Keiner war dabei - Drakulic, Slavenka

Slavenka Drakulic 

Keiner war dabei

Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht. Ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2005

Übersetzer: Antkowiak, Barbara
Gebundenes Buch
 
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Keiner war dabei

Die Verbrechen der Balkankriege und das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag: Wer sind die Täter und wie sind sie zu dem geworden was sie sind? Über Wochen und Monate hat Slavenka Drakulic die Verhandlungen sowohl vor dem Internationalen Kriegsverbrecher- tribunal in Den Haag als auch in Kroatien mitverfolgt, hat die Verhöre genauso wie den Alltag der Angeklagten beobachtet und erfahren, wie aus unauffälligen jungen Männern Mörder und aus Nachbarn Todfeinde wurden.


Produktinformation

  • Verlag: Zsolnay
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 195 S.
  • Seitenzahl: 200
  • Best.Nr. des Verlages: 551/05290
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783552052901
  • ISBN-10: 3552052909
  • Best.Nr.: 12368592
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 02.06.2004

Der Gefängnisfrieden
Slavenka Drakulic versteht das Ungeheure des Balkankriegs

Slavenka Drakulic: Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht. Deutsch von Barbara Antkowiak. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004. 197 Seiten, 17,90 [Euro].

Sie kochen und essen gemeinsam, sie tauschen ihre Zeitungen aus und treiben miteinander Sport. "Man möchte glauben, daß sie voneinander isoliert werden müßten, weil sie gegeneinander Krieg geführt haben und Todfeinde seien. Aber Serben und Kroaten und Bosnier, die jahrelang aufeinander geschossen haben, leben hier friedlich zusammen." Schauplatz der jugoslawischen Idylle, von der hier die Rede ist, ist das Gefängnis von Scheveningen, dessen Häftlinge sich wegen schwerster Kriegsverbrechen vor dem Tribunal der Vereinten Nationen in Den Haag zu verantworten haben. "Goran Jelisic, der als eine Art Sprecher dieser Gruppe agiert, sagte dem Publikum im Gerichtssaal, die Untersuchungsgefangenen hätten Frieden miteinander geschlossen, zweifelten jedoch, ob auch die Menschen daheim dazu fähig seien." Das, fügt Slavenka Drakulic hinzu, "war wohl überhaupt nicht ironisch gemeint".

Jelisic, …

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Alexander Kluy zeigt sich von diesem Buch der kroatischen Autorin über die Verhandlungen über Kriegsverbrechen während des Balkan-Krieges vor dem Haager Gericht "tief erschüttert" und beeindruckt. Er preist die "intellektuelle Aufrichtigkeit" der Autorin und die "ungekünstelte und leichte Zugänglichkeit" des Buches und lobt, dass es auch was die heutige Situation von Südosteuropa betrifft, äußerst "aufschlussreich" ist. Die Autorin hat fünf Monate lang als Beobachterin an den Kriegsverbrecherprozessen vor dem Internationalen Gerichtshof teilgenommen und aus ihren Beobachtungen ein "herzabschnürendes" Buch zwischen "Reportage und Selbstauskunft" gemacht, so der Rezensent erschüttert. Insbesondere die genauen Beobachtungen so prominenter Angeklagter wie Slobodan Milosevic oder Biljana Plavsic haben Kluy als "scharf konturierte Porträts" beeindruckt. Dieses Buch sticht deshalb aus der Gruppe der bisherigen Texte über den Balkankrieg hervor, weil es gleichzeitig aus Sicht der Betroffenen und aus der distanzierten Perspektive der Beobachterin geschrieben ist, lobt der Rezensent. Er preist die "Erkenntnis" und die vielen "Einsichten", die das Buch vermittelt und zeigt sich gleichzeitig erschrocken über die "dünne Schicht", die einen zivilisierten, modernen Menschen vom Massenmörder trennt, wie das Buch verdeutlicht.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Slavenka Draculic leistet mit dem Buch zweifelsohne einen wichtigen Beitrag zu der Publizistik über die jüngsten Kriege und deren Folgen auf dem Balkan. Sie nimmt in ihrer Arbeit gleichermaßen die Rolle einer objektiven Beobachterin, einer mitfühlenden Mutter und Frau sowie einer gebildeten Zeitgenossen ein. Dies ist besonders wichtig, da die Balkankriege mit ihrem Gräueln allmählich aus dem europäischen Bewusstsein verschwinden."<br />Andrea Dunai, Das Parlament, 15./22.03.04<br/><br/>"The war is not over - das lernen wir, wenn wir diese wichtigen Reportagen lesen."<br />Carl Wilhelm Macke, Tages-Anzeiger-Zürich, 22.03.04<br/><br/>"Drakulics Buch ist mehr, als es vorgibt zu sein. Das zeigt sich nicht nur in einem wunderbaren, subtilen Doppelporträt von Slobodan Milosevic und seiner Frau Mira Markovic, das den bislang wohl intimsten Einblick in das Wesen des Architekten des jugoslawischen Zerfalls gibt."<br />Patrik Volf, Falter, 26.03.04<br/><br/>"Es kommt nicht so oft vor, dass man ein Buch zu lesen beginnt und es nicht mehr aus der Hand legen möchte. Slavenka Drakulics engagierter Bericht "Keiner war dabei" gehört zu jener raren Spezies Literatur, die in klarer und eindringlicher Sprache jene Hintergründe des Zerfalls Jugoslawiens beleutet, die von dem Internationalen Tribunal in Den Haag abgehandelt werden. [...] Hier erlebt man Drakulic als eine Schriftstellerin von Graden. Ein Buch, das man tief beeindruckt schließt."<br />Wolfgang Petritsch, Die Presse, 03.04.04<br/><br/>"...ein außerordentlich wichtiges und zutiefst verstörendes Buch - es trägt zur Zersetzung der bequemen Denkmuster bei, die das Grauen aus der Wahrnehmung des jüngsten europäischen Krieges ausfiltern."<br />Karl-Peter Schwarz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2004

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.11.2004

Der nette Massenmörder
Eine Typografie der Kriegsverbrecher im Bosnien-Krieg
Eine kroatische Schriftstellerin führt auf einprägsame Weise
Verbrechen und Täter vor Augen, über die das Haager Tribunal verhandelt. Slavenka Drakulic, die zur Zeit des kroatischen Staatsgründers und nationalistischen Autokraten Franjo Tudjman angefeindet wurde und deshalb eine Zeit lang in Wien und Stockholm lebte, war Zuschauerin bei den Prozessen. In mehreren Porträts versucht sie Antworten zu geben, wie die Geschilderten zu Kriegsverbrechern wurden.
Goran Jelisic brachte zu Beginn des Bosnien-Kriegs in einem serbischen
Lager muslimische und kroatische Gefangene auf besonders willkürliche Weise um. Nicht nur der Vorsitzende seines Anglervereins sagt jedoch als Zeuge: So wie er ihn kannte, hätte Jelisic keiner Fliege etwas zuleide tun können. Auch die Prozessbeobachterin findet, dass der junge Mann Vertrauen erweckend aussieht, kann sich ihn sogar als Freund
ihrer gleichaltrigen Tochter in der Schulzeit denken. Doch der freiwillige Polizeihelfer stellte sich seinen Opfern als
eine Art zweiter Hitler vor und ließ sie vor dem Kopfschuss über ein …

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Slavenka Drakulic, geboren 1949 in Kroatien, ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen ihres Landes. Ihre Bücher erscheinen in vielen Sprachen. Sie lebt in Kroatien, Stockholm und Wien. 2005 erhielt sie für ihr bei Zsolnay erschienenes Buch "Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht" den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Leseprobe zu "Keiner war dabei"

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Leseprobe zu "Keiner war dabei" von Slavenka Drakulic

Deutsch von Barbara Antkowiak

Eine Frage bleibt jedoch: Was muß einem normalen Menschen geschehen, damit er in seinem Kollegen oder Nachbarn einen Feind sieht? Wie ist es möglich, daß Haß, Demütigung, Brutalität, ja sogar Mord zum normalen Verhalten wurden? Ein Polizist vom Bataillon 101 gibt zu, daß die Juden für sie keine menschlichen Wesen waren. Welche politischen, sozialen und psychologischen Prozesse machen solches Denken möglich? Was verursacht den massenhaften Haß und die nachfolgenden ethnischen Säuberungen?

Es wäre wohl übertrieben, einen Staat vom Territorium des einstigen Jugoslawien mit Nazi-Deutschland zu vergleichen. Doch es gibt ein Element, wo dieser Vergleich möglich ist, und das ist die Konstruktion des „Anderen“ als Haßobjekt. Für den Anfang ist es wichtig, das Objekt zu identifizieren und überzeugende Gründe für den Haß zu liefern. Die Gründe müssen nicht einsichtig und wahr sein. Wichtig ist, daß sie überzeugend sind, um akzeptiert zu werden. Meist sind es Mythen (vom himmlischen serbischen Volk oder vom tausendjährigen Traum der Kroaten vom eigenen Staat) und Vorurteile (Serben sind primitiv, Kroaten sind Nazis, Muslime sind dumm). Noch besser ist es, wenn die Mythen und Vorurteile in der Wirklichkeit wurzeln, in der Geschichte früherer Kriege oder in kulturellen und religiösen Unterschieden. Objekt des Hasses können auch Angehörige eines anderen Stammes (Hutu, Tutsi) oder einer anderen Rasse sein. Die Propaganda hat die Aufgabe, diese Unterschiede zu formulieren, so daß sie ein Gefühl der Bedrohung von der anderen Seite erwecken und die Homogenisierung befördern. Am wichtigsten ist die Methode: besonders wirkungsvoll ist es, die Menschen langsam, Schritt für Schritt an den Haß zu gewöhnen, bis er Bestandteil ihres Alltags wird.

Unter dem Eindruck der „Beweise“ für die Unterschiede, der ausführlichen Beschreibungen von Unterdrückung und Leid durch die Medien – ob real oder erfunden – verlieren die „Anderen“ mit der Zeit ihre individuellen Eigenschaften. Sie sind nicht mehr Bekannte oder Fachleute mit Namen, Gewohnheiten, Aussehen oder Charakter, sondern nur noch Mitglieder der feindlichen Gruppe. Wenn eine Person derart entindividualisiert und zur bloßen Abstraktion gemacht wird, hat man die Freiheit, sie zu hassen, weil die moralischen Schranken beseitigt sind. Ist es „bewiesen“, daß die Feinde keine menschlichen Wesen sind, brauchen wir sie nicht mehr als solche zu behandeln. Es spielt keine Rolle, daß wir auf diese Weise selbst zur abstrakten Kategorie werden, daß wir nicht länger Individuen sind, denn in den Augen der „Feinde“ sind wir ebenfalls die „Anderen“.

Der Beginn des Krieges im ehemaligen Jugoslawien gleicht der Schilderung in Victor Klemperers Tagebuch 1933 bis 1945, „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“, in dem er beschreibt, wie der Antisemitismus allmählich zur normalen Denk- und Verhaltensweise in Deutschland wurde. Das kommt langsam auch dem Opfer zum Bewußtsein: Klemperer, selbst Jude, hatte es jahrelang nicht sehen wollen und verdrängt.

Wie in Deutschland hörte man im Kroatien der neunziger Jahre zunächst auf, eine Person anderer Nationalität zu grüßen, vielleicht nur aus Angst, dabei beobachtet zu werden. Es ist unglaublich, aber diese scheinbar kleine, unbedeutende Konzession an die neue Realität einer totalen nationalen Homogenisierung führt bereits auf einen gefährlichen Weg. Diese Art Opportunismus – das Wegsehen, das Schweigen und die Feigheit – schuf die Voraussetzungen für Kriegsverbrechen, die im Namen der Isolierung und Beseitigung der „Anderen“ begangen wurden.

Die Mehrheit der Bevölkerung in Kroatien, Serbien und Bosnien paßte sich bald der Mixtur aus Staatspropaganda, Opportunismus, Angst und Gleichgültigkeit an, welche die Verhaltensnormen bestimmten. Nur sehr wenige Menschen waren imstande, sich der allgemeinen Atmosphäre des Hasses zu widersetzen. Natürlich muß man unterscheiden zwischen jemandem, der seinen serbischen oder muslimischen Nachbarn nicht grüßt, und jemandem, der ihn tötet – so wie man unterscheiden muß zwischen einer Regierung, die Serben keine Pässe ausstellt, und einer, die das Tragen des gelben Sterns anordnet. Doch Wegsehen und Schweigen vor Unrecht und Verbrechen bedeutet Kollaboration mit einer Politik, deren Programm Tod und Vernichtung sind. Und ob diese Kollaboration nun freiwillig ist oder nicht – das Ergebnis ist dasselbe.

Zehn Jahre nach dem Ausbruch des Krieges auf dem Balkan muß man einsehen, daß wir normalen Menschen ihn ermöglicht haben und nicht irgendwelche Irren. Wir haben eines Tages unsere Nachbarn unterschiedlicher Nationalität nicht mehr gegrüßt, und am nächsten Tag wurden in unserem Namen Konzentrationslager eingerichtet. Wir haben das einander angetan. Vielleicht ist das ein guter Anlaß zu der Überlegung, ob es zu einfach ist, hundert Menschen in Den Haag vor Gericht zu stellen. Was ist mit den anderen, die eine Ideologie übernahmen, welche 200 000 Opfer forderte? Möglicherweise glaubten sie das nicht, mit Sicherheit jedoch protestierten sie nicht dagegen. Wenn es wahr ist, daß es keine Kollektivschuld gibt, kann es dann eine kollektive Unschuld geben?

Oft kann man in Kroatien hören, das Tribunal richte nicht nur über ein paar Verbrecher, sondern über den „Vaterländischen Krieg“ und über die ganze Nation. Mit anderen Worten, die Schuld wurde nicht individualisiert. Wir sind noch immer Gefangene des Kollektivismus. Schuld verlangt nach Individualisierung, und dafür steht das Tribunal. Nein, die ganze Nation, in Kroatien oder anderswo, kann nicht an den Kriegsverbrechen schuldig sein. Aber die ganze Nation trägt Verantwortung für die Kriegsverbrechen, politisch und moralisch. Das serbische Volk wählte Slobodan Milosvic zweimal zum Präsidenten Serbiens und einmal zum Präsidenten Jugoslawiens. In Kroatien gewann Franjo Tudjman zweimal die Präsidentschaftswahlen. All das waren freie Wahlen. Wenn die Deutschen für die Unterstützung Hitlers verantwortlich waren, warum sollten die Serben nicht für die Unterstützung Milosevics und die Kroaten für die Tudjmans verantwortlich sein? Ohne den Rückhalt im Volk hätten sich beide nicht an der Macht behaupten können.

Bei der Wahl für Milosevic oder Tudjman stimmten die Menschen für die Politik der „ethnischen Säuberung“. Es sei denn, sie erklären wie einige Deutsche, sie hätten nichts gewußt. Kroatien und Serbien jedoch sind zu klein für solche Argumente. Während des fünfjährigen Krieges waren zu viele Leute direkt an der „ethnischen Säuberung“ beteiligt, als daß sie ernsthaft behaupten könnten, nichts gewußt zu haben. Sie wußten es und waren einverstanden, oder es kümmerte sie zumindest nicht. Das ist der Hauptgrund, warum sie nicht über Kriegsverbrechen oder den Krieg überhaupt reden wollen, es sei denn über den heroischen Verteidigungskrieg. Es ist nicht angenehm zu hören, daß man ein Kollaborateur war. Aber es ist notwendig zu begreifen, daß das eine Frage der Wahl ist und daß man sich falsch entschieden hat.

Die Prozesse gegen die Kriegsverbrecher sind nicht nur wegen der Toten wichtig, sondern auch wegen der Überlebenden. Denn schließlich muß sich jeder einzelne fragen: Was hätte ich in so einer Situation getan?

Kundenbewertungen zu "Keiner war dabei" von "Slavenka Drakulic"

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Bewertung von Meike aus Bremen am 21.06.2011 ***** ausgezeichnet
Ein sehr gutes Buch für all diejenigen, die ein Einblick in den Krieg in Ex-Jugoslawien erhalten möchten sowie einen Versuch starten wollen, zu verstehen, was dort eigentlich damals passiert ist.
In dem Buch werden die einzelnen Geschichten und Taten einiger Kriegsverbrecher beschrieben, die überwiegend in Den Haag vor Gericht stehen bzw. standen. Durch die Anzahl der einzelnen Berichte, die sich sehr flüssig lesen lassen, kann man erahnen, wie grausam dieser Krieg gewesen sein muss!
Sicherlich keine Bettlektüre, aber dennoch sehr empfehlenswert!

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