Kommunismus als Religion - Ryklin, Mikhail

Mikhail Ryklin 

Kommunismus als Religion

Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution

Übersetzer: Uffelmann, Dirk; Uffelmann, Elena
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Kommunismus als Religion

Die Bolschewiki inspirierte der Glaube eine Art weltliche Religion an die Möglichkeit einer radikalen Umgestaltung der rückständigen bäuerlichen Gesellschaft. Von Anfang an erklärten sie der Orthodoxie den unversöhnlichen Krieg, installierten ein System von kommunistischen Riten und betrieben eine effektive Propaganda der Errungenschaften des neuen Regimes. Zentrum des sowjetischen Kultus wurde das Leninmausoleum: dort liegt bis zum heutigen Tag der einbalsamierte Leichnam des toten Parteiführers.
In den dreißiger Jahren kommt es zu seiner Vergöttlichung, wird im Recht die "Schuldvermutung" eingeführt, in der Kunst ein einheitlicher Stil (der Sozialistische Realismus) verordnet und der Sowjetpatriotismus eingepflanzt.
Keine weltliche Religion des 20. Jahrhunderts kann sich in ihrer Anziehungskraft für die Intellektuellen mit der kommunistischen (Raymond Aron nannte sie das "Opium für die Intellektuellen") vergleichen. Die Gründe dieser Verzauberung zu klären ist die wichtigste Aufgabe des Buches. Was am ursprünglichen revolutionären Glauben und seiner Kultur erschien Walter Benjamin, André Gide, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht und vielen anderen als ungewöhnlich wertvoll und sogar einzigartig?
Mikhail Ryklin zeichnet die Konturen des kommnistischens Glaubens, die Funktionsweise des Kommunismus als Religion nach.


Produktinformation

  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 116mm x 19mm
  • Gewicht: 198g
  • ISBN-13: 9783458710103
  • ISBN-10: 3458710108
  • Best.Nr.: 23309497
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.09.2008

Der Kopf in der Schachtel
Michael Ryklin versteht den Kommunismus als Religion
Da gibt es diese Schachtel in „Barton Fink”, einer „rabenschwarzen Komödie” von Joel und Ethan Coen, wie Filmkritiker das gerne nennen. Diese Schachtel wird dem Titelhelden, dem Drehbuchautor Barton Fink, von einem jener einfachen Menschen anvertraut, für die Finks Herz schlägt. Doch der „einfache Mensch” ist nichts als ein Wunschbild. Der Versicherungsvertreter entpuppt sich als Serienkiller, dem Fink die eigenen Eltern ausgeliefert hat. Und in der Schachtel, die Fink ständig mit sich herumschleppt, ist der Kopf einer Toten. Der einfache Mensch hat die Vorliebe, seine Opfer zu enthaupten.
„Barton Fink” gilt als schonungslose Abrechnung mit Hollywood. Michail Ryklin liest den Film politisch, als „gnadenlose Satire” auf die Revolutionsphantasien der westlichen Intellektuellen. Wie Barton Fink irrten sie als „Touristen mit einer Schreibmaschine” durchs vergangene Jahrhundert, voller Träume von einer besseren Welt und ahnungslos, was in der wirklichen Welt vor sich geht. Das Zeitalter der Extreme, eine rabenschwarze Komödie.
Ryklin ist einer der …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Sowohl Gerd Koenens als auch Michail Ryklins Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, die jetzt in Buchform vorliegen, gründen laut Ulrich M. Schmid auf persönlicher Betroffenheit. Der Historiker Koenen war als Student überzeugter Kommunist, wandte sich nach Verhängung des Kriegsrechts in Polen entschieden davon ab und gilt heute als "einer der profiliertesten" Kenner des Kommunismus, erklärt der Rezensent. Der Philosoph Ryklin dagegen hat als einer der ersten Poststrukturalisten unter den Repressionen des Sowjetsystems zu leiden gehabt, so Schmid weiter. Koenen stellt den Niedergang des Kommunismus der Kapitalismuskrise im Zeitalter der Globalisierung gegenüber, Ryklin dagegen betrachtet die kommunistische Ideologie als Religion und zieht Parallelen zur Situation im heutigen Russland, stellt der Rezensent fest. Beiden Büchern attestiert er überzeugendes Fachwissen und wertet sie als je etwas unterschiedlich gelagerte Abrechnung mit einer Ideologie, die negative Auswirkungen auf Leben und Werdegang ihrer Verfasser gehabt hat.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Michail Ryklins philosophisch-essayistisches Buch legt die religiösen Strukturen des Kommunismus und seine ambivalente Auswirkung auf Intellektuelle vielschichtig und anschaulich dar, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Indem Ryklin bewusst auf den Anspruch verzichtet, erschöpfende Erklärungen zu liefern, umgeht er sowohl die Gefahr grober Vereinfachungen als auch textferner Spekulationen. Wie der Band beweist, lassen sich durch die konsequente Konzentration auf das gewählte Textkorpus facettenreiche und ausdifferenzierte Kurzporträts entfalten, die darüber hinaus durchweg gut lesbar sind. Kurz – eine äußerst bereichernde Lektüre!" <br />Katharina Bauer KULT_online

»Ryklins bedeutsamer und eindrucksvoller Essay unterzieht die Texte einiger Moskaupilger wie André Gide, Arthur Koestler, Lion Feuchtwanger und Walter Benjamin einer erneuten Lektüre, um die Tiefenwirkung des kommunistischen Glaubens zu ermitteln. Gewiss ist der Verweis auf die politische Religion nicht neu. Aber Ryklin vermag im Detail nachzuzeichnen, wie das Opium gewirkt hat, obgleich die Jünger glaubten, sie hätten die Droge längst hinter sich. Der doktrinäre Atheismus gehörte zum Kern der kommunistischen Ideologie. In dem Maße wurde sie zur Religion, in dem sie sich als Antireligion gerierte. Auf ihren Fahnen stand die Erschaffung eines neuen Menschen und einer paradiesischen Gemeinschaft. Für dieses Fernziel war alles erlaubt. ... Der Albtraum des Totalitarismus ist, so Ryklin, keineswegs zu Ende.«
Michail Ryklin, 1948 geboren, arbeitet am Institut für Philosopie an der Akademie der Wissenschaften in Moskau. 2007 erschien der Essay Mit dem Recht des Stärkeren (es 2474), für den er mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2007 ausgezeichnet wurde.

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