Lektionen des Lebens - Grimaud, Hélène

Hélène Grimaud 

Lektionen des Lebens

Ein Reisetagebuch

Übersetzer: Killisch-Horn, Michael von
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Lektionen des Lebens

Die faszinierendste Künstlerin der klassischen Musik

Der französischen Starpianistin Hélène Grimaud sind die großen Konzertsäle der Welt ebenso vertraut, wie die Wölfe, für die sie sich in ihrem Wolf Conservation Center einsetzt. Aber sich selbst ist sie dabei fremd geworden. 'Lektionen des Lebens' ist ein nachdenklicher, mitreißender, poetischer Bericht einer bewegenden Reise, die von Italien nach Hamburg führt und einen Weg zu neuer Lebensfreude und leidenschaftlicher Kreativität nachzeichnet. Das Selbstporträt einer der faszinierendsten Frauen und Künstlerinnen unserer Zeit.

Die bewegende Reise der hochintelligenten und sensiblen Pianistin zu sich selbst, schonungslos ehrlich und brillant geschrieben!

Hélène Grimaud ist eine der berühmtesten Pianistinnen der Welt.


Produktinformation

  • Verlag: Blanvalet
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 222 S.
  • Seitenzahl: 224
  • Blanvalet Taschenbuch Nr.37300
  • Deutsch
  • Abmessung: 181mm x 116mm x 20mm
  • Gewicht: 175g
  • ISBN-13: 9783442373000
  • ISBN-10: 344237300X
  • Best.Nr.: 25552758
"Helene Grimaud öffnet ihre Seele, wenn sie spielt und schreibt." (Sächsische Zeitung)<br/><br/>"Die Dialoge, dicht und feinsinnig gewoben, lassen sich nicht überfliegen. Dieses Buch besteht aus reichen Seiten, die langsam genossen werden sollten." (Riehner Zeitung)

"Ein sehr emotionales Reisetagebuch."

"Insgesamt ist es vielleicht eher ein Buch für Leser, die selbst auf der Sinnsuche sind und die keine Probleme mit der großen Geste haben, auch nicht mit schönem Künstlerkitsch. Literarisch interessant sind die Stellen, an denen es wehtut - und an denen man glaubt Grimaud aus eigener Erfahrung sprechen zu hören.." VANITY FAIR<br/><br/>"Ein bisschen Reisetagebuch, ein bisschen Märchen oder Parabel... Was ist das Ganze nun? Fiktion? Wirklichkeit? Der Titel 'Lektionen des Lebens' verrät es eigentlich schon, und auch wenn der Strom von Weisheiten und ein gewisses Pathos auf die Dauer etwas ermüdend wirken, so steht doch eines außer Frage: alles ist echt. Hélène Grimaud spricht von ihrem Herzen und ihrer Seele, und wer ihre Musik kennt, wünscht sich nach der Lektüre erst recht, diese Frau einmal persönlich kennenzulernen." NDR<br/><br/>"Spannend". GALA<br/><br/>"Hélène Grimaud öffnet ihre Seele, wenn sie spielt und schreibt." SÄCHSISCHE ZEITUNG<br/><br/>"'Lektionen des Lebens' ist ein poetischer, sinnlicher Künstlerroman." Hörzu<br/><br/>"Grimaud schreibt bemerkenswert kluge Bücher." Westdeutsche Allgemeine<br/><br/>"Ein unerwarteter Einblick in die Seele dieser faszinierenden Künstlerin." Le Figaro<br/><br/>"Schreiben ist eine andere Form, Musik zu interpretieren. Es ist für mich ein Musizieren mit Worten, meinen Worten." (Hélène Grimaud)<br/><br/>"In 'Lektionen des Lebens' zeige ich, wie man Zweifel überwinden, wie man seinem Leben einen Sinn geben kann, indem man die Liebe annimmt. Und dies ist zunächst die Liebe zum Leben mit allen seinen Aspekten. Das Leben ist ein Wunder, und man muss lernen, dieses täglich zu erkennen. Es gibt jede Menge Gelegenheiten, den Kopf hängen zu lassen. Also zählt einzig die Liebe. Die Liebe, die einem geschenkt wird, die anderen verzeiht und uns lebendig sein lässt." (Hélène Grimaud)<br/><br/>"Ich mache keinen Unterschied zwischen meinen Aktivitäten, sei es das Klavierspielen, die Beschäftigung mit den Wölfen oder das Schreiben. Alle dienen mit Nuancen ein und derselben Aussage: Der Leidenschaft zu existieren. Dem Wunsch zu verzaubern. Sich einem schöneren und mächtigeren Universum zu verschreiben als dem Unglück. Unsere Aufgabe als Menschen ist es, Gelegenheiten der Liebe und des Enthusiasmus zu erschaffen." (Hélène Grimaud)<br/><br/>"Ein ergreifendes, sehr gut geschriebenes Buch." (Giovanni di Lorenzo zu "Wolfssonate")<br/><br/>"Leidenschaftlich erzählt und intelligent geschrieben." (Handelsblatt)<br/><br/>"Die 'Wolfssonate' ist ein Sog. Ein Buch, das musikalische Saiten zum Schwingen bringt. Das man nicht aus der Hand legt, ohne süchtig nach Grimauds Klavierspiel zu werden, das ebenfalls keine Grenzen kennt. Eine Liebesbeziehung der besonderen Art." (Strandgut)<br/><br/>"Ein faszinierendes und fesselndes Buch, mehr Entwicklungsroman als Autobiographie: 'Wolfssonate' schildert spannend und schonungslos die Auswege, mit denen Hélène Grimaud den Abgründen des eigenen Ich entfliehen konnte." (Heilbronner Stimme)<br/><br/>"Wenn es ein Lieblingskind in der Welt der schwarzen und weißen Tasten gibt, so ist es Hélène Grimaud. Feuilletons, Fernsehsender, ja selbst die Redakteure der Boulevardpresse stehen Schlange, um der Musik der französischen Pianistin zu lauschen und im Anschluss ein Interview mit ihr zu ergattern." (MünchenMusik)<br/><br/>"Eine besessene Künstlerin, lebt sie die Musik mit allen Fasern ihres Körpers. Nur der Zustand der Trance, in den sie sich versetzt, wenn sie spielt, erlaubt die Verbindung mit dem Göttlichen, in der die Musik ihren Ursprung hat." (Françoise Hardy)<br/><br/>"Nach der Lektüre glaubt man der Ikone des französischen Chansons, Françoise Hardy, gerne, wenn sie über ihre Freundin sagt: 'Sie ist eine strahlende Person. Ein Wesen des Lichts'!" (Gala)<br/><br/>"Hélène Grimaud hat eine für Musiker ungewöhnlich große Affinität zum Wort, zum analytisch begreifenden ebenso wie zum poetisch 'beschwörenden'!" (SWR)<br/><br/>"Mein Gott, was für eine Frau! Ein Fall für sich, anderswo, zugleich Frau am Klavier und Frau mit den Wölfen, Frau mit Begabungen, mit Fluidum und mit Wellen, subtil und komplex und zugleich, ihr ganzes junges Leben hindurch, ein Charakter aus Stahl ..." (Bernard Pivot, Le Journal de Dimanche)<br/><br/>"Vielleicht hat die Vielseitigkeit der Hélène Grimaud etwas damit zu tun, dass sie das Beste verschiedener Kulturen in sich vereint." (Brigitte)<br/><br/>"Ein wunderbares Buch für alle Tierfreunde wie für Liebhaber klassischer Klaviermusik!" (DeWeZet)<br/><br/>"Nach wenigen Minuten im Gespräch mit ihr wird klar: Hier handelt es sich um eine ernsthafte Künstlerin, die sich mit gleicher Ernsthaftigkeit für das Überleben einer gefährdeten Tierart einsetzt." (Süddeutsche Zeitung)<br/><br/>"Ihre Wölfe machten Hélène Grimaud berühmter als viele Pianisten, die außer ihrer Kunst nichts Spektakuläres zu bieten haben." (Frankfurter Rundschau)<br/><br/>"Mir ist seit langem kein so außergewöhnliches Talent begegnet und auch niemand mit einem solchen Temperament." (Jorge Bolet)<br/><br/>"Die Dialoge, dicht und feinsinnig gewoben, lassen sich nicht überfliegen. Dieses Buch besteht aus reichen Seiten, die langsam genossen werden sollten." Riehener Zeitung<br/><br/>"...Hélène Grimaud. Die Französin weiß nicht nur mit Tasten, sondern auch mit Worten zu spielen..." Main Echo<br/><br/>"Leider fesselt ihr Reisetagebuch nicht mehr so wie Wolfssonate, das Werk nimmt sich bisweilen etwas sperrig aus." Schweizer Familie<br/><br/>"Eine faszinierende, anregende innere Reise hat [Hélène Grimaud] dem Leser beschert - und dieses in einem wunderbar geschriebenen Buch." Badisches Tagblatt
Hélène Grimaud, Jahrgang 1969, ist eine der weltweit bekanntesten Pianistinnen. Erst mit neun Jahren beginnt sie mit dem Klavierspiel, drei Jahre später studiert sie bereits am Pariser Konservatorium. Die Begegnung mit einer Wölfin in Florida verändert ihr Leben. Seit 1997 besitzt sie in der Nähe von New York ein Wolfsgehege und engagiert sich für die vom Aussterben bedrohten Tiere. Im Herbst 2007 wird Hélène Grimaud anläßlich ihrer neuen CD auf große Konzert-Tournee gehen.

Leseprobe zu "Lektionen des Lebens" von Hélène Grimaud

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Leseprobe zu "Lektionen des Lebens" von Hélène Grimaud

Ich wachte hungrig auf. Da ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gegessen hatte, hatte ich Hunger auf Erde, auf Kontinente, auf Gewitter, auf lautes Treiben. In meinem Bauch wütete ein alles verschlingender Appetit auf Düfte - Salz auf der Haut, Harz der hohen schwarzen Tannen, Gras, liebevoll gemäht im Frühling. Ich hatte Lust, in das rohe Fleisch eines Fisches zu beißen, mit meinen Ohren in die Symphonie der Welt einzutauchen, zu schauen, um wirklich zu sehen, mich von Licht blenden zu lassen, meine Hände in die warme Erde zu tauchen und die feuchte Schnauze der Wölfe zu berühren.

In die Welt zurückzukehren, die sich dreht und die dröhnt.

Der Hunger hatte mich in der Nacht überfallen. Er hatte mich aus meinem Bett getrieben. Im Rahmen meines Fensters blühte der Himmel und funkelte vor Sternen. Kein Mond, aber ein bleicher Schimmer schien von den Felsen, den Bäumen auszugehen, mit dem Sommer vom Boden aufzusteigen und aus den Bächen zu quellen. Er erinnerte mich daran, dass ich als Kind den Stamm einer Eiche eingeritzt hatte, um das Blut meines Handgelenks mit seinem Lebenssaft zu vermischen - ich hatte mir damals meine Blutsbrüderschaft erfunden.

An welchem Tag, in welchem Monat, in welchem Jahr hatte ich diesen Schwur gebrochen. Ja, in welcher Stunde? Die Zeit entzog sich mir, ging durch mich hindurch. Ich hatte nicht mehr genug davon, weder für die Wölfe - obwohl das Zentrum die Zustimmung für ein Auswilderungsprogramm für bedrohte Tierarten erhalten hatte - noch für die Liebe. Und auch nicht für die Einsamkeit. Und die Musik? Die Frage ging mir flüchtig durch den Kopf, als ich wieder einschlief. Die Musik? - Mein ganzes Leben, da sie bei allem Übrigen den Ton angab.

Am Morgen fühlte ich noch immer diese Leere in mir. Draußen war die Luft mild. Die grüne Dünung des Windes in den Bäumen erinnerte mich an das Meer und weckte mit seinem Rauschen den Wunsch in mir zu reisen. Die Frage, die der Schlaf verjagt hatte, tauchte wieder auf. Ich verscheuchte sie, indem ich mich schüttelte; ich war doch glücklich in der Musik, wie man es in der Ehe ist, nicht wahr? Und hatte ich nicht bereits geantwortet, als ich entschieden hatte, dass jede die Musik betreffende Frage eine Antwort bereithielt: nicht darin, dass man der Vergangenheit nachtrauert, sondern dass man die Zukunft gestaltet. Diese Bewegung hin zum Universellen, zu einer Versöhnung der Gegensätze.

"Nicht darin, dass man der Vergangenheit nachtrauert, sondern dass man die Zukunft gestaltet." Ich wiederholte mir diesen Satz während meiner Yogastunde. Aschtanga-Yoga, ein fließendes Yoga, man wechselt ganz sanft von einer Position in die nächste, allein dem Rhythmus des Atems folgend. Anstatt eine Position zu erreichen und darin zu erstarren, bewegt man sich in einem ununterbrochenen Legato. Es gibt Bewegungen, die man respektieren muss, eine Bewegungschoreographie, Bewegungen, die sich miteinander verbinden. Vergessen, Sanftheit, tiefer Rhythmus. Seit vier Jahren schon machte ich Yoga; das vollkommen ungesunde Leben, das meinen Alltag bestimmte, hatte ich schließlich auf grausame Weise zu spüren bekommen: Während einer Tournee konnte ich mich in Paris trotz Spritzen und Massagen vor Rückenschmerzen nicht mehr bewegen. Ich hatte das Konzert absagen müssen, mit Krankengymnastik begonnen; dann Yoga und schließlich Aschtanga-Yoga.

Eigentlich hatte ich diese Form von Yoga im letzten Juni entdeckt, ich war damals in Washington, in einem Hotel, unmittelbar nach dem Scheitern der Aufnahme der jeweils zweiten Klaviersonate von Chopin und Rachmaninow. Ich war müde - schon? Seit wie vielen Wochen war ich es in Wirklichkeit schon? Ich schaltete das Fernsehgerät an, um abzuschalten vor meinem Konzert. Eine Reportage erklärte die Kunst des Aschtanga-Yoga und weckte in mir den Wunsch, es zu erlernen. Über das Internet bestellte ich Bücher; der Vorteil einer Methode ist, dass man allein lernen kann, man ist sein eigener Lehrer, was zwar nicht ideal ist, aber immerhin besser als nichts, da ich nicht die Zeit habe, Unterricht zu nehmen.

Keine Zeit mehr für Unterricht, keine Zeit mehr für die Wölfe - selbst das Saubermachen der Gehege des Zentrums fehlte mir, der raue Kontakt mit dem Holz der Schaufeln und Rechen. Und die Musik? Die Lust auf Musik war so stark wie immer; dessen war ich mir sicher. Ich verspürte den gleichen unwiderstehlichen Drang, ein Stück zu spielen, es immer wieder zu üben, den Klang eines hohen Tons abzumildern, jeden Ton ganz rein leuchten zu lassen, alles hörbar zu machen; in den Schmelztiegel des Stücks das Gold seines Lebens zu gießen. Mit dieser Absicht wollte ich eine neue Version der Sonate von Rachmaninow einspielen, die ich zum ersten Mal mit fünfzehn aufgenommen hatte. Seitdem hatte ich Jahr für Jahr jene große Wahrheit besser begriffen, die ich aus dem Unterricht meines Lehrers Pierre Barbizet mitgenommen hatte: Die Musik beginnt in Wirklichkeit erst mit dem Hörer, ab dem Augenblick, in dem sie in die Wärme eines Herzens dringt und im Verborgenen seine Stille bewohnt. "Vergiss nicht", hatte er zu mir gesagt, "ein Musiker ist groß nur durch die Größe, die er bei seinen Mitmenschen ans Licht bringt."

Das also war der Grund für dieses Gefühl der Frustration, diesen Drang, den ich spürte, unbedingt einen zusätzlichen Schritt machen zu müssen - aber ich wusste nicht, in welche Richtung. Vermutlich trübte die - atemlose - Abfolge der Konzerte diese Ahnung. Ich beschwerte mich nicht über meinen Terminkalender, die Bühne und der Kontakt mit dem Publikum erfüllten mich stets mit der gleichen Freude - wer könnte jemals auch nur annähernd das Glück beschreiben, der Botschafter der Musik, der Orpheus von Chopin oder von Brahms zu sein?

Um dieses Glück zu verlängern, hatte ich mir gewünscht, dass die Aufnahme meiner neuen Platte vor Publikum stattfände. Meine Vorstellung war, die Wiederholungen im Beisein der Zuhörer zu machen, um ihnen zu zeigen, wie Musiker und Produzenten zusammenarbeiten, welche Aufgaben der Toningenieur, der Produzent oder der künstlerische Aufnahmeleiter haben - diese Männer im Hintergrund -, Zauberer, Alchimisten der Technik. Die Aufnahme hätte in Amsterdam, im Saal des Concertgebouw, stattfinden sollen, aus verwaltungstechnischen Gründen war das Projekt jedoch abgesagt worden.

Das bedeutete eine neuerliche Verzögerung. Solche Zwischenfälle gehören zum Alltag der Künstler, aber eigenartigerweise machte diese mich sehr traurig, und ich hasse Traurigkeit, diesen Schleier, der sich zwischen dich und die Dinge legt, die Farben abstumpft, die Klänge dämpft und den Wein sauer macht. Ich war selbst in meinem Schwung abgebremst. Ich fühlte mich am Fuß einer Felswand, die unablässig in die Höhe wuchs. Diese neue Plattenaufnahme natürlich, und sofort danach würde Bartók dran sein, unter Leitung von Pierre Boulez. Eine große Ehre: Der Maestro feierte seinen achtzigsten Geburtstag. Aber da war auch dieses Schutzprogramm für den roten Wolf und den mexikanischen Wolf, dem das Zentrum sich angeschlossen hatte; der Fang eines Tieres in Kanada war bereits geplant. Zäune mussten verstärkt werden, um einen Nachbarn zu beruhigen, der panische Angst vor den Wölfen hatte; und ich musste mich endlich ernsthaft mit dieser zweiten Sonate von Chopin beschäftigen; damit, welchen Flügel ich wählen sollte, um den Klang zu erzielen, der mir vorschwebte, einen direkten Klang, einen Klang der Dringlichkeit auf der Ebene des Spiels, der aber zugleich hell und dunkel bleiben sollte. Und der ganze Papierkram im Zusammenhang mit dem Einfangen des Wolfs. Der Klang? Hell, ja, aber nicht zu einschmeichelnd, damit man den körperlichen Einsatz noch spürt.

Erschöpfung. Man sollte sein Wörterbuch zu Rate ziehen, wie man seinen Arzt konsultiert. Im Eintrag des Petit Robert erkannte ich alle Symptome wieder, die mir seit Wochen zu schaffen machten: Mattigkeit, Abgespanntheit, Schlappheit, Erschlaffung, Schwäche, Müdigkeit, Verminderung, Abbau. Ich hatte zugelassen, dass die Routine mich auslaugte. Und zugleich entdeckte ich unter den Antonymen das Heilmittel. Ich war erschöpft? Ich musste auftanken, mich bereichern. Die Anweisung war sehr präzise: Fülle, Reichtum; Wohlergehen, Entfaltung, Selbstverwirklichung. Und eben dieser Hunger, der mich geweckt hatte, dieser Hunger, der aus meinem innersten Wesen hervorgebrochen war.

Zwei Minuten des Nachdenkens, und meine Entscheidung war getroffen. Ich hatte drei Wochen Ferien vor mir. Ich würde auf Reisen gehen. Ich würde wandern. Ich würde atmen.

Wo? Im ersten Augenblick schien mir das Ziel nicht wichtig. Nur das Reisen zählte, und endlich einmal würde der Aufbruch nicht dem Ritual meiner Tourneen gehorchen: Schnell das Bühnenkostüm in die Reisetasche geworfen, aufmerksames Studium des Terminkalenders, Anrufe bei den Agenten, offizielle Abendessen, Taxi-Flugzeug-Taxi-Hotel, ständig von Stadt zu Stadt und nachts in unbekannten Hotelzimmern die Augen verzweifelt offen, weit aufgerissen, weil die Anspannung des Konzerts nicht von einem abfällt und der Zeitunterschied sich bemerkbar macht.

Ich würde endlich ungehindert laufen, wie eine Laufmasche, mir einen Weg bahnen im Netz der Zeit. Diese Vorstellung entzückte mich geradezu - es war diese Freude, die man verspürt, wenn man die Schule schwänzt, wenn man plötzlich ausreißt, und ich hatte mir schon so lange kein richtiges Ausbrechen mehr gegönnt. Ich würde die Zeit verlangsamen, aus der Routine ausbrechen.

Vor allem würde ich mich sammeln, mich auf mich selbst besinnen. Ich brauchte Raum, Liebe und Einsamkeit. Vielleicht würde ich dann die Ursache der Unruhe finden, die mich quälte, die Frage, die mir keine Ruhe ließ und mich verwirrte, und die Antwort darauf.

In "Der wahre Klassiker der vollkommenen Lehre", in dem Li Tseu das grundlegende Vorhaben jeder Kunst beschreibt, heißt es: "Wonach ich strebe, sagte Meister Zhiang, ist nicht, die Saiten gut zu zupfen, und auch nicht, schöne Klänge zu erzeugen. Was ich suche, habe ich noch nicht in meinem Herzen gefunden. Wie könnte mir also draußen das Instrument antworten?" Eben in diesem Draußen wollte ich die Antwort suchen, im Brausen der weiten Welt. Ich erinnerte mich nur allzu gut an den Schluss von Li Tseus Erzählung, um an dem Heilmittel zu zweifeln: "Dann, nach einigen weiteren Jahren, spielte er eines Tages im Frühling im Chang-Modus den zweiten der fünf Töne, der dem Herbst entspricht: Ein frischer Wind erhob sich plötzlich. Die Pflanzen und die Früchte an den Bäumen wurden reif: Es war Herbst geworden. Daraufhin zupfte er seine Gitarre im Kiao-Modus. Ein heißer Wind blies, und alles blühte: Es war Sommer geworden. Er zupfte die Yu-Saite, und Frost und Schnee erschienen, und die Wasserläufe gefroren: Es war Winter geworden. Daraufhin zupfte er die Che-Saite: Die heiße Sonne erschien, und das Eis schmolz."

Mein der frische Wind, die Pflanzen und die Früchte, die Sommerblumen und die Schneeflocken.

Mein der Zauber.

Ich delegierte die laufenden Geschäfte des Zentrums, rief Sid McLauchlan, den Plattenproduzenten, an, um ihm die Suche nach einem neuen Aufnahmesaal zu übertragen, und schaltete meinen Anrufbeantworter aus. Dann verließ ich South Salem leichten Herzens und ruhigen Gewissens. Eine Stunde später war ich in New York.

Kurz vor Manhattan hatte meine Aufregung sich ein wenig gelegt. Schön, ich hatte beschlossen, auf Reisen zu gehen. Aber wohin? Mein Herz schwankte zwischen drei Möglichkeiten: Eine Fahrt quer durch die Vereinigten Staaten, nach Westen, um den Apache National Forest und das Gila Wildness Area kreuz und quer zu durchstreifen; das alte Europa, weil ich das unbestimmte Gefühl hatte, dass ich dort, auf dem Boden von Liszt und Brahms, von Vivaldi und Wagner, von Granados und Chopin, diesen tiefen Sinn wiederfinden würde, den ich verloren hatte und der stets so lebenswichtig für mich, so wesentlich für mein Gleichgewicht gewesen war. Und zugleich lockte mich Afrika.

Ich hatte die physische Existenz dieses Kontinents auf einer Reise zu den Galapagos-Inseln gespürt, im Blinzeln eines Leguans, der aus einer uralten Zeit zu kommen schien. Afrika, das hatte etwas Endgültiges. Schon in der Musik des Wortes Afrika hörte man das Trompeten des Elefanten, das Fauchen des Geparden und das Brüllen des Löwen, und auch das gewaltige Knacken des Bodens unter der Gluthitze der Sonne; selbst die Leere war dort vermutlich voller Leben. Afrika, das war der Urgesang des Planeten Erde. Ich ahnte eine tiefe, eine existenzielle Fröhlichkeit - fröhlich, aber nicht zwangsläufig glücklich - im Wesen dieses Kontinents, der ebenso aus tiefster Seele fröhlich sein kann, wie die Indianer von Altiplano traurig und verdüstert sein können. Man muss der Welt sein Ohr leihen, und mir hat das asthmatische Atmen dieses Andenvolks in der Panflöte immer einen Stich ins Herz gegeben - diese stille Klage, die sie an einen tauben Himmel richten, seit ihre Götter getötet wurden, dieser seither unmögliche Dialog, und dann all das Blut, das sinnlos über die großen Stufen ihrer Pyramiden geflossen ist, dieses Blut, dessen Blutkörperchen ihre Rasse nicht mehr hatte regenerieren können, und ihre Anämie in dieser Musik; diese Rasse, die unter dem Sauerstoffmangel und der Blindheit der Götter leidet; diese Männer und Frauen, betäubt vom verhängnisvollen Kauen der Kokablätter, und ihr Wunsch, zu entsagen und in den erloschenen Sternen eines Himmels zu sterben, den ihre Vorfahren gezeichnet hatten.

In Afrika dagegen spürte man deutlich, dass der Schöpfer seiner Phantasie freien Lauf gelassen hat; man vergegenwärtige sich nur einmal gleichzeitig den Hals der Giraffe, die großen Ohren und den Rüssel des Elefanten, das Ying des Rhinozeroshorns und das Yang seines Schwanzes, ja sogar das scheckige Lachen der Hyäne. Afrika, das war der ungezügelte Humor des Lieben Gottes. Und der Affenbrotbaum? Nur ein unschuldiger Geist hatte den Affenbrotbaum erfinden, aus dem Chaos das Ungefähr einer geometrischen Form gewinnen können, dieses große vertikale, leicht dickbäuchige Rechteck, gespickt mit gekräuselten Zweigen, pflanzlichen dreadlocks. Wenn ich den karibischen Musikern zusah, wie sie ihre steel-drums schlugen, um ihnen diesen kristallklaren, wasserhellen Klang zu entlocken, ging mir immer durch den Kopf, dass die uralte Erinnerung an den Affenbrotbaum, den Königsbaum ihrer Heimat, ihnen die Idee für diese Frisur eingegeben hatte. Noch heute werfe ich, wenn ich mir das Paradies vorstellen will, hinter meinen Lidern Affenbrotbäume und Gnus, rotbraune Giraffen und gewaltige Elefanten auf einen Haufen. Afrika musste von einem Seraphen mit Beamtenseele entworfen worden sein, darauf bedacht, das Story Board der Schöpfung zu entwerfen.

Ganz klar Afrika.

Ja, aber der Apache Forest.

Oder Europa mit seinen geistigen Ablagerungen.

Die Zeit verging, und ich konnte mich nicht entschließen, durch die Tür dieses Reisebüros auf dem Broadway zur 11. Straße hinzugehen. Es war Mittag. Ich machte ein paar Schritte auf dem Gehsteig. Am Fuß eines Wolkenkratzers, der gerade renoviert wurde, war eines dieser Restaurants, die man überall in den USA findet und die etwas von einem Eisenbahnwagen haben: eine lange Schaufensterscheibe, ein langer Bartresen und, Abteilen ähnlich, zwischen Sitzbänke für zwei Personen geschobene Tische. Die Barhocker aus Weißmetall waren am Boden festgeschraubt. Ich warf meine Tasche auf den Boden und setzte mich auf einen der Stühle, wobei ich das Gefühl hatte, in eine andere Geschichte, ein anderes Leben zu treten. Und zugleich schien es mir, als würde ich endgültig diese hermetisch abgeschlossene fenster- und lukenlose Zeitblase verlassen, in welche die letzten Monate mich eingeschlossen hatten - ich hatte mir Ferien genommen oder, besser, ich träumte ins Blaue hinein.

Eine dicke schwarze Mama polierte den Tresen. "Audrey". Ein mit zwei kleinen Rosen geschmückter Button verriet ihren Vornamen auf der weißen Nylonbluse, und wie ein kleines Boot bei starkem Seegang hob und senkte sich das Namensschild auf ihrer linken Brust im Rhythmus des Atems seiner Besitzerin.

Es gab Hot Dogs, die unvermeidlichen Bagels, die Kaffeemaschine und eine sechsseitige Speisekarte. Ich fragte mich, ob ich Hunger hatte, ob man überhaupt Lust auf Essen haben konnte in diesem Land, wo man zu jeder Tages- und Nachtzeit isst, aber da lockten auch in Frischhaltefolie verpackte Salate und, vielleicht das Sicherste, Spiegeleier mit Speck, das Stammgericht hier, zu dem man aus großen Bechern dünnen, lauwarmen Kaffee trank. Ich bestellte beides und behielt mir vor, nach dem Aussehen zu entscheiden, der Frische des Salatblatts oder der Wölbung des Eigelbs.

"Ist das alles, was du nimmst, Schätzchen?", fragte Audrey, während der Kellner, ein großer, blasser und gebeugter, junger Mann, zwei Käsekuchen zu einem Tisch mit Arbeitern brachte, die ihre Bauarbeiterhelme auf den Boden gelegt hatten.

Ich liebe es, in den USA mit Kellnern und Taxifahrern zu reden. Sie erzählen mir ihr Leben, von ihren Kindern, ihren anderen Jobs, ihren Nöten und ihrem häufig komplizierten Liebesleben. "Ich habe eine Frau, die eine richtige Nervensäge ist", hatte mir einer fröhlich erzählt, "und ich musste mir einfach eine Geliebte nehmen! Sie ist schlimmer als meine Frau." Ich erinnere mich noch, auf welch kindliche und lüsterne Weise er von den Frauen sprach, die für ihn so etwas wie das letzte unbekannte Territorium waren, das es zu erobern galt, eine Art Säugetier, für das er, wie viele Männer, eine Mischung aus Begierde und Überlegenheit, Angst und Schrecken empfand.

Audrey wollte wissen, wo ich mit meiner Reisetasche hinwollte. Ich erzählte ihr von meinem Dilemma, und während ich so redete, stellte sich plötzlich eine phantastische Analogie zwischen den afrikanischen Bildern, die mir noch immer im Kopf herumgingen, und der Musik von Bartók her, die ich unter der Leitung von Pierre Boulez aufnehmen sollte. Bartók hat eine regionale Musik komponiert, eine ethnische Musik, ebenso wie Mahler das Lied von der Erde zu komponieren gewusst hat: In seinen Symphonien hört man die Kuhglocken auf den Almen, aus seinen Klängen quillt der Saft des Frühlings.

Nein, Pech für Afrika. Ich verabschiedete mich endgültig von diesem verlockenden Reiseziel.

Blieben der Westen Amerikas und Europa.

Arizona und Neu-Mexiko reizten mich vor allem deswegen, weil in diesen beiden Staaten die Wälder lagen, in denen die Wölfe des Zentrums nach ihrer Auswilderung ihr neues und freies Leben führen würden, in Räumen, in denen sie ihre Instinkte ausleben konnten. Vor zwei Jahren hatte ich ein Dossier eingereicht, um das Zentrum in das Programm des Species Survival Plan aufnehmen zu lassen, das der Internationalen Union für Naturschutz untersteht. Gab es da eine Analogie zu meinem eigenen Leben? Die unvermeidlichen schützenden Drahtzäune um das Gebiet des Zentrums störten mich immer mehr. Ich hatte die Wölfe lieben gelernt durch Alawa, meine Alawa, den Inbegriff einer Wölfin; sie war damals frei, und jedes häusliche Leben, jeder Vogelgesang verstummte, wenn sie sich nachts näherte. Die wichtigste Aufgabe des Zentrums, die Erziehung, genügte mir nicht mehr; ich wollte die Wölfe ihrem innersten Wesen, ihrem natürlichen Raum zurückgeben - der Freiheit. Die Lebenskraft, die ich mir für mich selbst wünschte, sollten auch sie wiederfinden. Und eben diese Rückführung in das freie Leben war das Ziel des Species Survival Plan.

"Soll ich Ihnen dessen Aufgaben erläutern?", fragte ich die Kellnerin, die, ganz Ohr jetzt und voller Respekt, zwei in Fett schwimmende Spiegeleier, ein verkohltes Würstchen und Speck vor mich hinstellte, so dass ich beschloss, doch lieber den Salat zu nehmen, der frisch aussah, obwohl er sicher wie Gummi schmeckte.

Sie nickte.

"Nun, es geht zum Beispiel um den Schutz des sibirischen Tigers oder des Schneeleoparden in Skandinavien."

Sie schien jetzt noch verblüffter. Ich fuhr fort und erklärte ihr, dass die Vertretungen in den USA sich den Schutz des mexikanischen und des roten Wolfs auf die Fahnen geschrieben hatten.

"Der rote Wolf?!" Der Ton meiner Gesprächspartnerin schwankte zwischen Frage und Ausruf.Ehrlich fasziniert, legte sie ihren Lappen weg. Ich hatte dieses Leuchten bereits in den Pupillen der Kinder und der Erwachsenen, die ins Zentrum kamen, bemerkt, wenn sie ihren ersten Wolf erblickten. Und diesen freudigen Schauder, wenn sie mit dem wilden Leben in Berührung kamen. Und jetzt hatte ich einem Wirbelwind gleich die animalische und mythische Welt des Wolfs in dieses Restaurant im Herzen Manhattans gebracht - das Leben, phantastisch und blutig.

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