Kein neues Menschenbild - Janich, Peter

Peter Janich 

Kein neues Menschenbild

Zur Sprache der Hirnforschung

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Kein neues Menschenbild

Die gegenwärtige Debatte um die Hirnforschung und ihre Folgen für unser Menschenbild, für Gesetzgebung, Rechtsprechung, Erziehungsstile und Geschichtsverständnis spielt sich in einer wenig reflektierten Sprache ab. Von neurophysiologischen Termini bis zur populärphilosophischen Rede über Kognition, Willensfreiheit und Selbstbewußtsein, von der wissenschaftstheoretischen Diskussion über Erfahrung, Experiment, Beweisen und Widerlegen bis zu weltanschaulichen Anrufungen von Werten reicht die Bandbreite sprachlicher Mittel. Polemische Schärfe und begriffliche Oberflächlichkeit sind die komplementären Züge eines Aufeinandereinredens und Aneinandervorbeiredens, denen philosophisch mit Sprachkritik zu begegnen ist. Zwar sind die diskutierten Fragen sicher keine reinen Sprachprobleme. Aber ohne Klärung der sprachlichen Verhältnisse sind sie gar nicht zu klären. Dies gilt nicht nur für die öffentlichen Diskurse über so genannte Körper-Geist- oder Leib-Seele-Probleme, sondern auch für Ansprüche und Ergebnisse der Fach-, im besonderen der Neurowissenschaft. Sie rühren in klärungsbedürftiger Weise an unser traditionelles Menschenbild ebenso wie an unser Wissenschaftsverständnis.

Peter Janich analysiert die Verwendung einiger der häufigsten bisher kaum zureichend definierten Begriffe auf sprachtheoretische Fallen hin. Ferner werden "naturalistische" Ansätze der Neurowissenschaft untersucht und auf dem Hintergrund einer kulturalistischen Theorie gedeutet. Denn eine Wissenschaft, die das Subjekt, als das sie selbst agiert, zugleich leugnet, gerät in einen grundsätzlichen Widerspruch."Die Hirnforschung darf sich nicht in einen Durchführungswiderspruch verwickeln (wie wenn jemand in brüllender Lautstärke behauptet, er flüstere gerade; die Experten nennen solche Widersprüche performativ). Sonst dementiert sie sich selbst, indem sie den Menschen als Objekt so beschreibt, daß er nicht mehr als Subjekt eben diese Wissenschaft und eben diese Beschreibung hervorbringen kann."


Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 191 S.
  • Seitenzahl: 191
  • Edition Unseld Bd.21
  • Best.Nr. des Verlages: 26021
  • Deutsch
  • Abmessung: 178mm x 108mm x 13mm
  • Gewicht: 128g
  • ISBN-13: 9783518260210
  • ISBN-10: 3518260219
  • Best.Nr.: 25547674

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit Spannung erwartet Michael Pawlik schon künftige Diskussionsbeiträge auf dem Feld der Hirnforschung. Nach dem Buch von Peter Janich denkt er sie sich als von einem anderen argumentativen Kaliber als bisher. Pawlik schildert seine Begeisterung für ein Buch, das die Gefahr der Selbstabschließung eines ganzen Wissenschaftszweiges auf dessen Sprachverständnis zurückführt. Naturwissenschaft als Kulturtechnik gegen den naturalistischen Monismus. Dafür, dass Pawlik überzeugt ist von den im Buch ausgeführten Thesen, sorgt vor allem die "bezwingende Logik" ihres Autors.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 25.05.2009

Der neue Mensch ist nicht in Sicht

Mit seinem Essay zur Hirnforschung hat Peter Janich das argumentative Niveau neu bestimmt, auf dem Biologen zu antworten hätten.

Es ist eine altbekannte Wahrheit, dass der Preis der Macht nicht selten eine schleichende Verdummung ist. Wer auf einer Woge des Erfolges reitet, hat zumeist weder Zeit noch Lust, über die Voraussetzungen und Folgen seines Tuns und über die blinden Flecken seiner Selbstwahrnehmung nachzudenken. Selbstkritik bindet Energie und sie ist, wie es scheint, auch unnötig, denn die Dinge laufen ohnehin wie geschmiert.

Von der Gefahr einer intellektuellen Selbstabschließung sind nicht nur die Honeckers bedroht, sondern auch manche diskurs- und drittmittelmächtige Wissenschaftler. Der Marburger Philosoph Peter Janich hat sich in den Laboren der heutigen Leitwissenschaft umgehört und dabei den heimlichen Biologengruß in Erfahrung gebracht: "Der Biologe braucht die Theorie der Philosophen für seine Forschung so dringend wie der Vogel die Theorie des Aerodynamikers zum Fliegen." Dass in dieser Haltung eine naive Denkverweigerung zum Ausdruck kommt, die sich zumal in der Hirnforschungsdebatte …

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»...er notiert ›zur Sprache der Hirnforschung‹ etliche Mängel und resümiert, die Hirnforschung sei mit ihrer Vorstellung vom Menschen als menschlicher Maschine im Jahr 1748 stehen geblieben oder auf es zurückgefallen. Sie müsse daher erst einmal sprachliche und wissenschaftstheoretische Hausaufgaben erledigen, statt mit dem Anspruch einer neuen All-Erklärungstheorie aufzutreten.«

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Peter Janich ist Professor für Philosophie an der Universität Marburg. Aus dem Konstruktivismus der Erlanger Schule kommend, ist er Mitbegründer des Methodischen Kulturalismus.

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