Kindbettfieber - Schiffner, Sabine

Sabine Schiffner 

Kindbettfieber

Roman. Ausgezeichnet mit dem Preis der Jürgen Ponto-Stiftung 2005

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Kindbettfieber

Kaufmannsfamilie, in den Bombennächten und den Ostermärschen der achtziger Jahre - spiegeln sich die Wandlungen und Verwerfungen der großen Geschichte wie der familiären Lebenswelten. Der Versuch, die Familie zusammenzuhalten, scheint immer anachronistischer, bis sich für das durch Generationen weitergereichte Taufkleid kein Nachfahre mehr findet.

Sabine Schiffner skizziert das Poetische und das Erschreckende einer Welt, die aus den Fugen gerät.

In dem kurzen Moment zwischen Schlaf und Erwachen kehren die Gedanken in die Vergangenheit zurück. Sabine Schiffner erzählt von einer Welt, die aus den Fugen gerät: Es entfaltet sich die Geschichte einer Bremer Kaufmannsfamilie von der großbürgerlichen Welt der Jahrhundertwende über die Kriegszeiten bis in die jüngste Vergangenheit hinein. Alles fängt an mit dem verschwundenen Ururgroßvater und einer verschwiegenen Geburt. Ein Ausbruch aus der in Heimlichkeiten, Ängsten und Konventionen erstarrenden Familie scheint kaum mehr möglich. "Etwas ist in unserem Blut, weißt du Sigune, das hat schon vor langer Zeit angefangen, bei uns ist was falsch, schau mal. Sie zeigt die Hände vor, da kann Sigune die feinen weißen Striche in der Innenseite der Finger sehen. Da waren die Häute, die sie mir aufgetrennt haben. Alles fing an mit meinem verschwundenen Großvater, alles kehrt zu ihm zurück."


Produktinformation

  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 442g
  • ISBN-13: 9783100702111
  • ISBN-10: 3100702115
  • Best.Nr.: 14042862
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 18.10.2005

Ach, Agnes, ach, Patagonien!
Von sitzengelassenen Dienstmägden, durchdrehenden Vätern und liebenden Ururenkeln: In ihrem Romandebüt erzählt Sabine Schiffner von einer Bremer Familie im 20. Jahrhundert
Von Hans-Peter Kunisch
Bei manchen Büchern, vor allem weniger guten, gilt es als Sünde, den Schluss zu verraten. Das müssen keine Kriminalromane sein. Wichtiger ist, dass sie von der Auflösung eines Rätsels leben: Kriegt sie ihn, oder etwa nicht, begeht er Selbstmord oder lässt er es bleiben? Bei anderen Büchern interessiert der Weg, das Wissen vom Ausgang macht auf den Rest gespannt. So etwas ist Sabine Schiffner jetzt gelungen. „Kindbettfieber”, das Erzähldebüt der 1965 geborenen Bremerin, ist ein Familienroman über vier Generationen, der mit einer Abtreibung endet.
Doch geht es diesem Roman nicht um klassische Sozialkritik. Die jungen Mütter, die hier, über das zwanzigste Jahrhundert verteilt, monologisieren dürfen, aber meistens lieber Tänzerin oder Sängerin geworden wären, werden fast alle als wohlhabend dargestellt. Die Familie, der sie angehören, hat sich aus der Verbindung alteingesessener Bremer Bürger immer wieder neu …

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"Sabine Schiffner schickt uns mit "Kindbettfieber" direkt in die Köpfe ihrer Figuren: So lehrt sie uns, das zwanzigste Jahrhundert zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken. Wir geraten in Tuchfühlung mit vier Frauengenerationen, von der Urgroßmutter, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Wochenbett liegt, bis zur Urenkelin, die Anfang der achtziger Jahre zwischen Ostermarsch und Westernhagen-Konzert unverhofft auf die Geschichte ihrer Vorfahrinnen stößt. Es ist, als würden die fieberhaften Anfälle bis an den Rand des Wahns ebenso wie die fiebrigen Träume von den Müttern auf die Töchter übertragen. Denn während die Großväter, Väter und Söhne frühmorgens das Haus verlassen, um über den Deichweg in den Sumpf zu verschwinden, oder auf Dienstreisen gehen, oder für immer in die Fremde ziehen, bleiben die Frauen zurück in Bremen, der wachsenden, Erinnerungsspur um Erinnerungsspur auslöschenden Stadt. Umweht von Seeluft und Kolonialwarendüften, zwischen Sombreros, Papageien und exotischen Pflanzen horchen Sabine Schiffners Romanheldinnen auf ferne Musik, um jene Fremde abzuwehren, die sich in ihnen ausbreiten will." (Marcel Beyer)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 20.01.2006

Die Tragödie der Geburt
Erbfluch: Sabine Schiffners Roman einer Bremer Bürgerfamilie

Im Jahre 1891 bricht der Apotheker und passionierte Fotograf Heinrich Abken Freudenthal mit seiner Balgenkamera in die Wesermarsch auf. "Morgenstimmung an der Vogelinsel", schreibt er später in Sütterlin auf die Rückseite der Aufnahme, die an jenem kalten und klaren Tag im März entstanden ist und sich seitdem im Besitz der Familie befindet. Auch seine Ururenkelin Sigune Vorinsfeld hat die vergilbte Fotografie schon in den Händen gehalten. Um so erstaunter ist sie, als sie am Ostersamstag 1981 auf einem Bremer Flohmarkt in einem aus Mexiko stammenden Nachlaß auf einen weiteren Abzug stößt. "Ich habe den ganzen ollen Plunder von meiner Großmutter", erklärt ihr der Verkäufer, und Sigune Vorinsfeld, die gerade achtzehn Jahre alt geworden ist, ahnt, daß sie sich einem dunklen Punkt der Vergangenheit ihrer Familie nähert.

Die Frage, wie eine Fotografie, die vor fast hundert Jahren entstanden ist, nach Amerika und dann wieder zurück nach Deutschland gekommen ist, bildet den Ausgangspunkt von Sabine Schiffners weit ausholendem Debütroman …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Hans-Peter Kunisch stellt Sabine Schiffners Roman "Kindbettfieber" ein Einerseits-Andererseits-Attest aus. Das Buch, das den Jürgen-Ponto-Preis erhalten hat, findet seine uneingeschränkte Zustimmung nicht. Der Rezensent hat Passagen "unfreiwilliger Komik" entdeckt, auch gerät in den Monologen, aus denen das Werk um eine Bremer Familie besteht, manchmal doch das Klischee in bedenkliche Nähe zum Text, meint er. Das gelte vor allem, wenn es in dem Vier-Generationen-Roman um die düsterste Epoche deutscher Geschichte geht. Dem steht allerdings eine "dichte Sinnlichkeit" gegenüber, die Kunisch preist, und ein "erstaunlicher epischer Atem". Dank dieser Qualitäten vermag es Schiffner doch noch, sowohl die Lebensstränge der Protagonisten miteinander zu verbinden als auch, alles in allem, das Plazet des Rezensenten zu erringen.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Sabine Schiffner schickt uns mit "Kindbettfieber" direkt in die Köpfe ihrer Figuren: So lehrt sie uns, das zwanzigste Jahrhundert zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken. Wir geraten in Tuchfühlung mit vier Frauengenerationen, von der Urgroßmutter, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Wochenbett liegt, bis zur Urenkelin, die Anfang der achtziger Jahre zwischen Ostermarsch und Westernhagen-Konzert unverhofft auf die Geschichte ihrer Vorfahrinnen stößt. Es ist, als würden die fieberhaften Anfälle bis an den Rand des Wahns ebenso wie die fiebrigen Träume von den Müttern auf die Töchter übertragen. Denn während die Großväter, Väter und Söhne frühmorgens das Haus verlassen, um über den Deichweg in den Sumpf zu verschwinden, oder auf Dienstreisen gehen, oder für immer in die Fremde ziehen, bleiben die Frauen zurück in Bremen, der wachsenden, Erinnerungsspur um Erinnerungsspur auslöschenden Stadt. Umweht von Seeluft und Kolonialwarendüften, zwischen Sombreros, Papageien und
Sabine Schiffner, geboren 1965 in Bremen, Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik in Köln, lebt und arbeitet in Köln und Bremen

Sie veröffentliche Gedichte und Hörspiele. "Kindbettfieber" ist ihr erster Roman.

Leseprobe zu "Kindbettfieber"

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Leseprobe zu "Kindbettfieber" von Sabine Schiffner

1911

Sonnabend

Am Vorabend zum Ostersonntag wird im Dom die Osternacht gefeiert, Punkt zehn vor elf beginnt die Brema als erste der Glocken mit dem Geläut zum späten Gottesdienst.

Sie müssen früh ins Bett gehen, hat Doktor Bonus letzte Woche gesagt, damit Sie genug Kraft haben. Nachdem sie sich also kurz nach Sonnenuntergang ins eheliche Schlafzimmer begeben und dort ausgekleidet hat, setzt Hinrike sich im Nachthemd hin auf die Kante ihres Ehebettes. Leise singt sie das Lied aus Humperdincks Oper. Abends will ich schlafen gehn. Vierzehn Englein bei mir stehn. Weil eine Schläfrigkeit sich nicht einstellen will, öffnet sie die Schublade des kleinen Nachtschränkchens auf ihrer Schlafseite und nimmt die Zigarrenkiste heraus, in der sie ihre Fotografien aufbewahrt. Zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken. Der Deckel lässt sich ganz leicht hochheben. Zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken. Manche Fotografien haben den Geruch des Tabaks angenommen, der ihr jetzt in die Nase steigt. Vertraut ist der, gibt eine Ahnung von fremden Ländern, von den großen Windjammern im Freihafen, wo die Frachten aus Übersee und dem Orient gelöscht werden. Zweie, die mich grüßen, zwei an meinem Kissen. Er kommt ihr jedes Mal entgegen, wenn sie die Tür öffnet zu den kleinen Geschäften an der Domsheide, die den Tabak in gerollter Form, als Zigarillo, Zigarre, Zigarette und Pfeifentabak, als Schnupftabak und zum Selberdrehen vertreiben. Zweie, die mich weisen, in das Paradeisen. Ein Geruch, der jeder tagenbarenen Bremerin gefällt, und eine solche ist sie, denn schon ihre Eltern und Großeltern haben den Bürgereid geleistet.

Ein Foto nimmt sie in die Hand, aufgenommen wurde es mit einer großen, schweren Balgenkamera an einem kalten, klaren Morgen in einem Jahr vor der Jahrhundertwende, vom Vater, dessen Passion die Fotografie war, er muss gegen seine Gewohnheit früh aufgestanden sein für die Aufnahme. Das dicke Papier, ursprünglich mal schwarz-weiß, hat jetzt eine schmutziggelbe Patina, trotz eines Risses ist das Motiv gut zu erkennen, diese Landschaft im Norden, ein Fluss im Vordergrund, in der Mitte des Wassers das Ufer einer Insel, hell leuchtet der Schnee zwischen dunklen Bäumen und Büschen, gibt die Unversehrtheit eines Augenblicks wieder.

Der Nachthimmel zu diesem neuen Tag liegt als rabenschwarzes Tuch da. Einzig der Morgenstern blinkt, als sei er ein Loch, mit einer Nadel in die große Decke gestochen, hinter der die Sonne immerwach scheint. Das Waldohreulenpärchen und der Steinkauz haben sich schon vor Morgengrauen zur Ruhe begeben, ihre Augen geschlossen, die Schnäbel in den dicken Federpelz gesteckt. Die anderen Vögel, wie das gelb leuchtende Wintergoldhähnchen und die Seidenschwänze, die am Tage nach einem nicht abgefallenen und verrotteten Zapfen, einem Rest leuchtender Winterbeeren, dunkelmehlblauer Schlehen oder vertrockneter knallorangefarbener Vogelbeeren gesucht haben, schlummern auf ihren Schlafzweigen dem kommenden Tag entgegen.

Auf Höhe der Stadt Bremen ragt ein toter Seitenarm der Weser wie ein Zeigefinger in Richtung Südost, die Kleine Weser erweitert sich später zum Werdersee und versickert Richtung Ost in den Marschwiesen von Obervieland. Dort liegt die kleine, dichtbewachsene Insel, die die Fotografie zeigt, sie wird im Volksmund die Vogelinsel genannt. Wie in jedem Frühjahr haben sich auch in diesem Jahr Hunderte von sibirischen Gänsen, Sing- und Zwergschwänen auf den Flutwiesen ihr Nachtlager bereitet, Fremdlinge, in den ersten Tagen des April sind sie eingetroffen, zitternd vor der für sie ungewohnten Kälte.

Zwischen den weißen und grauen Tierkörpern liegen kleinere, Krickenten mit grauen Schnäbeln und dunkelbraunem Gefieder, das nahtlos in die Farbe der Nacht übergeht.

Nie ist die Nacht so still wie kurz vor Tagesanbruch, nur zuweilen kommt das eine oder andere Stöhnen aus der Menge der Federn.

Da öffnet sich ein roter Streifen am Horizont, es scheint ein Licht durch einen Spalt in die Nacht, und das Licht ist wie Musik, die mit dem Flüstern eines einzelnen Geigenbogens auf einer Saite beginnt, das Flüstern erweitert sich, wird zum Fluss aus Tönen und zu einer schweren Orchestermusik aus den noch glücklichen und schon traurigen Tagen der jüngst vergangenen Jahrhundertwende, einer Musik, die getragen daherkommt, so verhalten, als wolle sie sich ausbedingen, vielleicht doch und heimlich davonzuschweben und so zu vergehen, als sei sie nie da gewesen. Das Schwarz wandelt sich, wird durch den morgendlichen Nebel, der vom Fluss kommt und sich am Ufer staut, zu einem Anthrazit, eben noch fast undurchsichtig, doch gleich lichter, schon sind Farben zu erkennen, einzelne weiße Haufen, die sich aus der Dunkelheit herausheben, die Schwäne, die nahe dem sicheren Feucht schlafen. Eine Unruhe geht von den Vögeln aus, deren Augen eben noch geschlossen waren, die noch zu schlummern schienen, sich wärmeren Fernen entgegenwünschten. Ein Schaben, Schnaufen, Schlurfen, Reiben, ein Gurren, Quaken, Zwitschern, Tschilpen, ein Schnattern, Klappern, Platschen, Räuspern, die winzige Lichtmenge hat ausgereicht, die Vogelschar zu wecken und sie zum Morgengesang zusammenzuführen. Dann, bevor noch ein einziger Schritt getan wird, bevor noch ein einziger Flügel zittert, bevor auch nur ein einziges Lid die Pupillen freigibt, öffnen sie ihre Schnäbel und stimmen ein in diese Mischung aus Schlaflied und Schlachtruf. Vielstimmig und immer lauter werdend, wird die aufgehende Sonne begrüßt. Ihr Gesang offenbart sich dem stetig breiter werdenden Spalt, aus dem jetzt ein schweifendes Rosa quillt, als Freudenorchester. Die Töne steigen empor, verbinden sich zu einem großen Ganzen, legen sich als Ornament über die gefrorene Landschaft. Die Noten zu den Tönen lassen sich nicht aufzeichnen, eines Tages wird die Musik in eine Schellackplatte gepresst und in einem Tonarchiv in Berlin aufbewahrt, die Königlich-Preußische Phonographische Kommission sammelt die Stimmen der tierischen Untertanen ihrer Majestät Kaiser Wilhelm II.

Aus der Flut der Stimmen und aus der Masse der befiederten Körper taucht ein einzelner Kranich auf, er läuft zwischen den anderen Vögeln hindurch zum Fluss, mit schwerelosem Schritt und immer schneller über das gefrorene Nass, um sich zu erheben, mit ausgebreiteten Schwingen fortzufliegen, der aufgehenden Sonne entgegen. Auf Flügeln des Gesanges, Herzliebchen, trag ich dich fort, leicht und unbeschwert fliegt er, fort zu den Fluren des Ganges, am Werder entlang, die alten Kastanienbäume am Kuhhirten ziehen unter ihm vorbei, den Krähenberg, die einzige Erhebung am Weserufer, streift er fast mit den Füßen, dann überquert er die Weser an ihrer breitesten Stelle und schwingt sich hinterm Osterdeich über die Flut der Dächer des Ostertorviertels, immer höher schraubt er sich in den Morgenhimmel und, dort weiß ich den schönsten Ort, der Stadt entgegen, wer jetzt genau hinhört, kann den Rhythmus seiner auf- und abschlagenden Flügel vernehmen, wie ein Herzschlagen, dies leise Rascheln, das dem Teppich des Gesanges eine Ordnung gibt.

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