Kreuzblume - Schacht, Andrea

Andrea Schacht 

Kreuzblume

Historischer Roman

Gebundenes Buch
 
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Kreuzblume

Seit 1560 ruht die Baustelle, doch nun, an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, soll der Dom zu Köln vollendet werden. Die Baupläne der Zwillingstürme sind jedoch verschollen, und nach dem Willen mächtiger Männer soll dies auch so bleiben. Aber Antonia, deren Leben mit den alten Zeichnungen eng verwoben ist, überlebt mit Mut, Klugheit und Energie die Wirren der napoleonischen Zeit und entdeckt dabei nicht nur die Baupläne des Doms, sondern findet auch die Liebe ihres Lebens...

Eine mutige junge Frau löst das Rätsel um die verschwundenen Baupläne des Kölner Doms.

Seit 1560 ruht die Baustelle, doch nun, an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, soll der Dom zu Köln vollendet werden. Die Baupläne der Zwillingstürme sind jedoch verschollen, und nach dem Willen mächtiger Männer soll dies auch so bleiben. Aber Antonia, deren Leben mit den alten Zeichnungen eng verwoben ist, überlebt mit Mut, Klugheit und Energie die Wirren der napoleonischen Zeit und entdeckt dabei nicht nur die Baupläne des Doms, sondern findet auch die Liebe ihres Lebens...

Antonia wächst als Junge verkleidet in der chaotischen Zeit der napoleonischen Kriege auf. Erst mit dem Tod ihrer Ziehmutter in der Schlacht von Jena erfährt sie ihre wahre Herkunft. Auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter zieht sie nach Köln. David, ein junger Leutnant, dem sie das Leben gerettet hat, gibt ihr den entscheidenden Hinweis. Sie findet ein neues Heim im Haus des Domherrn Hermann von Waldegg und begegnet hier dem ehemaligen Kettensträfling Cornelius, der sanften Bürgerstochter Susanne und der intriganten Gesellschaftsdame Charlotte.

Während Antonia zur eigenwilligen jungen Dame der Gesellschaft heranreift, drängt es sie, die Geschichte der Mutter und das Schicksal ihres Vaters zu erfahren - nicht ahnend, wie eng beide mit den verschollenen Plänen der Westfront des Kölner Doms verknüpft sind. Unwissentlich gerät Antonia in einen Strudel aus Korruption, Verrat und Intrige. Und an einen mächtigen Feind - Jakobiner und Stadtmagistrat Kay Friedrich Kormann, dem der Dom als Symbol des finsteren Mittelalters gilt und dessen Fertigstellung er mit allen Mitteln verhindern will. Notfalls auch mit einem Mord...

"Der historische Roman boomt! Und endlich stößt man auf Frauen, die mehr sind als schmuckes Beiwerk im opulenten Historiengemälde. - Jetzt ist Schluss mit der Omnipotenz großer Männer, zumindest in der Welt des historischen Romans. Denn die Hauptkäuferschicht des Erfolgsgenres sind Frauen über 30, und die haben sich offenbar satt gelesen am großspurigen Gebaren alter Haudegen. Sie identifizieren sich lieber mit Heldinnen aus der Vergangenheit."
Brigitte

"Andrea Schacht ist ein weiteres lesenswertes Buch gelungen!"
ZDF

"Lesenswert! Die Figuren werden liebevoll entwickelt, und es wird richtig spannend."
Kölnische Rundschau


Produktinformation

  • Verlag: Blanvalet
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 732 S.
  • Seitenzahl: 732
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 850g
  • ISBN-13: 9783764502201
  • ISBN-10: 3764502207
  • Best.Nr.: 20943436
»Antonias Schicksal im Schatten des Doms und die vielfältigen menschlichen Umtriebe rund um Macht und Ansehen machen es schwer, dieses Buch wieder aus der Hand zu legen.« Wiener Journal

"Der historische Roman boomt! Und endlich stößt man auf Frauen, die mehr sind als schmuckes Beiwerk im opulenten Historiengemälde. - Jetzt ist Schluss mit der Omnipotenz großer Männer, zumindest in der Welt des historischen Romans. Denn die Hauptkäuferschicht des Erfolgsgenres sind Frauen über 30, und die haben sich offenbar satt gelesen am großspurigen Gebaren alter Haudegen. Sie identifizieren sich lieber mit Heldinnen aus der Vergangenheit."

"Mit 'Kreuzblume' ist Andrea Schacht ein Highlight unter den historischen Romanen geglückt. ... Ein historischer Roman mit einem wunderbaren Einblick in die damalige Gesellschaft. Ein Buch mit Historie, Intrigen, Verrat, Bestechung und natürlich Spannung. 736 Seiten versprechen 736 Seiten Lesespaß!"
Andrea Schacht, Jg. 1956, war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin in der Industrie und als Unternehmensberaterin tätig, hat dann aber dem seit Jugendtagen gehegten Wunsch nachgegeben, Schriftstellerin zu werden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Bad Godesberg. Neben erfolgreichen historischen Romanen hat sie etliche Bücher veröffentlicht, in denen Katzen eine Hauptrolle spielen.

Leseprobe zu "Kreuzblume"

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Leseprobe zu "Kreuzblume" von Andrea Schacht

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Leseprobe zu "Kreuzblume" von Andrea Schacht

"Schon wieder Wasserspeier", maulte Johannes und sah seinen Vater, den Dombaumeister Arnold, trotzig an. "Wasserspeier und Laubfriese und Laubfriese und Wasserspeier. Sie wiederholen sich ständig. Das muss man doch nicht in jeder Einzelheit zeichnen?"

Meister Arnold, ein behäbiger Mann in einem abgewetzten Lederwams, dem man den ständigen Aufenthalt auf der Baustelle ansah, erklärte seinem Sohn geduldig: "Nein, wir Bauleute brauchen nur eine Werkzeichnung, mein Junge. Wir wissen ja, nach welchem Prinzip das große Werk errichtet wird. Aber dieser Plan", er wies auf die vielen zusammengehefteten Pergamente hin, die auf dem Tisch in der Dombauhütte ausgebreitet lagen, "dient ja nicht den Baumeistern und Maurern zur Hilfe, sondern soll den geringeren Geistern einen Eindruck vermitteln, wie gewaltig einst die Kathedrale wirken wird. Sie, die von den Gesetzen der Harmonie, die der Geometria innewohnen, nichts verstehen, benötigen einen Gesamteindruck der Fassade und der beiden Türme."

Er stach den Zirkel in das Pergament, um die Grundlinie für einen Vierpass im Maßwerk eines Fensters zu ziehen. Sein Sohn gab ein belustigtes Schnauben von sich. Despektierliche Äußerungen bekam er häufiger von dem Dombaumeister zu hören.

"So haltet Ihr die Domherren für geringe Geister, Herr Vater?"

"An Erkenntnis wohl, nicht an Geschäftstüchtigkeit. Das Domkapitel will etwas zum Vorzeigen haben, wenn sie um Spenden für den Bau bitten. Wir, Johannes, wollen den Dom bauen. Also widmest du dich weiter Wasserspeiern und Laubfriesen."

"Aber wenigstens eine der beiden Kreuzblumen lasst Ihr mich zeichnen, Herr Vater. Bitte!"

"Na gut, eine der Kreuzblumen! Aber bedenke, mein Junge, der Bau ist ein Werk, das über viele Generationen hinweg erst vollendet wird. Wir beide werden es nicht mehr erleben, dass sie ihren Platz auf dem Turmhelm finden."

Wie lange es wirklich dauern würde, ahnten weder Meister Arnold noch sein Sohn, der später sein Nachfolger werden sollte.

Der Fassadenriss der beiden Türme aber diente immer wieder genau dem Zweck, zu dem er so sorgfältig auf dauerhaftes Pergament gezeichnet wurde. Allerdings gab es eine Zeit, da verschwand dieser wunderbare Plan aus der Geschichte. Erst ein geradezu unwahrscheinlicher Zufall brachte ihn zum rechten Zeitpunkt wieder ans Licht und ließ ihn in die richtigen Hände gelangen.

Pulverdampf

Wenn meine Mutter hexen könnt',

Da müßt' sie mit dem Regiment,

Nach Frankreich, überall mit hin,

Und wär' die Marketenderin.

Volkslied

Antonias erste Eindrücke von der Welt bestanden aus Wärme, dem Geruch von Kohlsuppe, dem Geschmack von Honigmilch, den weichen Strichen einer Bürste, mit der ihre blonden Locken entwirrt wurden, dem leisen, liebevollen Summen ihrer Mutter, wenn sie an ihrem Bettchen saß, und dem rauen, polternden Lachen ihres Vaters, der sie oft genug fröhlich durch die Luft schwenkte. Sie war ein glückliches Kind, und einzig ihre beiden älteren Brüder bereiteten ihr gelegentlich Verdruss. Nicht weil sie hässlich zu ihr gewesen wären, sondern weil sie noch nicht an ihren aufregenden Spielen teilnehmen konnte. Noch waren ihre Beine zu kurz, um mit ihnen im Paradeschritt mitzuhalten, wenn sie mit ihren Holzgewehren auf und ab marschierten oder sich wilde Gefechte mit den anderen Gassenbuben lieferten. Zum Trost nahm die Mutter sie an schönen Sommertagen mit auf den Markt, wo sie hinter dem Stand in einem Laufställchen spielen, von den süßen Beeren naschen oder gar an einem Orangeschnitz lutschen durfte. Sie liebte die Geschäftigkeit, das Feilschen und gutmütige Schimpfen, die streunenden Hunde, den Werber mit seiner Trommel, der den jungen Männern eine ruhmvolle Soldatenkarriere versprach, die kichernden Wäschermädchen mit ihren schweren Körben, die Pferdefuhrwerke, die vorbeirumpelten. Weniger liebte sie die hübschen Kleidchen, in die ihre Mutter sie steckte, und die bunten Schleifen in ihrem Haar, oder wenn die anderen Frauen sie ein niedliches Püppchen nannten und ihr über den Kopf strichen. Zum beständigen Leidwesen der Mutter hatte sie immer wieder Flecken auf dem Rock, baumelten die Haarbänder gleich wieder unordentlich an ihren Zöpfchen, und meist war ihr Gesicht mit irgendetwas verschmiert.

Die Schelte fiel nie besonders ernsthaft aus. Zu sehr liebte Elisabeth, die Marktfrau, ihre kleine Tochter - ihr Wunschkind.

Auch Wilhelm, der Vater, war ihr auf das Innigste zugetan, und Antonia erwiderte diese Liebe. Er war ein ansehnliches Mannsbild in seinem roten Rock mit den weißen Aufschlägen, den engen Lederhosen und schwarzen Gamaschen. Schnell hatte sie gelernt, dass er zu den "Roten Funken" gehörte, den Stadtsoldaten, deren Aufgabe es war, in den Türmen an den Toren der Mauer zu wachen, damit nichts Böses oder Fremdes von draußen in die Stadt eindrang.

Ihre Welt war heil und überwiegend sonnig - bis kurz vor ihrem vierten Geburtstag. An einem Nachmittag im September fand sie ihre Mutter weinend in der Stube sitzen. Jupp und Franz, die neunjährigen Zwillinge, jedoch starrten mit aufgeregtem Glitzern in den Augen den Vater an, der seine Hand auf Elisabeths Schulter gelegt hatte.

"Ich will dich auch nicht verlassen, Elisabeth, aber wir sind nach Mainz abkommandiert, um uns dort dem kaiserlichen Heer anzuschließen. Die Franzosen rücken näher, und Köln ist nicht zu halten."

"Aber was wird aus mir und den Kindern, Wilhelm, wenn die Franzosen die Stadt besetzen?"

Ihr Vater sah ebenfalls unglücklich drein, fand Antonia, als er seinen Blick über sie und die beiden Jungen schweifen ließ.

"Es wird keine Kämpfe geben", versuchte er ihr zu versichern.

"Nein, aber Plünderungen und Schlimmeres."

Antonia verstand nicht, was ihre Eltern bedrückte, aber eines war auch ihr ganz klar - etwas Entscheidendes war geschehen, und nichts würde mehr so sein, wie es einmal war.

Einige Tage später spürte sie am eigenen Leib die Auswirkungen, und es wäre unwahr zu behaupten, dass sie sich darüber grämte, als ihre Mutter ihre Zöpfe abschnitt und ihr Jungenkleider anzog, obwohl sie dabei Tränen in den Augen hatte.

"Du bist nun unser dritter Sohn, Toni", sagte Elisabeth und nahm ihre Tochter zwischen die Knie. "Das wird besser sein und weniger Probleme bereiten. Ein rechter Wildfang bist du ja schon."

"Warum, Mama?"

"Weil wir mit Papa mitziehen werden. In einem zweispännigen Wagen. Wir werden in einem Zelt wohnen, dort, wo er Lager macht, und ich werde meine Waren an die Soldaten verkaufen. Ich habe eine Lizenz als Marketenderin bekommen."

"Wird das wie ein Ausflug sein?"

"Ja, so etwas Ähnliches. Nur wird es wohl ein wenig länger dauern, als unsere kleinen Reisen nach Deutz hinüber."

"Aber wir kommen zurück, ja?"

"Ja, wir kommen zurück."

"Bald?"

"Kind, das weiß ich nicht."

"Du bist traurig deswegen."

"Ja, Toni. Ich bin traurig. Ich liebe diese Stadt, und ich verlasse sie nicht gerne. Aber ich liebe deinen Papa weit mehr, und darum gehen wir mit ihm."

"Darf ich ein Schießgewehr haben, wie Jupp und Franz?"

"Nein. Aber du sollst jetzt eine heiße Honigmilch bekommen."

Das tröstete Antonia - von nun an für lange Jahre Toni - über vieles hinweg.

Am 5. Oktober 1794 verließen die Stadtsoldaten Köln und wurden zur "Kaiserlich-Königlich Stadt-Köllnischen Kreis Contingent Division".

Bevor der schwere Marketenderwagen aus dem Stadttor rollte, sah Toni sich noch einmal um und nahm Abschied von dem riesigen, düsteren Gebilde, das dort, seit sie denken konnte, am Rhein kauerte, und das sie immer mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Grauen betrachtet hatte. Der hohe Dom zu Köln stellte wahrhaftig keinen schönen Anblick dar.

Die Reise hingegen bereitete ihr Vergnügen. Noch war das Herbstwetter angenehm, die Sonne wärmte sie, Äpfel hingen an den Bäumen, süße Trauben reiften im Überfluss. Die Soldaten, die mit ihnen zogen, waren übermütiger Laune. Zumindest Pitter Stammel und Stephan Schäfer, die oft neben ihrem Wagen marschierten. Sie waren mit sechzehn und siebzehn die jüngsten Mitglieder der Truppe, und die mütterliche Elisabeth fühlte sich berufen, ihnen ihre besondere Fürsorge angedeihen zu lassen - sehr zur Freude ihrer Kinder. Denn Pitter war der Regimentspfeifer und Stephan der Tambour. Trommeln und fröhliche Liedchen begleiteten sie auf dem Weg nach Süden.

Aber dann wurde das Wetter schlechter und die Lager unbequemer. Sie erreichten in jenem bitterkalten Winter die Festung Mainz, die von den Franzosen belagert wurde. Doch die Waffen ruhten, denn der Rhein war zugefroren, und die Armeen - die österreichische und die französische, lagen in ihren Quartieren. Schreckliche Gerüchte erreichten die eintreffenden Kölner. Im belagerten Mainz grassierten Krankheit und Hunger, der Typhus forderte seine Opfer, und hin und wieder zogen Wagen mit jämmerlich aussehenden Kranken an ihnen vorbei. Dann, am

15. Februar, ereilte schließlich Corporal Wilhelm Dahmen der Befehl, mit seinen Männern über den Rhein zu setzen und den Mainzern Verstärkung zu bringen.

Toni litt unter Frostbeulen und lernte erstmals in ihrem Leben Hunger kennen. Ihre Mutter war nur noch selten fröhlich, und auch als der Frühling endlich anbrach, blieb sie bedrückt. Hin und wieder nur erhielten sie kleine Botschaften aus der belagerten Stadt, aber wenigstens schienen Wilhelm, Peter und Stephan zu überleben. Ihre Zeit verbrachte Elisabeth damit, immer neue Versorgungsquellen zu erkunden, und oft nahm sie Toni auf ihre Streifzüge über das Land mit. Erst im Sommer besserte sich die Lage, das Essen wurde reichhaltiger und abwechslungsreicher, die Krankheiten gingen zurück.

Im Oktober erlebte Toni ihre erste Schlacht. Von Weitem natürlich, denn ihr Lager befand sich außerhalb der Kampflinien. Österreichische Truppen stürmten Mainz, und die Franzosen flohen. Der Geruch von Pulver und Brand wehte zu ihnen, und die aufpeitschende Musik der Spielleute vermischte sich mit den Schüssen und dem Schreien der Männer. Es dauerte einen halben Tag, dann brachten sie Wilhelm auf einer Trage zum Marketenderzelt zurück, und Toni sah ihre Mutter blass werden. Er hatte eine Schusswunde in der linken Schulter erhalten, und der Feldscher wollte ihn, nachdem er die Kugel entfernt hatte, ins Lazarett einweisen. Elisabeth, inzwischen gut vertraut mit den unsäglichen Zuständen dort, fuhr ihn an wie eine Tigerin. Einige Tage später ließen sie sich in einem Dorf auf hessischem Gebiet nieder, wo sie eine kleine Kate bezogen. Hier pflegte Elisabeth ihren Mann gesund.

Toni lernte Verbände wickeln, den Geruch von Krankheit, Blut, Eiter und Fieberschweiß ertragen, half ihrem Vater, Suppe zu löffeln und seine Kissen zu richten. Mit Elisabeth lernte sie beten. Vor allem zur heiligen Ursula, von der ihre Mutter ein kleines Bildchen besaß. Eine eigenwillige Frömmigkeit wurde ihr damit beigebracht. Bestimmte Gebete kannte sie inzwischen auswendig, plapperte sie nach und glaubte fest daran, damit die Heilige bewegen zu können, ihren Vater zu heilen. Ob es nun diese Bitten waren oder die Natur ihren Lauf nahm - Wilhelm genas langsam, und als es ihm besser ging, brachte er Toni das Stricken bei. Im Juni des nächsten Jahres war er so weit gesundet, dass er wieder seinen Dienst antreten konnte.

Elisabeth befüllte ihren Marketenderwagen und zog mit Mann und Kindern Richtung Mainz, das aufs Neue umkämpft wurde. Tonis Erinnerungen an diese Zeit wurden für immer beherrscht von dem Geruch nach beißendem Pulverdampf, Pferden, Schweiß und Blut. Raue Stimmen, die Befehle brüllten oder vor Schmerzen schrien, Trommeln und Pfeifen, die zum Kampf riefen, manchmal wilder Gesang und das Wiehern der Pferde. Geschützfeuer konnte sie von Gewehrsalven unterscheiden, Mörser von Kanonen. Jupp und Franz, jetzt alt genug, um sich nützlich zu machen, waren Pferdeburschen geworden und gebärdeten sich, wenn sie denn gelegentlich bei Elisabeth vorbeikamen, wie harte Männer. Toni wäre ihnen gerne gefolgt, aber ihre Mutter hatte es ihr strikt verboten. So half sie ihr beim Zubereiten der Mahlzeiten, strickte Strümpfe und schnappte von den anderen Lagerbewohnern die seltsamsten Kenntnisse auf. Häufig begegneten sie Emigranten aus Frankreich, die vor der Revolution geflohen waren und nun auf Seiten der Österreicher und Deutschen kämpften. Ihre Sprache lernte sie genauso leicht wie die Grundlagen des Rechnens und des Feilschens. Lesen brachte ihr Elisabeth anhand eines kleinen Breviers mit Heiligengeschichten bei, und als Toni auch diese Kunst bewältig hatte, war sie beständig auf der Suche nach Lektüre.

Im Grunde war ihr Leben von ständiger Unsicherheit geprägt, von Gefahren und Not, von Gewalt und Kampf um sie herum, und dennoch gelang es ihrer Mutter - und ihrem Vater, wann immer er Zeit für sie erübrigen konnte -, ihr einen festen Halt in dieser chaotischen, von Aufruhr und Umsturz bestimmten Zeit zu geben. Ihre wichtigste Erfahrung aus der wirren Welt ihrer Kindheit war die, dass man aus jeder noch so verfahrenen Situation etwas machen konnte - wenn man es nur wollte.

Der Mann am Pranger

Ah! ça ira, ça ira, ça ira!

Les aristocrates à la lanterne.

Lied der französischen Revolution

Er hatte seinen Blick dem Dom zugewandt, aber er sah ihn nicht. Höllisch schmerzte ihn die linke Schulter, in die ihm der Scharfrichter das glühende F gebrannt hatte. Die Arme hatten sie ihm hinten um den Pfahl geschlossen, und weitere drei Stunden musste er nun noch auf dem Prangergerüst ausharren. Dabei konnte er von Glück sagen, dass er sich nicht allzu viele Feinde gemacht hatte. Bisher war niemand auf die Idee gekommen, ihn mit stinkendem Unrat zu bewerfen. Nur mitleidige Blicke oder höhnische Bemerkungen hatte er zu hören bekommen. Vor allem seine ehemaligen Kommilitonen ließen es sich nicht nehmen, an ihm vorbeizuflanieren.

Cornelius versuchte, sie zu ignorieren. Er war sich seiner Schande nur zu bewusst. Vor drei Jahren hatte man ihn der Universität verwiesen. Er hatte den Fehler begangen, sich mit der Frau eines Professors einzulassen. Es war entdeckt worden, und mit seiner trotzigen Haltung machte er alles nur schlimmer. Doch war er nicht unglücklich gewesen, das Studium aufgeben zu müssen. Der Theologie, so hatte sein Vater verlangt, sollte er sich widmen, um der Familientradition folgend die geistliche Laufbahn einzuschlagen. Aber weder fühlte Cornelius sich zur Religion hingezogen noch zu den kirchlichen Ämtern. Obwohl sie einem jüngeren Sohn gewisse Annehmlichkeiten verschafften. Die Revolution, die Frankreich erschütterte und nun ihre Wirkung auch in Köln entfaltete, hatte indessen sowieso alles geändert. Die Geistlichkeit war ihrer reichen Pfründe verlustig gegangen, sie erhielten keine Sonderrechte mehr, keine lukrativen Anstellungen. Ja, es war sogar verboten, die Religion öffentlich zu praktizieren.

Dennoch ergab sich ein großer Nachteil aus dem Abbruch seiner akademischen Ausbildung, denn er hatte damit den Zorn seines Vaters auf sich gezogen. Der strich ihm seine Apanage und wies ihn kurz und bündig an, er möge gefälligst selbst für seinen Unterhalt sorgen. Das wäre vermutlich nicht allzu unbequem gewesen, hätte doch sein Pate, Hermann von Waldegg, sogar ein gewisses Verständnis für sein Handeln aufbringen können und ihn weiterhin unterstützt. Nur - der Domkapitular weilte zu jener Zeit zusammen mit der hohen Geistlichkeit in Arnsberg, wohin die Domschätze kurz vor dem Einmarsch der Franzosen verbracht worden waren, um sie vor den erwarteten Plünderungen zu schützen. Cornelius fand sich mit zwanzig Jahren auf sich selbst gestellt. Findig wie er war, tat sich ihm ein Weg auf, diese Selbstständigkeit auszubauen - leider einer, der ihn ins Unglück führte. Durch Vermittlung eines Freundes begann er eine Lehre als Buchdrucker bei dem Verlag Lumscher auf dem Heumarkt. Daran fand er sogar Gefallen, vor allem die Holz- und Kupferdruck-Technik hatte es ihm angetan. Doch der Lohn, den er als Lehrling, später als Geselle erhielt, war mehr als dürftig und nicht dazu angetan, ihm seinen gewohnten Lebensstil zu finanzieren. Er besserte ihn auf ungewöhnliche Weise auf - er spielte Karten. Und zwar gut. Sein präziser, mathematisch geprägter Verstand, seine leidenschaftslose Haltung zum Spiel und seine beherrschte Miene machten ihn oft zum Gewinner. Aber die kleinen Beträge, die er Studenten oder Reisenden abnahm, reichten noch immer nicht. Er lernte von einem Franzosen, einem professionellen Spieler, wie man mit gezinkten Karten die Gewinnchancen erhöhen konnte. Gewitzt, wie er war, erschienen ihm die Methoden des Abschleifens und Einknickens der Karten zu primitiv. Lumscher stellte - nicht unter seinem Namen, aber als gewinnträchtiges Nebenprodukt - auch Spielkarten her, und hier fand Cornelius die perfekte Form, sich Kartendecks zu verschaffen, die nur für ihn sichtbare Zeichen auf der Rückseite trugen.

Vor zwei Monaten hatte er einmal zu oft gewonnen.

Man hatte ihn des Falschspiels überführt und angeklagt. Das F auf seiner Schulter würde ihn sein Leben lang daran erinnern, wie leichtsinnig er gewesen war.

Ein sehr junges Mädchen in einem hellen, mit Blumen bestickten Kleid und einer Strohschute auf den goldblonden Locken schlenderte vor dem Domportal vorbei und blieb, die Augen nach oben gewandt, stehen. Ein hübsches Ding, dachte Cornelius und bemühte sich, so unscheinbar wie möglich zu werden, um nicht ihr Augenmerk auf sich zu lenken. Trotz aller Schmach und Schande, trotz aller Schmerzen und allen körperlichen Elends - hübschen Mädchen wollte er lieber gefallen, als von ihnen verachtet zu werden.

Es gelang ihm nicht. Sie drehte sich um und starrte ihn mit großen Augen an. Dann kam sie langsam näher. Neugier spiegelte sich in ihrem Gesicht, als sie ihn aufmerksam musterte.Cornelius war ein ansehnlicher junger Mann, groß und hager, doch hielt er sich aufrecht und hatte breite Schultern. Sein Haar trug er seit Langem kurz geschnitten, des Zopfes hatte er sich schon früh entledigt. Jetzt fielen seine dunkelbraunen, fast schwarzen Haare ungekämmt auf seine Schultern. Sein Gesicht war es allerdings, das die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf sich zog. Denn die Laune der Natur wollte es, das sich seine rechte Braue höher wölbte, als die linke, der nämliche Mundwinkel sich aber ein wenig mehr nach unten zog als der andere, und selbst die Nase neigte sich eine Idee weiter nach rechts, sodass er von der einen Seite betrachtet wie ein gut aussehender, aber gelangweilter junger Mann aussah, von der anderen Seite jedoch einen reichlich sardonischen Ausdruck zeigte. Janusköpfig hatte man ihn oft genannt, nach dem römischen Gott der zwei Gesichter.

Leseprobe zu "Kreuzblume" von Andrea Schacht

Toni, der Trossbub
1790-1807

Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Zeit.
Goethe

Der Plan des Meisters

Der hohe Dom zu Köln! Der Meister, der's entwarf, Baut' es nicht aus und starb; Niemand mocht sich getraun Seitdem ihn auszubaun, Den hohen Dom zu Köln!
Der Dom zu Köln, Rückert

»Schon wieder Wasserspeier«, maulte Johannes und sah seinen Vater, den Dombaumeister Arnold, trotzig an. »Wasserspeier und Laubfriese und Laubfriese und Wasserspeier. Sie wiederholen sich ständig. Das muss man doch nicht in jeder Einzelheit zeichnen?«
Meister Arnold, ein behäbiger Mann in einem abgewetzten Lederwams, dem man den ständigen Aufenthalt auf der Baustelle ansah, erklärte seinem Sohn geduldig: »Nein, wir Bauleute brauchen nur eine Werkzeichnung, mein Junge. Wir wissen ja, nach welchem Prinzip das große Werk errichtet wird. Aber dieser Plan«, er wies auf die vielen zusammengehefteten Pergamente hin, die auf dem Tisch in der Dombauhütte ausgebreitet lagen, »dient ja nicht den Baumeistern und Maurern zur Hilfe, sondern soll den geringeren Geistern einen Eindruck vermitteln, wie gewaltig einst die Kathedrale wirken wird. Sie, die von den Gesetzen der Harmonie, die der Geometria innewohnen, nichts verstehen, benötigen einen Gesamteindruck der Fassade und der beiden Türme.«
Er stach den Zirkel in das Pergament, um die Grundlinie für einen Vierpass im Maßwerk eines Fensters zu ziehen. Sein Sohn gab ein belustigtes Schnauben von sich. Despektierliche Äußerungen bekam er häufiger von dem Dombaumeister zu hören.
»So haltet Ihr die Domherren für geringe Geister, Herr Vater?«
»An Erkenntnis wohl, nicht an Geschäftstüchtigkeit. Das Domkapitel will etwas zum Vorzeigen haben, wenn sie um Spenden für den Bau bitten. Wir, Johannes, wollen den Dom bauen. Also widmest du dich weiter Wasserspeiern und Laubfriesen.«
»Aber wenigstens eine der beiden Kreuzblumen lasst Ihr mich zeichnen, Herr Vater. Bitte!«
»Na gut, eine der Kreuzblumen! Aber bedenke, mein Junge, der Bau ist ein Werk, das über viele Generationen hinweg erst vollendet wird. Wir beide werden es nicht mehr erleben, dass sie ihren Platz auf dem Turmhelm finden.«

Wie lange es wirklich dauern würde, ahnten weder Meister Arnold noch sein Sohn, der später sein Nachfolger werden sollte.
Der Fassadenriss der beiden Türme aber diente immer wieder genau dem Zweck, zu dem er so sorgfältig auf dauerhaftes Pergament gezeichnet wurde. Allerdings gab es eine Zeit, da verschwand dieser wunderbare Plan aus der Geschichte. Erst ein geradezu unwahrscheinlicher Zufall brachte ihn zum rechten Zeitpunkt wieder ans Licht und ließ ihn in die richtigen Hände gelangen.

Pulverdampf

Wenn meine Mutter hexen könnt', Da müßt' sie mit dem Regiment, Nach Frankreich, überall mit hin, Und war' die Marketenderin.
Volkslied

Antonias erste Eindrücke von der Welt bestanden aus Wärme, dem Geruch von Kohlsuppe, dem Geschmack von Honigmilch, den weichen Strichen einer Bürste, mit der ihre blonden Locken entwirrt wurden, dem leisen, liebevollen Summen ihrer Mutter, wenn sie an ihrem Bettchen saß, und dem rauen, polternden Lachen ihres Vaters, der sie oft genug fröhlich durch die Luft schwenkte. Sie war ein glückliches Kind, und einzig ihre beiden älteren Brüder bereiteten ihr gelegentlich Verdruss. Nicht weil sie hässlich zu ihr gewesen wären, sondern weil sie noch nicht an ihren aufregenden Spielen teilnehmen konnte. Noch waren ihre Beine zu kurz, um mit ihnen im Paradeschritt mitzuhalten, wenn sie mit ihren Holzgewehren auf und ab marschierten oder sich wilde Gefechte mit den anderen Gassenbuben lieferten. Zum Trost nahm die Mutter sie an schönen Sommertagen mit auf den Markt, wo sie hinter dem Stand in einem Laufställchen spielen, von den süßen Beeren naschen oder gar an einem Orangeschnitz lutschen durfte. Sie liebte die Geschäftigkeit, das Feilschen und gutmütige Schimpfen, die streunenden Hunde, den Werber mit seiner Trommel, der den jungen Männern eine ruhmvolle Soldatenkarriere versprach, die kichernden Wäschermädchen mit ihren schweren Körben, die Pferdefuhrwerke, die vorbeirumpelten. Weniger liebte sie die hübschen Kleidchen, in die ihre Mutter sie steckte, und die bunten Schleifen in ihrem Haar, oder wenn die anderen Frauen sie ein niedliches Püppchen nannten und ihr über den Kopf strichen. Zum beständigen Leidwesen der Mutter hatte sie immer wieder Flecken auf dem Rock, baumelten die Haarbänder gleich wieder unordentlich an ihren Zöpfchen, und meist war ihr Gesicht mit irgendetwas verschmiert.
Die Schelte fiel nie besonders ernsthaft aus. Zu sehr liebte Elisabeth, die Marktfrau, ihre kleine Tochter - ihr Wunschkind.
Auch Wilhelm, der Vater, war ihr auf das Innigste zugetan, und Antonia erwiderte diese Liebe. Er war ein ansehnliches Mannsbild in seinem roten Rock mit den weißen Aufschlägen, den engen Lederhosen und schwarzen Gamaschen. Schnell hatte sie gelernt, dass er zu den »Roten Funken« gehörte, den Stadtsoldaten, deren Aufgabe es war, in den Türmen an den Toren der Mauer zu wachen, damit nichts Böses oder Fremdes von draußen in die Stadt eindrang.
Ihre Welt war heil und überwiegend sonnig - bis kurz vor ihrem vierten Geburtstag. An einem Nachmittag im September fand sie ihre Mutter weinend in der Stube sitzen. Jupp und Franz, die neunjährigen Zwillinge, jedoch starrten mit aufgeregtem Glitzern in den Augen den Vater an, der seine Hand auf Elisabeths Schulter gelegt hatte.
»Ich will dich auch nicht verlassen, Elisabeth, aber wir sind nach Mainz abkommandiert, um uns dort dem kaiserlichen Heer anzuschließen. Die Franzosen rücken näher, und Köln ist nicht zu halten.«
»Aber was wird aus mir und den Kindern, Wilhelm, wenn die Franzosen die Stadt besetzen?«
Ihr Vater sah ebenfalls unglücklich drein, fand Antonia, als er seinen Blick über sie und die beiden Jungen schweifen ließ.
»Es wird keine Kämpfe geben«, versuchte er ihr zu versichern.
»Nein, aber Plünderungen und Schlimmeres.«
Antonia verstand nicht, was ihre Eltern bedrückte, aber eines war auch ihr ganz klar - etwas Entscheidendes war geschehen, und nichts würde mehr so sein, wie es einmal war.

Einige Tage später spürte sie am eigenen Leib die Auswirkungen, und es wäre unwahr zu behaupten, dass sie sich darüber grämte, als ihre Mutter ihre Zöpfe abschnitt und ihr Jungenkleider anzog, obwohl sie dabei Tränen in den Augen hatte.
»Du bist nun unser dritter Sohn, Toni«, sagte Elisabeth und nahm ihre Tochter zwischen die Knie. »Das wird besser sein und weniger Probleme bereiten.

Kundenbewertungen zu "Kreuzblume" von "Andrea Schacht"

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Bewertung von haraldconny aus großenlüder am 06.05.2010 ***** ausgezeichnet
das schicksal einer mutigen jungen frau in einer dramatischen epoche. und die fesselnde geschichte der zeitweilig verschwundenen baupläne des kölner doms !

die junge antonia wächst in den wirren der napoleonischen kriege als tochter einer marketenderin auf. erst nach dem tot der mutter erfährt die 14- jährige , das sie das leibliche kind einer kölner nonne ist . sie macht sich auf die suche nach ihren eltern - und stellt dabei verblüft fest das ihr leben und jener menschen , die ihr nahe stehen , eng mit dem mitteralterlichen baupläne des kölner doms verschworen sind . immer tiefer gerät antonia in einen strudel von intriegen und verbrechen , bis sie selbst die pläne schließlich wieder entdeckt - und dabei auch die liebe ihres lebens findet...

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Bewertung von Tobias aus Memmingen am 29.07.2007 ***** ausgezeichnet
Ein spannender und fessender Roman über die Zeit des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts im zerstückelten deutschen Reich. Farbenprächtig erzählt Andrea Schacht die Geschichte der jungen Antonia auf der Suche nach ihrer Herkunft! Gut eingebunden ist auch das Verschwinden und Wiederautauchen der Kölnerdombaupläne. Wem die Päpstin und die Wanderhure gefallen haben wird auch dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen können.

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