Leseprobe zu "Liebe Alice! Liebe Barbara!"
Vorwort
40 Jahre hatten wir uns nicht bzw. fast nicht gesehen. Und wenn, dann hatten wir uns wenig zu sagen gehabt. Doch dann. Zu meinem 60. Geburtstag lud ich Menschen aus meinem ganzen Leben ein - und da durfte sie auf keinen Fall fehlen. Schließlich war sie sechs Jahre lang der wichtigste Mensch in meinem Leben gewesen: Barbara, meine beste Freundin. Zwischen 15 und 21 waren wir unzertrennlich. Dann war es vorbei. Unsere Trennung war so dramatisch wie die Freundschaft innig. Danach haben wir beide unsere Geschichte jahrzehntelang zur Seite geräumt. Aber jetzt ... sollte ich jetzt nicht ...?
Ich machte mich auf die Suche. Wohnte sie nicht vor ein paar Jahren noch in Berlin-Schöneberg? Die Adresse hatte ich noch. Im Telefonbuch stand sie nicht. Also schrieb ich ihr, lud sie ein zu dem großen Sommerfest, von dem eine im Winter Geborene wie ich lebenslang träumt. Sie rief an. Am Telefon war ihre Stimme fast die alte: leicht heiser, mit so einem Kiekser drin, aber tiefer. Das Gespräch verlief ermutigend. Sie sagte zu - aber kurz vorher wieder ab. Ein "wichtiger Termin". Irgendwas. Es klang nach Ausrede. Hatte sie Angst vor dem Wiedersehen?
Ein paar Monate später, zu meinem nächsten Geburtstag, schrieb sie mir einen Brief. Ganz im alten Ton, so wie früher: übermütig, einfühlsam, ironisch. Und am Ende des Briefes stellte sie die entscheidende Frage: "Kannst du dich an die Situation erinnern, die den Grundstein zu unserer Freundschaft legte?" Ich konnte, en détail. Das alte Gefühl war wieder da. Das Wissen, warum wir so viele Jahre so viel miteinander zu tun gehabt hatten. Wir schrieben uns weiter. Entschlossen, diesen aufregenden, verwirrenden Jahren nachzuspüren. Was war eigentlich geschehen? Was hatte uns verbunden - und was getrennt? Wie läuft das überhaupt zwischen Frauen? Barbara und ich sind ja nicht die ersten "besten Freundinnen" und auch nicht die letzten. Es gibt Frauen, lange und gut verheiratet, die noch Jahrzehnte danach sagen: Mit niemandem habe ich so viel gelacht wie mit ihr! Niemandem habe ich so vertraut wie ihr! Niemand hat mich so verstanden wie sie!
In Japan existiert für diese Art inniger Mädchenliebe ein eigenes Wort bzw. ein Buchstabe: S. Dieses S spielt sogar eine Rolle in Literatur und Theater. Wegen S bringen junge Mädchen sich sogar um. Vermutlich hat diese Dramatik der "besten Freundinnen" in Japan mit den strikten Trennungen der Geschlechter zu tun: Zunächst darf die japanische Frau nur andere Frauen kennen - und dann nur noch ihren eigenen Mann.
Ganz so dramatisch läuft es im Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr. Seit dem Aufbruch der Neuen Frauenbewegung gibt es ein bewusstes Bestreben unter Frauen, für "ihn" nicht alles aufzugeben - und schon gar nicht die beste Freundin; sozusagen eine Renaissance der Kultur von Frauenfreundschaften. Aber noch immer bleibt sie leicht auf der Strecke, die beste Freundin, auch heute noch.
Irgendwann, nach dem ersten Dutzend Briefe, wurde uns klar, dass unsere Geschichte nicht nur uns angeht, sondern viele Frauen betrifft, ja selbst die eigenen Freundinnen. Auch scheinen diese Briefe uns nicht nur das Dokument einer Frauenfreundschaft, sondern auch ein Stück Autobiografie und Zeitgeschichte der 50er- und 60er-Jahre. Wir haben uns also entschlossen, unsere zwischen Dezember 2003 und September 2004 geschriebenen Briefe zu veröffentlichen. Hier sind sie. Vor der Veröffentlichung haben wir uns gemeinsam über die Briefe gebeugt. Wir haben hie und da leicht gekürzt; sei es, weil es redundant und gar zu geschwätzig war, oder weil es Dritte betraf, die ein Recht auf Diskretion haben. Aber: Rund 90 Prozent unserer Originalbriefe sind stehen geblieben, unbearbeitet und unbeschönigt.
Wir wünschen Spaß bei der Lektüre und Erkenntnis. Selbsterkenntnis.
Alice Schwarzer
Köln, im Januar 2005
Berlin, 2. Dezember 2003
Liebe Alice,
da ich nicht weiß, ob ich dich morgen telefonisch erreichen werde - weil alle Leitungen zusammenbrechen oder weil du nach Venedig geflohen bist oder weil und so weiter -, möchte ich dir sicherheitshalber hiermit herzlich zu deinem Geburtstag gratulieren und dir alles Liebe wünschen. Alles.
Bei meinem Gang durch unsere wilden und braven Tage der Jugend ("Sprich Erinnerung, sprich") ist mir aufgefallen, dass wir uns nicht scheuten, von den höchsten Dingen zu sprechen: Ist Gott vielleicht ein Insekt? Oder ein Hubschrauber? (Anlässlich eines gemeinsamen Kinobesuchs, bei dem wir uns einen Ingmar-Bergman-Film reingezogen haben.) Wir sprachen über Filme, über Bücher, über Politik und so weiter, wir sprachen über Katzen und Hunde und über "alte Leute", aber niemals - soweit ich mich erinnere - darüber, dass wir einmal selbst ein biblisches Alter erreichen würden, was uns schon damals Gelegenheit gegeben hätte, über die schönen Vorzüge dieser Phase des Lebens zu sprechen: Mildheit, Abgeklärtheit und - wie schön! - warmherzige Weisheit, die irgendwie in die Welt hinausgeht und sie verändert.
Ich glaube heute zu wissen, warum: weil wir wussten, dass wir nie alt werden. Das nennt man, denke ich, Intuition! Du jedenfalls wirst offensichtlich jünger. Kürzlich sah ich dich bei Sandra Maischberger. Wo waren deine weiten arabischen Gewänder aus Tausendundeiner Nacht, an die sich meine Augen gewöhnt hatten? Recht hat sie, die von der Maischberger zitierte Komikerin, deren Name mir jetzt nicht einfallen will (doch: Anke Engelke! Triumph des Gedächtnisses. Sie ist sehr komisch und wandlungsfähig), wohl aber der zitierte Satz: "Ich finde Alice sexy!" Tatsache ist, dass das nicht zu übersehen ist, seitdem du wieder körperbetonte Kleidung trägst. Kompliment!
Nicht beurteilen konnte ich, ob die Maischberger mit der Frage nach deiner Mutter nett sein wollte (Vorbilder usw.) oder ob sie eine offene Rechnung mit dir hatte? Wie auch immer, die Lacher waren auf deiner Seite, als du sanftmütig meintest: "Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen."
Ob du es glaubst oder nicht: Ich bin immer noch damit beschäftigt, die Kapitel meines Romans zusammenzufügen, damit ein lieber Freund sie auf seinem Laptop abtippen kann. Wie findest du den Titel: "Die Rückkehr der Sirenen"? (Nein, kein Porno.)
Erst wollte ich dir die beiliegende CD mit drei von mir geschriebenen und in Melodie gesetzten Songs gleich schicken, dann aber habe ich die Weiterentwicklung der Workin-progress-Aufnahme gehört und daraufhin schnell wieder davon Abstand genommen. Was soll man sagen? Die Songs sind nicht schlecht, aber ich singe wie ein armer lieber Rabe. Man muss Milde walten lassen, man muss die Umstände berücksichtigen: Ich hatte gerade mal eine Stunde für die Aufnahme und praktisch keinerlei Mikro-Erfahrung, und der liebe Boris saß am Aufnahmegerät und rollte die Augen zum Himmel: "Womit habe ich das verdient?" - Okay, kann man verstehen, jetzt singt die eigene Mutter auch noch! Die Arrangements sind von Boris, der auch alle Instrumente spielt.
Apropos Mütter. Meine eröffnet neuerdings jedes Gespräch, jedes!, mit den Worten: "Ich habe ja jetzt nur noch ein Auge." Womit sie einen zwingt, in eine schauerlich leere Höhle zu blicken, obwohl sie doch zwei Augen hat, von dem das eine zugegebenermaßen sehkraftmäßig betrachtet ziemlich lädiert ist. Für mich ist das eine permanente Übung in Samadhi.
Wie nannte uns meine hochsensible, taktvolle Mutter damals, als wir mit Seitenstichen vor Lachen die Straßen von Wuppertal-Elberfeld unsicher machten: die sechs Ziegen? Wie liebevoll, da muss man erst mal drauf kommen. Vielleicht war sie damals ja schon irgendwie einäugig.
Alles Liebe,
Barbara
PS: Jetzt kommt die Preisfrage: Kannst du dich an die Situation erinnern, die den Grundstein zu unserer Freundschaft legte? Ich wette, du kannst nicht! Okay, wir kannten uns, weil wir in der gleichen Klasse waren. Aber, siehst du, ich meine den Moment, als wir uns kennen lernten, wahrnahmen? Nun - wie sieht es aus? Eine bedenkliche Leere, wo eigentlich eine Fülle von Bildern sein sollte? Ich bin gespannt, was deine Blackbox preisgibt.
Köln, 17. Dezember 2003
Liebe Barbara,
über deinen Geburtstagsbrief habe ich mich wirklich sehr gefreut. Was für eine Überraschung! Wie ich sehe, reitet dich die alte Spottlust noch immer. Und, wie beruhigend, du bist so ein altmodisches Mädchen wie ich und schreibst auch noch mit der Schreibmaschine. Richtig, ich war zu meinem Geburtstag ganz kurz in Paris (hatte da eine Aufzeichnung bei 'Arte'), bin aber dem üblichen Redaktionsschluss-Terror nicht entkommen: Der hatte mich vorher zugeschüttet und danach gleich wieder. So langsam tauche ich auf, bearbeite die liegen gebliebenen Berge und fahre Freitagabend aufs Land (wo ich ein dauerkrankes Kätzchen habe, das Problem muss gelöst werden). Ich rufe dich dann in Ruhe an.
Aber vorab die Beantwortung der Preisfrage: Mir scheint, wir haben verschiedene Antworten. Aber ich bestehe schon mal darauf, dass meine Version die richtige ist (bin jedoch bereit, mich überzeugen zu lassen, wenn deine Synapsen besser funktionieren). Also, es war so:
Ich habe dich auf dem Schulhof gesehen, in einem dunkelblauen Mantelkleid mit weißem Kragen. Da bist du mir zum ersten Mal als anders aufgefallen, anders als die anderen. Dann muss ich dich für ein paar Wochen oder Monate wieder aus den Augen verloren haben. Bis zu dem bewussten Tag. Ich saß in der ersten Reihe (weil ich kurzsichtig war und noch keine Brille hatte? Oder weil ich so viel schwatzte? Vermutlich beides). Und da hörte ich eine Stimme hinter mir sagen: "Er steht jeden Morgen an der Haltestelle. Und er sieht echt toll aus! Er hat so ein ironisches Lächeln, so wie Rhett Butler ..."
Das war der Auslöser! Ich drehte mich um. Da saß also eine in meiner Klasse, die nicht für den Förster im Silberwald, für Rudolf Prack und Sonja Ziemann schwärmte, sondern für Rhett und Scarlett aus 'Vom Winde verweht'. Eine wie ich. Wir lächelten uns an - und waren von da an beste Freundinnen. Oder?
Deine CD habe ich auf der Fahrt nach Paris gehört. Sie gefällt mir! Sie gefällt mir wirklich. Am besten ist "You give me ...". Irgendwie ist in deiner Stimme so ein Hauch von Lotte Lenya. Ich meine, du solltest noch offensiver auf diesen Sprechgesang gehen! Die Musik ist auch interessant. Schickst du mir mal was von Boris?
Ja, diese ewigen Fragen nach meiner Mutter...Ich bin leider immer wieder gezwungen klarzustellen, wie es wirklich war. Du hast das damals noch nicht so erlebt. Aber seit ich eine öffentliche Person bin, also seit Mitte der 70er-Jahre, neigt sie dazu, ihr Leben umzudeuten - und damit auch meines. Sie will es einfach nicht mehr wahrhaben, dass sie nicht einen Tag in meinem Leben für mich verantwortlich, also nicht meine soziale Mutter war.
Dabei gibt es eigentlich keinen Grund, es zu beschönigen. Dass eine junge Frau ein nicht geplantes Kind kurz nach der Geburt bei den Eltern lässt und geht, kommt ja öfter vor. Aber auch die anderen tun sich schwer zu unterscheiden zwischen biologischer und sozialer Mutterschaft. Biologisch ist meine Mutter meine Mutter, aber sozial ist sie eben meine Schwester - und sind meine Großeltern die Eltern. Ich habe ja nicht umsonst Mama und Papa zu ihnen gesagt. Erst viel später ist mir klar geworden, dass das eine interessante Konstellation ist: Kind und Großeltern (statt Eltern). Die Zwänge sind geringer, die Freiheiten größer. Sartre, der auch bei den Großeltern aufgewachsen ist und dessen Mutter ebenfalls eher den Status einer Schwester hatte, hat darüber in seinem autobiografischen Buch 'Die Wörter' sehr kluge Sachen geschrieben.
Barbara, gleich habe ich Redaktionskonferenz. Sorry für die vielen Tippfehler. Ich kann es nicht ändern, tippe schneller, als die Maschine reagieren kann, darum die Verdreher. Und außerdem genieße ich seit meiner Tippsenzeit (in der es auch nicht unter sechs Vertippern pro Seite ging, aber Tipp-Ex sei Dank ...) eine hemmungslose Art beim Tippen - kommt die 'Emma'?
Auf bald! Deine Alice
Berlin, 28. Januar 2004
Liebe Alice,
mir wird jetzt erst klar, dass du - weil meine SMS an Silvester mit denen anderer im Handyloch von Bangkok verschwand - meinen Dank für Buch, Brief und 'Emma' nie erhalten hast. Ja. 'Emma' steckt zu meinem großen Vergnügen immer Tage vor ihrem Erscheinen in meinem Briefkasten. Das ist der "Indische Tag", weil ich mich dann mit ihr in ein kleines indisches Lokal (gleich um die Ecke) zurückziehe, wo ich das immer gleiche Gericht bestelle, um in der neuen 'Emma' zu lesen ...
Wie ich dir schon sagte, gefiel mir dein neues Buch 'Vorbilder und Idole' sehr! Es kommt leiser daher als andere Bücher von dir, will mir scheinen. Ich wünschte mir jedoch, du hättest noch mehr Zeit für die Porträts gehabt. Bei deinem Text über Brigitte Bardot fühlte ich mich in unsere späten 50er zurückversetzt. Genau so war es: "Sie waren quälend, ihre Plagiate. Diese Mädchen mit Schmollmund, Sechsern und Petticoat. Diese ausgekochten Geschöpfe." Wie verschieden sie sind, diese von dir porträtierten Frauen: die Entertainerin, Politikerin, Schauspielerin und so weiter - und doch so einig in der Auffassung, dass der Song "It's a men's world" (hier im Sinne von "Männerwelt") kein Dauerbrenner sein kann, nicht länger mehr ein schmerzlicher Ohrwurm.
Doch kommen wir zur Preisfrage - nachdem ich die Spannung, wie ich hoffe, bis ins Unerträgliche gesteigert habe. Ja. Ja. Ja. Deine Synapsen funktionieren ausgezeichnet! Mein Kompliment! Unsere Freundschaft begann in dem Augenblick, als du dich umdrehtest, weil du mich sagen hörtest: "Er steht jeden Morgen an der Haltestelle. Und er sieht echt toll aus! Er hat so ein ironisches Lächeln, wie Rhett Butler ..." Großartig, Alice, großartig - aber ich muss dir leider, leider sagen, dass das nur die halbe Wahrheit war. Die andere Hälfte kannst du nicht kennen. Warum? Stell dir einen Teppich vor ... Du beschreibst exakt das Muster auf seiner Vorderseite, aber man sieht nicht die Rückseite und die fleißigen Hände, die es woben. Es ist nun an der Zeit, dir zu sagen, was ich dir nie, nie, niemals erzählt hätte (es wäre mit mir in die Gruft gegangen), wenn du mir nicht bei unserem letzten Treffen, nach fast zwei Jahrzehnten Pause, erzählt hättest, wie sehr du damals unter den Kochkünsten deiner Großmutter - dem Fisch für die Katzen und Hunde der nahen und fernen Umgebung - und den damit verbundenen Gerüchen gelitten hast, die perfiderweise in deine Blusen und Kleider krochen. Tatsache ist, dass ich nie etwas davon bemerkt habe. Dass du dich damit herumgeschleppt hast! Mir nie etwas sagtest! Ich bin erschüttert. Andererseits ermutigt es mich, dir zu sagen, dass auch ich ein Geheimnis vor dir zu verbergen hatte. Zumal das mit den Kochgerüchen schon das dritte Geheimnis war, das du mir im Laufe von praktisch 40 Jahren - in denen wir uns trafen, aus den Augen verloren, wieder begegneten und wieder aus den Augen verloren - anvertrautest.
Schön, fangen wir an: Wir fahren zurück in das Jahr 1957. Ich vernachlässige jetzt mit deiner Erlaubnis die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse der damaligen Republik. Die Kamera hält direkt auf die Klasse der Mädchenhandelsschule am Döppersberg in Wuppertal-Elberfeld zu. Der erste Schultag begann damit, dass wir uns aussuchen durften, wohin wir uns setzen wollten. Du setztest dich in die letzte Reihe, was ich aus den Augenwinkeln mitbekam. Es war da ein Wirbel um dich herum.
Ich setzte mich neben Heidi in die vierte oder fünfte Reihe. Damit hatte es folgende Bewandtnis: In der Aufnahmeprüfung hatte ich bemerkt, dass die - damals für mich noch namenlose - Heidi bei irgendeiner Mathe-Aufgabe aufgehört hatte zu atmen. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. Nach einigem diskreten Hin und Her schafften wir es, ihr die Lösung der Aufgabe zukommen zu lassen. Beim Abschied ergriff sie meine Hand: "Du, wenn wir beide die Aufnahmeprüfung bestehen, versprichst du mir, dass du dich dann neben mich setzt?" (Nicht sie sich neben mich - das wirft ein Licht auf ihr Naturell.) "Klar." Eine solche Situation verbindet. Doch es stellte sich heraus, dass wir keinerlei gemeinsame Interessen hatten. Bücher waren ihr ein Gräuel, sie war besessen vom Tanz und sprach am liebsten über Jungs. Nagende Enttäuschung machte sich breit, die wir jedoch voreinander verbargen - wir kannten ja sonst niemanden in der Klasse.
Zurück zu dir. Es war nach kürzester Zeit nicht zu überhören, dass die beiden letzten Reihen der Klasse vor unterdrücktem Kichern bebten. Die Frage stellte sich, wer die Verursacherin dieses Kicherns war? Es war Alice! Es gab Mahnungen, und es gab Unschuldsbeteuerungen von deiner Seite: "Glauben Sie mir, es hatte direkt etwas mit dem Lehrstoff zu tun!" -
Nun gut. Damals galt das Prinzip, wer auf die Frage der Lehrerin als Erste eine Antwort weiß, meldet sich und kommt dran. Du warst sehr schnell, wir waren gewohnt, dass du die richtige Lösung kanntest, nur fiel irgendwann einer Lehrerin - Frau Liepelt? - auf, dass deine Antworten abenteuerlich waren, sobald sie sich auf etwas bezogen, was auf der Tafel stand. Es stellte sich heraus, dass du nicht gut sehen konntest. Dein Umzug in die erste Reihe wurde beschlossen. Du rafftest deine Sachen an dich, Bücher, Schreibblock, Füllfederhalter usw., und gingst mit wippenden blonden Locken und wippendem Rock nach vorn - und mit der Bemerkung: "Dann wollen wir mal sehen, ob das besser ist! Da muss ich vierzehn Jahre werden, bevor irgendjemand bemerkt, dass ich eine Brille brauche!" Das elektrisierte mich. Ich dachte: Das ist sie! Die andere, die mir ähnlich ist. In der Pause auf dem Schulhof versuchte ich - flankiert von der mürrischen Heidi und meiner Nachfolgerin bei ihr, der hageren, humorlosen Mechthild, die schon in den Startlöchern stand - zu der Gruppe Mädchen zu stoßen, von denen du umgeben warst, aber Heidi witterte Unheil: "Ich kann die Alice nicht ausstehen!" - Ich gab mich zerstreut: "Welche Alice?" Diese Frage beschwichtigte das etwas tumbe Mädchen, obwohl dein Name ungewöhnlich war und es nur eine Alice in der Klasse gab.
Dein Aufenthalt in der ersten Reihe hatte für relative Ruhe gesorgt, unseren Lehrerinnen aber ein neues Problem beschert. Da du sehr schnell warst, kam praktisch außer dir niemand mehr an die Reihe. Dein Argument: "Ich kann ja nicht sehen, wer sich in meinem Rücken meldet." Stimmt. Du wurdest also in eine Reihe versetzt, die hinter der lag, in der ich saß. Ich brauchte mich nur zur Seite zu wenden - da warst du. Und während du deinen neuen Platz einnahmst, hörten wir dich sagen: "Dann wollen wir mal hoffen, dass das jetzt die Ideallösung ist. Ich kann es nur hoffen!" (Mit komischer Verzweiflung und aufwärts gerollten Augen.) Das ist die Ideallösung!, dachte ich. Mittlerweile war mein Interesse an dir in unbedingte Zuneigung umgeschlagen, und in den Pausen zwischen den Fachwechseln, in denen wir das Klassenzimmer nicht verließen, hörte ich zu, was du mit den Mädchen um dich herum zu besprechen hattest, während ich vorgab, den erleuchteten Worten von Heidi und Mechthild zu lauschen. Mein Pulsschlag beschleunigte sich: Du sprachst über Elvis Presley, seine Musik und sein ironisches Lächeln; über Erich Maria Remarque und seinen Roman 'Arc de Triomphe'; über Politik (für mich eine weiße Landschaft); über die blauen Augen von Montgomery Clift und die von James Dean, über Filme undundund ...
Auf dem Weg von Wuppertal-Elberfeld nach Langenberg hatte ich reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie ich mit dir bekannt werden könnte. Die Fahrt dauerte eine Stunde.
"Du, Alice (probierte ich aus), den Film, von dem du gestern gesprochen hast, habe ich auch gesehen, und wollte noch nachschieben ..." Nein, das ging nicht. Die wachsamen Harpyien um dich herum würden sich ihre Beute nicht entreißen lassen. Hinzu kam eine frisch erworbene Schüchternheit, die mich seit meinem 13. Lebensjahr ohne Vorwarnung überfiel. Von dir fürchtete ich nichts, was aber würde passieren, wenn ich zu dir sagte: "Hallo, Alice, ich bin übrigens die Bärbel!"?
Die anderen Mädchen würden aufschauen, und es gab die schreckliche Möglichkeit, dass ich vergessen würde, was ich hatte sagen wollen. So ging es auch nicht. Und was war mit: "He, Alice, welchen Weg hast du eigentlich nach Hause?" - Ging auch nicht. Heidis Bus fuhr von derselben Haltestelle ab wie meiner, wenn auch in eine andere Richtung.
So ging das ein paar Tage. Am dritten oder vierten Tag - der Bus hielt auf Neviges zu, die halbe Strecke lag schon hinter uns - schaute ich aus dem Fenster des Doppeldeckers (ich saß immer oben) auf die Baustelle unter uns: die Bauarbeiter, die Zementmischer und die dampfenden Tonnen mit schwarzem Teer. In diesem Augenblick hob ein untersetzter, vierschrötiger Bauarbeiter - in meinen Augen uralt, obwohl er wahrscheinlich nicht mal vierzig war - sein schweißbedecktes Gesicht, schob seine Mütze in den Nacken und schaute mit leerem Blick nach oben. Unsere Blicke begegneten sich, der Bus ruckte wieder an. Verschieben wir's auf morgen, dachte ich. Vom Winde verweht. Rhett Butler und Scarlett O'Hara ... Rhett Butler? Moment mal ... und dann hatte ich es!
Ich würde der süßen Heidi am nächsten Tag mit aufgeregter Stimme zuflüstern, dass mich ein umwerfender junger Bauarbeiter angelächelt hätte. Mich! Ich würde ihr am darauf folgenden Tag im Flüsterton gestehen, dass er 19 Jahre alt ist und ... Rick heißt ... und am dritten Tag mit der Stimme einer Verliebten jubeln: "Er steht jeden Morgen an der Haltestelle und hat ein Lächeln wie Rhett Butler."
Den Rest kennst du. Du drehtest dich wie erhofft um, und unsere Freundschaft begann.
Natürlich war ich im Laufe unserer Schulzeit häufig in Versuchung, dir zu sagen, wie und was ... allein die Vorstellung, in deinen blauen Augen das Vertrauen erlöschen zu sehen! In einer Horrorvision hörte ich dich sagen: "Das war's, Barbara!", und sah, wie du dich auf dem Absatz umdrehtest. Andererseits kannte ich deinen Sinn für Humor und konnte mir auch vorstellen, dass du auflachen würdest: "Du unverschämtes, freches Ding!"
Noch später, in unserer wilden Münchner Zeit, bei unseren Streifzügen durch Schwabing, wo unsere Blue Jeans und schwarzen Rollkragen ausreichten, um uns ein existenzialistisches Lebensgefühl zu vermitteln, und wo der Wein in Strömen floss (was meine Wahrheitsliebe verstärkte), war ich oft in Versuchung, dir "alles" zu gestehen ... aber ... siehe oben. Und wie lieb du warst, als du mir in aller Unschuld dabei geholfen hast, den guten Rick wieder loszuwerden. Er musste weg, bevor ich mit irgendeinem Detail auffiel. Beispielsweise wusste ich zum damaligen Zeitpunkt nicht - obwohl ich von Tolstoi bis hin zu Pearl S. Buck "alles" gelesen hatte (Was ich davon verstanden hatte, ist eine andere Frage) -, was es mit der Küsserei auf sich hatte. Systematisch untersuchte ich in den Büchern die Passagen, in denen geküsst wurde, und einmal wurde ich fündig: "Er beugte sich über sie, und als sie sich küssten, begann der Himmel über ihnen zu kreisen." (Aus Rachel Fields 'Hölle wo ist dein Sieg'? Oder Louis Bromfields 'Der große Regen'? Egal.) Ich schloss messerscharf, dass Küsse irgendwie mit einem Schwindelgefühl einhergehen. Aber würde das bei Nachfrage deinerseits genügen?
"Sag mal", sagtest du in deiner Rolle als unschuldige Komplizin. "Was sagtest du noch mal, was der Rick studiert?" Ich hielt den Atem an und dachte, wenn ich das wüsste ... Aber sinnend fuhrst du fort: "War es nicht Jura?" Ich nickte, ja, Jura. Wodurch du mir die Möglichkeit gabst, ihn am Ende der Semesterferien für immer an die Uni zurückzuschicken. Worüber du zu meiner großen Erleichterung nicht betrübt warst. O Gott. Fünf Seiten ... die Zeit rennt davon ... Ich komme zu spät zur Verabredung ... Alles Liebe, bis bald.
Deine Barbara
PS: Habe die von dir so dringlich ans Herz gelegten 'Tage in Burma' von Orwell gelesen. Fantastisch!PPS: Ich habe mal in meinen Kisten gewühlt - seltsam, wir haben gar kein Klassenfoto von der Handelsschule. Dafür schicke ich dir jetzt eines aus den ersten Schuljahren mit, aufgenommen 1949.