich habe sie sicher schon früher einmal gehört!"
"Nein, das sind Kühe, welche brüllen!" sagte das kleine Küchenmädchen. "Wir sind noch weit von der Stelle entfernt!"
Jetzt quakten Frösche im Sumpf.
"Herrlich!" sagte der chinesische Schloßprediger. "Nun höre ich sie; es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken!"
"Nein, das sind die Frösche!" versetzte das kleine Küchenmädchen. "Aber nun werden wir sie, denke ich, bald hören!"
Da begann die Nachtigall zu schlagen.
"Da ist sie!" rief das kleine Mädchen. "Hört, hört, und dort sitzt sie!" Und dabei zeigte sie auf einen kleinen grauen Vogel oben in den Zweigen.
"Ist es möglich!" sagte der Kavalier. "So hätte ich sie mir nimmer vorgestellt! Wie einfach sie aussieht! Sie ist sicher erbleicht, weil sie so viele vornehme Leute um sich sieht!"
"Kleine Nachtigall!" rief das kleine Küchenmädchen ganz laut. "Unser allergnädigster Kaiser wünscht, daß du vor ihm singst!"
"Mit größtem Vergnügen!" erwiderte die Nachtigall und sang dann, daß es eine wahre Lust war.
"Es klingt gerade wie Glasglocken!" sagte der Kavalier. "Und seht nur die kleine Kehle, wie die sich anstrengt! Es ist merkwürdig, daß wir sie früher nie gehört haben! Sie wird großen Erfolg bei Hof haben!"
"Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?" fragte die Nachtigall, welche glaubte, daß der Kaiser zugegen wäre.
"Meine vortreffliche, liebe Nachtigall!" sagte der KavaHer. "Ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffest heute abend zu befehlen, wo Sie Seine Kaiserliche Gnaden mit Ihrem reizenden Gesang bezaubern sollen!"
"Es nimmt sich im Grünen am besten aus!" entgegnete die Nachtigall, aber sie ging doch mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte.
Im Schloß war alles im festUchen Staat. Wände und Fußboden, die von Porzellan waren, erglänzten im Schein vieler tausend goldener Lampen. Die schönsten Blumen, die recht laut klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt. Da war ein Laufen und machte sich ein gewaltiger Zugwind fühlbar, und alle Glocken klingelten, so daß man sein eigenes Wort nicht verstand.
Mitten in dem Saale, in dem der Kaiser saß, war eine kleine goldene Säule aufgestellt, auf welcher die Nachtigall sitzen sollte. Der ganze Hof war dort versammelt, und das kleine Küchenmädchen hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu stehen, da ihr nun der Titel einer wirklichen Hofköchin beigelegt war. Alle hatten ihre Festgewänder angelegt, und alle sahen den kleinen grauen Vogel an, dem der Kaiser zunickte.
Die Nachtigall sang so lieblich, daß dem Kaiser Tränen in die Augen traten; die Tränen liefen ihm über die Wangen hinab, und nun sang die Nachtigall noch schöner, daß es recht zu Herzen ging. Der Kaiser war so froh und zufrieden, daß er zu bestimmen geruhte, die Nachtigall sollte einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen. Die Nachtigall aber dankte, sie hätte schon eine hinreichende Belohnung erhalten.
"Ich habe Tränen in den Augen des Kaisers gesehen, das ist mir der reichste Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine wunderbare Macht! Gott weiß, ich bin belohnt genug!" Dann sang sie wieder mit ihrer süßen, bezaubernden Stimme.
"Das ist die liebenswürdigste Art, sich Gunst zu erwerben!" sagten die Damen ringsherum, und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu schluchzen, wenn jemand mit ihnen spräche. Sie hielten sich dann ebenfalls für Nachtigallen. Ja selbst die Diener und Kammermädchen ließen ihre höchste Zufriedenheit melden, und das will viel sagen, denn gerade sie erheben die größten Ansprüche. Ja, die Nachtigall hatte wirklich Erfolg.
Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben und die Freiheit genießen, zweimal des Tages und einmal des Nachts sich im Freien zu ergehen. Zwölf Diener mußten sie begleiten, die sie alle an einem um das eine Bein geschlungenen Band festhielten. Es war gerade kein Vergnügen bei dergleichen Ausgängen.
Die ganze Stadt sprach nur von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich zwei, so seufzten sie und stellten sich so verzückt, als ob es mit ihnen nicht ganz richtig wäre. Ja, elf Kinder wurden nach ihr benannt, obwohl ihre Stimmen keine große Anlage zur Gesangskunst verrieten.
Eines Tages wurde dem Kaiser eine große Schachtel überreicht, auf der geschrieben stand: "Nachtigall!"
"Da haben wir nun ein neues Buch über unseren berühmten Vogel!" sagte der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein kleines Kunstwerk, das in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebendigen ähneln sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eins der Stücke singen, welche die wirkliche Nachtigall sang, und dabei bewegte er den Schwanz auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing ihm ein Bändchen, auf dem geschrieben stand: "Die Nachtigall des Kaisers von Japan ist arm gegen die des Kaisers von China!"
"Das ist herrlich!" sagten sie sämtHch, und derjenige, der den künstlichen Vogel überbracht hatte, erhielt sofort den Titel eines kaiserHchen Oberhofnachtigallenüberbringers.
"Nun müssen sie zusammen singen! Was wird das für ein Duett werden!"
So mußten sie denn zusammen singen, aber es wollte nicht recht gehen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Art, und der Kunstvogel sang auf Walzen. "Der trägt nicht die Schuld!" sagte der Spielmeister. "Der ist besonders taktfest und ganz aus meiner Schule!" Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er hatte ebenso großen Erfolg wie der wirkliche, und dann bot er auch einen viel niedlicheren Anblick dar; er funkelte wie Armbänder und Brustnadeln.
Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und wurde doch nicht müde. Die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, doch meinte der Kaiser, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas vortragen sollte - aber wo war diese? Niemand hatte bemerkt, daß sie zum offenen Fenster hinausgeflogen war, fort zu ihren grünen Wäldern.
"Aber was ist denn das?" rief der Kaiser, und alle Hofleute schalten und meinten, die Nachtigall wäre ein höchst undankbares Tier. "Den besten Vogel haben wir doch!" trösteten sie sich, und so mußte der Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigste Mal, daß ihnen dasselbe Stück vorgesungen wurde; aber sie kannten es immer noch nicht vollkommen, denn es war gar schwer. Der Spielmeister lobte den Vogel über alle Maßen, ja, er versicherte, er wäre besser als die wirkliche Nachtigall, nicht nur was die Kleider und die vielen strahlenden Diamanten anlangte, sondern auch in Hinsicht des Inwendigen.
"Denn sehen Sie, meine Herrschaften, und vor allem Eure Kaiserliche Gnaden, bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt. So wird es und nicht anders. Man kann Rechenschaft darüber ablegen; man kann ihn öffnen, kann die menschHche Berechnung nachweisen, zeigen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen und wie sich eins aus dem anderen ergibt..."
"Das sind ganz meine Gedanken!" behaupteten alle, und der Spielmeister erhielt Erlaubnis, den Vogel am nächsten Sonntag dem Volke vorzuweisen. "Sie sollen ihn auch singen hören!" sagte der Kaiser, und sie hörten ihn und wurden so aufgeräumt, als hätten sie sich am Tee berauscht, denn das ist echt chinesisch. Und alle riefen: "Oh!" und hielten nach ihrer Sitte einen Finger in die Höhe und nickten dabei. Aber die armen Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, meinten: "Das klingt wohl ganz hübsch, es läßt sich auch eine Ähnlichkeit der Melodie nicht ableugnen, aber es fehlt etwas - etwas... Ich weiß es nur nicht recht auszudrücken!"
Die wirkliche Nachtigall ward aus Land und Reich verwiesen.
Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen, unmittelbar neben dem Bett des Kaisers. Alle Geschenke, die er erhalten hatte, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er bereits bis zum "Hochkaiserhchen Nachttischsänger" mit dem Rang eines Rates erster Klasse zur linken Seite aufgestiegen. Der Kaiser hielt nämlich die Seite für die vornehmste, auf welcher das Herz säße, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser auf der linken. Der Spielmeister aber schrieb fünfundzwanzig dicke Bände über den Kunstvogel. Es war dies Werk so gelehrt und so lane, wimmelte so sehr von den allerschwersten chinesischen Wörtern, daß alle Leute behaupteten, sie hätten es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und auf den Bauch getreten worden.
So ging es ein ganzes Jahr: Der Kaiser, der Hof und alle anderen Chinesen kannten jeden Laut in dem Gesang des Kunstvogels auswendig, aber gerade deshalb hielten sie die größten Stücke auf ihn. Sie konnten selbst mitsingen und taten es. Die Gassenbuben sangen: "Zizizi! Kluckkluckkluck!" und der Kaiser sang es. Oh, es war himmHsch!
Aber eines Abends, als der Kunstvogel gerade am besten sang und der Kaiser im Bett lag und zuhörte, ging es inwendig im Vogel: "Schwupp!" Da sprang etwas: "Schnurrrrr!" Alle Räder Hefen herum, und dann schwieg die Musik.
Der Kaiser sprang sogleich aus dem Bett und ließ seinen Leibarzt holen, aber was konnte der helfen? Dann schickte man nach dem Uhrmacher, und nach vielem Fragen und vielem Untersuchen setzte er den Vogel wenigstens einigermaßen wieder instand, erklärte aber, er müßte sehr geschont werden, denn die Zapfen wären abgenutzt und es wäre unmöghch, neue dergestalt einzusetzen, daß die Musik sicher ginge. Da war nun große Trauer! Jährlich durfte man den Kunstvogel nur einmal singen lassen, und schon das war ein großes Wagnis. Dann aber hielt der Spielmeister eine kleine Rede und versicherte, daß alles noch so gut wäre wie früher, und dann war es so gut wie früher.
Nun waren fünf Jahre verstrichen, als das ganze Land plötzlich eine wirkliche Ursache zu großer Trauer bekam. Im Grunde hielten alle viel von ihrem Kaiser, und nun war er krank und konnte, wie man sagte, nicht länger leben. Ein neuer Kaiser war schon im voraus gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Kavalier, wie es mit ihrem Herrn stände.
"P!" sagte er und schüttelte den Kopf.
Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen prächtigen Bett; der ganze Hof hielt ihn für tot, und jeder lief, dem neuen Kaiser seine Aufwartung zu machen; die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu plaudern, und die Schloßmäede hielten große Kaffeegesellschaft. Ringsumher in allen Sälen und Gängen waren Tuchdecken gelegt, damit man keinen Tritt vernähme, und deshalb war es überall so still, so still. Aber der Kaiser war noch nicht tot. Steif und bleich lag er in dem prächtigen Bett mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten. Hoch oben stand ein Fenster offen, und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.
Der arme Kaiser konnte kaum noch atmen; es war ihm, als ob etwas auf seiner Brust läge. Er schlug die Augen auf, und da sah er, daß es der Tod war, der auf seiner Brust saß. Er hatte sich seine goldene Krone aufgesetzt und hielt in der einen Hand den goldenen Säbel des Kaisers und in der anderen dessen prächtige Fahne. Aus den Falten der großen Samtvorhänge schauten ringsumher seltsame Köpfe hervor, einige sehr häßlich, andere Frieden verheißend und mild. Es waren alle bösen und guten Taten des Kaisers, die ihn jetzt, da der Tod auf seinem Herzen saß, anblickten.
"Erinnerst du dich dessen?" flüsterte eine nach der anderen. "Erinnerst du dich dessen?" Und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß von der Stirn lief.
"Das habe ich nie gewußt!" seufzte der Kaiser. "Musik, Musik, die große chinesische Trommel", rief er, "damit ich nicht das alles höre, was sie sagen!"
Aber sie verstummten nicht, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde.
"Musik, Musik!" schrie der Kaiser. "Du kleiner Heblicher Goldvogel, singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben; ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!"
Aber der Vogel schwieg, es war niemand da, ihn aufzuziehen, und so sang er nicht. Aber der Tod fuhr fort, ihn mit seinen großen leeren Augenhöhlen anzuschauen, und es war so still, so schrecklich still.
Da ertönte plötzUch, dicht neben dem Fenster, herrlicher Gesang. Er rührte von der kleinen, lebenden Nachtigall her, die draußen auf einem Zweig saß. Sie hatte von ihres Kaisers Not gehört und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung zuzusin- gen. Und wie sie sang, erbleichten die Spukgestalten mehr und mehr, immer rascher pulsierte das Blut in des Kaisers schwachem Körper, und selbst der Tod lauschte und sagte: "Fahre fort, kleine Nachtigall, fahre fort!"
"Ja, wenn du mir den prächtigen goldenen Säbel geben willst; wenn du mir die reiche Fahne und des Kaisers Krone geben willst!"
Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang hin, und die Nachtigall war unermüdlich in ihrem Gesang. Sie sang von dem stillen Friedhof, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Tränen der Überlebenden benetzt wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel zum Fenster hinaus.
"Dank, Dank", sagte der Kaiser, "du himmlischer kleiner Vogel, ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Land und Reich verwiesen, und doch hast du die bösen Geister von meinem Bett hinweggesungen, den Tod von meinem Herzen vertrieben! Wie soll ich dir lohnen?"
"Du hast mir gelohnt!" sagte die Nachtigall. "Tränen haben deine Augen vergossen, als ich das erste Mal sang; das vergesse ich dir nie, das sind die Juwelen, die eines Sängers Herzen wohltun. Aber schlafe nun, werde frisch und gesund! Ich will dich einsingen."
Sie sang - und der Kaiser fiel in einen süßen Schlaf; sanft und wohltuend war der Schlaf!
Die Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf ihn, als er gestärkt und gesund erwachte. Noch war keiner von seinen Dienern zurückgekommen, denn sie hielten ihn für tot, aber die Nachtigall saß noch da und sang.
"Immer mußt du bei mir bleiben!" sagte der Kaiser. "Du sollst nur singen, wenn du willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke!"
"Tue es nicht!" sagte die Nachtigall. "Das Gute, was er vermochte, hat er ja getan; behalte ihn nach wie vor! Ich kann in einem Schloß nicht wohnen, aber laß mich kommen, wenn mich selbst die Lust dazu treibt! Dann will ich des Abends dort auf dem Zweig bei dem Fenster sitzen und dir vorsingen, damit du froh, aber auch zugleich nachdenkHch wirst. Ich will singen von den Glücklichen und von denen, die leiden; ich will singen vom Bösen und Guten, was dir verhehlt wird. Der kleine Singvogel fliegt weit umher zu dem armen Fischer, zu des Landmannes Dach, zu jedem, der fern von dir und deinem Hof ist. Dein Herz liebe ich mehr als deine Krone, und doch hat die Krone etwas von dem Duft des HeiHgen an sich. - Ich komme, ich singe dir vor! Aber eins mußt du mir versprechen!"
"Alles!" sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen. Tracht, die er sich selbst angelegt hatte, und legte den Säbel, der von Gold schwer war, gegen sein Herz.
"Um eins bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!"
Darauf flog die Nachtigall fort.
Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; ja, da standen sie - und der Kaiser sagte: "Guten Morgen!"
Der Däne Holger Es ragt in Dänemark ein altes Schloß, Kronburg mit Namen, das unmittelbar am Sund liegt, wo die großen Schiffe Tag für Tag hundertweise vorübersegeln, englische sowohl wie russische und preußische. Sie begrüßen das alte Schloß mit Kanonen: "Bum!", und das alte Schloß antwortet wieder mit Kanonen: "Bum!" Denn das ist die Sprache der Kanonen, mit denen sie "Guten Tag" und "Schönen Dank" sagen. - Im Winter segeln da keine Schiffe; alsdann ist der ganze Sund bis zur schwedischen Küste hinüber mit Eis bedeckt. Eine richtige Landstraße führt hinüber, auf der die dänische und die schwedische Flagge weht und die Brudervölker Dänemarks und Schwedens einander begrüßen, nicht mit Kanonen, nein, mit freundschaftlichem Handschlag, und gegenseitig holen sie Weißbrot und Brezeln voneinander, denn fremde Kost schmeckt am besten. Aber das Prächtigste und das Anziehendste ist doch das alte Kronburg, unter dem im tiefen, finsteren Keller, zu dem niemand Eintritt erhält, der Däne Holger sitzt. Er ist in Eisen und Stahl gekleidet und stützt sein Haupt auf die starken Arme; sein langer Bart hängt über den Marmortisch hinaus, durch den er gewachsen ist. Er schläft und träumt, aber im Traum sieht er alles, was sich oben in Dänemark ereignet. Jeden Weihnachtsabend kommt ein Engel Gottes und sagt ihm, daß seine Träume auf Wirklichkeit beruhen und daß er ruhig weiterschlafen könne, weil sich Dänemark noch in keiner bedeutenden Gefahr befinde. Aber gerät es in eine solche, ja, dann wird sich der alte Däne Holger erheben, daß der Tisch birst, sobald er seinen Bart loslöst. Alsdann tritt er wieder an das Licht hervor und schlägt auf die Feinde los, daß das Waffengetöse sich in allen Ländern vernehmen läßt.
Alles dies über den Dänen Holger erzählte einst ein alter Großvater seinem kleinen Enkel, und der Kleine wußte, was der Großvater erzählte, war die reine Wahrheit. Während er so dasaß und erzählte, schnitzte er an einem großen Holzbild. Es sollte den Dänen Holger vorstellen und war bestimmt, den Schnabel eines Schiffes zu zieren, denn der alte Großvater war seines Zeichens ein Bildschnitzer, und das ist ein solcher Mann, der die Gahonsfiguren schnitzt, nach denen jedes Schiff benannt wird. Hier hatte er nun den Dänen Holger geschnitzt, der gerade und stolz dastand und in der einen Hand das breite Schlachtschwert hielt, während sich die andere auf das dänische Wappen stützte.
Der alte Großvater erzählte so viel von berühmten dänischen Männern und Frauen, daß der kleine Enkel sich schließlich einbildete, er wüßte nun ebenso viel, wie der Däne Holger wissen könnte, der ja doch nur davon träumte. Als der Kleine zu Bett gebracht war, dachte er so viel daran, daß er ordentlich sein Kinn in die Bettdecke vergrub und es ihm vorkam, als hätte er einen langen Bart, der daran festgewachsen wäre.
Der cx\tp Ornßviitpr KlieK indp": norh Kpi Qpinpr ArKpit "iitrpn nnrl schnitzte an deren letztem Teil, dem dänischen Wappen. Als sie beendet war, überschaute er das ganze Werk und dachte an alles, was er gelesen und gehört und was er heute abend dem kleinen Knaben erzählt hatte. Er nickte, wischte seine Brille ab, setzte sie wieder auf und sagte: "In meiner Zeit kommt der Däne Holger wohl nicht wieder; aber der Knabe dort im Bett kann ihn vielleicht zu sehen bekommen und mit dabeisein, wenn es in Wahrheit gilt." Der alte Großvater nickte abermals, und je länger er seinen Dänen Holger anschaute, desto klarer wurde es ihm, daß er ein gutes Bild vollendet hatte. Es war ihm fast, als ob ein Lebenshauch es durchströmte, als ob es Farbe bekäme und der Harnisch wie Stahl und Eisen erglänzte. Die Herzen im dänischen Wappen wurden sichtlich röter und röter, und die Löwen mit den goldenen Kronen machten sich zum Sprung bereit.
"Das ist doch das schönste aller Wappen in der Welt!" sagte der Alte. "Die Löwen bedeuten die Stärke, und die Herzen Milde und Liebe!" Er betrachtete den obersten Löwen und gedachte dabei des Königs Knut, der das große England an Dänemarks Thron kettete; und er blickte den zweiten Löwen an und gedachte Waldemars, der Dänemark einte und die wendischen Lande bezwang. Er sah den dritten Löwen an und weilte mit seiner Erinnerung bei Margarete, welche die skandinavischen Reiche unter einem Zepter vereinigte. Während er jedoch die roten Herzen betrachtete, leuchteten sie noch glänzender als zuvor; sie verwandelten sich in Flammen, die sich bewegten, und im Geist folgte er jeder von ihnen.
Die erste Flamme versetzte ihn in ein enges, finsteres Gefängnis. Darin saß eine Gefangene, ein herrliches Weib, Christians des Vierten Tochter: Eleonore Ulfeldt; und die Flamme setzte sich ihr wie eine Rose auf den Busen und vermählte sich mit ihrem Herzen zu einer einzigen Liebesglut, mit dem Herzen der edelsten und besten aller dänischen Frauen.
"Oh, welch ein Herz in Dänemarks Wappen!" sagte der alte Großvater.
Und sein Geist folgte der zweiten Flamme, die ihn hinaus auf das Meer führte, wo die Kanonen donnerten, wo die Schiffe in Pulverdampf eingehüllt lagen; und die Flamme heftete sich als Ordensband auf Hvitfeldts Brust, als er sich und sein Schiff zur Rettung der Flotte in die Luft sprengte.
Die dritte Flamme versetzte ihn nach Grönlands traurigen Hütten, wo der Missionar Hans Egede mit Liebe in Worten und Werken wirkte; die Flamme war ein Stern auf seiner Brust, ein Herz zum dänischen Wappen.
Und des alten Großvaters Erinnerung eilte der schwebenden Flamme voran, denn er wußte, nach welchem Ziel die Flamme strebte. In der ärmlichen Stube der Bäuerin stand Friedrich der Sechste und schrieb seinen Namen mit Kreide an den Balken. Die Flamme bebte auf seiner Brust, bebte in seinem Herzen; in dieser Bauernstube wurde sein Herz ein Herz in Dänemarks Wappen. Der alte Großvater trocknete seine Augen, denn er hatte König Friedrich mit dem silberweißen Haar und den ehrlichen blauen Augen gekannt und für ihn gelebt, und er faltete seine Hände und sah still vor sich hin. Da trat des alten Großvaters Schwiegertochter an ihn heran und erinnerte ihn, daß es schon spät wäre; er möchte Feierabend machen und an dem gedeckten Abendtisch Platz nehmen.
"Aber schön ist doch das Werk, das du vollendet hast, Großvater!" sagte sie. "Der dänische Holger und unser ganzes altes Wappen! - Mir ist, als hätte ich dies Gesicht schon einmal gesehen!"
"Nein, das hast du wohl nicht gesehen!" erwiderte der alte Großvater. "Aber ich habe es gesehen und mich bestrebt, es so in Holz zu schnitzen, wie es mir in der Erinnerung noch vor der Seele schwebt. Damals war es, als die Engländer auf der Reede lagen, an dem in den dänischen Annalen berühmten zweiten April, wo wir zeigten, daß wir noch die alten Dänen waren. Auf der Fregatte >Dänemark<, auf der ich in Steen Billes Flottenabteilung diente, kämpfte ein Mann mir zur Seite. Es war, als wichen ihm die Kugeln ängstlich aus! Lustig sang er alte Melodien und schoß und kämpfte, als wäre er mehr als ein Mensch. Ich erinnere mich noch deutHch seines Gesichtes, aber woher er kam, wohin er eine, weiß ich nicht, weiß niemand. Ich habe oft gedacht, das müßte am Ende der alte dänische Holger selbst gewesen sein, der von Kronburg heruntergeschwommen war, um uns in der Stunde der Gefahr zu helfen. Das war so mein Gedanke, und dort steht sein Bild."
Dieses warf einen langen Schatten die Wand hinauf, der sich teilweise sogar noch über die Decke erstreckte. Es sah aus, als ob er von dem leibhaftigen dänischen Holger herrührte, denn der Schatten bewegte sich, eine Erscheinung, die aber auch von dem unregelmäßigen Hin- und Herflackern der Lichtflamme hervorgerufen sein konnte, und die Schwiegertochter küßte den alten Großvater und führte ihn nach dem großen Lehnstuhl vor dem Tisch, und sie und ihr Mann, der ja des alten Großvaters Sohn und der Vater des kleinen Knaben war, der im Bett lag, saßen und verzehrten ihr Abendbrot. Der alte Großvater erzählte von den dänischen Löwen und den dänischen Herzen, von der Stärke und der Milde und erklärte auf die anschauHchste Weise, daß es doch eine andere Stärke außer der, die im Schwert Hege, gebe. Darauf deutete er auf das Bücherbrett hin, auf dem alte Bücher lagen, auf dem Holbergs sämtHche Lustspiele lagen, die er ihrer ErgötzHchkeit halber so oft gelesen hatte, daß er vermeinte, darin aüe Personen seiner alten Tage wiederzuerkennen.
"Seht, der hat auch dreinzuschlagen verstanden!" sagte der alte Großvater. "Er hat auf aUe Torheiten und Roheiten des Volkes, solange es ihm vergönnt war, losgeschlagen." Und der alte Großvater nickte nach dem Spiegel hin, auf dessen Untersatz der Kalender mit dem "runden Turm", der Sternwarte, als Titelvignette stand, und sagte: "Tycho Brahe, er war auch einer, welcher das Schwert zu brauchen verstand, nicht um in Fleisch und Bein zu hauen, sondern um einen deutlicheren Weg zwischen die Sterne des Firmaments hineinzuhauen! Und dann er vor allen, dessen Vater mein Standesgenosse war, des alten Bildschnitzers Sohn, er, den wir selbst mit dem weißen Haar und den breiten Schultern gesehen haben, er, dessen Name in aller Welt Landen widertönt! Ja, er kann hauen, ich kann nur schnitzen! O wohl, der dänische Holger kann in vielen Gestalten erscheinen, so daß das Lob der däni- sehen Kraft und Stärke auf dem ganzen Erdenrund vernommen wird! Laßt uns ein Glas zum Gedächtnis Bertel Thorwaldsens trinken!"
Aber der kleine Knabe im Bett sah deutUch das alte Kronburg am Sund, den leibhaftigen dänischen Holger, wie er tief unten mit im Marmortisch eingewachsenem Bart dasaß und von allem, was hier oben geschieht, träumte. Holger aber träumte auch von der kleinen ärmlichen Stube, in welcher der Bildschnitzer saß. Er hörte alles, was dort erzählt wurde, er nickte im Traum und sagte: "Ja, ihr Dänen, erinnert euch meiner nur, behaltet mich im Andenken! Ich komme in der Stunde der Not!"
Draußen vor Kronburg schien der helle, lichte Tag, und der Wind trug die Töne des Waldhorns vom Nachbarland herüber, die Schiffe segelten vorüber und grüßten: "Bum! Bum!", und von Kronburg antwortete es: "Bum! Bum!" Aber so stark sie auch schössen, der dänische Holger erwachte doch nicht, denn es war ja nur: "Guten Tag!" - "Besten Dank!" Um ihn zu erwecken, muß anders geschossen werden; aber er erwacht sicher einmal, denn in dem dänischen Holger ist Mark.
Feder und Tintenfaß In dem Zimmer eines Dichters wurde einst, während man sein Tintenfaß besah, die Äußerung getan: "Es ist merkwürdig, was doch alles aus diesem Tintenfaß hervorgehen kann! Was mag jetzt wohl das Nächste sein? Ja, es ist merkwürdig!" - "Das ist es", sagte das Tintenfaß. "Es ist unbegreiflich! Das ist es, was ich immer behaupte!" sagte es stolz zu der Schreibfeder und zu den anderen Gegenständen auf dem Tisch, die es hören konnten. "Es ist wirklich merkwürdig, was doch alles aus mir hervorgehen kann, ja, es ist fast unglaublich! Ich weiß in der Tat selbst nicht, was das Nächste werden wird, wenn der Mensch erst wieder anfängt, aus mir zu schöpfen. Ein Tropfen von mir ist hinreichend zu einer halben Seite Papier, und was kann nicht auf ihr stehen! Ich bin etwas ganz Merkwürdiges! Von mir allein gehen alle Werke des Dichters aus! Diese Charakterisierungen des einzelnen Menschen, wie er leibt und lebt, so daß die Leute ihn zu erkennen glauben, diese innigen Gefühle, diese gute Laune, diese reizenden Schilderungen der Natur. Ich begreife es selbst nicht, denn ich kenne die Natur gar nicht; aber es lebt nun einmal in mir. Aus mir ging hervor und geht immer noch hervor diese Heerschar schwebender, anmutiger Mädchen, kecker Ritter auf schnaubenden Rossen, fröhlicher und gesunder Naturburschen! Ja, ich weiß es selbst nicht und denke dabei gar nicht."
"Darin haben Sie vollständig recht!" sagte die Schreibfeder. "Sie denken durchaus nicht, denn dächten Sie, so würden Sie begreifen, daß Sie nur Flüssigkeit hergeben! Sie geben Feuchtigkeit, damit ich aussprechen und auf dem Papier sichtbar machen kann, was ich in mir habe; das schreibe ich nieder. Die Feder ist es, welche schreibt; daran zweifelt kein Mensch, und die meisten Menschen haben, was die Dichtkunst anlangt, doch ebensoviel Einsicht wie ein altes Tintenfaß."
"Sie haben nur wenig Erfahrung!" versetzte das Tintenfaß. "Sie stehen ja kaum eine Woche im Dienst und sind schon halb abgenutzt. Bilden Sie sich etwa ein, daß Sie die Dichterin sind? Sie sind nur die Magd, und viele Ihrer Gattung habe ich schon gehabt, ehe Sie kamen, und zwar ebenso von der Gänsefamihe wie aus der englischen Fabrik. Ich verstehe mich auf Gänsekiele wie auf Stahlfedern. Ich habe schon viele in Diensten gehabt und werde noch viele bekommen, wenn er, der Mensch, der für mich die Bewegungen macht, kommt und niederschreibt, was er aus meinem Innern schöpft. Ich möchte jetzt nur wissen, was er zuerst aus mir hervorholen wird."
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