Leseprobe zu "Lili Marleen" von Liel Leibovitz; Matthew Miller
Dreißig Jahre ist es nun schon her ... Ich bin 1979 auf Promotionstour in New York und kann von meinem Hotel aus hoch oben am Central Park mit eigenen Augen sehen, wie die Leute für Rainer Werner Fassbinders Film Die Ehe der Maria Braun um den Block herum bis zum Kino Schlange stehen. Diese heiße Nachricht spricht sich bis nach Deutschland herum: Und schon klingelt noch in New York das Telefon, und der Produzent Luggi Waldleitner, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte, verkündet mir in bayrischem Hochdeutsch, er habe schon die nächste Bombenrolle für mich: Lili Marleen. Drehbuch und Regisseur gebe es bereits.
Aber ich will es eben nur mit dem Fassbinder machen. Er ist zwar der "Schlimme" vom ganz anderen Ufer der Kultur. Aber man rauft sich zusammen, wenn auch mit schiefem Grinsen, zu einem Flirt von "Rechts" mit "Links" und "Links" mit "Rechts" ... wie "einst Lili Marleen".
Da wiederholt sich eine Generation weiter im Kleinen noch einmal das zweideutige Szenario, dem dieses magisch zweideutige Lied zu seiner Zeit entspringt, das Soldatenlied, das auf verkappte Weise gegen den Krieg ansingt, die "Schnulze mit dem Todesgeruch", wie Goebbels sie nennt, das grenzüberschreitende Sehnsuchtslied der Uniformierten an allen Fronten, geschrieben vom Humanisten Hans Leip, der sich dem Eintritt in die NSDAP verweigert, und vertont vom Mitläufer Norbert Schultze, der als Nazifilmkomponist ein wenig später schon musikalisch "Bomben auf Engelland" wirft .
Aber so genau kannten wir diese Einzelheiten erst mal nicht, wir, "die danach", und schon haben wir "ja" gesagt. So kommt es also zu der sehr durchmischten Auftragsproduktion zwischen uns, den jungen rebellischen Nachgeborenen, aufgewachsen mit einer Allergie gegen das beschmutzte Nest, und unseren gar nicht mehr so jungen Auftraggebern, eiserne Konservative, gerade noch Zeitzeugen des Dritten Reichs, die sicherlich nicht alles, was "damals" war, so "ganz" schlecht finden konnten.
Wie immer entgegen dem Strom der Erwartung macht Fassbinder einen sehr "bunten" Film über die braune Zeit, einen Film, der die Kitschsprache der Propaganda-Lüge aufgreift, hinter der sich das Unheil versteckt, während die Menge "Heil! Heil!" schreit.
Lili Marleen wird in der Reihe der etwa zwanzig Filme, die ich mit Fassbinder drehe, unser letzter werden. Es ist vielleicht nicht sein schönster Film, aber es wird sein größter Publikumserfolg, und er geht um die ganze Welt, wie das legendäre Lied, das inzwischen in zahllose Sprachen übersetzt wurde. Manche sprechen von achtundvierzig, andere von achtzig. So ist das mit Legenden.
Dieses Lied hat es wohl "in sich" gehabt, auch wenn es seine Magie nicht gleich entfaltet. Die Platte kommt im Jahr 1938 zunächst überhaupt nicht an. Sie landet in der Mottenkiste. Alles zu seiner Zeit!
Beim zweiten Anlauf wird das Lied dann zum legendären Überflieger, als es (wegen Plattennotstands wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt) gegen Kriegsende jeden Abend vor den Spätnachrichten vom Soldatensender Radio Belgrad ausgestrahlt wird.
Und was hat dieses Lied eigentlich "in sich"? Jedenfalls hat es die Kraft, jeden Abend um drei vor zehn, wenigstens während jener drei Minuten seiner Dauer, die Waffen zum Schweigen zu bringen. Denn, man höre und staune, es lauschen die Soldaten auf beiden Seiten der Front.
Ist es die Kraft der "verbotenen" Wahrheit, die sich in ihm auf versteckte Weise ausspricht? In einer Zeit, in der die Propaganda immer noch die Lüge vom Endsieg verbreitet, da hebt sich "aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund ein verliebter Mund", der sagt es, ohne es wortwörtlich zu sagen: Genieße den Augenblick, genieße die Liebe, das Ende naht ...
Wäre da nicht das Geheimnis um die mythische Wirkung dieses unbedarften Liedchens gewesen, so hätte ich ja viel lieber die Version einer Lucie Mannheim gesungen, die, Publikumsliebling zwar, aber eben Jüdin, gerade noch rechtzeitig die Kurve nach London kriegt, und von dort aus schmettert sie mit Berliner Schnauze aus der BBC auf dieselbe Melodie:
"Der Führer ist ein Schinder, das sehn wir hier genau, zu Waisen macht er Kinder, zur Witwe jede Frau."
Als ich davon höre, bekomme ich noch nachträglich Gänsehaut. Aber die Frau, um die es in Fassbinders Lili Marleen geht, sie heißt ursprünglich Liese-Lotte Bunnenberg, alias Lale Andersen, und sie macht mit diesem Lied nicht nur Karriere, sie macht Karriere unterm Hakenkreuz, auch wenn ihr Herz heimlich dem Juden Liebermann gehört. Und die ganze verdrängte Liebesenergie eines unauslebbaren Verhältnisses presst sie in dieses Lied.
"Vielleicht kommt es daher, dass es so zu Herzen geht", sage ich zu Fassbinder und spiele damit auch indirekt auf unser seltsames Verhältnis an, das zugleich so nah und entfernt ist.
"Ach ja", sagt er nur, "sie hat ihre Karriere eben doch noch mehr lieb gehabt als die Liebe."
Ich denke an unseren ersten gemeinsamen Film mit dem traurigen Titel Liebe ist kälter als der Tod. Dreizehn Jahre sind seitdem vergangen; aber an seiner Vision hat sich nicht viel geändert. Inzwischen ist das Wunderkind zum Meister mutiert. Wenn er am Drehort auftaucht, raunen die Leute: "Achtung, der Hexer kommt."
Und er setzt mit seiner Lili Marleen der Schizophrenie dieser Parabel auf die deutsche Geschichte noch die Krone auf, indem er die halb verdammte, halb gehätschelte Diva des Dritten Reichs von ihren Frontauftritten auch Beweismaterial für die Naziverbrechen "herausschmuggeln" lässt.
So ist das beim Film. Dichtung und Wahrheit geben sich die Hand.
Und dennoch, für keinen Film habe ich vorher so viel vor dem Bildschirm gesessen, um zu sehen, wie es damals wirklich war, habe mir Dokumentationen und Interviews mit den Zeitzeugen angeschaut, solchen, die mitgemacht haben und auch die der Gegner, und eines fällt mir dabei auf: Immer, wenn es besonders furchtbar wird beim Zeugnis ablegen, erscheint auf den Gesichtern so ein absurdes Strahlen wie Sonnenschein über Schlachtfeldern. Die Verstörung nach der Zerstörung blendet sich aus. Das merke ich mir für so manche Szene im Film und auch fürs Leben. Es gibt eine Maske des Strahlens. Sie versteckt wie ein Schild die Verzweiflung.
"Verzweiflung ist die einzige Wahrheit, die ich bei allen erkenne", lautet der klassische Fassbindersatz. Seine Lili Marleen wird ein Film über das Wegschauen und den blendenden Erfolg, der den Vorhang vor der Wahrheit zuzieht.
Leseprobe zu "Lili Marleen" von Liel Leibovitz; Matthew Miller
VII »Kann der Wind erklären, warum er zum Sturm wird?« (S. 125-126)
Zunächst hatte die gewaltige Popularität von »Lili Marleen« kaum Auswirkungen auf Lale Andersen. Sie reiste immer noch kreuz und quer durch Deutschland, trat vor Soldaten in Hitlers immer größer werdendem Reich auf und hoffte, dass die Begeisterung ihrer Fans in den Reihen der Wehrmacht sie irgendwann zum Star machen würde. Doch bis dahin war sie zufrieden mit einem Leben, das ihr zwar wenig Ruhm bescherte, sie aber dafür zumindest vor größeren Unannehmlichkeiten bewahrte. Sie hatte genug zu essen, sagte sie sich oft, ein Dach über dem Kopf, ein sicheres Heim für ihre Kinder und ein regelmäßiges Einkommen, mit dem sie ihre Familie über Wasser halten konnte.
Während Berlin und weite Teile Deutschlands unter dem Furor britischer Bomber litten, waren solche elementaren Dinge beileibe nicht selbstverständlich, und jede Woche erreichten sie Briefe von Freunden aus der Heimat, die immer knapper und trostloser wurden, je weniger Lebensmittel es gab und je mehr vertraute Gebäude in Schutt und Asche lagen.
Weit weg von all dieser Zerstörung verbrachte sie ihre Tage auf gepflegten Militärstützpunkten in vergleichsweise unversehrten Landschaften, wo sie sich allmählich damit abfand, dass sich ihre Jugendträume von einem Leben als berühmte Künstlerin nach und nach im Dunstschleier eines sorgenfreien Daseins auflösten. Ihr war bewusst, dass sie älter wurde, und ihre markanten Züge, jene mitreißende Sinnlichkeit, die die Männer fasziniert hatte, als sie noch keine dreißig war, wurden allmählich härter. Sonne, Wind und die verstreichenden Jahre hatten ihr Äußeres in das einer ehrbaren Frau mittleren Alters verwandelt, durchaus noch attraktiv, aber keinesfalls mehr betörend.
Und so reiste sie von Stützpunkt zu Stützpunkt, sang das immer gleiche Repertoire und bemühte sich in ihrer Freizeit, so wenig wie möglich an den Krieg zu denken. Doch mit der Zeit bemerkte sie eine seltsame Veränderung. Es begann mit einem scheinbar bedeutungslosen Vorfall während eines Konzerts in Dänemark, als sie sich durch ihr übliches Programm kämpfte. »Lili Marleen« war das fünfte oder sechste Lied des Abends. Als die ersten Känge den winzigen Saal erfüllten, brachen die zwei-, dreihundert anwesenden Soldaten in Beifall aus.
Das Gleiche wiederholte sich ein paar Tage später, und schon in der darauf folgenden Woche kamen Soldaten nach ihrem Auftritt auf sie zu, nannten sie Lili und baten sie um ein Autogramm. Als sich das Jahr 1941 dem Ende zuneigte und Lale Andersen Dänemark verließ, um eine kurze Tournee durch Italien zu machen, wurde ihr mit einem Schlag das wahre Ausmaß der immensen Popularität des Liedes bewusst. Früher hatte sie sich auf Militärstützpunkten stets unbehelligt bewegen und ihre Zeit verbringen können, wie es ihr gefiel.
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