 | Besprechung von 18.08.2008 |
KalorienhaltigAls Film wäre dieses Buch ein Musical. Überdimensionierte Glastüren gleiten seitlich aus dem Blickfeld hinaus wie der Vorhang einer Bühne. Es beginnt eine reichlich absurde Shopping-Center-Choreographie: Von links überholt ein "Hybridgefährt aus Rennauto und Einkaufswagen", rauscht vorbei an einem strammen Wald von Dosen in die "schockgefrorene Glashausarktis aus dichtgeschichteten Nahrungsziegeln". Und während vor der Tür die Gedanken des Obdachlosen Anton darum kreisen, warum seine Gedanken immer im Kreis gehen, kreisen drinnen die Gedanken des einen um die Frage, was man ohne Aufwärmen essen kann, die des anderen um die unappetitliche Operation seiner krebskranken Ehefrau. Doris versucht, sich mit Hilfe ihrer Kalorientabellen "alltagstauglich zuzurüsten", und die PR-Beraterin Luise singt sich ihre persönliche Ballade von der sexuellen Hörigkeit in Endlosschleife vor. Als Morgan zu einem Hindernislauf durch die Regalschneisen des Produkt-Dickichts aufbricht, ruft der erfolglose Lokalreporter Erich in heller Begeisterung den Angriff der Islamisten aus. "Kollateralschaden", der dritte Roman der Grazer Autorin Olga Flor, beschreibt den …
Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension
Katrin Hillgruber rät zum Supermarktroman der Grazerin Olga Flor, die zur Blauen Stunde zwischen halb fünf und halb sechs ein Ensemble an beschädigten Prototypen, von der jungen Mutter über den Penner bis zur Rechtsaußenpolitikerin, in einer Kaufhalle aufeinander treffen lässt, wobei es die "typische österreichische Unerbittlichkeit" gebietet, die Versammlung nicht ohne einen ebenso banalen wie tragischen Todesfall wieder aufzulösen. Die Rezensentin lobt die virtuose dramaturgische Anlage, in dem sich die Reaktionen des Romanpersonals in der jeweils anderen Figur brechen. Das ergibt eine heitere wie böse Groteske, die dennoch ihre "realistische Grundhaltung" nicht aufgibt.
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 | Besprechung |
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(c) bunkverlag
Spätnachmittags im Supermarkt. Es treten auf: der schwer pubertierende Mo. Der Rentner Horst, dessen Frau gerade ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die rechtspopulistische Politikerin Luise. Zombies allesamt, getrieben von lächerlichen Begierden, von Hass, von Unsicherheit. Bis irgendwann eine Bombe explodiert (oder die Protagonisten die Explosion zumindest herbeisehnen), bis Blut fließt und sich das letzte bisschen Ordnung auflöst. Die Grazerin Olga Flor hat ihren Roman "Kollateralschaden" typisch österreichisch als Sprachspiel aufgebaut. Geschildert wird jegliches Geschehen in den 60 Minuten zwischen halb fünf und halb sechs - und zwar enervierend genau, jeweils drei bis vier Seiten pro Minute. Während dieser Schwundkapitel wechselt Flor virtuos die Perspektiven, durch die unablässigen Sprünge zwischen den Figuren entsteht ein filmischer Sog, der "Kollateralschaden" trotz der schwer zugänglichen Schreibhaltung extrem spannend macht. Das Grundproblem des Romans wird damit freilich nicht einmal angetastet: Flor nimmt an, dass der Supermarkt eine Art Mikrokosmos darstellt. Weswegen sich aber unterschiedlichste Gesellschaftsgruppen, von der Politikerin bis zum Sozialfall, gleichzeitig im gleichen Vorstadtmarkt einfinden sollten, das erklärt sie nicht. (fis)
"Ein formal trockenes Experiment, eine gut gemeinte Sozialanklage - das alles hätte leicht aus dieser Konstruktion werden können, wenn da nicht Olga Flors großes Erzählgeschick wäre, das 'Kollateralschaden' zu einer höchst erfreulichen Lektüre macht." Rainer Moritz, Die Presse, 15.08.08 "Dass es keinen Balzac des Einzelhandels braucht, um diesen Stoff zur tiefgründigen Gesellschaftsgroteske zu machen, beweist die österreichische Schriftstellerin mit einem Werk solider Klugheit. (...) Spätestens mit ihrem jetzigen dritten Roman ist Olga Flor als hochbegabte Spezialistin für soziale Lagen ausgewiesen." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 09.09.08 "Eine Entdeckung: Eine großartige Parabel auf das geordnete und manipulierte, überaus leicht störbare und vollkommen überforderte Leben, das wir führen, auf unsere Ängste und Träume... Ein glänzendes Stück Literatur." Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 18.09.08 ""Kollateralschalden" (ist) zu den erfreulichen Hervorbringungen dises Literatur-Herbstes zu zählen." Klaus Nüchtern, Literaturen, 10/08 "Bereits mit ihrem Debüt "Erlkönig" sowie mit dem klaustrophobischen Alpendrama "Talschluss" hatte sich Olga Flor als Virtuosin des Ensemble- und Familiendramas erwiesen. Bei ihr verbindet sich der emotionslos sezierende Blick der Naturwissenschaftlerin mit dem Talent zur dramaturgisch breit angelegten Groteske. Hinzu kommt eine typisch österreichische Unerbittlichkeit, die durchaus an Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek erinnert." Katrin Hillgruber, Frankfurter Rundschau, 14.10.2008
Olga Flor, geboren 1968 in Wien. Lebt als Mutter zweier Kinder in Graz. Seit Abschluss des Physikstudiums Arbeit in den Bereichen Konzeption, Design und Produktion multimedialer Lernprogramme. Veröffentlichungen von Prosa und dramatischen Texten in Literaturzeitschriften und im ORF. Einladung zur Werkstattlesung anlässlich des von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preises 2001. Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2001.
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