Küsse in der Moschee - Prasske, Bruni

Bruni Prasske 

Küsse in der Moschee

Mein Wiedersehen mit Isfahan

Gebundenes Buch
 
Führen wir nicht mehr
Nicht lieferbar
14 Angebote ab € 3,21
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Küsse in der Moschee

Eine mitreißende Liebeserklärung an ein faszinierendes Land und seine Menschen.

Sechs Jahre nach Veröffentlichung ihrer Reiseerzählung "Mögen deine Hände niemals schmerzen", die in Deutschland mehr als 200.000 begeisterte Leserinnen fand, ist Bruni Prasske der Sehnsucht ihres Herzens gefolgt und erneut in den Iran gereist. Dabei begegnet sie vor allem Frauen, die trotz der schwierigen politischen Verhältnisse ein erstaunlich modernes und freies Leben führen.

Bruni Prasske landet mit gemischten Gefühlen auf dem Flugplatz von Teheran. Sechs Jahre sind vergangen, seit ihr Bericht über ihre Reise und ihre verbotene Liebe zu einem iranischen Mann in Deutschland erschienen ist.

Wie hat sich das Land unter der ultrakonservativen Regierung von Präsident Ahmadinedshad verändert? Was bedeuten die Veränderungen für den Alltag der Menschen, insbesondere für die Frauen?

Bruni Prasske reist mit wachen Sinnen durch einen Iran, der nur wenig gemein hat mit den Bildern, die wir aus den Medien kennen. Eingebunden in das alltägliche Leben, ist sie mutig genug, sich von einem widersprüchlichen Land berühren und verändern zu lassen. In ihrem neuen spannenden Reisebericht zeigt sie die Zerrissenheit des Landes, in dem rigide Sittenwächter und politische Willkür herrschen, das aber gleichzeitig geprägt ist vom unaufhaltsamen Wandel der letzten Jahre, und dessen Alltag überraschende Freiräume bietet: eine orientalisch überbordende Fülle an Düften, Geräuschen, Gefühlen, die Bruni Prasske mit poetischer Sprache anschaulich beschreibt.

"Eine mutige Reise ins Unbekannte und ein Abenteuer voller überraschender Einblicke und Einsichten!" Hamburger Abendblatt

"Eines wird bei der Lektüre auf den ersten Blick klar: Es ist nicht nur die präzise und zugleich poetische Sprache, die diesen Bericht zu einem Leseerlebnis macht; dahinter steht eine Persönlichkeit, die es überhaupt erst ermöglicht, das zu erleben, was sie so mitreißend schildert. Sie ist keine naive Touristin, sondern eine wachsame Forschungsreisende, unbestechlich in ihrem Blick für die Zerrissenheit der iranischen Kultur und zugleich offen und mutig genug, sich von ihr berühren und verändern zu lassen." Nahost.de

"Die junge Deutsche, gebildet, sportlich, unabhängig und manchmal etwas vorwitzig, reist mit wachem Blick und großem Interesse für das Fremde in dieses Land. Experimentierfreudig, wenn auch nicht ohne Fingerspitzengefühl, tastet sie sich oft an die Grenzen des Möglichen vor!" Berner Zeitung


Produktinformation

  • Verlag: Blanvalet
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 414 S., Farbfotos auf Taf.
  • Seitenzahl: 414
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 705g
  • ISBN-13: 9783764502645
  • ISBN-10: 3764502649
  • Best.Nr.: 20943751
Es gelingt der Autorin auf sehr einfühlsame und fesselnde Weise, ein Bild vom Iran zu vermitteln, das in derzeitigen politischen Debatten oft zu kurz kommt: Ein Bild von den Menschen, ihrem Alltag, ihrem Denken und Fühlen. Deutsche Welle

"Prasskes Motivation ist die Vermittlung von kultureller Vielfalt und menschlicher Einzigartigkeit. Es ist auch die in prägnanten Worten transportierte Toleranz und das Interesse des Irans an Anderen, die das Buch zu einem unspektakulären, aber berührenden Reisebericht ins Innere eines am Ende vertrauten Fremden!"
Bruni Prasske, geboren in Norddeutschland, studierte Interkuturelle Pädagogik, war Sozialarbeiterin in Flüchtlingsunterkünften und wirkte bei Einwanderungsprojekten in den USA mit, bevor sie ihr erstes Buch 'Mögen deine Hände niemals schmerzen' schrieb.

Leseprobe zu "Küsse in der Moschee"

Bitte klicken Sie auf die Navigation oder das Artikelbild, um in Küsse in der Moschee zu blättern!



Leseprobe zu "Küsse in der Moschee" von Bruni Prasske

Bitte anschnallen!

Die Passagiere werden zügig abgefertigt, und viel zu schnell muss auch ich meinen Ausweis vorzeigen. Der Pass ist vor sechs Jahren ausgestellt worden und trägt noch keinen iranischen Stempel. Der Beamte könnte annehmen, es sei meine erste Einreise. Ich versuche mir einzureden, eine normale Touristin zu sein, die sich auf die Sehenswürdigkeiten des Landes freut. Zwar ist der Zeitpunkt für ein derartiges Vorhaben nicht der günstigste, aber immerhin weist mein Visum mich eindeutig als Reisende aus. Ein Blick über die Warteschlangen zeigt, dass keine weiteren Touristen aus Deutschland angekommen sind. Es wird schon nichts schiefgehen! Warum sollte sich die Islamische Republik für mein Buch interessieren? Es ist vor sechs Jahren erschienen, und dass es sich unter Exiliranern großer Beliebtheit erfreut, ist hier sicher nicht bekannt. Die Veröffentlichung und die Presseberichte sind Schnee von gestern, versuche ich mir einzureden.

In den letzten Wochen hatte ich mich mit einigen Irankennern beraten. Einhellig zerstreuten sie meine Bedenken und bestätigten, was ich tief im Innern fühlte: Mir wird nichts passieren! Alle anderen, ob deutsche oder iranische Freunde, Familienangehörige und Bekannte, rieten mir dringend von einer Reise ab. Selbst Farid und Farhad war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, als ich sagte, ich wolle sie und ihr Land nach so vielen Jahren endlich wieder einmal besuchen. Aber derartige Bedenken kenne ich zur Genüge. Immer wenn ich in den Iran reisen möchte, scheint es triftige Gründe zu geben, es lieber nicht zu tun. Beim letzten Mal war es das so genannte Mykonosurteil, mit dem ein deutscher Richter den iranischen Geheimdienst als Drahtzieher eines Attentats in Berlin enttarnt hatte. Damals gab es antideutsche Demonstrationen und diplomatische Verwicklungen, die sogar mstreit, der mein Vorhaben zusätzlich erschwert und mir schlaflose Nächte bereitet. Wir haben den 27. April 2006, und morgen läuft ein Ultimatum des UNO-Sicherheitsrates ab, das den Iran zur Einstellung seiner Urananreicherung auffordert. Das Land und sein neuer Präsident stehen einmal mehr im Blickpunkt des Medieninteresses. Im Flugzeug hatte ich die aktuelle Ausgabe des "stern" gelesen. Das Magazin widmete seine Titelgeschichte dem Land hinter dem Schleier und bot mir eine bildreiche Einstimmung auf mein Reiseziel. Plötzlich muss ich an den deutschen Angler denken, der vor wenigen Monaten in Dubai urlaubte und mit seinem Boot in persische Hoheitsgewässer geraten war. Nach seiner illegalen Grenzüberschreitung war er verhaftet und kürzlich zu achtzehn Monaten Haft verurteilt worden. Seitdem sitzt er in iranischer Gefangenschaft. Die mysteriöse Geschichte regt meine negative Fantasie an: Vielleicht hat das Regime auch an einer deutschen Autorin Interesse! Womöglich nehmen sie deutsche Staatsbürger unter fadenscheinigen Gründen in Haft, um sie im Atomstreit als Faustpfand einzusetzen. Das erscheint mir plötzlich derart naheliegend, dass ich bereits eine Reihe diplomatischer Verwicklungen vor Augen habe. Schließlich bin ich Staatsbürgerin eines Landes, das im Atomstreit die gleiche ablehnende Haltung gegen die iranische Urananreicherung einnimmt wie der UNO-Sicherheitsrat und viele westliche Weltmächte. Nicht zuletzt hat Ahmadineschad mit der Verleugnung des Holocaust eine Position bezogen, die von deutscher Seite unter keinen Umständen akzeptiert werden kann.

Wortlos reiche ich dem Beamten meinen Pass. Er blättert einige Male durch das Dokument, tippt meine Daten in einen Computer und schaut mich an. Ob er meine Anspannung spürt? Ich hätte mein eigenes Buch noch einmal lesen sollen, schießt es mir durch den Kopf. Einige Passagen hatte ich seit der Veröffentlichung nicht mehr zur Hand genommen. Für meine Lesungen wähle ich nur Teilabschnitte des Textes. Wie direkt hatte ich mich gegen die Mullahs geäußert? Ganz sicher sind manche Forplaudieren, dann doch nur, weil ich das herrschende Regime kritisiere! Und meine Liebesgeschichte? Hatte ich nicht in aller Deutlichkeit bestehende moralische Grenzen überschritten?

Welch absurde Fragen ich mir plötzlich stelle!? Zum falschen Zeitpunkt! Viel zu spät! Ich hätte zu Hause bleiben sollen. Meine Freunde hatten Recht.

"Name of your hotel?"

Verdammt! Das hätte ich mir denken können! Wie heißen die teuren Teheraner Hotels, in denen üblicherweise die Ausländer logieren? Warum bin ich nicht vorbereitet!

"I don't know", höre ich mich in beiläufigem Tonfall sagen.

Abwarten!? Oder lieber etwas sagen? Die ahnungslose Touristin spielen? Meine Persischkenntnisse behalte ich vorerst für mich. Er schaut mich immer noch fragend an.

"Entschuldigen Sie bitte, aber ich kenne den Namen des Hotels nicht. Ein Mitarbeiter einer Touristenagentur erwartet mich hier am Flughafen", sage ich auf Englisch.

"Name of the hotel, please."

Ich erinnere mich an den Namen einer Agentur, die mir vorsorglich ein Bekannter genannt hatte. Der Beamte scheint ungeduldig zu werden. Er blättert erneut in meinem Pass, greift dann zu einem Stift und malt ein Zeichen auf mein Visum. Dann reicht er mir den Pass zurück.

Ich atme tief durch. Es geht eine Treppe hoch. Alles sieht so aus, wie ich es in Erinnerung habe. Hier hatte Farhad damals gestanden, um mir beizustehen. Auch der angrenzende Bereich mit den Rollbändern ist unverändert. Schon tauchen die ersten Koffer auf. Jemand bietet mir auf Deutsch einen Gepäckwagen an und lächelt. Die meisten Passagiere sind mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt. Manche wechseln ihre Chipkarten und rufen kurz darauf Begrüßungen in den Hörer. Überrascht beobachte ich die reibungslose Verbindung. Man hatte mir gesagt, es sei kompliziert und kostspielig, ein deutsches Gerät im Iran empfangsbereit zu rschen die gleichen rasanten Entwicklungen wie in Europa, wo gestrige Fakten heute schon ihre Gültigkeit verloren haben. Ich hatte mich eigentlich auf eine Reise ohne ständige Erreichbarkeit eingestellt. Nur heute Abend muss ich den Lieben daheim ganz dringend mitteilen, dass ich unbehelligt einreisen konnte. Eine der wartenden Frauen zieht einen Tschador über ihren Mantel. Der erste Tschador dieser Reise! Ich muss schmunzeln: Iran und der Tschador! Das ist ein Bild, das in den Köpfen der meisten Nichtiraner unabwendbar miteinander verwoben ist. Mir signalisiert das schwarze Tuch den endgültigen Startschuss zu einer besonderen Reise, und ich gebe mich der Vorfreude hin. Ich bin wieder da! Überraschend, fast ungeplant, aus einer Laune heraus, aus Reiselust und Fernweh, aus Neugier und Abenteuerlust. Ich will mich treiben lassen, dem Zufall Raum geben und nicht alle Telefonnummern wählen, die in meinem Notizbuch stehen. In diesem Land konnte ich mich bisher immer auf angenehme Überraschungen verlassen. Hier kann jede Begegnung eine neue Offenbarung bereithalten und jede noch so flüchtige Bekanntschaft der Beginn einer tiefen Nähe sein.

Bis auf meine erste Station bei Farid und Farhad gibt es keinen Reiseplan und keine Verabredungen. Nur zwei junge Frauen wissen von meiner Ankunft. Sahel in Teheran und Mahtab in Maschad. Wir sind uns nie begegnet, aber das Internet hat uns zusammengeführt.

Schon entdecke ich meine Taschen und schiebe meinen Wagen an das Rollband. Als ich mich nach unten beuge, rutscht mein Kopftuch herunter. Ich hatte den schmalen Schal nur leger umgelegt, die "Freiheit" bis an ihre Grenzen ausnutzend. Nun merke ich, dass ich das lässige Tragen erst noch üben muss. Auch mein Mantel ist nach Rücksprache mit Iranreisenden mindestens einen halben Meter kürzer als bei meinem letzten Aufenthalt und wirkt trotzdem übertrieben lang. Im Flugzeug habe ich die anderen Passagiere neugierig beäugt und musste feststellen, dass sich die Kleiderordnung noch mehr liberalisiert hat, als ich für mögnkelansatz verbergende "Mäntel" sind offenbar erlaubt. Die vergangene Chatami-Ära lässt grüßen. Unbehelligt gehe ich an zwei Damen von der Zollkontrolle vorbei. Ein Iranexperte hatte mir versichert, dass Ausländer nicht kontrolliert werden. Die beiden tragen strenge Staatskleidung und lassen kaum eine Haarsträhne hervorblitzen. Ich grüße sie und nehme ihr Lächeln als Willkommensgruß. Nur noch wenige Schritte und das Abenteuer kann beginnen.

In der Menge der Wartenden sehe ich Farhad und Farid hinter der Absperrung stehen. Meine treuen Freunde recken ihre Hälse und entdecken mich erst, als ich den Sicherheitsbereich verlassen habe. Bei meinen vorangegangenen Einreisen war es immer Farhad, der mich in Empfang nahm. Beim ersten Mal, vor vierzehn Jahren, war er noch der fremde Bruder meines Freundes Farid. Nun stehen sie gemeinsam in der erwartungsvollen Menschenmenge und winken mir zu. Farhads Haar ist lichter geworden, und Farids Locken leuchten ergraut über seinem dunklen Gesicht. Seit wann trägt er einen Bart?

"Willkommen", sagen sie wie aus einem Munde.

"Dass du es wirklich geschafft hast! Toll!", sagt Farid mit Erleichterung in der Stimme.

Wir umarmen uns, und ich fühle die alte Vertrautheit. Auch wenn unser Kontakt sich in den letzten Jahren auf wenige Telefonate und Mails beschränkt hat und niemand an ein Wiedersehen im Iran gedacht hat, so weiß ich mich vom ersten Moment an gut aufgehoben.

"Seit wann trägst du einen Bart? Sieht übrigens gut aus. Gefällt mir."

"Findest du? Die ganze Familie beschwert sich schon. Morgen früh muss er ab, sonst bekomme ich Ärger mit Nasrin. Meiner Frau wird es langsam peinlich, mit mir auf die Straße zu gehen. Ich habe ihn deinetwegen wachsen lassen."

rlich gesagt, ich hätte nie gedacht, dass sie dich reinlassen."

"Du willst mich auf den Arm nehmen."

"Bei dem, was du geschrieben hast! Noch deutlicher hättest du dich über die Typen da oben kaum beschweren können. Dass sie dir überhaupt ein Visum gegeben haben, hat mich gewundert. Na ja, und dann dachte ich, das haben sie nur gemacht, um dich herzulocken. Ich hatte ein paar schlaflose Nächte."

"Das tut mir wirklich leid, aber die haben hier doch ganz andere Probleme als das Buch einer deutschen Reisenden."

"Dein Unternehmen war mir jedenfalls nicht ganz geheuer. Bin ich froh, dass alles geklappt hat."

"Mit dem Bart und seiner Verkleidung sieht er aus wie einer von denen", sagt Farhad auf Persisch und deutet auf das locker sitzende Jackett und die weite Hose seines Bruders.

"Und so wolltet ihr mich herausholen?"

"Wir hätten es zumindest versucht. Getarnt als Regierungsanhänger."

"Du hattest schon immer die tollsten Ideen."

Es ist bereits dunkel, als meine Koffer im Wagen landen. Der orangefarbene Alfa Romeo ist 1976 ins Land gekommen und in seiner neuen Heimat leider nicht als Rarität und Liebhaberstück umsorgt worden. Nur mit Mühe kann ich die Beifahrertür schließen.

"Bitte anschnallen", sagt Farhad.

"Was ist denn mit dir los?"

"Auch im Iran wird versucht, gewisse Verkehrsregeln einzuführen."

Der Mechanismus stammt aus der Anfangszeit der Gurtpflicht, als das automatische Auf- und Abrollen noch unbekannt war. Kaum haben wir den Parkplatz verlassen, werden wir auch schon vom einzigartigen Teheraner Verkehr geschluckt. Am Meydan-e Asadi, dem Monument der Freiheit, erschrecke ich asen wir auf sie zu? Im Lärm der Autohupen fühle ich mich gänzlich angekommen in dieser verwirrenden Metropole.

"Hat es hier schon immer so stark nach Abgasen gerochen?"

"Das kommt von unserem Wagen. Irgendetwas funktioniert mit dem Auspuff nicht. Mach das Fenster weiter auf und lass frische Luft herein."

Doch was nun in meine Nase strömt, verschlägt mir erst recht das Atmen. Die Stadt erstickt in den Abgasen aus Hunderttausenden von schrottreifen Kraftfahrzeugen ohne Katalysator, gegen die auch der milde Frühlingswind mit seiner Frische wenig ausrichten kann. Irgendwie chauffiert Farhad uns in den Kreisverkehr und wechselt, unter lautstarker Mithilfe seiner Hupe, von einer der vielen inneren Spuren abrupt in einen Abzweig.

Seit einigen Jahren wohnen meine Freunde nicht mehr im wohlhabenden Norden Teherans, wo die Luft reiner, die Autos moderner, die Damen schicker und das Leben lebenswerter ist. Die angespannte Wirtschaftslage mit steigenden Preisen und der allgegenwärtigen Inflation hat den Lebensstandard meiner Freunde erheblich gesenkt. Sie können sich die teuren Mieten in den bevorzugten Wohnvierteln nicht mehr leisten und sind mit ihrem großen Familienanhang in eine der zahlreichen Vorstädte gezogen. Auf ihre neue Heimat bereiten sie mich mit wenig schmeichelhaften Worten vor. Die Stadt sei quasi aus dem Nichts entstanden. Sie waren damals die ersten Mieter in einem Wohnblock, so erklären sie mir, der in der Einöde stand. Inzwischen gibt es Hunderttausende von Bewohnern aus dem gesamten Iran, die in dem gesichtslosen Ort eine neue Heimat suchen. Aber ich bin nicht in den Iran gekommen, um einen Urlaub in angenehmer Atmosphäre zu verbringen, ich bin froh, bei meinen Freunden zu sein, ganz gleich wo sie wohnen.

Auf der Autobahn geht es ähnlich chaotisch zu wie im Stadtverkehr. Auf der Standspur rast ein Peykan an uns vorbei, pen. Aber mit einem "Alfa Romeo Giulia Nuova" kann man sich eine derartige Beleidigung natürlich nicht gefallen lassen, und so tritt Farhad das Gaspedal durch. Aber der gequälte Motor spielt nicht mit, und wir müssen uns geschlagen geben.

"Oh nein, nicht schon wieder!", ruft er nach einer Weile. Der Wagen wird langsamer, und wir scheren auf die Standspur aus. "Wir haben einen platten Reifen."

In mäßigem Tempo rollen wir weiter und müssen den reißenden Verkehrsfluss nur wenige Zentimeter neben uns vorbeirauschen lassen. Farhad macht keinerlei Anstalten zu halten. Ich bin noch immer mit meiner geglückten Einreise beschäftigt und verschwende keine Gedanken an das bedrohliche Chaos auf der Autobahn. Viele Autos rasen ohne Licht an uns vorbei, und nicht wenige Fahrer leben hier ganz offensichtlich ihre privaten Formel-Eins-Träume aus. Wenn uns Autobusse überholen, werden wir regelrecht durchgeschüttelt. Derweil strömen die Rauchschwaden eines Lkw durchs Fenster herein. Ein Blick in Farids Gesicht verrät mir, dass ihm unsere Lage überhaupt nicht gefällt.

"Einen Ersatzreifen haben wir nicht. Der ist auf der Hinfahrt draufgegangen. Wir haben wirklich Pech. Sonst läuft der Wagen wie geschmiert."

"Wie weit ist es denn?"

"Dreißig Kilometer."

"So weit? Und was machen wir nun?"

"Erst mal weiterfahren. Wir haben keine Wahl."

Auf einem Parkplatz steht ein Polizeiwagen, doch der Beamte weiß auch keinen Rat. Mit unserem platten Reifen schaffen wir es noch einige Kilometer bis zu einer Abfahrt.

"Wäre ziemlich ärgerlich, wenn mir kurz nach der geglückten Einreise bei einem Verkehrsunfall was passiert."

"Habe ich auch schon überlegt", sagt Farid mit einem schiefen Grinsen.

lverschmierter Grube besteht. Einen passenden Reifen gibt es dort nicht, aber der Mechaniker wird das Problem schon irgendwie lösen.

Stunden später kann ich endlich in Deutschland anrufen und meine Gastgeschenke aus der Tasche holen.

"Ich hoffe, du magst sie immer noch gern", sage ich zu Farid und reiche ihm eine Dose Leberwurst.

"Wow! Nasrin, schau mal! Leberwurst. Sosis Dschigar!", sagt er in einer deutsch-persischen Mischung, und plötzlich zeigt er das gleiche jugendliche Funkeln und das gleiche verschmitzte Lächeln wie der Student, den ich vor zwanzig Jahren an der Universität kennen gelernt habe.

"Danke! Das ist so toll! Wahnsinn! Dass du daran gedacht hast! Weißt du, wie lange ich keine deutsche Leberwurst mehr gegessen habe? Siehst du, mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen! Ich kann nicht mehr warten. Nasrin, wo ist der Dosenöffner?"

Kaum ist die Wurst offen, da schnuppert Farid auch schon an dem aufsteigenden Aroma wie andere an einem edlen Parfüm.

"Hier ist noch ein anderer Leckerbissen. Es muss aber unter uns bleiben, dass sie bei dir gelandet ist. Die habe ich selber von einem Reisenden geschenkt bekommen."

"Ich fasse es nicht!"

Aufmerksam liest er jedes einzelne Wort auf der Banderole und lässt es auf der Zunge zergehen.

"Chorizo de Andalucia. Die ist ja echt original."

"Aus Sevilla."

Als er an der spanischen Salami schnuppert, entdecke ich Tränen der Freude in seinen Augen. Spanien war immer sein großer Traum. Das Land, in dem er sich auch als flüchtiger Reisender heimisch gefühlt hat, oftmals heimischer als in Deutschland.

"Chob, gut", sagt Farhad, "dann kümmere ich mich wohl besser um die passenden Getränke."

anschauen.unterm Arm steht er wenig später wieder vor der Tür. Er schneidet einen merkwürdigen Aluminiumbeutel auf, in dem sich Wodka befinden soll. Die 320-ml-Verpackung trägt die appetitliche Aufschrift "Black Death - for Export" und stammt angeblich aus Russland. Farhad schneidet Limonenstücke, und die Männer trinken den Wodka pur und schieben ein Stückchen Chorizo hinterher. Der Nachbar trägt zur Vervollkommnung dieser lustigen Empfangsrunde ein Shirt mit der Aufschrift "Macho". Die Frauen stöbern derweil in der Kosmetik- und Sonnenbrillenauswahl, die ich aus Deutschland für sie mitgebracht habe.

Als Nasrin den Tisch für das Abendessen deckt, haben sich bereits ein Dutzend Gäste eingefunden.

"Extra für dich. Heute morgen ganz frisch geerntet", sagt sie und zeigt auf die Platte mit den frischen Kräutern. Sabsi chordan, darauf hatte ich mich schon lange gefreut. Die wohlschmeckende Kräutermischung darf auf keinem gut gedeckten Tisch fehlen.

"Wir sind alle dicker geworden, und du bist dünner geworden. Das ist gemein. Wie machst du das?", sagt Mithra.

"Ich wiege fast genauso viel wie vorher. Wirklich."

"Aber du siehst schlanker aus."

"Das muss am Sport liegen. Ich bin inzwischen Marathonläuferin."

Darüber wollen die versammelten Damen mehr hören. Sie plagen sich allesamt mit Gewichtsproblemen und fehlender Bewegung. In ihrer Siedlung hat kürzlich ein Sportstudio für Frauen eröffnet, und sie gehen seit zwei Wochen regelmäßig zum Training. Erste Erfolge seien bereits zu erkennen, sagen sie und berichten stolz von gemeinsamen Bauch- und Hüftumfangmessungen vor jeder Aerobic-Stunde. Ihre Trainerin führt ein strenges Protokoll über jeden Zentimeter. Das muss ich mir unbedingt

chen möchte.ebessehnsucht

Mit ihrer letzten Mail vor meiner Ankunft im Iran hatte Sahel ihre Telefonnummer geschickt. Vor mehr als zwei Jahren hatte sie über meine Website Kontakt zu mir aufgenommen. Damals war ich überrascht, eine deutschsprachige Nachricht aus dem Iran zu bekommen. Sie schrieb mir, dass sie in Isfahan "Deutsch als Fremdsprache" studiert habe und in Teheran für eine deutsche Firma als Übersetzerin arbeite. Ihre Heimat hat sie noch nie verlassen und ihre Fremdsprachenkenntnisse an der Universität erlernt. Von einem befreundeten Deutschen hatte sie mein Buch geschenkt bekommen und mir nach der Lektüre spontan geschrieben. Sie war erfreut über meinen Blick auf ihre Heimat und hatte sich sogar dafür bedankt. Sahel ist eine eifrige Mailschreiberin und schickt mir zu allen deutschen Feiertagen spezielle Grußkarten. Erst durch sie habe ich gelernt, dass es sogar Pfingstgrußkarten gibt. Zu ihrem Bedauern konnten wir uns nicht über ihre deutsche Lieblings-Soap "Bianca - Wege zum Glück" austauschen, von der sie keine Folge verpasst hat. Ich bin neugierig auf die junge Frau, die auf Fotos so zerbrechlich wirkt. Als ich ihre Mobilnummer wähle, habe ich sofort Anschluss.

"Sahel?"

"Bruni? Saalaam! Ich habe auf deinen Anruf gewartet. Wo bist du?"

Als ich mich noch darüber wundere, dass sie mich schon beim ersten Wort erkennt, bestürmt sie mich mit weiteren Fragen.

"Wann können wir uns sehen? Wo bist du? Wie geht es dir? Wann bist du angekommen? Wo wohnst du?"

Ich schlage ein Treffen am Park-e Lale in Teheran vor. Dort befindet sich auch das Teppichmuseum, das ich unbedingt besu

izierte und weite Anreise aus der Vorstadt bis ins Teheraner Zentrum, aber ich möchte trotzdem die öffentlichen Verkehrsmittel ausprobieren, über die sich hier alle nur mit Missfallen äußern. Nasrin wartet mit mir am Straßenrand, bis der richtige Bus zur Metrostation auftaucht. Für umgerechnet sieben Cent bekomme ich eine Fahrkarte und glaube zunächst, mich verhört zu haben. Die persischen Zahlen waren schon immer meine Schwäche, aber tatsächlich gibt der Fahrer mir auf meinen Hundert-Tuman-Schein einige Münzen heraus. Ich setze mich auf einen der hinteren Frauenplätze, die durch eine Stange vom vorderen Männerbereich abgetrennt sind. Die Fahrt soll ungefähr eine halbe Stunde dauern, hat Nasrin gesagt. Die Metrostation in Karadsch müsste ich eigentlich wiedererkennen, da wir gestern mit dem Wagen daran vorbeigefahren sind. Zur Sicherheit ruft sie dem Fahrer noch hinterher, dass er mich rechtzeitig rausschicken soll. Zum Abschied winkt sie mir aufmunternd zu. Bei Farid und Nasrin treffe ich mit meinen Unternehmungen auf großes Verständnis. Andere iranische Familien würden ihren Gast garantiert nicht unbegleitet in das unübersichtliche Verkehrschaos entlassen. Aber Farids Familie versteht, dass ich mich allein ins Getümmel stürzen möchte, und sie vertrauen darauf, dass ich auftretende Probleme schon irgendwie meistern werde. Mit den öffentlichen Bussen fahren vorwiegend Leute, die sich eines der ebenfalls günstigen Sammeltaxis nicht leisten können. Die Frauen auf den Nebensitzen schauen mich neugierig an, zwei junge Mädchen tuscheln, aber trauen sich nicht, mich anzusprechen. Auch von der Straße treffen mich überraschte Blicke. Einen derart ungewöhnlichen Fahrgast sieht man hier nicht alle Tage. Es wird höchste Zeit, mich wieder daran zu gewöhnen, als Ausländerin das Interesse der Einheimischen zu wecken. Es ist quasi unmöglich, nicht aufzufallen. Der Bus fährt durch die junge Stadt, die auf der Landkarte in meinem Reiseführer fehlt, obwohl sie mehrere hunderttausend Einwohner zählt. Bisher habe ich mich geografisch an Karadsch orientiert, nzig Kilometer. Karadsch hat sich in den letzten Jahrzehnten von allen iranischen Städten am schnellsten vergrößert. Mit den neu entstandenen Städten Fardis, deren Name im übertragenen Sinne "Paradies" bedeutet, und Marlik wird es sicher eines Tages verschmelzen und sich schließlich mit der vierzehn Millionen Einwohner zählenden Metropole Teheran zu einer der größten Megacitys der Welt vereinen. Vor wenigen Jahren wurden hier noch Obstgärten und Felder bestellt, deren Früchte auf den Märkten der Hauptstadt angeboten wurden. Viele Häuser sind nur halb fertig und warten noch auf einen Außenverputz. Blanke Steine und Stahlträger, die aus nacktem Beton ragen, sowie unvollendete Obergeschosse bieten ein provisorisches und liebloses Bild. Das Fehlen jeglicher Begrünung wirkt auf meinen norddeutschen Blick wie ein Abbild an Trostlosigkeit. Weit und breit gibt es keinen Baum, keinen Strauch und keine Grünfläche. Der Wind wirbelt über den Baulücken lehmfarbenen Staub und Plastikfetzen auf. Es erscheint mir, als würde hier keine Stadtplanung existieren, zumindest keine, die auf die Bedürfnisse der Bewohner nach Freizeitflächen Rücksicht nimmt. Was geschieht mit dem Wissen der vielen Architekten und Stadtplaner des Iran, die sicher nicht weniger engagiert und ideenreich an ein Projekt herangehen würden als andernorts? Offenbar werden ihnen in dieser großen Trabantenstadt keine Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer modernen Ideen geboten. In neueren iranischen Kinoproduktionen werden gern junge Architektinnen gezeigt, die mit einem Schutzhelm über ihrem Kopftuch auf Baustellen die Arbeiter anweisen. Von ihnen ist weit und breit nichts zu sehen. Nicht von ungefähr verbirgt sich hinter der imposantesten Baustelle dieses Stadtteils eine Moschee. An einem Kreisverkehr entsteht ein mächtiges Kuppelgebäude, vor dem Handwerker auf Gerüsten stehen und Bauteile einfügen. Der beeindruckende Rohbau ist gerahmt von zwei halb fertigen Minaretten.

Die Hauptstraße ist belebt, und unser Bus kämpft sich lautstark durch den morgendlichen Verkehr. Staunend beobachte ich hgültigkeit verfügt, um sich hier zu behaupten. Er hat einen Stapel frisches Fladenbrot auf den Gepäckträger geklemmt und hält mit einer Hand eine Blechkanne. Geschäfte reihen sich aneinander, Reklameschilder werben für internationale Produkte, und junge Mädchen in modischer Kleidung setzen bunte Akzente zwischen den vielen Frauen im schwarzen Tschador, die über den Gehweg huschen.

Die Metro von Karadsch nach Teheran, mit Anschluss an das innerstädtische Netz der Metropole, hat Ende der neunziger Jahre ihren Betrieb aufgenommen. In der großzügigen Bahnhofshalle folge ich den anderen Fahrgästen und bekomme mein Ticket für hundert Tuman, was umgerechnet zehn Cent ausmacht. Der Bahnsteig ist bereits mit Wartenden gefüllt. Für alleinreisende Frauen ist der vordere Wagen reserviert. Ich schlendere an den Pendlern vorbei und genieße die Wärme. Für mich sind es die ersten Sonnenstrahlen des Jahres. Der Frühling hatte sich in Deutschland Zeit gelassen, und so liegen fast sieben Monate ohne wärmende Sonne hinter mir. Wie gern würde ich meinen Mantel lüften und meine Beine den wohltuenden Strahlen aussetzen. Am Ende der gemischten Zone finde ich einen Sitzplatz und beobachte die Wartenden. Bei den meisten Fahrgästen handelt es sich um Jugendliche, und damit könnte die Menschenansammlung an dieser Station ein Abbild der iranischen Gesellschaft sein: Der Altersdurchschnitt liegt bei unter vierundzwanzig Jahren und gehört damit zu den niedrigsten der Welt. Siebzig Prozent der Iranerinnen und Iraner sind unter fünfundzwanzig Jahre alt. Es war Ayatollah Chomeini, der während des achtjährigen Krieges gegen den Irak, ab 1980, die Bevölkerung anregte, einen steten Nachwuchs von Gotteskriegern zu gewährleisten. Es kam zu einer wahren Bevölkerungsexplosion, mit der sich innerhalb eines Vierteljahrhunderts die Einwohnerzahl auf knapp siebzig Millionen Menschen verdoppelt hat.Ein junges Paar weckt meine Neugier.

14 Marktplatz-Angebote für "Küsse in der Moschee" ab EUR 3,21

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
leichte Gebrauchsspuren 3,21 2,10 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Banküberweisung moosbrugger21 98,4% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 4,10 1,90 sofortueberweisung.de, Banküberweisung Seconhandbücher 98,6% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 5,00 2,50 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Selbstabholung und Barzahlung primobuch 100,0% ansehen
wie neu 5,95 2,00 offene Rechnung Antiquariat Frankenthal 100,0% ansehen
6,00 3,00 Banküberweisung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) Seitenvogel Antiquariat 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 6,48 2,45 PayPal, offene Rechnung, Banküberweisung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) weltdesbuches.d e 98,7% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 6,95 1,90 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Buchrausch 99,6% ansehen
6,95 2,00 offene Rechnung Davids Antiquariat + catch-a-book 99,3% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 7,50 0,00 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Bücherkrake 99,0% ansehen
7,95 2,00 offene Rechnung Davids Antiquariat + catch-a-book 99,3% ansehen
wie neu 8,00 2,00 Banküberweisung Hillauer 100,0% ansehen
8,95 2,00 offene Rechnung Davids Antiquariat + catch-a-book 99,3% ansehen
Mit leichten äußeren Lagerspuren, daher 9,95 3,00 offene Rechnung Bücher Thöne 99,6% ansehen
gebraucht; sehr gut 11,90 2,00 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, offene Rechnung, Banküberweisung Antiquariat Kisch & Co. 99,8% ansehen
Mehr von