lauTlos - Schätzing, Frank

Frank Schätzing 

lauTlos

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lauTlos

Am 3.Juni 1999 streckt der serbische Diktator Slobodan Milosevic die Waffen vor den Verbänden der Nato. Der Krieg der Werte scheint gewonnen, der Frieden gesichert. Oder doch nicht? Ein Kommando unter der Leitung der Superterroristin Jana infiltriert den Flughafen Köln/Bonn - wenige Tage bevor die weltpolitische Elite auf dem Gipfel zusammenkommt.
Für wen arbeitet Jana? Was verbirgt sich hinter der unheimlichen Waffe, die YAG genannt wird und einen neuen Krieg heraufbeschwören könnte? Liam O'Connor, Schriftsteller und Physiker, ist zu Besuch in Köln und kommt Jana auf die Spur. Doch wer glaubt schon einem Mann, der zwar für den Nobelpreis nominiert, aber als Playboy und Säufer berüchtigt ist und seine Umwelt mit Vorliebe zum Narren hält?
Während die Vorbereitungen für den Empfang der Staatsgäste auf Hochtouren laufen, beginnt ein atemloses Katz- und Mausspiel zwischen O'Connor und Janas Phantomkommando. Die Katastrophe scheint unausweichlich. Bis die G eschichte eine unerwartete Wendung nimmt, an deren Ende niemand mehr weiß, wer noch Freund und wer schon Feind ist.


Produktinformation

  • Verlag: Emons
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 608 S.
  • Seitenzahl: 608
  • Deutsch
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 782g
  • ISBN-13: 9783897052116
  • ISBN-10: 3897052113
  • Best.Nr.: 09551165
"Nach "Tod und Teufel" und "Die dunkle Seite" erscheint endlich ein neuer Thriller der Premiumklasse des Kölner Autors Frank Schätzing. Sein Hang zur unnachgiebigen Recherche macht "Lautlos" zu einer lesenswerten Momentaufnahme des ausgehenden Jahrhunderts."/"Das Szenario, das Schätzing entwirft, ist eine faszinierende Mischung aus Realität und wirklichkeitsnaher Spekulation. Frank Schätzing zeichnet in seinem flüssig erzählten und fesselnden Roman interessante Charaktere. "Lautlos" ist um Längen besser als die amerikanische Dutzendware, die den deutschen Thrillermarkt überschwemmt. Selbst Autoren wie Grisham oder Turow schreiben nicht besser als Schätzing."/"Intelligenter Thriller über eine Gesellschaft, die per Internet immer mehr erfährt und immer weniger weiß." /"Frank Schätzing kombiniert die Gipfel-Realität brillant mit viel Fantasie und der Möglichkeit des (Un-)Denkbaren. Hochspannend." /"Frank Schätzing ist mit "Lautlos" ein sehr guter, spannender, ja brillanter Kriminalroman gelungen, der auf fast 600 Seiten niemals langweilig wird. Er ist unglaublich intelligent geschrieben, mit vielen kleinen versteckten Gags."/"Die Mischung aus hervorragender Unterhaltung, politischer Message und Aufklärung ist sehr gut gelungen; vor allem die Hauptfigur ist ein Glanzstück." /"Nach seinem Mittelalterkrimi "Tod und Teufel" wagt sich Schätzing nun an einen Stoff, der sich durchaus mit Romanen wie denen von Tom Clancy vergleichen läßt."/"Ein Kölner Autor schickt sich an, den großen Namen im Thriller-Genre Konkurrenz zu machen: Frank Schätzing, der seit seinem Mittelalter-Bestseller "Tod und Teufel" als Geheimtip in der Szene gehandelt wird, hat einen voluminösen Roman vorgelegt, der den Vergleich mit den Werken eines Ken Follett oder Tom Clancy nicht zu scheuen braucht. Mit leichter Hand spinnt Schätzing verschiedene Handlungsstränge, die er zunächst nur locker miteinander verknüpft, um sie bis zum überraschenden Finale grande zu einem festen Strick zu schnüren, der dem Leser fast den Atem raubt. Ein Thriller, den man gelesen haben muß." /"Frank Schätzing hat mit "Lautlos" wieder einmal ein Buch geschrieben, das dem Leser keine Zeit läßt, Atem zu holen."/"Schätzing ist nach wie vor ein brillanter Erzähler. Er entwirft Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Er entsinnt Ereignisse, die den Leser in ihren Bann ziehen. Und er hat sein Erzählhandwerk gelernt bei zahlreichen Suspense-Vorbildern. Vor allem aber schreibt er hinreißende Dialoge, erzeugt Spannung, obwohl doch klar ist, wie die Geschichte ausgehen muss, und führt den Leser von Anfang an dermaßen hinters Licht, dass es schmerzt, wenn am Schluss die letzte Wendung offenbar wird." /"Gute Krimiautoren gibt es hierzulande wahrlich einige, doch im Thriller-Genre benötigt man eine Lupe, um einen Deutschen zu entdecken, der der englischsprachigen Konkurrenz Paroli bieten kann. Frank Schätzing ist solch ein seltener Glücksfall. Schätzing ist mit brillanten Charakterstudien seiner Protagonisten ein großer Wurf gelungen. Die sprachlich anspruchsvolle und zugleich schwerelose Kombination komplexer Fakten, intelligenter Dialoge und dichter Spannung mit einem erschreckend realen Szenario machen "Lautlos" einzigartig innerhalb der deutschen Thriller-Literatur."/"Dieser Thriller ist ein kleines Meisterwerk, brillant geschrieben, meisterhaft aufgebaut und so spannend, dass man tunlichst vom Inhalt dieses 'Gipfelthrillers' nichts verraten sollte."/"Schätzings breit angelegter, fundiert recherchierter Politthriller ist ein tempogeladenes, aktionsreiches und von ständigen Szenenwechseln bestimmtes Katz- und Mausspiel zwischen Gut und Böse. Bestsellerverdächtige Spannungsware, die überall gut einsetzbar ist."/"Die innere Zerrissenheit der nach außen hin so stark anmutenden Charaktere reißt den Leser mit. Gerade die Widersprüchlichkeit ihrer Ideale und Handlungen macht die Figuren im "lautlosen" Thriller so realistisch. Selbst wenn alles erfunden ist, macht gerade die Vorstellung, dass im Verborgenen wirklich solche Terrorpläne geschmiedet hätten werden können, den Charme dieses Buches aus."/"Das sich ein deutscher Autor an solch einen typisch amerikanischen Thrillerstoff macht, ist ungewöhnlich. Dass sich das Ergebnis sehen lassen kann, erst recht. Die Geschichte wird insgesamt frisch, spannend und gelegentlich humorvoll erzählt."/"

»Schätzing ist mit brillanten Charakterstudien seiner Protagonisten ein großer Wurf gelungen. Die sprachlich anspruchsvolle und zugleich schwerelose Kombination komplexer Fakten, intelligenter Dialoge und dichter Spannung mit einem erschreckend realen Szenario machen "Lautlos" einzigartig innerhalb der deutschen Thriller-Literatur.« Hamburger Abendblatt
Frank Schätzing, geboren 1957, lebt gleich mehrere Leben. Als Kreativchef einer Werbeagentur, Musiker und Musikproduzent, begeisterter Hobbykoch und seit Mitte der Neunziger als Schriftsteller. Frank Schätzing gehört zu den erfolgreichsten deutschen Spannungsautoren und lebt und arbeitet in Köln. Er erhielt den KölnLiteraturpreis 2002.

Leseprobe zu "lauTlos" von Frank Schätzing

EINFÜHRUNG

In den neunziger Jahren ist die Welt zweimal mit Krieg konfrontiert worden. 1991 mit dem Krieg am Golf und acht Jahre später mit dem Krieg um das Kosovo.

So jedenfalls stellt es sich in der Erinnerung dar.

Tatsächlich waren in der letzten Dekade des zweiten Jahrtausends weit über hundert Nationen weltweit in kriegerische Aktivitäten verwickelt, starben Millionen Menschen im Zuge bewaffneter Auseinandersetzungen und an den Folgen von Folter und Vertreibung. Die Schauplätze reichten von Ruanda über Tibet und die Kurdengebiete bis nach Tschetschenien und in den Gaza-Streifen. In weiten Teilen Afrikas und Südamerikas forderten Bürgerkriege große Opfer. Dennoch haben nicht diese Konflikte die Frage über die Führbarkeit von Kriegen neu aufgeworfen, sondern das Gerangel eines Despoten um Ölquellen und das eines anderen um ein Stück Land, auf dem vor über sechshundert Jahren ein gewisser Fürst Lazar den Osmanen unterlag.

Wirft man einen Blick auf die rasante Entwicklung der westlichen Medienkultur, wird klar, warum wir die Dinge so sehen. Fernsehen und Internet verschaffen uns Zugriff auf nahezu jede gewünschte Information. Wir können uns nach Belieben mit Daten versorgen und müssen dafür nicht einmal Wartezeiten in Kauf nehmen. Kein Teil der Welt, kein Fachgebiet, keine Intimität bleibt uns verschlossen. Im Gegenzug haben wir unser Urteilsvermögen eingebüßt. Wir bemessen die Wichtigkeit weltweiter Vorgänge daran, wie lange im Fernsehen darüber berichtet wird. Zwei Minuten Tschetschenien, drei Minuten Lokales, eine Minute Kultur, das Wetter. Das Problem ist, dass wir uns angewöhnt haben, dieser medienseits vorgenommenen Wertung blind zu vertrauen. Als Folge unterliegen wir einem Irrtum. Wir verwechseln die Frage, ob eine Sache für uns interessant ist, mit der Frage, ob sie grundsätzlich interessant ist, und lassen diese Frage von den Medien beantworten.

Aus der Sicht des Westens hat es darum tatsächlich nur zwei Kriege gegeben, nämlich jene beiden, die uns zwangsläufig interessieren mussten. Spätestens als Saddam Hussein damit drohte, Kuwaits Ölquellen anzuzünden, ging dieser Krieg jeden etwas an. Fachleute prophezeiten ein globales ökologisches Desaster. Der Regionalkrieg wurde zum Weltkrieg, beherrschte die Medien und die Meinungen.

Weit rätselhafter stellt sich auf den ersten Blick das weltweite Interesse am Schicksal der Kosovo-Albaner dar - vor allem in Amerika, einem Land, in dem kaum jemand die geringste Ahnung haben dürfte, wo das Kosovo überhaupt liegt und warum man sich dort seit Jahren an die Gurgel geht. Hinzu kommt, dass Slobodan Milosevic nicht mal einen souveränen Staat überfallen hatte, sondern sich sozusagen im eigenen Haus herumprügelte. Dass dennoch ein weiterer Weltkrieg daraus wurde -im Sinne eines Krieges, der die ganze Welt beschäftigte und in Atem hielt -, verdankt sich einem neuen Begriff, der klammheimlich Einzug ins Vokabular der Weltpolitik hielt - dem "Krieg der Werte".

Dieser Begriff sorgte für alles Mögliche, nur nicht für Klarheit. Natürlich ist es von großem Wert, Menschenleben zu retten. Fest steht aber auch, dass jede noch so gut gemeinte Hilfsaktion in völlig anderem Licht erscheint, wenn sie stellvertretend für die Machtverhältnisse in der Welt durchgeführt wird. Gelangen wir zu dem Schluss, dass Kriege wieder führbar sind, schließt das auch mit ein, wer diese Kriege führen darf. Nämlich der mit den meisten Waffen und den meisten Werten beziehungsweise dem, was er dafür hält. Ist eine Nato also wertemäßig legitimiert, zu den Waffen zu greifen, hat das weniger mit den tragischen Vorgängen in einem Balkanstaat zu tun als vielmehr damit, wer der Welt zukünftig ihre Werte verordnet und nötigenfalls jedem eins auf den Hut haut, der sie nicht befolgt.

Etwas blauäugig ging der Westen davon aus, diese Idee fände allgemein Akzeptanz. Und dass auch diesmal wieder, ähnlich wie am Golf, eine ganze Welt geschlossen gegen den Erzschurken stünde. Stattdessen lief der Konflikt aus dem Ruder und artete in ein grundsätzliches Kräftemessen aus. Was im Kosovo begonnen hatte, fand sich wieder in den Straßen Pekings, wo amerikanische Flaggen verbrannt wurden, stellte die deutsche Bundesregierung vor tief greifende Verfassungsfragen und manövrierte Russland in eine gefährliche Außenseiterrolle.

Vor all dem saß und sitzt der normale Konsument der Abendnachrichten und sehnt sich im Wunderland globalen Infotainments zurück nach seinem abgeschotteten Tal, nach Überschaubarkeit und Problemen, die er versteht. Unfähig, die Wirklichkeitsschnipsel aus aller Welt ins rechte Verhältnis zu setzen, sucht er sich einen schlichten, kleinen Ausschnitt, um endlich wieder Anteil nehmen zu können, widmet seine ganze Betroffenheit dem einzelnen, im Fernsehen gezeigten Flüchtling, um den es längst schon nicht mehr geht.

Seine Wirklichkeit ist nicht die Wirklichkeit.

Im Juni 1999 erlebte dieser normale Nachrichtenkonsument dann die Kapitulation Milosevics und den Gipfelmarathon in Köln. Der Frieden überstrahlte alles. Der abschließende G-8-Gipfel präsentierte Bilder der Eintracht. Clinton, Jelzin, Schröder, alle schienen sich wieder lieb zu haben. Da die meisten Menschen immer noch nicht so richtig wussten, worum es in dem Krieg überhaupt gegangen war, vertrauten sie auch diesmal den Bildern und gaben sich der Vorstellung hin, einem Film mit Happy End beigewohnt zu haben.

Aber so einfach geht das nicht in einer vernetzten Welt, in der täglich komplexere und abstrusere Interessengeflechte entstehen. Niemand hätte vermutet, dass die Intervention in Jugoslawien Boris Jelzin dazu veranlassen könnte, mit dem dritten Weltkrieg zu drohen. Niemand konnte ahnen, dass die Kosovofrage schon lange vor dem Krieg Kräfte auf den Plan gerufen hatte, die ganz eigene Ziele verfolgten. Im globalen Netzwerk sehen wir nur noch, was passiert. Nicht mehr, worum es geht. Nicht, wer Einfluss nimmt und mit welchen Auswirkungen. Vor diesem Hintergrund haben sich die Ereignisse während des Kölner Gipfels abgespielt, die nicht in die Medien gelangt sind und in den Akten nur als "der Zwischenfall" auftauchen. Dieser "Zwischenfall" hat auf erschreckende Weise deutlich gemacht, welche Gefahren ein globales Dorf bereithält, in dem sich die Bewohner nicht mehr auskennen und selbst die Entscheider jeden Überblick verloren haben. Und dass wir gut beraten sind, unserer Vorstellung der Wirklichkeit mit Skepsis zu begegnen.

In den Zeitungen wird man keinen Hinweis auf den "Zwischenfall" finden. Nichts davon drang damals an die Öffentlichkeit. Ohnehin sind die meisten derer, die direkt darin verwickelt waren, tot, und die Regierungen der beteiligten Länder haben wenig Interesse daran, die Sache publik zu machen.

Weil der "Zwischenfall" in den Medien nicht auftauchte, hat er am Ende gar nicht stattgefunden.

Das ist seine Geschichte.

Eine Gesellschaft, die alles weiß, weiß nichts.

Theodor Adorno Köln-Bonn Airport PHASE 1 1998. 20. NOVEMBER KLOSTER Der alte Mann nahm mit halbem Bewusstsein das Geräusch des Wagens wahr, der sich aus der Ferne näherte. Er starrte hinaus auf die Umrisse der Berge jenseits der baumbewachsenen Hügel, die Hände auf die steinerne Brüstung gestützt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Er hätte nur wenige Schritte nach rechts tun müssen, und der Schatten des mächtigen Giebeldaches über ihm wäre dem warmen Sonnenteppich gewichen, der das Land bis zum Horizont überzog. Es war ein ausnehmend klarer Tag und der Himmel von jenem Blau, das einen den Weltraum erahnen lässt, und trotz der späten Jahreszeit war es warm wie im Juli. Aber der alte Mann zog die Kühle vor. Die Augen unter den weiß durchsetzten Brauen zusammengekniffen, so dass sie im Gewirr der Faltenrisse kaum auszumachen waren, das Kinn vorgereckt, suchte er Distanz zur Schönheit der Landschaft. Die Zeit war noch nicht reif, um die Stufen der alten Klosterkirche hinunterzugehen, dorthin, wo die Stiefelsohlen einen Zentimeter versinken würden im weichen Gras und Erdreich und man Lust bekäme, auszuschreiten zu den so nahen und doch unerreichbar fernen Bergen. Was den Alten interessierte, ließ sich nicht erwandern. Es war noch hinter den Bergen, und es war nicht das Meer und auch nicht ein noch größeres und weiteres Land, sondern eine Vision.

Eine Eidechse flitzte den warmen Stein entlang, passierte die Schattengrenze und näherte sich seinen Fingern. Er hoffte, sie würde darüberlaufen. Als er klein gewesen war, hatte er oft stundenlang darauf gewartet, und einmal war es passiert. Einmal nur, aber seine Geduld hatte sich ausgezahlt.

Der alte Mann seufzte. Wie geduldig würde er diesmal sein müssen? Wie viele Jahre waren noch entbehrlich, um sich in Geduld zu üben?

Er senkte den Blick zu den Flecken auf seinen Handrücken und erschauderte.

Ich bin gar nicht so alt, dachte er. Nicht mal sechzig. Man muss so viele Hände ergreifen, so viele wollen geführt werden. Sie graben dir die Fingernägel ins Fleisch. Sie reißen Stücke aus dir heraus, aus deiner Liebe zu diesem Land, und du gibst mehr, als du bist. Sie nennen dich Führer und teilen dich unter sich auf, wie soll einer da nicht alt aussehen? Und doch geben sie dir zugleich die Kraft, die du brauchst, ihre Blicke brennen sie dir ein, wenn du zu ihnen sprichst, und du weißt, du magst sterben, aber deine Ideen leben in ihnen weiter! Alter ist nicht wichtig. Eine Illusion. Die Ideen zählen, nichts sonst.

Sein Blick suchte die Eidechse. Sie zuckte zurück und verschwand.

Fast ärgerlich registrierte er, dass sich das Motorengeräusch nun vollends des Friedens ringsum bemächtigt hatte und sein Urheber ins Blickfeld geriet. Der Wagen rumpelte die Böschung hinauf und kam unterhalb der Treppe zum Stehen. Einige Sekunden rasselte der Diesel weiter, dann erstarb der Lärm der Maschine und überließ das Land wieder den kleinen und älteren Lauten, auf die der Alte seit dem Morgengrauen gelauscht hatte.

Der Neuankömmling war Anfang vierzig, hochgewachsen, trug borstig geschnittenes Haar, das an den Schläfen zu ergrauen begann, und eine schwarze Lederjacke über verblichenen Jeans. Mit federnden Schritten kam er die Stufen herauf. Der alte Mann drehte ihm den Kopf zu und musterte das ebenmäßig geschnittene Gesicht mit den grünen Augen. Offen, befand er. Beinahe freundlich, aber ohne jede Wärme, ohne Humor. Er wusste sofort, dass der andere miserable Witze erzählen würde, falls er es überhaupt jemals tat.

"Wie soll ich Sie ansprechen?", fragte der Alte.

"Mirko", sagte der Mann und streckte die Hand aus. Der alte Mann starrte eine Sekunde darauf, nahm sie dann und drückte sie.

"Einfach Mirko?"

"Was heißt hier einfach?" Der andere grinste. "Das sind fünf Buchstaben, und sie haben mir verschiedene Male das Leben gerettet. Ich liebe diesen Namen."

Der Alte betrachtete ihn.

"Sie heißen Karel Zeman Drakovic", sagte er nüchtern. "Sie wurden geboren 1956 in..."

"Novi Pazar." Mirko winkte ungeduldig ab. "Und so weiter und so fort. Schön, Sie kennen meine Daten. Ich kenne sie ebenfalls. Wollen wir über was Wichtiges reden?"

Der alte Mann dachte nach.

"Dieses Land ist etwas Wichtiges", sagte er nach einer kurzen Weile des Schweigens. "Können Sie das verstehen?" "Natürlich."

"Nein, können Sie nicht." Der Alte hob einen Zeigefinger. "Wem es gehört, ist wichtig. Das ist überhaupt das Wichtigste, wem was gehört! Kriege, Konflikte, Streitereien, was könnten wir uns alles ersparen, wenn sich nicht ständig jeder bemüßigt fühlte, durch anderer Leute Wohnzimmer zu marschieren!"

Er reckte das Kinn noch weiter vor. "Wissen Sie, was ich sehe, wenn ich auf dieses Land hinausblicke, Mirko Karel Zeman Drakovic? Ich sehe ein Schild mit der Aufschrift >Reserviert<. Und wissen Sie auch, für wen? Für unser Volk, für unsere Leute! Das alles da draußen wurde für uns gemacht. Gott ehrt die Seinen, habe ich Recht? Nun gut, ich bin großzügig und tolerant, also sage ich, jeder mag das Recht für sich in Anspruch nehmen, sein Land zu lieben, aber seines, wohlgemerkt, sein Land! Nicht das Land anderer!"

Mirko zuckte die Achseln.

"Das klingt doch ganz einfach und natürlich, oder?", fuhr der Alte fort. "Ich meine, was tun Sie, wenn Sie ein Haus bauen? Sie leben da mit Ihrer Frau und Ihren Kindern, also was machen Sie? Sie schützen es! Und wenn Sie Fremde darin vorfinden, die sich eingenistet haben, Ihnen den Kühlschrank leer fressen, die Füße auf Ihren Tisch legen und in Ihre sauberen Polster furzen, na, dann schmeißen Sie das Pack eben raus! Kein Richter auf der Welt wird Ihnen das verübeln. Aber in diesem Land soll plötzlich jeder mit am Tisch sitzen dürfen, der sich Minderheit nennt und irgendwas von ethnischer Vielfalt daherfaselt, und wenn die Eigentümer ihr gottgegebenes Recht anmelden, ihn hinauszujagen, werden sie noch von den eigenen Leuten verdroschen, und das nennt sich dann liberal!"

Mirko wandte ihm den Blick zu.

"Wann hätten Sie sich je verdreschen lassen", sagte er. "Eben! Nebenbei, was ist mit Ihnen? Lieben Sie dieses Land?"

"Ich liebe es, über meinen Auftrag zu sprechen." "Ihre Kontaktleute meinten, Sie seien schon so etwas wie ein Patriot. Trotz Ihres." Mirko lächelte höflich.

"Trotz meines Berufs? Sagen wir mal so - ich sehe zu, dass ich mir meinen Patriotismus leisten kann. Im Übrigen, was mir persönlich wichtig ist, dafür kann sich kein anderer was kaufen."

"Sie müssen doch eine Meinung haben."

"Bei allem Respekt, hatten Sie eine, als Sie zum Nationalismus konvertierten?"

Der alte Mann lächelte dünn zurück und trat durch das Portal der Klosterkirche ins Innere.

"Das sehen Sie falsch. Ich war immer auf Seiten derer, denen dieses Land von Gott gegeben wurde. Aber ich glaube auch, dass man sich den Zeitpunkt des Handelns sehr genau aussuchen muss. Man braucht Ansehen, eine gesellschaftliche Stellung, Geld. Ich halte nichts von aus der Gosse gekrochenen Revolutionären, die mit Dreck an den Schuhen zu den Leuten sprechen, das gehört sich einfach nicht, verstehen Sie?"

Drinnen war es kühl und dunkel. Auch hier blieben die Sicherheitsleute, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten, unsichtbar, aber der Alte wusste, dass sie nah genug waren, um seinen Atem spüren zu können.

Sein Leben war ohne menschliche Schutzschilde nicht mehr denkbar. Im Gegensatz zu anderen, denen das nach einiger Zeit auf die Nerven ging, genoss er den Zustand. Jeder einzelne der Männer würde für ihn durchs Feuer gehen, sie waren bis ins Knochenmark geprüft, ihm überschrieben, sein Eigen. Ein Augenzucken von ihm, ein Hauchen, und Mirko würde die nächsten zwei Sekunden nicht überleben.

"Ihnen ist klar, dass mein Name auf keinen Fall auftauchen darf", sagte er beiläufig, während sie die schwarzen Kirchenbänke entlangschritten. "Ich werde Ihnen die benötigten Mittel zur Verfügung stellen, aber ich werde Sie nicht schützen." Er drehte sich um und sah Mirko an. "Anders gesagt, wenn ich Ihr Leben opfern muss, werde ich keine Bedenken haben, es zu tun."

"Natürlich nicht. Wenn ich mir die Frage gestatten darf, haben Sie es vor?"

"Nein. Hätte ich es vor, würde ich nicht davon sprechen. Mir ist bewusst, dass Sie auf unserer Seite stehen, auch wenn Sie mit aller Vehemenz auf Ihre Unabhängigkeit und Neutralität pochen." Der Alte ging ein Stück weiter und blieb vor einer geschnitzten Marienfigur stehen. "Vergessen Sie nicht, dass ich alles über Sie weiß. Vielleicht ein paar Dinge, die selbst Ihnen entgangen sind."

"Ich fühle mich geehrt."

"Das sollten Sie auch. Können Sie den Auftrag erledigen?" "Ja."

"Kein Wenn und Aber?"

"Tausende", erwiderte Mirko. "Machen wir uns nichts vor, die Sache ist beinahe unmöglich. Aber eben nur beinahe. Wenn ich es schaffe, die richtigen Leute zusammenzubekommen."

"Was wird uns der Spaß kosten?"

"Uns?"

"Im Bauch des Trojanischen Pferdes ist für mehr als einen Platz. Ich habe die Elite dieses Landes auf meiner Seite, wir zahlen die Rechnung zusammen oder gar nicht. Also, wie viel?"

Mirko sog an seiner Backe. Sein Blick endete im Leeren.

"Schwer zu sagen. Es gibt kaum Präzedenzfälle, jedenfalls nicht unter den vorgegebenen Bedingungen. Aber ein paar Millionen sollten Sie schon einplanen."

Der Alte breitete die Hände aus.

"Der Herrgott hat's gegeben."

"Ja. Ich weiß aber noch nicht, wer's nehmen wird, und darum auch noch nicht, wie viel. Den Besten hat Frankreich leider einkassiert, er sitzt im Gefängnis."

"Carlos? Wenn schon. Er ist kein Serbe."

"Schon. Aber er hat die Latte ziemlich hoch gelegt. Will sagen, das ist so ungefähr die Liga, von der wir reden."

"Sie haben alle Freiheiten, Mirko. Aber ich bestehe auf einem serbischen Kommando", sagte der Alte mit Entschiedenheit.

"Wir sprechen hier von einer großen patriotischen Geste! Was ist mit Arkan?"

"Der Chef vom Fußball-Club in Prizren?", spöttelte Mirko.

"Wir wissen beide sehr genau, dass er mehr ist", sagte der Alte. "Die ganze Welt kennt Arkan."

"Genau deshalb kommt er nicht in Frage. Wollen Sie nach der Vorstellung Autogramme geben?" Mirko schnaubte geringschätzig. "Vergessen Sie's. Arkan gefällt sich als Medienstar, und er lebt vom Heimspiel. Er ist geschwätzig. Das ist gefährlich in seiner Branche. Eines Tages wird ihn jemand über den Haufen schießen."

"Gut. Suchen wir uns jemand anderen."

"Der Markt gibt längst nicht so viel her, wie Sie denken", sagte Mirko. "Osteuropa hat sich zwar gemacht, seit die Russen wieder Gras fressen, aber der terroristischen Szene dort geht das Moralgebaren ab. Nur, genau so jemanden brauchen wir! Diese alte Klasse, die nicht gleich mit sowjetischen Kofferbomben rumläuft und ganze Stadtteile niederkachelt, sondern wirklich noch den Kopf gebraucht. Wir müssen realistisch sein. Die besten Leute sitzen in Nordirland. Ein komplett serbisches Kommando kann ich Ihnen einfach nicht versprechen."

"Sie enttäuschen mich, Mirko. Sollte es etwas geben, das sich mit Geld nicht ermöglichen ließe?"

"Darum geht es nicht." Mirko lehnte sich an eine der wuchtigen Säulen, die das Mittelschiff von den Seitenkapellen trennten. "Das Problem ist die Qualifikation. Zweitens die Anonymität. Das Gute an Carlos war ja, dass ihn jeder kannte und keiner."

"Ich will auf gar keinen Fall irgendwelche Amerikaner.""Beruhigen Sie sich. Ich habe verstanden, was Sie wollen. Lassen Sie mich ein bisschen das Feld sondieren. Auf jeden Fall garantiere ich Ihrem Unternehmen einen serbischen Kopf!"

Kundenbewertungen zu "lauTlos" von "Frank Schätzing"

17 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.1 von 5 Sterne bei 17 Bewertungen ***** sehr gut)
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Bewertung von Pong Lenis aus Bad Berka am 31.10.2010 ***** ausgezeichnet
Während in Frank Schätzings erstem Roman die Verschwörung von der Natur ausging und die Menschheit bedrohte, hat sie in "Lautlos" einen politischen Hintergrund.
Die Profikillerin Jana wird engagiert, um mit einem Team albanischer Terroristen den amerikanischen Präsidenten während seines Besuchs in Köln zu ermorden. Um die Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen brauch es da schon einen originellen Plan. Den haben die Attentäter mit ihrer hochtechnologischen Geheimwaffe, einem YAG entwickelt.
Durch Zufall wird jedoch der Physiker Liam OConnor, welcher seinem Ruf als Säufer alle Ehre macht, und damit seine Begleiterin in den Wahnsinn treibt, auf die Attentäter aufmerksam. Nur langsam setzt er alle Puzzleteile zusammen, und versucht nun das Attentat zu verhindern. Aber die Zeit ist knapp und er weiß immer noch nicht, wer der Drahtzieher dieser Verschwörung ist...
Nachdem "Der Schwarm" sehr wissenschaftlich gehalten war und sich als mitunter recht langatmig herausstellte, arbeitete Frank Schätzing bei seinem neuen Roman in eine ganz andere Richtung. Politisch thematisiert und actiongeladen, so kann man "Lautlos" wohl am ehesten beschreiben.
Auch wenn immer noch ein wenig Wissenschaft mit reinspielt ( der YAG ist ein Gerät zum wissenschaftlichen Arbeiten) wird der Roman dadurch eher etwas aufgepeppt und erhält einen Hauch Fiktion.
Die Figur des Liam OConnor sticht jedoch besonders aus diesem Werk heraus. Seine verschobene Weltanschauung sowie sein alternatives Auftreten wecken das erste Interesse an der Figur, doch mit der Zeit gibt Herr Schätzing dem Leser zu verstehen, dass hinter dieser Fassade ein überaus intelligenter Mensch steckt, dessen Charakterbild sich vorwiegend aus Aufrichtigkeit und Moral zusammensetzt.
Ein gelungener Roman, der sich auf einem Grat zwischen Realität und Fiktion bewegt und dem Leser eine Fülle an neuen Gedanken und Auffassungen von Welt und Menschheit näherbringt.

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Bewertung von unbekanntem Benutzer aus Augsburg am 11.11.2009 ***** sehr gut
Die Geschichte, auch wenn sie über Terrorismus handelt und somit genau in den Zeitgeist trifft, klingt anfangs etwas abgedroschen, aber durch die detaillierten und liebevoll gezeichneten Charaktere im Buch, die alle ihre Ecken und Kanten haben, und bei weitem nicht so perfekt erscheinen wie in manch anderen Thrillern und Buchreihen (man denke an einen Jack Ryan...), baut sich eine faszinierende und packende Welt auf, die mich an das Buch gefesselt hat.
Zudem ist die Geschichte gut durchdacht, auch wenn das Ende schnell und überraschend kommt, meiner Meinung das einzige, klitzekleine Manko an diesem Buch.

Sehr zu empfehlen!

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Bewertung von Blacky (blacky-book@live.de) am 29.03.2009 ***** ausgezeichnet
Wunderbar geschrieben. Genau so könnte es (gewesen) sein. Sehr spannend

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Bewertung von Blacky (blacky-book@live.de) am 19.02.2009 ***** sehr gut
Wunderbar geschrieben. Genau so könnte es (gewesen) sein. Sehr spannend.

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Bewertung von T. Wilhelm aus Baden-Württemberg am 16.02.2009 ***** weniger gut
Aktuelles Thema des politischen Terrorismus und interessante wissenschafltiche Idee - das verbindet "Den Schwarm" mit "Lautlos". Dieses Buch ist erheblich kürzer, was so manchen Schwarm-Wegleger vielleicht motivieren könnte. Die Handlung ist spannend, wenn auch mit etwas sehr verwirrendem Ende. All das hätte mich noch nicht abgehalten, diesem Buch eine gute Bewertung gewesen, wären die beiden Hauptakteure nicht notorische Alkoholiker. Alkohol - besonders der Rausch bis zum Umfallen - spielt im Leben des Wissenschaftlers und seiner neu dazu gewonnenen Liebhaberin eine so dominante Rolle, dass man sich schon fragen muss, ob Schätzing hier den Bogen nicht überspannt hat. Das Buch wäre ohne Koma-Saufen besser gewesen.

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Bewertung von Sonja aus Windus am 20.01.2009 ***** ausgezeichnet
Ausgezeichnet, wunderbare Dialoge, absolut empfehlenswert!

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Bewertung von Manuel aus Emmerich am 24.03.2008 ***** sehr gut
Sehr gutes Buch, zieht sich trotzdessen teilweise in die länge.

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Bewertung von ads am 21.11.2007 ***** schlecht
ein Glück, dass man kein Freund von Terrorismus sein muss um Gefallen daran zu finden.

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Bewertung von Martin Scheidemann aus Münster am 05.06.2007 ***** sehr gut
Das zweite Buch, nach "Der Schwarm", von F. Schätzing, das ich gelesen habe. Sehr fesselnd und authentisch geschrieben, dass man der Meinung ist genauso hat sich alles abgespielt.

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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 14.05.2007 ***** sehr gut
Sehr spannendes, gut geschriebenes Buch! - Auf jeden Fall zu empfehlen!

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