Fachkundig und inspirierend stellt der renommierte Buchexperte
Nicola Bardola die 50 besten Kinder- und Jugendbücher der
Buchsaison 2009 vor. Dabei wird er von einer prominenten Jury von
Autoren, Journalisten und Buchhändlern unterstützt. Eine kompetente
Auswahlhilfe für alle Käufer aktueller Kinder- und Jugendliteratur!
"Ein super Wegweiser, der es verdient hätte, selbst ein Bestseller zu werden!" Bild am Sonntag
"Bardola begründet seine Empfehlung stets durch eine Inhaltsangabe, Zitate und eine Würdigung, die erklärt, weshalb genau dieses Buch so etwas Besonderes ist. Damit ist dieses Taschenbuch auch so eine Art Leseköder..."
Nicola Bardola, geboren 1959 in Zürich, studierte Germanistik, italienische Literatur und Philosophie und arbeitet nach Stationen als Redakteur und Verlagslektor seit 1999 als freier Journalist und Übersetzer. Seit 1985 verfolgt er engagiert die Entwicklung des Kinder- und Jugendbuchmarktes und setzt sich auch für die Leseförderung ein. Seine Kontakte innerhalb der Branche, sein Know-How und sein Überblick über den gesamten Kinder- und Jugendbuchmarkt sind einzigartig.
Leseprobe zu "Lies doch mal!"
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Leseprobe zu "Lies doch mal!" von Nicola Bardola
Schwebende Lichter und Schiffe, die fliegen Buch-Tipp von Einar Turkowski (Autor und Illustrator) Shaun Tan Ein neues Land Interessiert man sich für Bilderbücher (bei Illustratoren kommt das vor), wird man bald erkennen, dass man um eine grobe Kategorisierung nicht herumkommt, wenn es darum geht, die ständig anwachsende Zahl der Sammelstücke in das eigene Bücherregal zu sortieren. Wählt man zu diesem Zweck ein handelsübliches Ikea-Regal (Illustratorengehälter sind eher knapp bemessen), so hat man hierfür genau acht gleichgroße Fächer zur Verfügung.
Geht man weiter davon aus, dass die schlechten Bücher zunächst unter der Couch, dem Bett oder dem Kühlschrank verstaut werden (weil man nicht nur Illustrator, sondern auch Idealist ist), wird man wahrscheinlich damit beginnen, die normal guten Bücher zuunterst einzuordnen, vielleicht so, dass sich ihre Buchrücken in ihren Farben nebeneinander nicht unbedingt beißen. Dies sind jene Bücher, die man zwar aus irgendeinem Grunde in seiner Sammlung nicht missen möchte, bei denen man jedoch bereits im Vorfeld schon ahnt, dass man sie eher selten hervorholen wird, um darin zu blättern.
In die Fächer darüber, sagen wir von Kniehöhe bis Kopfhöhe und somit deutlich besser greifbar, werden alle weiteren Schmuckstücke aufgereiht, hübsch ordentlich nach Farben und Größen, Autoren und Verlagen. Wenn das Verhältnis zwischen schlechten und all den anderen Büchern stimmt, so bleibt eigentlich nicht mehr viel Regalfläche übrig, wären da nicht noch diese ganz speziellen Titel, für die man stets das oberste linke Regalfach freigehalten hat. Es sind solche, bei denen man sogar darauf achten würde, dass das Regal so ausgerichtet ist, dass ihre Buchrücken keiner direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind, damit sie nicht vergilben, und bei denen ebenso darauf geachtet wird, dass sie immer von zwei ähnlich großen Büchern eingefasst werden, damit sie nicht unnötigen Biegekräften ausgesetzt werden. Eigentlich sind es genau diejenigen Bücher, bei denen man sich fragt, weshalb man sie überhaupt ins erste Fach ordnet, wähnt man diese Schätze doch besser in einem Tresor aufbewahrt. Solch ein Buch ist jenes von Shaun Tan, mit dem Titel Ein neues Land.
Und weil ein Tresor (sei er auch noch so klein) kein ordinäres Möbelstück eines idealistischen Illustrators ist und gute Bücher gelesen und betrachtet werden wollen, ziehe ich es gleich wieder heraus, um es noch ein wenig mehr ins gute Licht zu rücken, in der Hoffnung, es auch anderswo einmal an oberster Stelle eines Bücherregals entdecken zu können.
Die Geschichte ist schnell zusammengefasst. Es geht um einen Familienvater, der auswandert in ein fernes Land, um einen Neuanfang zu wagen und um Schlimmerem zu entgehen, denn zu Hause liegt etwas Bedrohliches in der Luft. Es geht um all die Schwierigkeiten und Hindernisse, die damit verbunden sind, nun ein völlig neues und vollkommen fremdartiges Land zu betreten, dort Arbeit zu finden und Fuß zu fassen. Es geht um Bangen und Hoffnung, um Liebe, Freundschaft und Freude. Und es geht um eine großartige Entdeckungsreise. Denn weil diese Geschichte völlig ohne Worte auskommt, wird der Leser sofort in sie einbezogen. Er ist gezwungen, sich die Geschichte selbst zu erarbeiten, und nimmt so gleichsam ohne Zeitverzögerung an ihr teil.
Der Leser ist ebenso dem Neuen ausgeliefert wie der Protagonist. Dies geschieht in einer überaus unaufdringlichen, in einer neutralen und betrachtenden Art und Weise, eine Methode, die zudem auf ausführlicher Recherche zu beruhen scheint, und zwar bis ins kleinste Detail. Ein interessanter Effekt tritt auch dadurch auf, dass der Text fehlt; so wird man aufgefordert, jedem Bild das nächste folgen zu lassen, will man die Geschichte verstehen. Man benötigt ein wenig Zeit für diese Art der Betrachtung, die irgendwo zwischen Kino, Comic und Bilderbuch liegt, aber viel interaktiver ist, stets mit der Möglichkeit verbunden, lange in den Bildern zu verweilen, denn es gibt viel zu entdecken. Die allein in warmen Grauwertstufen gehaltene grafische Gestaltung ist so gekonnt, dass sich der Mund weit öffnet vor Staunen und Ehrfurcht. Shaun Tan weiß, wie er mit grafischen Mitteln umzugehen hat, um sie gezielt für seine Zwecke einzusetzen. In Verbindung mit seiner ihm eigenen Fantasie und seinem famosen Strich erschafft er Welten, Situationen, Details, die sofort zu verzaubern wissen.
Ein überragendes Werk also, das trotz oder vielleicht sogar gerade wegen des fehlenden Wortes direkt das Gefühl anspricht und durch seine einzigartige Formensprache eine Wirkung entfaltet, der man sich nicht entziehen kann. Dabei ist Shaun Tan ein Allroundtalent, das sich nicht nur in der Schwarz-Weiß-Grafik zu Hause fühlt, schaut man beispielsweise auf sein Buch Geschichten aus der Vorstadt des Universums, welches neben dem hier vorgestellten Buch ebenfalls in diesem Jahr für den Jugendliteraturpreis in der Sparte "Bilderbuch" nominiert wurde, was ich mit großer Freude wahrnahm.
Die großformatigen und doppelseitigen Bilder von Ein neues Land bringen einen zwischendurch immer wieder dazu, in einer längeren Betrachtung zu versinken. Die machtvolle Stimmung, die Detailfülle und die Wärme der dunstigen Horizonte, in denen manchmal ganze Stadtlandschaften verborgen liegen, laden dazu ein. Hin und wieder gibt es auch Gegenstände oder Gebäude, die man wiederzuerkennen glaubt. Manche erinnern an Szenerien aus dem alten Europa, andere an die damaligen Pforten der neuen Welt. Da liegen schon einmal gesehene Fischerboote an einem überaus atmosphärischen Strand und anderswo erscheinen riesenhafte Industriehallen oder gigantische Figuren, die aussehen wie Freiheitsstatuen. Überall trifft man auf merkwürdige Wesen, kleine drollige Geschöpfe, die man irgendwann als eine Art Haustier klassifiziert. In der Einfachheit ihrer Formensprache bilden sie einen reizvollen Kontrast zu den sonst naturalistischen und sehr lebendigen menschlichen Figuren.
Und immer mal wieder erscheinen sonnenartige Gebilde, die diese Welt im Kleinen und im Großen erhellen. Die warmen Grautöne tun ihr Übriges, um alles in eine freundliche und wohlige Grundstimmung zu tauchen. Lediglich zwei Rückblenden, die als kurze Zwischensequenzen abwechslungsreich in die Handlung integriert wurden, sind vom Hintergrund her etwas abgesetzt und deutlich finsterer. So freundlich die meisten Bilder sind, so unheimlich sind jene, die von Vertreibung und Krieg erzählen. Will man eine strahlende Helligkeit erzeugen, wird man nicht drum herumkommen, sie neben eine tiefe Schwärze zu setzen, inhaltlich wie gestalterisch. Ein uraltes Prinzip, nicht nur in der Grafik.
Kundenbewertungen zu "Lies doch mal!" von "Nicola Bardola"
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