Leseprobe zu "Klang ist Leben" von Daniel Barenboim
Prélude
DIE TAKTE, MIT DENEN EIN KONZERT eröffnet wird, sind im Vorteil gegenüber Zeilen wie den folgenden, die ein Buch einleiten. Man könnte sagen, dass der Klang an sich gegenüber dem Wort privilegiert ist. Der Text eines Buchs ist aus den gleichen Wörtern komponiert, die wir Tag für Tag verwenden, um etwas zu erklären oder zu beschreiben, um zu fragen, zu streiten, zu bitten oder zu loben, um die Wahrheit zu sagen oder eine Lüge zu erzählen. Unsere Gedanken nehmen in Wörtern Gestalt an, deswegen konkurrieren die Wörter, die auf einer Druckseite stehen, mit denen, die wir im Kopf haben. Musik dagegen vermag, gerade wegen ihres ambivalenten Charakters, eine viel größere Menge von Assoziationen heraufzubeschwören und sich ihrer zu bedienen; sie existiert sowohl in der Welt als auch außerhalb von ihr.
Heutzutage zeichnet Musik sich durch kakofonische Allgegenwärtigkeit aus, sie ist ständig um uns, in Restaurants, in Flughafengebäuden und an ähnlichen Orten. Doch ist es gerade diese Omnipräsenz, die das größte Hindernis für ihre Integration in unsere Gesellschaft darstellt. In keiner Schule würde man jemals den Sprach-, Mathematik- oder Geschichtsunterricht vom Lehrplan absetzen, doch die Beschäftigung mit Musik, die so viele Aspekte dieser Fächer in sich einschließt und sogar zu ihrem besseren Verständnis beitragen kann, wird oft vollkommen vernachlässigt.
Das vorliegende Buch ist weder für Musiker gedacht noch für Nichtmusiker, sondern vielmehr für alle, die etwas erfahren wollen über die Analogien von Musik und Leben - die all das entdecken wollen, was sich nur dem verständig lauschenden Ohr erschließt. Eine solche Erweiterung des Wissens ist nicht ausschließlich den talentiertesten Musikern vorbehalten, die von frühester Jugend an eine entsprechende Ausbildung erhalten haben, sie ist auch nicht etwas, das nur den Reichen offensteht: ein schöner Luxus. Die Aufnahmefähigkeit und den Scharfsinn des Ohres zu entwickeln ist meiner Meinung nach eine grundlegende Notwendigkeit für uns alle. Wie ich noch ausführen werde, können wir aus den der Musik innewohnenden Strukturen und Gesetzen sehr viel über und für unser Leben lernen - und zwar gleichgültig ob wir ihrer als Hörer oder als ausführender Künstler gewahr werden.
Viele der Themen, denen ich mich in diesem Buch zuwende, beschäftigen mich seit Jahrzehnten, und was ich zu ihnen zu sagen habe, ist das Ergebnis von nahezu sechzig Jahren, in denen ich Musik gemacht, unterrichtet und über sie nachgedacht habe. In meinem ersten Buch, A Life in Music, das autobiografische Züge hat, ohne im eigentlichen Sinn eine Autobiografie zu sein, habe ich mich erstmals mit diesen Themen schriftlich auseinandergesetzt. Später dann, in dem von mir gemeinsam mit Edward Said verfassten Buch Tarallels and Paradoxes, haben wir versucht, die Beziehungen zwischen Musik und Gesellschaft zu erforschen. Als ich schließlich im Herbst 2006 auf Einladung der Harvard University dort die Norton Lectures hielt, nahm ich die Gelegenheit sehr gerne wahr, meine Überlegungen zu den Analogien zwischen der Musik und dem Leben weiterzuentwickeln. Das vorliegende Buch ist das Ergebnis dieser Bemühungen.
Klang und Gedanke ICH BIN DER FESTEN ÜBERZEUGUNG, dass man über Musik nicht sprechen kann. Es gibt viele Definitionen von Musik, die aber in Wirklichkeit nur versuchen, eine subjektive Reaktion auf sie in Worte zu fassen. Für mich ist die einzig präzise und objektive Definition die des großen italienischen Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni, der Musik als "klingende Luft" bezeichnet hat. Das sagt alles und lässt gleichzeitig viel Raum zum Weiterdenken. Im Gegensatz zu Busoni meinte Schopenhauer, in der Musik das Wesen, das "Ansicht" der Welt ausfindig machen zu können. Für die Musik gilt, was für unser Leben gilt: Wir können nur über unsere Reaktionen und unsere Wahrnehmungen sprechen.
Wenn ich hier doch versuche, über die Musik selbst zu reden, dann tue ich das, weil mich das Unmögliche immer mehr gereizt hat als das Schwierige. Und wenn sich überhaupt ein Sinn darin verbirgt, dieses Unmögliche zu versuchen, dann deshalb, weil es sich per Definition um ein Abenteuer handelt und einen mit einem Gefühl von Tatendrang und Energie erfüllt, was ich persönlich als höchst anregend empfinde. Hinzu kommt, dass ein Scheitern nicht nur hingenommen, sondern sogar erwartet wird. Ich werde daher das Unmögliche in Angriff nehmen und versuchen, einige Beziehungen zwischen dem nicht zu beschreibenden Wesen der Musik und dem unausdrückbaren Inhalt des Lebens aufzuspüren.
Ist Musik letztlich nicht doch bloß eine Ansammlung von schönen Klängen? John Locke schrieb 1693 in seiner Abhandlung Gedanken über Erziehung: "Musik, so meint man, ist in gewisser Weise mit dem Tanzen verwandt, und Instrumente zu spielen wird von manchen Leuten sehr geschätzt. Darin aber auch nur eine bescheidene Fertigkeit zu erlangen, bedeutet für einen jungen Mann so viel Zeitverschwendung und führt ihn so häufig in seltsame Gesellschaft, daß manche meinen, man sollte lieber darauf verzichten; und ich habe unter den befähigten Männern des praktischen und öffentlichen Lebens so selten gehört, daß jemand wegen seines musikalischen Könnens gelobt oder geschätzt worden ist, daß ich glaube, unter allen Dingen, die je in der Liste der Fertigkeiten aufgeführt worden sind, kann ich der Musik den letzten Platz zuweisen."
Heutzutage nimmt die Musik häufig immer noch den "letzten Platz" in unseren Überlegungen darüber ein, was zur Erziehung eines Menschen wichtig ist. Doch ist Musik nicht mehr als etwas, das uns beim Zuhören ein höchst angenehmes oder sogar erregendes Gefühl vermitteln kann - ist sie nicht mehr als ein durch pure Intensität wirksames Mittel, das uns dabei hilft, unsere Existenz zu erleichtern und die Mühen des täglichen Lebens zu vergessen? Natürlich legen Millionen von Menschen, wenn sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen, gerne eine CD ein, um die Gedanken an die Probleme, mit denen sie konfrontiert worden sind, zu vertreiben. Ich behaupte jedoch, dass die Musik für uns noch viel Wertvolleres zu leisten vermag: dass wir nämlich mit ihrer Hilfe etwas über uns selbst, unsere Gesellschaft, die Politik - kurz gesagt etwas über uns als Menschen erfahren können.
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