Kaiserstraße - Kuckart, Judith

Judith Kuckart 

Kaiserstraße

Roman

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Kaiserstraße

"Es gibt wenige deutsche Autorinnen, die sich an Sinnfragen so zielsicher heranzuschreiben wissen wie Judith Kuckart." Die Zeit

Als Leo Böwe im Spätherbst 1957 durch die Frankfurter Kaiserstraße geht, hört er vom Mord an der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt. Der Name setzt sich in seinem Kopf fest wie der Name einer Geliebten, der er nie begegnet ist. Böwe ist im Begriff, eine Stelle als Vertreter für Waschmaschinen anzutreten, er lernt die Regeln des Geschäfts: "Der Verkauf beginnt, wenn der Käufer Nein sagt."Zehn Jahre später hat Böwe eine Tochter, Jule, die beiden haben es nicht leicht miteinander. Als Jule im Fernsehen den erschossenen Benno Ohnesorg sieht, beschließt sie: "Papi, wenn ich groß bin, erschieße ich dich auch."Durch fünf Jahrzehnte begleitet Judith Kuckarts großer Roman das Leben von Leo und Jule Böwe. Kaiserstraße ist ein Fotoalbum in Worten, in fünf Stationen verfolgt es die Entwicklung zweier gegensätzlicher Helden und markiert zugleich fünf Wendepunkte in der Geschichte der Republik: 1957, 1967, 1977, 1989, 1999. Und wie das Land sich verändert, verändern sich auch seine Bewohner. Es ist eine brüchige Karriere - denn verkaufen lässt sich vieles, Waschmaschinen ebenso wie Ideen, Werte und Politik. Verkaufen kann man am Ende auch sich selbst.


Produktinformation

  • Verlag: Dumont Buchverlag
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 314 S.
  • Seitenzahl: 314
  • Deutsch
  • Abmessung: 21, 5 cm
  • Gewicht: 470g
  • ISBN-13: 9783832179564
  • ISBN-10: 3832179569
  • Best.Nr.: 20770595
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 14.03.2006

Nierentischblues
Judith Kuckart betätigt den Weichspülgang und trägt einen Schminkspiegel durch die „Kaiserstraße”
Von Stephan Maus
Leo und Liz Böwe sind eine dieser bedauernswerten Keimzellen des deutschen Wirtschaftswunders. Was arbeitet der Mensch so in den Fünfzigern? Waschmaschinenvertreter natürlich, denn nichts braucht das schuldbefrachtete Land so sehr wie weiße Leibchen. Wie liebt man so im Bannkreis der Nierentische? Klar, mit spießiger Unaufrichtigkeit, die einem gegen Abend scharfkantig ins Gemüt kiekst wie der Nierentisch ins triste Halbdämmer. Und was ziert das Innere unserer rätselhaften Vorfahren? Schnell vergilbende Blümchenmuster auf der Seelentapete. Was aber, erzähle mir, oh Muse, ist des homo oeconomicus mirabilis innigstes Begehr? Sein balletttanzendes Töchterchen wenn möglich zur RAF-Terroristin zu erziehen, sie mindestens aber schwer zu verkorksen.
Der Waschmaschinenvertreter Leo Böwe liest am liebsten den Verkaufsratgeber „Die heimlichen Verführer”. Mehr ist eigentlich nicht über diese Klischeefigur zu sagen. Das Leben dieses vorgestanzten Nachkriegsmenschen ist so abgedichtet wie die Waschmaschinen, die er …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 11.03.2006

Böwe und wie er die Welt sah
Zeitgeschichte im Schleudergang: Judith Kuckart durcheilt die erotischen Abgründe der alten Bundesrepublik

Romane schreiben ist im Grunde so ähnlich wie Waschmaschinen verkaufen. Man kann seinen Gegenstand fremd und exotisch erscheinen lassen, auf die Neugier bauen, man kann dabei riskieren, den Kunden zu verwirren oder zu überfordern, aber darauf setzen, daß der mit der Fülle an Informationen und Innovationen schon irgendwie zurechtkommt. Oder man kann eben das neue Produkt als das simpelste und idiotensicherste Gerät auf der Welt erscheinen lassen, sich bemühen, sein Gegenüber genau dort abzuholen, wo es steht, und vom Bekannten so wenig wie möglich abweichen. Man kann, kurz gesagt, den Erwartungen entgegenkommen oder sie unterlaufen. Schreiben ist wie Waschmaschinen verkaufen. Der Unterschied: Was hier zum Erfolg führt, geht dort meist in die Binsen.

Der erste Teil von Judith Kuckarts neuem Roman spielt in den fünfziger Jahren. Wer an die fünfziger Jahre denkt, denkt: "Adenauer". Denkt "Wirtschaftswunder". "Nitribitt". "Eiscafé Venezia". Oder "Capri". Denkt Elvis und Peter Kraus. Rahn und Fritz …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als "mentalitätshistorische Klippschule" verreißt Rezensent Richard Kämmerlings Judith Kuckarts neuen Roman, bei dessen Lektüre ihn häufig das Gefühl beschlich, durchs Bonner Haus der Geschichte, Abteilung 50er Jahre, zu gehen. Individualität der Protagonisten, im vorliegenden Fall ist von einem Vater und seiner 1960 geborenen Tochter die Rede, bleiben für den Rezensenten bald auf der Strecke. Auch die 60er Jahre würden samt "Zeitgeschehen und Atmosphäre" "vorhersehbar und klischeehaft abgehakt": "Das Prinzip Waschmaschine eben: das ganze Archiv rein in die Trommel, einmal Schleudern mit Spartaste". Im Roman wimmelt es für seinen Geschmack von unangenehmen, schlecht gekleideten Menschen. Auch die aus Kämmerlings Sicht "eigentlich interessant angelegte" Hauptfigur, ein Waschmaschinenmarketingfachmann, schrumpft zu schnell zum "kleingeistigen, unsensiblen Spießer". Genervt wendet sich Kämmerlings auch von der "weiblichen Opferperspektive" ab, aus welcher er den Mordfall Nitribit geschildert fand, und die ihm als "peinliches Detail" dann in der Danksagung wieder begegnete.

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'Kaiserstraße' ist ein beglückendes und unperfektes Buch. Ein bisschen ist es wie seine Heldin Jule: klug, spröde, liebenswert." KULTURSPIEGEL So unsentimental betörend wie Judith Kuckart erzählt gegenwärtig niemand von der Droge Sehnsucht - und ihren verheerenden Nebenwirkungen." DEUTSCHLANDRADIO Kuckart bricht Chronologien, holt Geschichten nach, wechselt Blickrichtungen, Tempi virtuos. Sie umkreist immer wieder Bilder und Sätze, die nicht nur ins Mark treffen, sondern unter den Füßen der Figuren Räume aufreißen und die Wahrheit, die Bewußtseinswelt begreifbar machen, in der zumindest jene leben, die in der alten Bundesrepublik aufwuchsen." DIE WELT Mit Mut zu zeitlichen Sprüngen, mit dem Geschick, Zeit zu raffen oder für einen Moment einzufrieren, ist Judith Kuckarts Roman ein erster Höhepunkt der deutschen Literatur in diesem Frühjahr." TAGES-ANZEIGER Die Schriftstellerin weiß, worauf es ankommt: das Normale staunend schildern. Tatsächlich haben wir die Wirklichkeit noch nie so gesehen, wie Judith Kuckart sie beschreibt." HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Ein literarisches und zeithistographisches Musterstück von einem Roman." DIE WELT Der Leser sagt ja zu der Imaginationskraft, dem szenischen Erfindungsreichtum. Ja zu der schneidenden Empathie, mit der Kuckart das Mysterium des Gewöhnlichen, den Normalfall Mensch sondiert. Ein spannender Psychokrimi unserer Verhältnisse, mit einer zwischen Pathos und Ironie flirrenden, elektrisch geladenen Sprache. Unbedingt lesen!" DIE ZEIT Brüchige Karrieren wie Geschichte, mit Feingefühl und leichter Hand skizziert." FOCUS Kaiserstraße ist Judith Kuckarts fünfter, wohl auch bester Roman Fünfzig Jahre deutscher Geschichte, an wenigen Figuren eindringlich, schön und auch traurig abzulesen." FRANKFURTER RUNDSCHAU

"Ein spannender Psychokrimi unserer Verhältnisse. Unbedingt lesen!"
Judith Kuckart, geboren 1959 in Schwelm (Westfalen), lebt nach dem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften und einer Tanzausbildung als Autorin, Dramatikerin und Regisseurin in Zürich und Berlin.§Neben einigen Theaterstücken erschienen von ihr mehrere Romane. Judith Kuckart wurde u. a. mit dem "Rauriser Literaturpreis", dem "Stipendium der Villa Massimo" in Rom und 2009 mit dem "Literaturpreis Ruhr" ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Kaiserstraße" von Judith Kuckart

Sie nannten ihn den kleinen Böwe, auch wenn er eins siebenundachtzig groß war. Gewisse Blicke von Männern machten ihn unsicher wie ein gewisses Lächeln bei Frauen auch. Vier Monate vor dem Abitur hatte er das Gymnasium mit einem ausgezeichneten Zeugnis verlassen, obwohl er sich während des Unterrichts, da hinten in seiner letzten Bank, meistens zu schade dafür gewesen war, die Hand aus dem Gesicht zu nehmen und in die Luft zu strecken, wenn er etwas wusste. An einem Märzmorgen hatte er sich sein Zeugnis im Sekretariat abgeholt, während in allen Klassenzimmern der Unterricht lief. Das war vor drei Jahren. Er hatte die Stimmen der Lehrer durch die Türen hindurch gehört, als er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunterrannte, den Geruch von alten Äpfeln und Putzmitteln in der Nase, den er seit neun Jahren kannte, wie die Nägel im Flur auch, die im bröckelnden Putz noch immer die Kleiderhaken ersetzten. Er rechnete seinen Notendurchschnitt aus: eins Komma vier. Sogar in Sport und Zeichnen hatte er eine Eins. Mit der Hand hatte der Direktor unter das Zeugnis geschrieben, Böwe sei intelligent, außerordentlich sportlich, loyal, begeisterungsfähig, aber unruhig. Warum gehen Sie ausgerechnet jetzt? Haben Sie nur noch Ihren Fußball im Kopf? Böwe schüttelte den Kopf. Sie sind ein guter Fußballer, Böwe. Wollen Sie vielleicht versuchen, hochklassig zu spielen? Es würde zu Ihnen passen, Böwe. Fußball kommt von innen heraus. Viel Bauch, viel Gefühl, viel Leidenschaft. Rahn! Walter! Wollen Sie nicht spielen wie die? Und dann noch mit Abitur? Böwe schüttelte den Kopf. Also, welche Gründe gibt es dann? Böwe sah aus dem Fenster. Seine Klasse spielte unten auf dem Sportplatz im roten Sand Fußball. Er sah Schorsch Szymanski rennen, einen Verband am Knie, unter dem sicher nichts anderes als ein gesundes Knie war. Szymanski rempelte, spuckte, rempelte weiter, und der Sportlehrer, bei dem sie auch Französisch hatten, ließ die Trillerpfeife unbenutzt vor dem Bauch baumeln. Wie letzte Woche. Letzte Woche war Böwe noch mitgerannt, hatte sich angeboten, nach jeder Chance Ausschau gehalten, trotz der Erkältung. Szymanski hatte gerempelt mit der Regelmäßigkeit einer Kuckucksuhr. Dann ein schöner weiter Pass auf Böwe, Böwe schießt, der Ball wird abgewehrt, aber rollt ihm wieder entgegen. Zwei Gegenspieler, einer ist Szymanski, stürzen sich mit ihm auf den Ball. Böwe muss den Ball nehmen, wie er kommt, erwischt ihn weder direkt mit der Spitze noch voll mit dem Spann, aber fetzt ihn, so gut es geht, mit gestrecktem Bein in die linke Torecke, während sein rechter Arm ausschlägt und Szymanski in den Bauch trifft. Ein Pfiff, der Lehrer will das Tor nicht anerkennen, zeigt auf Szymanski am Boden, der so tut, als bekomme er gerade ein Kind. Weil ich ihn am Hemd gezupft habe, Herr Lehrer, fragt Böwe da ruhig. Herr Lehrer, Sie bescheißen uns. Böwe, sagt da der Lehrer, Sie haben hier gar nichts zu melden. Wer hier arm ist und ein Stipendium für das Schulgeld kriegt, hat gar nichts zu melden, gar nichts, Böwe, verstanden? Böwe hebt die Hand und sieht in dem Moment seine Mutter in der Fabrik am Fließband stehen, im blauen Nylonkittel, wie sie die Ränder von Babywannen aus Plastik glättet. Er hält mit der Ohrfeige auf halbem Weg inne, leitet die Bewegung um, nimmt die Hand als Blende vor die Augen und tut so, als störe ihn nur die Sonne. Er kneift den Mund dabei zusammen, dann kurz den Hintern und geht. Hey Boss, ruft der Torwart seiner Mannschaft noch hinter ihm her, hey Boss, was ist? Böwe ging sich anziehen, dann nach Hause, setzte mit der Hand, die hatte schlagen wollen, ein Schreiben auf an das Ministerium für Schule und Erziehung und tippte es vorn im Lebensmittelladen fehlerfrei mit zwei Fingern ab. Er legte es der Mutter am frühen Abend hinten in der Ladenwohnung, die sie gemietet hatten, vor. Sie hatte geweint und dann unterschrieben. Böwe, ich habe Sie nach dem Grund gefragt, sagte der Direktor. Herzensgründe, sagte Böwe und hatte das Gesicht, das er in zwanzig Jahren einmal haben würde, wenn er mit der Wahrheit log. Ein Mädchen also?, hatte der Direktor gesagt. Ja, ein Mädchen. Jedes intime Geheimnis war ihm als Vorwand recht, und es gibt Sekunden, da lernt einer, was ein anderer in Jahren nicht lernt. Da kann ich Ihnen nur einen Rat geben. Hängen Sie Ihre Hose nur da auf, wo Sie auch Ihren Hut aufhängen würden, hatte der Direktor gesagt. Böwe wurde Waschmaschinenvertreter. Am Tag, nachdem Böwe die Schule verlassen hatte, stellte er sich bei Fritz und Franz Locke als Lehrling vor. Lockes Waschmaschinen- und metallverarbeitende Fabrik. Schnell hatte er die Regeln gelernt, die ein Waschmaschinenvertreter brauchte, um über die Türschwelle zu kommen.1. Verkauf ist eine persönliche Beziehung zwischen zwei Menschen. 2. Mit Humor kommt man am weitesten. 3. Was man zu verschenken vorgibt, verwandelt sich in Gewinn. 4. Die Anliegen des Kunden haben immer Vorrang: Wichtiger ist es, sein Wohlwollen zu gewinnen, als den Verkauf abzuschließen. 5. Für einen Misserfolg mag es Gründe geben, aber keine Entschuldigungen. 6. Jeder Kunde muss seine Neins loswerden, bevor er ja sagen kann. Also: Alle Fragen, auf die er mit Nein antworten kann, zuerst stellen, damit er die Neins los wird, um dann das wirkungsvollste Wörtchen des Verkaufs dagegen zu setzen: Warum. 7. Wer schnell überlegt, kann befehlen. Wer zögert, muss gehorchen. 8. Der Verkauf beginnt, wenn der Käufer nein sagt. Böwe entwickelte sich im Kielwasser eines älteren Vertreters, der ihn anlernte, rasch zu einer Art geheimem Verführer, sobald er vor fremden Türen stand. Er lernte im richtigen Moment des Verkaufsgesprächs zu fragen: Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Sind Sie eigentlich aus dem Badischen? Ja, ja, Ihr Tonfall hat so etwas Südliches. Meistens saß er da schon am Küchentisch einer einsamen Hausfrau, trank ein Glas Wasser oder einen Kaffee, lobte irgendwelche trockenen Kekse und schob mit dem Satz die Packung beiseite, um Platz für seine Prospekte zu haben. Verkauf, begriff er schnell, war eine Bindung zwischen zwei Menschen, von denen der eine, der Verkäufer, die Ideen haben musste, von denen der andere, der Käufer, glaubte, es seien seine. Es war ein sonniger, klarer Oktobertag, der Himmel wie gefegt, wie an einem nördlichen Meer. Böwe war noch nie am Meer gewesen. Mein kleiner Böwe, rief Franz Locke vom Schreibtisch aus, mein kleiner Böwe, ich habe eine Aufgabe für Sie, die ich nur Ihnen zutraue. Sie sind mein Mann! Böwe lächelte und las wieder einmal den eingerahmten Spruch hinterm Schreibtisch des Chefs: Es gilt den Wohlstand moralisch zu bewältigen. Fehlte da nicht irgendwo ein Komma? Fritz und Franz Locke waren Zwillinge und ziemlich klein gewachsen. In einen Krieg hätten sie nur übereinander gestellt ziehen dürfen. Die Stadt hatte fünf Waschmaschinenfabriken, aber nur ein Gymnasium. Böwe hatte sich vor zwei Jahren die kleinste, aber exklusivste Fabrik ausgesucht. Adolf Hitler war vor einem Jahr amtlich für tot erklärt worden, und Böwe wählte im September dieses Jahres Adenauer. Denn Adenauer hatte im September '57 die letzten Kriegsgefangenen aus Russland frei bekommen. Da hatten ihn viele gewählt. Böwes Chefs auch. Mein kleiner Böwe, ein Sonderauftrag!, sagte Franz Locke. Ich sage nur: Corelli & Co. Wir müssen deren Pleite für uns nutzen. Sie werden das für uns tun. Franz Locke musterte ihn. Ein Auge war gerührt, eins böse. Die Schreibtischbeine hatten vier Löwentatzen, die ihre Holzkrallen in den Teppich gruben. Unter dem Tisch standen die Füße des Chefs zwischen den Tatzen eng beieinander, zwei winzige Füße in blank geputzten schwarzen Männerschuhen. Das sah Böwe, als dem Chef ein Bleistift hinunterfiel, er sich danach bückte und länger als nötig auf dem Boden herumkroch. Am liebsten wäre Leo Böwe, zweiundzwanzig, kaufmännischer Lehrling, sportlich, aber mit Untergewicht, für immer unter dem Schreibtisch seines Chefs sitzen geblieben. So war das bei ihm. Vor der Situation zu viel Angst, in der Situation zu unerschrocken. Das Gespräch dauerte über eine Stunde, und Böwe schlug nicht einmal die Beine übereinander. Er dachte an die afrikanische Maske daheim an der Bambuswand, wenn ihm die Fragen zu kompliziert wurden, und verschanzte sich hinter deren Zügen. Es sei eine große Herausforderung und ein Abenteuer, sagte der Chef, und eine delikate Angelegenheit. Er solle in Kürze immer donnerstags für die Firma Locke nach Frankfurt fahren. Er und sein Bruder Fritz hätten die Vertreter der Konkursfirma Corelli & Co für den eigenen Verkauf im Rhein-Main-Gebiet übernommen, und Böwe solle dieser Hand voll Männer immer freitags in einem eigens dafür angemieteten Büro die beachtliche Provision von 25 Prozent je abgeschlossenem Kaufvertrag ausbezahlen. Er werde mit dem Zug und viel Bargeld nach Frankfurt reisen, bis samstags dort bleiben, im Hotel am Berg untergebracht sein und von ihm, Franz, oder seinem Bruder Fritz mit dem Auto abgeholt werden. Und wegen des vielen Bargelds brauche Böwe sich keine Sorgen zu machen. Er habe doch sicher noch einen Brustbeutel von früher, als er mit seinen Pfadfindern auf Tour gegangen sei. Das Büro liegt übrigens in der Nähe der Kaiserstraße, falls Ihnen das etwas sagt. Es sagte Böwe nichts, aber er nickte und gab noch immer vor, die Maske zu sein. Dahinter begann er zu träumen. Er war seit über einem Jahr verheiratet, aber noch nie in Frankfurt gewesen. Du hast heute Nacht geschrien im Traum, sagte Liz, als sie sich unter der Tür im Nachthemd von ihm verabschiedete. Wovon er geträumt hatte? Er schaute auf ihr rosa Nylonnachthemd, und in dem Moment glitt der Traum an dem Stoff ab. Es war kalt im Hausflur. Er küsste sie auf die Nase, nahm sein Pfeffer-und-Salz-Köfferchen und fuhr mit der Straßenbahn ins Büro. Mittags aß er aus einem Henkelmann Grünkohl mit Mettwurst, arbeitete bis zum frühen Nachmittag weiter, holte gegen zwei Uhr seine 20 000 Mark bei Franz Locke im Büro ab, schob die Scheine unter dessen Augen ehrfürchtig in den Brustbeutel, nahm sein Köfferchen und ging. Der Weg zum Bahnhof führte am Rand der Stadt an den Gleisen entlang. Die Sonne stand ziemlich tief im Westen und blendete ihn. Frankfurt aber lag im Süden. Da unten in Frankfurt, sagte Liz immer ängstlich, seitdem sie von dem Sonderauftrag wusste, so als läge Frankfurt in Richtung Hölle. Auch Böwe erwartete, dass Frankfurt da unten tatsächlich der finsterste Süden war. Bis Wuppertal fuhr er mit dem Nahverkehr zweiter Klasse. In Elberfeld stieg Böwe um in den Fernzug nach Köln und in Köln in den nach Frankfurt. In den Fernzügen saßen andere Männer als im Nahverkehr. Männer mit dünnen Aktenmappen, dünnen Krawatten, glänzenden Anzügen und abstehenden Fledermausohren. Böwes Gesicht war oval und noch unentschieden. Hinter den Augen wartete eine erste Melancholie darauf, richtig Melancholie zu werden. Aber wenn er aus dem Zugfenster sah, verbündete sich das, was da draußen war, mit dem, was in ihm war. Er war glücklich in diesem schnellen Zug, der durch kleine Städte ohne Halt fuhr. Hatte er wirklich im Traum geschrien, in der Nacht? In Köln setzte Böwe sich mit seinem neuen Köfferchen in den Speisewagen, um dort bis Frankfurt zu bleiben. Er strich mit beiden Händen über die purpur- und dunkelgrau gestreiften samtigen Sitze. Kaum einer der weiß gedeckten Tische war besetzt. Nur an dem Tisch, der am weitesten von ihm entfernt war, saß ein Mann in Hosenträgern, der viel älter war als er, und rauchte Zigarre. Böwe las die Speisekarte genau. Hähnchenbrust mit Reis, Linsensuppe mit und ohne Würstchen, Käse- oder Aufschnittplatte mit Gurkengarnitur. Er bestellte die Käseplatte und einen Wein. Guten Abend, sagte die Frau. Draußen war es noch hell. Sie war in Koblenz eingestiegen. Er hatte sie bereits auf dem Bahnsteig gesehen, mit einem Gesichtchen, das in seine Hand gepasst hätte und das vielleicht älter war als seines, vielleicht aber auch nicht. Es war sehr blass, aber anders blass als das von Liz. Leo Böwe wünschte sich in dem Moment etwas und vergaß es gleich wieder. Guten Abend. Sie setzte sich an seinen Tisch, nachdem sie leise gefragt hatte, ob er auch nicht rauche. Sie trug einen flauschigen schwarzen Pullover und schob die Ärmel über sehr weiße Unterarme bis zu den Ellenbogen hinauf. Erst dann zog sie die Handschuhe aus. Sie trug eine Elfenbeinkette eng um den Hals und strich das Haar zurück, das blond war, aber mit einem Ton von Asche darin. Seine Schwägerin war auch blond, aber eigelb-blond. Sie war Schuhverkäuferin und überhaupt eine dumme Person. Wenn eine Frau allein reiste wie diese hier, war sie sicherlich eine intelligente Frau. Ich hätte gern ein Glas Wein. Südwein, sagte sie zum Kellner. Neben ihnen glitzerte der Rhein, als Böwe aus dem Fenster schaute. Spätherbst. Zwischen den Häusern rechts der Bahnstrecke sah man wenige Menschen. Sie liefen schräg, weil es windig war. Die Frau warf die Haare noch einmal zurück, und erst jetzt sah er, sie trug Ohrringe, orangerot wie die Winker am Auto, wenn man abbiegt. Sie legte eine braune Kameratasche auf den weiß gedeckten Tisch und bestellte eine Ovomaltine. Zum Wein?, fragte Böwe. Ich trinke Ovomaltine, sagte sie, damit ich groß ...... und nicht nervös werde, vervollständigte Böwe den Spruch aus der Werbung. Ein Schafslächeln, das sich dabei in sein Gesicht schlich, wischte er eilig mit der Hand weg. Er musste sich rasieren, merkte er, während er aus Verlegenheit sein Gesicht weiter rieb. Ein letztes Sonnenlicht fiel auf die zwei Weingläser und auf den Ehering an Böwes Hand. Morgen war Allerheiligen. Leo Böwe wurde am 10. Mai 1935 geboren, um Mitternacht, vier Monate und zwei Tage nach Elvis Presley, und zwei Jahre nach der Bücherverbrennung. Er las wenig. Aber ein Buch war seine Bibel. Eigentlich hatte er es nur wegen des Titels aus dem Regal irgendeiner Buchhandlung geholt: "Die geheimen Verführer". Als er es aufschlug, begriff er sofort, dass es nichts mit Sex zu tun hatte. Als er es zurückstellen wollte, hatte er bereits zu lesen begonnen und war weiter lesend zur Kasse gegangen. Bei dem Buch ging er in den Wochen darauf in die Lehre. Abends, während das Radio für Liz spielte, saß Böwe neben ihr auf der Couch, mit angezogenen Knien, seine Nase spitz wie der Schnabel eines neugierigen Vogels, und begriff, warum Frauen mit Vorliebe Artikel in roter Verpackung kaufen, warum Männer Zigaretten rauchen, warum eine Frau nur selten das Kleid kauft, das ihrem Geschmack entspricht, warum die Herrenbekleidung femininer und die Angst vor Banken größer wird, ja, warum man diese oder jene politische Partei wählt und warum sich die Menschen neuerdings die Zähne vor dem Frühstück putzen. Manchmal las er Liz daraus vor. Sie gähnte. Ihr Gelangweiltsein hatte sie ihm langweilig gemacht. Aber die zwei Reihen hübscher, kleiner, weißer Zähne, die sie beim Gähnen wie geheime Perlen zeigte, hatten ihn wieder versöhnt. Bis wohin fahren Sie?, fragte die Frau mit dem Gesichtchen. Bis Frankfurt. Beruflich? Ja. Was machen Sie beruflich? Was ich beruflich mache, wiederholte Böwe und holte Luft, ich reise viel, im Moment wenigstens, sagte er. Ich auch, sagte die Frau ihm gegenüber und sah aus dem Fenster dabei. Böwe war noch nie in Paris oder London oder Amerika gewesen. Er war noch nie irgendwo gewesen, wo man eine andere Sprache sprach. Nur einmal in Holland, mit Liz. Aber da hatte er die Menschen gut verstanden, die Sprache war wie Plattdeutsch daheim gewesen. Liz war auf zu hohen weißen Riemchenschuhen durch die Klosteranlagen am Hafen und dann auf Nylonstrümpfen über den Strand von Scheveningen gelaufen, die Schuhe wie eine Handtasche unter dem Arm. Böwe hatte nicht einmal Schuhe oder Anzugjacke ausgezogen, trotz der Hitze. Er hatte immer woanders hingeschaut als Liz, um nicht mit ihr streiten zu müssen. Ja, seine Liz hatte nach zwei Tagen bereits Heimweh und er an ihrer Seite Fernweh bekommen. Denn Liz sah die Welt grundsätzlich anders als er. Sie sah gar nicht erst richtig hin. Zum ersten Mal hatte er da gedacht, dass jeder von ihnen ein so kleines Leben führte, so klein, dass ein anderer kaum Platz darin fand. Auf der Strandpromenade dann hatten sich zwei Tauben gepaart, und er und Liz hatten beide wieder woanders hingeschaut. Ja? Die Frau schob aufmunternd die Hände über die weiße Tischdecke an ihrem Weinglas vorbei in seine Richtung. Sie reisen auch, das ist aber ulkig. Sie hatte ulkig gesagt, und das Wort passte gar nicht zu ihr. Das passte nur zu billigen Personen. Was machen Sie denn? Sein Gesicht zog sich merkwürdig in die Breite. Ich bin Schriftsteller, hörte er sich am Ende eines unsicheren Lächelns sagen, aber so langsam, dass er es noch mitten im Satz hätte verhindern können. Das war keine Lüge, würde er sich später trösten. Das war eine Erfindung, und erfinden war nicht lügen. Danach schaute er angestrengt aus dem Fenster, denn er fürchtete, sie könnte gleich nach seinem Namen fragen, und ihm würde außer Goethe, Edzard Schaper und Heinrich Böll nichts einfallen. Schriftsteller, sagte die Frau so langsam, wie er gelächelt hatte. Schriftsteller? Sind Sie dafür nicht zu jung? Der Punkt ist der, sagte er und stockte. Er dachte an sein Lieblingsbuch, "Die geheimen Verführer". Für den Griff ins Unbewusste, sagte er, braucht man erst einmal Know-how und nicht unbedingt Erfahrung. Know-how? Sie sprechen Englisch?, sagte die Frau. Böwe wurde rot und merkte, wie er nickte. Sie waren in England? Er nickte. Das ist aber ulkig, ich auch, sagte die Frau. Schon wieder dieses alberne Wort! Wann waren Sie denn dort, wenn ich fragen darf, sagte er rasch, bevor sie weiterfragen konnte. Ich war drei, als meine Eltern und ich nach England gingen. Böwe starrte auf ihr Haar, und das Wort, das er gesucht hatte, fiel ihm ein. Baltisch blond, dachte er, sie ist baltisch blond, und erst als er das Wort baltisch gefunden hatte, glaubte er zu verstehen, was sie mit England meinte. Dann sind wir ja ungefähr gleich alt?, sagte er verlegen, um nichts über die Sache mit England sagen zu müssen. Für einen Augenblick glaubte er in ihrem Gesicht ein Entsetzen zu sehen. Bisher hatten sie sich verstanden, weil sie nichts voneinander wussten. Jetzt war es anders. Ja, sagte sie, das sind wir. Und sonst? Es dauerte eine Zeit, bis sie einander wieder ansehen und weitersprechen konnten. Von seinem Platz im Speisewagen aus betrachtet, schien im Himmel bereits Schnee zu hängen. Er roch ihr Parfum, und solange er nicht hinsah, glaubte er, ihren Geruch in der Nase, sie sehe jemandem ähnlich. Trotzdem hatte sie so etwas Fremdes. Als die ersten Häuser von Frankfurt auftauchten, berührten sich ihre Füße unter dem Tisch. Er zuckte als Erster zurück, als hätten sie sich aus Versehen geküsst, und fragte, wie sie denn heiße. Da hatte sie schon nach ihrer Kamera gegriffen und in sein Gesicht hinein abgedrückt. Wie heißen Sie?, fragte er noch mal. Und Sie? Leo. Leo Tolstoi? Sie lachte, er nicht. Und, darf ich? Was? Ihnen das Foto schicken? Wohin? Nach Hause vielleicht? Böwe wurde wieder rot, als er Nein sagte. Sie stand auf, zog den Mantel an und ging zur Tür, obwohl der Zug noch nicht in den Bahnhof eingefahren war. Sie stand in dem zugigen Teil zwischen den Waggons, noch gut sichtbar, aber schon weit weg. Die Diagonale zwischen ihnen sagte, dass etwas falsch war. Großstadtfrauen. Er schaute auf den leeren Platz gegenüber. Der Ort, an dem sie sich aufgehalten hatte, blieb ohne sie zurück. Die Tischdecke verwelkte. Vier Wochen später hatte Böwe sich an Frankfurt gewöhnt. Er lief mit Brustbeutel unter dem gerippten Unterhemd durch den Bahnhof, mit dem Unterhemd unterm Nylonhemd, mit dem Nylonhemd unter dem Schlips, er lief mit seinem dunkelblauen Schlips und Windsorknoten, den er sonst nur sonntags trug, und über all den dünnen Schichten spannte sich sein Anzug. Der Anzug war neu, und ein Geruch nach Kunstfaser stieg Böwe bei jeder Bewegung in die Nase. Aber die Schuhsohlen waren aus Leder. Seine eigelb-blonde Schwägerin arbeitete in einem Schuhgeschäft, das bedeutete: Einkaufspreis. So musste er nicht auf Kreppsohlen, also auf Radiergummi, wie er immer sagte, in die Welt hinaus. Die Welt? Mann! Böwe lief geschäftig durch den Hauptausgang des Frankfurter Bahnhofs, Richtung Kaiserstraße. Hier stieß die Kaiserstraße senkrecht auf den Bahnhof. Da, wo er herkam, gab es auch eine Kaiserstraße, aber die verlief parallel zu den vier Gleisen eines Kleinstadtbahnhofs. Parallelen, das waren zwei Geraden, die sich erst im Unendlichen berührten, wusste Böwe aus dem Mathematikunterricht. Er wartete auf die Straßenbahn Nummer 17, die zum Hotel am Berg fuhr. Alle Nummern kamen, nur die 17 nicht, und Böwe beschloss, erst einmal in sein Büro zu gehen, die Kaiserstraße hoch, bis zur Zeil. Danach war es nur noch ein kleines Stück bis zum Hotel. Es war bereits dunkel. Die gebogenen Lichtmasten in der Kaiserstraße hatten Jugendstilornamente, aber keine Leuchten mehr. Schwarz standen sie vor einem dunkelgrauen Himmel. Böwes Köfferchen war nicht schwer. Er ging vorbei an einem zerbombten Wohnhaus, kein Haus, ein Knochen. Er ging am nächsten Haus vorbei, an dessen Restwänden aufstrebende Firmen auf sich aufmerksam machten, ging vorbei an einer Reihe neuer, aber schon klappriger Pavillons, und an jener Bierstube, die von acht Uhr früh bis Mitternacht warme Küche anbot. Gegen eine fensterlose Mauer hatte ein Künstler seine strichdünnen Menschen aus buntem Metall geworfen, ein Haufen Mikadostäbchen, die Böwe an das Wandmosaik der katholischen Volksschule zu Hause denken ließen, an dem Liz und er jeden Sonntag vorbeikamen auf ihrem Weg zum Friedhof. Ein Reigen gesichtsloser Kinder umtanzte auf dem Mosaik einen ebenso gesichtslosen Mann, der ein Lineal in der Hand aufrecht hielt. Was machten Liz und er eigentlich jeden Sonntag auf dem Friedhof? Das Mosaik war für Böwe der Inbegriff seiner Sonntagnachmittage geworden, blass und leer und immer ein bisschen verregnet. Sonntags trug Böwe einen Raum aus Angst in sich. Natürlich hätte Liz das nicht verstanden, wenn er mit ihr darüber geredet hätte. Er würde seine Angst nie in ihr wecken können. Böwe lief schnell die Kaiserstraße hinauf. Plötzlich ging ein Fremder dicht neben ihm, aber Böwe wurde deswegen nicht noch schneller. Er machte nur größere Schritte. Brauchen Sie eine Schreibmaschine? Eine was? Böwe blieb nicht stehen. Eine sehr junge Frau ging eilig an ihnen vorbei, mit einem Käppchen am Hinterkopf, das sie mit ziemlich vielen Nadeln festgemacht haben musste. Eine Olivetti, sagte der Fremde, ich kann Ihnen günstig eine verkaufen. Sie kennen doch die Olivetti, die neue? Böwe blieb nun doch stehen und musterte den Fremden. Der zog die Hände aus den Manteltaschen. Solche Hände hatte Böwes Chef auch. Es war viel Fleisch an ihnen, kleine, bleiche, fast silbrige Hände, mit denen man höchstens Kuchen aussuchen oder Hamster streicheln konnte. Aber diesen Schatten des Fremden, diesen Schatten auf dem Asphalt, hatte er den nicht schon mal gesehen? Im Kino vielleicht? Böwe schüttelte den Kopf. Der Fremde ließ enttäuscht, aber freundlich die Schultern fallen. Und die Nitribitt?, fragte der Fremde. Sein Ton war sachlich und nachdenklich. Nein, sagte Böwe, ich will auch keine Nitribitt kaufen, und überhaupt, die Marke kenne ich gar nicht. Es roch nach Autoabgasen in dem Moment, und der Fremde hatte sich eine Zigarette angezündet, die nach Nelke duftete. Mein Gott, ja, was er alles noch nicht kannte, dachte Böwe. Er strich sich über das Hemd, fühlte den Beutel und hätte jetzt gern ein Bier gehabt. Es war plötzlich so kalt, kälter als Oktober oder November, und die Kälte war nicht von hier. Es war eine dortige Kälte. Da griff der Fremde nach ihm und hielt ihn am Ärmel fest. Nitribitt, wiederholte er. Nitribitt, sagte Böwe. Ist die ... ist die auch neu? Neu nicht, sagte der Fremde, aber tot. Es war der 31. Oktober 1957, kurz nach sieben. Es war Böwes viertes Wochenende mit Sonderauftrag in Frankfurt. Ja dann, einen schönen Abend noch, sagte er abrupt, weil ihn der Tod einer Schreibmaschine nicht interessierte. Ja dann, sagte der Mann, schade, und blieb noch einen Moment stehen. Er nickte sorgenvoll, aber seine Augen blieben ausdruckslos wie schwarze Knöpfe, in denen es Böwe schon nicht mehr gab. Böwe wechselte die Straßenseite und wusste selbst nicht, warum. Der Gehsteig kam ihm leer vor, als sei es bereits Stunden später und tiefe Nacht. Der Wind blies kalt.

Inhaltsangabe

Bücher bei DuMont :

- Lenas Liebe

- Die Autorenwitwe

- Der Bibliothekar

- Kaiserstraße

- Dorfschönheit

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