Leseprobe zu "Komm, lass uns radeln" von Anne Weyl
0 5 . 0 8 . – 0 6 . 0 8 . 2 0 0 9 (S. 180-182)
Übernachtung in Backnang oder Wer am meisten Bändchen hat!
Die Einfahrt in Backnang empfinden wir als sehr schön. Überall stehen Fachwerkhäuser in verschiedenen bunten, aber nicht zu knalligen Farben. Ich bemerke, dass sich viele Radler bewundernd umsehen. Da dieser anstrengende Fahrradtag sich dem Ende zuneigt, bin ich froh, dass ich bald eine Dusche aufsuchen werde, um mich wieder in einen Menschen zu verwandeln. Auch wenn mir das Radeln immer leichter fällt, möchte ich abends nichts anderes als Duschen und mich umziehen.
Doch dann: Peng! Harry hat mal wieder ein Foto von mir gemacht, von dem ich schon weiß, dass ich mir darauf nicht gefalle! Warum eigentlich legt er immer die Momente fest, in denen fotografiert wird? Und später kann ich die Fotos, die mir unangenehm sind, nicht mal aussortieren. Dann heißt es immer: »Steh doch dazu! Sei doch nicht eitel! Es war anstrengend und das darf man ruhig sehen. Das ist authentisch!« Ich werde mit Harald demnächst ein Abkommen treffen: Die Fotos einer jeden Person unterliegt einem Persönlichkeitsrecht. Jeder darf selbst entscheiden, ob es in den Papierkorb wandert oder ob man es der Ehrlichkeit wegen zeigen muss! Ich muss das gleich heute Abend ansprechen.
Doch während ich meinen Gedanken nachhänge, verliere ich Harald wieder. Das ist nämlich auch so etwas: Sobald ich den Weg suche, ist Harald weg. Leider ist Orientierung nicht immer meine Stärke, wenn ich keinen Plan zur Hand habe. Mit Plan geht es – ober ohne ist es immer wieder eine Herausforderung für mich. Die Beschilderung zum Zeltplatz ist schlecht und ich drehe einige unnötige Schleifen in dem Stadtverkehr. Das Schöne ist, dass sich zwei »Suchende« finden.
Harry, der eigentlich einen sehr guten Orientierungssinn hat, sucht nämlich auch. Nicht nur den Zeltplatz, sondern auch mich, wie ich seinem Gesichtsausdruck entnehme. »Ich habe dich auf dem Handy angerufen!«, wettert er. »Entschuldigung, dass ich nicht einhändig fahre, in diesem Gewühl!«, antworte ich, »Mein Handy ist im Rucksack und bei der Musik höre ich nichts!« Beide müssen wir lachen: ›Tour de Ländle‹ ist eben nichts für moderne Verständigung via Handy. Eigentlich hatten wir das beide in Filderstadt festgestellt. Deswegen konzentrieren wir uns auf das wirklich Wichtige: Das Suchen des Zeltplatzes, um nach einem anstrengenden Tag eine Dusche und einen Schlafplatz zu haben. Der Zeltplatz in Backnang befindet sich in sengender Sonne.
Da wir auf dem Weg nach Backnang ein wenig trödeln, kommen wir erst an, als die Claims schon verteilt sind. Einmal mehr muss ich an die Chuckwagons denken, mit denen in Kanada, Australien oder Amerika im vorletzten Jahrhundert Rennen veranstaltet wurden, um das Land an die Sieger zu verteilen. Der Zeltplatz in Backnang liegt weit entfernt vom eigentlichen Ziel und Festplatz, der im Wald auf einer Anhöhe aufgebaut ist – wie wir auch diesmal erst am nächsten Tag feststellen sollten.
Zumindest grenzt der Zeltplatz an ein Freibad und die Sonne gibt weiterhin ihr Bestes. Ins Wasser zu springen erfrischt nach einem Fahrradtag immens – das ist ein ähnliches Gefühl wie der Genuss des ersten großen Getränks nach einem Tourtag. Nach dem Bad im kühlen Nass legen wir uns an den Beckenrand und versuchen, zu schlafen. Ich schlafe tief und fest, bis mich das fachmännische Gespräch zweier Männer aufweckt, die immer lauter darüber debattieren, wer die wenigste Netto-Radelzeit am Tage benötigt hat, wer die schnellste Geschwindigkeit aufweisen kann und wer als Erster am Zeltplatz aufgetaucht ist.
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